So eine Warteschlange ist ein klassisches Einerseits/Andererseits-Ding. Einerseits eine Erfindung aus der Hölle, vor allem wenn es draußen minus fünf Grad hat und sich die Schlange eher im Schneckentempo Richtung Ziel schiebt. Andererseits: Man kommt ins Gespräch, lernt interessante Studiengänge (Film!) und Doktorarbeits-Themen (Die Rom-Züge der deutschen Kaiser im Hochmittelalter) kennen, und kaum eineinhalb Stunden später fehlt nicht viel und man hätte mit Vor- und Hintermännern und -frauen Telefonnummern getauscht. Und das alles nur, weil der Ratskeller dichtgemacht hat.
„Aus is und gar is, und schad is, dass’s wahr is“, steht handgeschrieben am Eingang. Seit Jahresende ist das mehr als tausend Gäste fassende Wirtshaus unter dem Marienplatz Geschichte, nach 150 Jahren. Die den Laden seit 1975 betreibende Wirtsfamilie Wieser hätte umfangreiche Renovierungsmaßnahmen in der Küche, den Schankbereichen sowie in weiteren Räumlichkeiten angehen müssen, was wohl etwa 1,5 Millionen Euro teuer geworden wäre.
Da aber dem Rathaus und auch dem dazugehörigen Keller von 2032 an eine Generalsanierung bevorsteht, wollte Wirt Peter Wieser diese gewaltige Investition nicht mehr riskieren, woraufhin ihn die Stadt vorzeitig aus dem Vertrag entließ. Nun gilt es also auf- und zuerst mal auszuräumen, und so trennt man sich nach dem gängigen Motto „Alles muss raus“ vom Inventar, per mehrtägigem Flohmarkt.
Doch bevor im altehrwürdigen Keller die Neugier befriedigt werden kann, muss der geneigte Flohmarktfreund erst mal Geduld mitbringen – und am besten schön warme Schuhe, Mütze, Handschuhe und idealerweise noch eine große Thermoskanne samt Heißgetränk. Letzteres hat am ersten Flohmarkttag niemand dabei – wer hätte denn auch gedacht, dass sich eine Warteschlange quer über den Marienplatz bis rüber zum Hugendubel bilden würde, nur weil der Ratskeller seine alten Gläser, Krüge sowie Töpfe, Tassen und Teller verschachert?
Die Schlange der Kundinnen und Kunden geht bei Minusgraden einmal rüber zum Hugendubel. (Foto: Johannes Simon)
Um flohmarktübliches Gedränge zu vermeiden, bestehen die Veranstalter sozusagen auf einer strengen Tür und lassen immer nur eine begrenzte Anzahl von Shopping-Willigen hinein, daher die lange und langsame Warteschlange. Zu sehen sind bei den bibbernd Wartenden Rücksäcke und der blaugelbe Tragetaschen-Klassiker eines schwedischen Möbelhauses.
Fragt man in der Schlange ein wenig herum, was die Neugierigen sich von dem unterirdischen Flohmarkt erwarten, hört man von Unverbindlichem („einfach mal schauen“) bis zum Konkreten („Eine Teekanne brauche ich“) so ziemlich alles. Und fragt man diejenigen, die offenbar ganz vorn in der Schlange gestanden haben und nun schon wieder aus dem Keller herauskommen, klingt das meist wenig ermutigend: „Braucht’s ned hingehn! Die lassen immer nur zwei Leut’ rein, da steht’s heut’ Nachmittag um drei noch da“, ruft ein älterer Herr in gelber Jacke herüber. Was es zu sehen gebe? „Ah, nur Gläser und ein paar Bilder.“ Ein Anderer schimpft: „Recht viel G’lump. Und mies organisiert!“ In der Hand hat er eine Sauciere, immerhin: „Ah, dafür rentiert sich die Warterei nicht.“ Tatsächlich entsteigen dem Keller viele ohne Beute, andere tragen rechts und links in den Händen schwere Tüten raus, ein anderer einen gut gefüllten Umzugskarton mit Geschirr.
Noch so ein Warteschlangen-Effekt: die Neugier der Passanten. Unzählige Nachfragen („Wasn hier los?“, „Gibt’s do a Freibier?“, „Wissen Sie, was die Gläser kosten?“, „Wie lange steht man denn an bis hierher?“) gilt es zu beantworten, manche erzählen auch von sich und dem gewesenen Ratskeller. Eine alte Dame winkt ab: „Da musste ich früher immer mit meinem Vater zum Frühschoppen hin, unter dem großen Fass – pfui Deibel.“ Einige in der Schlange waren noch nie da, wo sie jetzt unbedingt hin wollen, Vordermann Avi – der angehende Historiker – dagegen schon: „Wir haben da auch mal gegessen. War okay, aber schon teuer. Und viele Touristen.“
Nach 45 Minuten warten: ein Platz an der Sonne, endlich raus aus dem Schatten. Noch mal so lange, und schon kann es losgehen mit der Flohmarktstöberei in den heiligen Hallen, in denen es bereits ein wenig muffig riecht. Zu sehen gibt’s Erwartbares wie Tischdecken, Brotkörbe, Kerzen, Kleiderbügel sowie Gläser, Geschirr und Besteck aller Art, aber auch Wunderkerzen, diverse Wein- und Champagnerflaschen (der Moet für 36 Euro, die halbe Falsche Laurent-Perrier für 16 Euro) und eine ziemlich beachtliche Sammlung von alten Stichen, Zeichnungen sowie schöne Fotografien und historische Ansichten des Münchner Stadtlebens oder auch von gewesenen Weinköniginnen.
Zu kaufen gibt es eine beachtliche Sammlung von alten Stichen, Zeichnungen sowie schöne Fotografien und historische Ansichten des Münchner Stadtlebens, … (Foto: Johannes Simon)
… Schilder, die nun ausgedient haben … (Foto: Johannes Simon)
… und für zehn Euro historische Speisekarten – Juliennesuppe: 30 Pfennig. (Foto: Johannes Simon)
Die Preise? Okay, findet der geübte Flohmarktschlenderer: 20 Euro für einen Diogenes-Stich, für einen Lucullus muss man einen Zehner mehr investieren. Auch die Zeichnung eines unbenannten Schäferhundkopfes ist zu haben, Kostenpunkt: 75 Euro. Wer’s mag.
Kunstinteressierte werden sicherlich bei Bischof Urban hängen bleiben, dessen kunstvoll geschnitzte Figur mit beachtlichen 499 Euro zu Buche schlägt. Könnte Bonifaz Kaspar von Urban darstellen, den ehemaligen Erzbischof von Bamberg, der in Beuerberg zur Welt kam, im 18. Jahrhundert. „Ein Bischof ist’s auf jeden Fall“, meint ein ebenfalls interessierter älterer Herr. Wer einen Sinn für solche Dinge hat oder einfach nur ein bissl günstigen Hausrat braucht, für den wird sich die Warterei also schon lohnen.
Und was wird nun aus dem alten Gemäuer? Weiß kein Mensch. Filmstudent Felix mutmaßt: „So wie ich München kenne, kommt da eine Osteria rein. Oder ein Irish Pub.“
Der Flohmarkt läuft noch bis Freitag, täglich von 10 bis 14 Uhr, nur Kartenzahlung möglich.