Alex Karp, CEO von Palantir.

Alex Karp, CEO von Palantir.

picture alliance/KEYSTONE | GIAN EHRENZELLER

Während sich Europas Staats- und Regierungschefs in Davos Mut und Geschlossenheit zusprechen, tritt der CEO von Palantir als unbequemer Mahner auf.

Besonders eine Entwicklung lege die Schwächen des alten Kontinents gnadenlos offen, moniert Alex Karp.

Mit Deutschland verbindet den US-Amerikaner eine Hassliebe – die er auch immer wieder deutlich zeigt.

Alex Karp erklärt gerne die Welt. Und wenn er das tut, schwingt fast immer eine besondere emotionale Note mit, sobald es um Deutschland geht. Der CEO des Datenkonzerns Palantir, der in Frankfurt promovierte und fließend Deutsch spricht, pflegt eine Hassliebe zu dem Land, dessen Sprache und Denker er verehrt, dessen wirtschaftlichen und geistigen Niedergang er aber wie kaum ein anderer Top-Manager öffentlich beklagt. Für Karp ist Deutschland das „industrielle Herz“, das gerade aufhört zu schlagen – und das Schlimmste daran: Niemand will es wirklich wahrhaben.

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Beim Weltwirtschaftsforum war Karp erneut ein unbequemer Mahner. Während sich Europas Staats- und Regierungschefs in Davos auf den Bühnen und in den Gängen Mut und Geschlossenheit zusprachen, goss der studierte Philosoph am Dienstag Wasser in den Wein der europäischen Selbstzufriedenheit. Auf die Frage von BUSINESS INSIDER, ob er noch Hoffnung für Deutschland habe, antwortete Karp mit jener Mischung aus Schärfe und Zuneigung, die ihn auszeichnet: „Ich bin optimistisch für Deutschland, wenn es seine Probleme endlich klar sieht und benennt.“

Doch genau diese Ehrlichkeit vermisst er. Mit Blick auf die zuvor gehaltene Rede von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen winkte Karp ab. Er habe sie zwar nicht gehört, aber das Muster sei bekannt: Auch von der Leyen spreche nie von einer echten Krise.

Europa habe ein „ernstes, strukturelles Problem“

Auch im Gespräch mit Larry Fink, CEO des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock und aktuell Interimspräsident des WEF, fällte Karp, der sich als proeuropäisch bezeichnet, ein vernichtendes Urteil über den Alten Kontinent. KI wirke wie ein globaler Belastungstest, der schonungslos offenlegt, wer wirklich technologisch leistungsfähig ist und wer nur so tut. Amerika und China hätten funktionierende, wenn auch unterschiedliche KI-Ökosysteme. Europa hingegen habe dagegen ein „ernstes, strukturelles Problem“ bei der technologischen Einführung.

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Es fehlt an politischen Führern in Europa, die ehrlich aussprechen, dass viele Systeme (besonders im Militär) nur auf „PowerPoint-Folien“ existieren, aber in der Realität versagen. „Politische Strukturen sind oft darauf ausgelegt, Probleme zu verschleiern, aber das wird durch KI schwieriger“, sagte Karp im Gespräch mit Fink. Die KI-Revolution werde den tatsächlichen Marktwert offenlegen, ob man will oder nicht. „In den nächsten drei Jahren wird es Ehrlichkeit über den Marktwert in vielen Gemeinschaften geben.“

Fink hatte das Gespräch mit einem bemerkenswerten Eingeständnis begonnen. Während seine eigene Rendite seit seinem Amtsantritt 1998 bei „nur“ 21 Prozent pro Jahr lag, habe Karp seit dem Börsengang von Palantir eine jährliche Rendite von 73 Prozent erzielt.

Karps Kritik ist nicht neu, aber sie wird drängender. Schon im vergangenen Herbst las er Deutschland beim WELT KI-Gipfel die Leviten. Die Fehlentscheidungen in der Energie-, Einwanderungs- und Technologiepolitik seien massiv. Doch statt gegenzusteuern, flüchtet sich das Land in Moralismus und Regulierungswut. „Die Welt braucht ein starkes Deutschland – aber Deutschland muss es auch selbst wollen“, lautete sein Appell.

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In Davos legte er nun nach. Das Problem Europas sei strukturell: Der Ukraine-Krieg und die geopolitischen Spannungen wirken wie ein brutaler „Belastungstest“, der diese Schwächen schonungslos offenlegt. Wer nur vorgibt, leistungsfähig zu sein, wird scheitern.

Hinter Karps ständiger Kritik steckt auch persönliche Enttäuschung. Im „Handelsblatt“ machte er kürzlich seinem Ärger darüber Luft, wie er und sein Mitgründer Peter Thiel in ihrer geistigen Heimat behandelt werden. „Nehmen wir an, Peter Thiel käme aus Frankreich (…) und ich hätte meine Doktorarbeit in Frankreich geschrieben. Wir würden angehimmelt werden“, sagte er. Die Franzosen würden ihnen Orden verleihen. In Deutschland hingegen, wo beide ihre Wurzeln haben, ernten sie „tagein, tagaus nur Kritik“.

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Dass Palantir-Software von der Ukraine genutzt wird, um sich gegen Russland zu verteidigen, oder von westlichen Geheimdiensten, um Terroranschläge zu verhindern, zählt in der deutschen Debatte oft wenig. Stattdessen dominiert die Sorge um den Datenschutz. Für Karp ist das ein Symptom des Niedergangs: Man diskutiert lieber über Risiken, statt Probleme zu lösen.

In Davos blieb er seiner Rolle treu. Er ist der Außenseiter, der Multimilliardär wider Willen, der den Deutschen in ihrer eigenen Sprache sagt, was sie nicht hören wollen: Dass die Party vorbei ist. Und dass Optimismus erst dann angebracht ist, wenn man aufhört, sich die Welt schönzureden.