1965 hat Hartmann endlich ein richtiges Institutsgebäude am Dresdner Flughafen. Abb.: ZMD-Archiv

Hartmann und sein Team starten in einer „Bauarbeiterbaracke“, bekommen erst 1965 – hier im Bild – ein richtiges Institutsgebäude am Dresdner Flughafen. Abb.: ZMD-Archiv

Mitstreiter und Autor Hans Becker stellt Biografie über den erst Gefeierten, dann Verfemten im Technikmuseum Dresden vor

Dresden, 20. Januar 2026. Er war Physiker, gefeierter „bürgerlicher Experte“ und schließlich ein Paria in der DDR – und ohne ihn wäre Dresden womöglich gar nicht zu Europas wichtigstem Mikroelektronik-Standort aufgestiegen: Die Rede ist von Werner Hartmann (1912-1988), der 1961 in einer Bauarbeiter-Baracke die „Arbeitsstelle für Molekularelektronik“ (AME) in Dresden gründete und damit den Grundstein für das heutige Halbleiter-Cluster aus Infineon, Globalfoundries, Bosch, TSMC, X-Fab & Co. legte. Sein langjähriger Mitarbeiter Dr. Hans Becker hat unter dem Titel „Werner Hartmann – Das bewegte Leben und die großen Leistungen des Begründers der Mikroelektronik im Osten Deutschlands“ eine neue Biografie über diesen Pionier der ostdeutschen Chipindustrie verfasst – Ende Januar 2026 stellt er sie in den Technischen Sammlungen Dresden vor.

„Opfer einer bösartigen Attacke, bei der sich die Mächtigen … stalinistischer Traditionen bedienten“
Mitstreiter und Autor Hans Becker über den Fall von Werner Hartmann

„Das große Verdienst von Prof. Werner Hartmann ist seine Initiative und sein Beitrag zur Entwicklung der Mikroelektronik im Osten Deutschlands in den 1960er Jahren“, betont Becker darin. Doch letztlich feite dies den parteilosen Forschergeist vor den Intrigen von Neidern und sturen Hardlinern nicht: 1974 wurde er „das Opfer einer bösartigen Attacke, bei der sich die Mächtigen der noch nicht überwundenen stalinistischen Traditionen bedienten“.

„Bürgerlicher Experte“ legte Fundament für eine selbsttragende Entwicklung

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Hartmann längst eine Entwicklung in Gang gesetzt, die politisch zwar immer wieder beeinflusst, aber immer stärker auch selbsttragend wurde: Aus seiner AME wurde das Zentrum Mikroelektronik Dresden. Auch nach Hartmanns erzwungenen Abgang lebte sein fordernder Anspruch fort, über das bereits Erreichte immer wieder hinauszuwachsen. Als führendes Halbleiter-Entwicklungszentrum der DDR brachten das ZMD und sein Schwesterbetrieb Elektromat Prestigeprojekte wie den ostdeutschen Megabit-Speicher und Hightech-Ausrüstungen für die DDR-Mikroelektronikindustrie hervor. Und nach der Wende war es der Nukleus für die Ansiedlungen von Siemens-Halbleiter, AMD und anderen Halbleitergrößen. Diese ganze Entwicklung sei „eine späte Bestätigung und Krönung für das Lebenswerk von Werner Hartmann“, resümiert Becker in seinem Buch.

Der ostdeutsche Megabit-Chip vom ZMD. Abb.: hw

Der ostdeutsche Megabit-Chip vom ZMD. Abb.: hw

Reich an Details, Alltagsquellen und Bildmaterial

Zwar gibt es bereits einige Literatur über Hartmann und sein Wirken, darunter eine Autobiografie von Hartmann selbst und eine Biografie von Gerhard Barkleit. Becker ergänzt dies nun durch eine reich bebilderte und viele Alltagsquellen angereicherte Sicht auf seinen Mentor, angereichert mit vielen Details und Anekdoten, die eben nur Zeitzeugen beisteuern können. Dazu gehören Auszüge aus dem Familienbuch der Hartmanns, Jugendfotos, rare Zeugnisse aus der Zeit, als Hartmann und andere deutsche Forscher in der Sowjetunion an Stalins Atomwaffenprogramm mitarbeiteten, bis hin zu Kuriosa wie einem „Mikroelektronik-Gedicht“. Man merkt es dieser Biografie insofern an, dass sich Becker schon seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt.

In der neuen Mikroelektronik-Ausstellung: Dresdner Layout-Masken aus den 1970er Jahren, aus denen noch manuell mit Pinzetten die Stellen herauszwickten, an denen - vielfach verkleinert - später die Chipstrukturen belichtet wurden. Abb. (alle): hw

Fester Teil der Dauerausstellung in den TSD: Mikroelektronik aus Sachsen. Hier: Layout-Masken aus den 1970er Jahren. Foto: Heiko Weckbrodt

Ende Januar Buchpräsentation und Diskussion im Technikmuseum

Wer mehr dazu vom Autor selbst sowie weiteren Zeitzeugen und Experten über Hartmanns Leben, Werk und Nachwirken erfahren will, sollte sich den 28. Januar 2026 vormerken: Becker stellt ab 17 Uhr in den Technischen Sammlungen Dresden sein neues Buch vor. Danach diskutieren er sowie Prof. Günter Dörfel (ehemaliger Doktorand und Mitarbeiter von Werner Hartmann im VEB Vakutronik Dresden), der sächsische Technologie-Unternehmer Dr. Wolfram Drescher und TSD-Kustos Dr. Ralf Pulla über „Werner Hartmann: Begründer der Mikroelektronik im Osten Deutschlands“. Der Eintritt ist frei und die Veranstaltung öffentlich, eine Anmeldung über die E-Mail-Adresse service@museen-dresden.de oder diese Internetseite ist allerdings zwingend notwendig, da die Besucherzahl aus Brandschutzgründen limitiert ist.

Die Biografie im Kurzüberblick

„Werner Hartmann – Das bewegte Leben und die großen Leistungen des Begründers der Mikroelektronik im Osten Deutschlands“ von Hans Becker, in: Dresdner Hefte zur Geschichte der Elektrotechnik“, Heft 10, 2025, VDE Dresden, ISSN: 2629-7167, 162 Seiten, gratis als PDF über diese Seite des VDE Dresden zu lesen

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Hans Becker: „Werner Hartmann…“, Mikroelektronik-Alumni, Silicon Saxony, TSD, Oiger-Archiv, Wikipedia

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt