Auf den ersten Blick ist es nur eine administrative Entscheidung innerhalb des komplexen Geflechts der UN-Organisationen. Aber wenn das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (englisch „United Nations Development Programme“, kurz UNDP) jetzt ankündigt, dass rund 300 Stellen von New York an den Standort Bonn verlegt werden, hat das auch eine politische Dimension. 100 weitere UNDP-Mitarbeiter werden aus New York nach Madrid wechseln. Die USA hatten ihre Gelder für Entwicklungshilfe massiv gekürzt.

„UN-System und multilaterale Prinzipien stehen unter Druck“

Alltäglich ist es nicht, wenn zwei Mitglieder der deutschen Bundesregierung, ein Ministerpräsident und ein Oberbürgermeister eine gemeinsame Erklärung veröffentlichen.

In dem kurzen Schreiben von Außenminister Johann Wadephul (CDU), Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD), Nordrhein-Westfalens Regierungschef Hendrik Wüst (CDU) und dem Bonner Oberbürgermeister Guido Déus (CDU) heißt es gleich am Anfang: „Das ist ein wichtiges politisches Signal für das Vertrauen in die deutsche Außenpolitik – gerade in Zeiten, in denen das UN-System und multilaterale Prinzipien unter Druck stehen. Globale Herausforderungen wie Kriege, Hunger und Umweltzerstörung können aber nur in Kooperation bewältigt werden.“

Globale Herausforderungen nur in Kooperation lösen: Das sieht US-Präsident Donald Trump bekanntlich ganz anders. Er macht aus seiner Verachtung für die Vereinten Nationen keinen Hehl, obwohl die UN ihren Hauptsitz in seiner Heimatstadt New York haben.

Wegen dieser Haltung des US-Präsidenten begrüßt auch der Klima-Experte der Umweltgruppe Greenpeace, Martin Kaiser, den Wechsel der UN-Stellen nach Deutschland. Er sagt der DW: „UN-Institutionen müssen ungehindert und ohne Angst vor politischen Repressalien weiterarbeiten können. Die amerikanische Regierung unter Trump arbeitet momentan mit politischer und wirtschaftlicher Erpressung und verfolgt imperiale Landnahme-Absichten.“

UNDP: 22.000 Mitarbeitende in 170 Ländern

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen ist ein hoch kompliziertes Geflecht von rund 22.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der weitaus größte Teil dieser Menschen ist auf dem ganzen Globus verteilt, in rund 170 Ländern. Es geht um Armutsbekämpfung, um Zugang zu Energie und sauberem Wasser, um mehr Bildung, um Klimaschutz.

Solarpaneele für die Stromversorgung in Syrien: eines von zahlreichen Projekten des UNDP auf der ganzen Welt<span class="copyright">Aared Watad/AFP/Getty Images</span>

Solarpaneele für die Stromversorgung in Syrien: eines von zahlreichen Projekten des UNDP auf der ganzen WeltAared Watad/AFP/Getty Images

Und, in diesen Zeiten besonders wichtig: es geht auch um den Weg zur Demokratie in autoritären Ländern, um den Anschluss ärmerer Länder an die Reicheren. Es geht auch immer wieder um Zusammenarbeit, etwa beim Transfer von Knowhow aus dem reichen globalen Norden in den Süden.

Deutschland ist derzeit größter Geldgeber beim UNDP

Seit 1965 gibt es diese Organisation, deren Chef bis 2025 der Deutsch-Brasilianer Achim Steiner war. Eine stete Achillesferse des UNDP ist (wie bei anderen UN-Organisationen auch), dass es sich ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen von UN-Staaten finanziert, zuletzt waren das rund 5,6 Milliarden Euro.

Von 2017 bis 2025 leitete Achim Steiner, der die deutsche und die brasilianische Staatsbürgerschaft besitzt, das UNDP<span class="copyright">Kyodo/IMAGO</span>

Von 2017 bis 2025 leitete Achim Steiner, der die deutsche und die brasilianische Staatsbürgerschaft besitzt, das UNDPKyodo/IMAGO

Deutschland ist einer der größten Geldgeber, während Donald Trump angekündigt hat, sich aus vielen wichtigen UN-Organisationen zurückziehen zu wollen.

Bonn: vom Regierungssitz Deutschlands zum Sitz der Vereinten Nationen

Der Bonner UN-Standort zählt zu den wichtigsten Zentren der Vereinten Nationen weltweit. Am Anfang war die Ansiedlung vor allem als Ausgleich dafür gedacht, dass die Stadt am Rhein ihre Rolle als Sitz von Regierung und Parlament in Deutschland nach dem Fall der Mauer und der deutschen Einheit an Berlin verlor: Am 20. Juni 1991 beschloss der Bundestag, dass Berlin künftig die Hauptstadt Deutschland sein sollte, dass das Land von dort aus regiert und das Parlament seinen Sitz im alten Reichstagsgebäude haben würde.

Aber der von vielen Bonnern befürchtete Abstieg der Stadt blieb aus. Immer noch gibt es viele Mitarbeiter der Bundesregierung am Standort Bonn, und die Stadt beherbergt heute 27 UN-Einrichtungen mit rund 1200 Mitarbeitenden. Jetzt kommen noch einmal rund 300 Stellen dazu. Mit der Ansiedlung wird das UNDP künftig das zweitgrößte UN-Büro in Bonn sein.

Deutschland will mehr Einfluss bei den UN: Außenminister Johann Wadephul (li.) zu Gast bei UN-Generalsekretär António Guterres in New York (13. Januar 2026)<span class="copyright">Dominik Butzmann/photothek.de/AA/picture alliance</span>

Deutschland will mehr Einfluss bei den UN: Außenminister Johann Wadephul (li.) zu Gast bei UN-Generalsekretär António Guterres in New York (13. Januar 2026)Dominik Butzmann/photothek.de/AA/picture alliance

Wunsch nach größerer Rolle Deutschlands in den UN

Mehr Einfluss für Deutschland in den Vereinten Nationen war auch ein Thema der jüngsten Reise des deutschen Außenministers Johann Wadephul in die USA in der vergangenen Woche. Nach einem Treffen mit UN-Generalsekretär António Guterres in New York sagte der oberste deutsche Diplomat, Deutschland werde sich zwar weiter für die UN engagieren, auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt würden, aber: „Die deutsche personelle Vertretung in den Vereinten Nationen ist nicht ausreichend“ und werde dem Gewicht und der Bedeutung Deutschlands nicht gerecht. „Für die Zukunft muss klar sein: Deutschland will seinen Platz auch am Tisch der Vereinten Nationen haben.“

Schon länger ist klar, dass sich die neue Bundesregierung aus Konservativen und Sozialdemokraten um einen der nicht-ständigen Sitze im einflussreichen Sicherheitsrat der UN bewerben will, und damit einer Initiative der Vorgängerregierung folgt. Da passen die vielen neuen UN-Mitarbeiter am Rhein gut ins Bild.