
Sinkende Preise, starkes Wachstum, mehr Jobs oder sinkendes Handelsdefizit: Donald Trump hat bei seiner Amtseinführung viele Versprechen abgegeben. Konnte er sie halten?
„Das goldene Zeitalter für Amerika beginnt genau jetzt.“ Nichts Geringeres als dies versprach Donald Trump vor genau einem Jahr für die amerikanische Wirtschaft, nachdem er gerade als 47. Präsident der USA vereidigt worden war. Schaut man auf die Entwicklung der US-Börsen seit dem 20. Januar 2025, könnte man meinen, dass er Recht hatte.
Der Leitindex Dow Jones kletterte in dieser Zeitspanne um über 14 Prozent nach oben, der marktbreite S&P 500 um fast 17 Prozent und der Technologieindex Nasdaq 100 gar um mehr als 21 Prozent. Doch repräsentieren die US-Börsen tatsächlich die amerikanische Wirtschaft?
Wachstum vor allem durch KI-Boom getrieben
„Wenn wir uns die Entwicklungen an der Wall Street anschauen, dann sehen wir, dass die Indizes vor allem durch die großen KI-Technologieunternehmen getrieben werden“, sagt Stefan Riße, Kapitalmarktstratege der Vermögensverwaltung Acatis. Das sei nur ein Teil der US-Wirtschaft, der aber an der Börse eine große Dominanz habe. „Die Realwirtschaft hat noch nicht so stark profitiert.“
„Trump hat dieses unglaubliche Glück, dass die Tech-Branche rund um die Künstliche Intelligenz so einen Boom erfährt und er die global führenden Konzerne in seiner Wirtschaft hat“, meint jedoch auch David Kohl, Chefvolkswirt bei der Bank Julius Bär. Im dritten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf das Jahr gerechnet um 4,3 Prozent zu. So stark war die US-Wirtschaft seit Sommer 2023 nicht mehr gewachsen – eben vor allem dank milliardenschweren Investitionen in Rechenzentren.
Doch gerade mit Blick auf die KI sei fraglich, wie nachhaltig das Wachstum für die US-Wirtschaft sei und ob es sich überhaupt in eine positive Entwicklung von Unternehmen und Beschäftigung niederschlage, sagt Laura von Daniels von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). „Da ist schon ein Fragezeichen dahinter – allein schon, weil wir eine zunehmende Automatisierung und eine Nutzung von Künstlicher Intelligenz auf dem Arbeitsmarkt haben.“
„Keine ausgereifte Strategie“
Ziel von Trumps Wirtschaftspolitik rund um Zölle, Deregulierung und Steuersenkungen ist es nach eigener Aussage, die heimische Industrie zu schützen, die Produktion der US-Unternehmen zu steigern und damit Jobs zu schaffen. „Was Trump dafür braucht, sind Investitionen im eigenen Land“, erklärt von Daniels.
In den Verhandlungen mit Handelspartnern habe er Zugeständnisse erhalten, dass sie auf dem US-Markt investieren wollen. „Das sagt aber noch nichts darüber aus, wie die Investitionstätigkeit in den USA in den nächsten Jahren tatsächlich aussehen wird“, meint die Expertin. Zudem sei der gesamtwirtschaftliche Effekt fraglich. „Wir sehen die Druckausübung auf andere Länder, aber er hat bisher keine ausgereifte wirtschaftspolitische oder industriepolitische Strategie vorgelegt“, so von Daniels.
Auf dem Arbeitsmarkt kommen Trumps Versprechungen jedenfalls bisher nicht an. Im November ist die Arbeitslosenquote mit 4,6 Prozent auf ein Vierjahreshoch geklettert. Besonders schwächelt das Verarbeitende Gewerbe. Allein im Dezember wurden laut der US-Arbeitsmarktbehörde 8.000 Industriejobs gestrichen. „Auch da legt Trump keine Konzepte vor, wie er Beschäftigung erhalten oder steigern möchte in den USA“, sagt von Daniels. Ein Beispiel dafür sei der taiwanische Chiphersteller TSMC. „Die investieren auf dem US-Markt und wollen dort Chips herstellen, aber aus Mangel an ausreichend qualifizierten Arbeitskräften bringen sie ihre eigenen Experten, ihre eigenen Fachkräfte mit.“
Trumps Zustimmungswerte sinken
Das bestimmende Thema in Trumps Wahlkampf war die Inflation. Er gewann die Wahl unter anderem deshalb, weil er über die hohen Preise schimpfte und die Demokratische Partei um Joe Biden und Kamala Harris dafür verantwortlich machte. Mittlerweile hat sich das Bild umgekehrt. Zwar hielt sich die Inflation zuletzt stabil: Im Jahresvergleich stiegen die Verbraucherpreise im Dezember wie bereits im Monat zuvor um 2,7 Prozent. Das Problem für Trump sind aber vor allem die hohen Lebenshaltungskosten in den USA – wie Wohnen oder Lebensmittel.
Sie haben den Demokraten jüngst in mehreren Bundesstaaten Wahlsiege beschert. Denn Trump hatte versprochen, die Preise „sehr, sehr schnell“ zu senken und „Amerika wieder bezahlbar zu machen“. Trotzdem liegt das Preisniveau rund 25 Prozent über dem Niveau vor der Corona-Krise. Zum Symbol für die sogenannte Erschwinglichkeitskrise sind eine Reihe von alltäglichen Gütern wie Eier, Kaffee, Steaks und Orangensaft geworden. Zwar sind in der Zeit auch die Löhne stark gestiegen, doch die Menschen nehmen Preissteigerungen in der Regel sehr viel stärker wahr.
Unter allen US-Bürgerinnen und Bürgern ist die Zustimmung zu Trumps Wirtschaftspolitik einer Erhebung von Reuters/Ipsos zufolge mittlerweile auf 33 Prozent gesunken, den niedrigsten Wert seit seinem Amtsantritt. „Das ist für mich auch ein Indikator dafür, dass die Menschen ein gutes Gespür dafür haben, dass Trump ihnen da etwas verkaufen möchte, von dem relativ wenig echte Wirkung erwartbar ist“, so von Daniels.
Zölle bedeuten höhere Preise für Konsumenten
Dass die Kosten für die US-Bürger künftig sinken, ist eher fraglich – im Gegenteil. Der Grund: Die von Trump eingeführten Importzölle, die die Nachfrage in den USA ankurbeln und die ausländischen Exporteure belasten sollen, könnten die Preise weiter anheizen. Nur etwa vier Prozent der Zolllast haben bisher ausländische Firmen getragen, während 96 Prozent auf US-Käufer abgewälzt wurden, wie eine aktuelle Studie des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) zeigt.
„Die Zölle sind ein Eigentor“, sagt Forschungsdirektor Julian Hinz. „Die Behauptung, dass ausländische Staaten diese Zölle tragen, ist ein Mythos.“ Die Zölle verteuerten importierte Waren wie eine Konsumsteuer. „Am Anfang waren diese negativen Auswirkungen von Zöllen noch etwas abgeschwächt durch zwei Faktoren: der eine ist Lagerhaltung zu günstigen Preisen“, sagt SWP-Expertin von Daniels. Alte Ware sei noch abverkauft worden. Der zweite Faktor seien die ausländischen Exporteure, die im Gegensatz zu Trumps erster Amtszeit nicht mehr dazu bereit seien, ihre Preise zu senken und Gewinne zu schmälern.
Sorgen vor weiterer Staatsverschuldung
Zwei Ziele konnte Trump mit den Zöllen aber erreichen: So schrumpfte zum einen das Handelsdefizit auf rund 30 Milliarden Dollar, den tiefsten Stand seit 2009. Und zum anderen konnten die Vereinigten Staaten nach Angaben des Weißen Hauses im vergangenen Jahr etwa 200 Milliarden Dollar an Zolleinnahmen verzeichnen. Trump will damit seine Steuerreform „Big Beautiful Bill“ finanzieren.
Laut dem britischen Vermögensverwalter Insight Investment reichen die Zolleinnahmen aber nur etwa zur Hälfte aus, um die Kosten für das gigantische Fiskalprogramm zu decken. Trotz Einschnitten bei Gesundheits- und Sozialprogrammen erwarten Fachleute eine steigende Verschuldung. Denn die Einsparungen aus den Kürzungen dürften die Mindereinnahmen aus den Steuersenkungen des Gesetzentwurfs kaum ausgleichen.
Dabei hat die US-Staatsverschuldung schon jetzt erstmals die Marke von 38 Billionen Dollar überstiegen. „Dass die US-Staatsverschuldungsquote aktuell bei mehr als 123 Prozent liegt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ist nach wie vor beunruhigend“, sagt von Daniels. Das weiterhin „exorbitante Privileg“ der wichtigsten Volkswirtschaft und des Dollars locke zwar immer noch Investitionen an. Ob das in der Zukunft so bleiben wird, hänge nun damit zusammen, ob Trump mit seinen Attacken auf die Federal Reserve (Fed) als unabhängige Zentralbank weitermacht.
Mit Informationen von Claudia Wehrle, ARD-Finanzredaktion.
