Über Jahrhunderte sind die Ländergrenzen in Europa immer wieder neu gezogen worden. Jetzt wird in einem Post behauptet, einer alten Karte zufolge habe es früher nur das Deutsche Reich und Russland gegeben. Polen, die Ukraine, Lettland, Litauen und Finnland seien angeblich alle erst nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) gegründet worden.

Bewertung

Die Staaten in ihrer modernen Form einer Republik werden tatsächlich erst nach dem Ersten Weltkrieg gegründet. Dennoch haben sie teilweise eine über Jahrhunderte zurückgehende eigenständige Geschichte – haben also schon vorher existiert.

Fakten

In einem Clip ist eine Karte zu sehen, welche die deutschen Auswanderungsbewegungen zeigt. Eingezeichnet sind die Staats- und Ländergrenzen des bedeutsamen Jahres 1815, wie aus einer Nahaufnahme der gleichen Karte (Download; S. 9) zu entnehmen ist.

Jahr 1815 als Wendepunkt in Europa

Das Jahr 1815 markiert mit dem Wiener Kongress einen Wendepunkt für die Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen. Damals werden die Grenzen auf dem Kontinent neu gezogen.

In Mitteleuropa kommt das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen zu seinem Ende, stattdessen bildet sich der lockere Deutsche Bund aus 39 souveränen Einzelstaaten. Preußen erhält erhebliche Gebietsgewinne im Osten, etwa in Posen. Feste Reichsgrenzen im modernen Sinne gibt es seinerzeit keine. Das Deutsche Reich entsteht nicht damals, sondern erst Jahrzehnte später, nämlich 1871.

In Osteuropa verstärkt der Wiener Kongress die Großmachtstellung Russlands: Ein weitgehend autonomes Königreich Polen kommt in den Einflussbereich der russischen Krone.

Polen hat lange staatliche Geschichte – gemeinsam mit Litauen

Die dargestellte Karte von 1815 zeigt tatsächlich keine Landesgrenzen für Polen, die drei baltischen Staaten, Finnland und die Ukraine zu diesem Zeitpunkt. Das heißt aber nicht, dass alle diese Länder erst nach dem Ersten Weltkrieg entstehen und vorher nie existiert haben.

Polen etwa etabliert sich bereits im 10. Jahrhundert als eigenständiger Staat. Die Einführung des Christentums im Jahr 966 unter Herzog Mieszko I. wird von Historikern als symbolischer Beginn der polnischen Staatlichkeit gewertet. Sein Sohn Boleslaw I. Chrobry wird 1025 zum ersten König Polens gekrönt.

Aus dem Königreich Polen und dem seinerzeit eigenständigen Großfürstentum Litauen entsteht ab Ende des 14. Jahrhunderts erst durch Personalunion (der litauische Großfürst heiratet die polnische Königin) und ab 1569 auch durch eine tatsächliche Vereinigung (ein gemeinsames Parlament, eine Verwaltung, eine Währung, eine Außenpolitik) eine regionale Großmacht in Ostmitteleuropa.

Die territoriale Ausdehnung von Polen-Litauen umfasst etwa im Jahr 1619 das Gebiet den größten Teil des heutigen Polen, das heutige Litauen, Lettland und Belarus, große Teile der heutigen Ukraine sowie kleinere Teile des heutigen Russlands und Estlands.

Ende des 18. Jahrhunderts wird dieses riesige polnisch-litauische Staatsgebiet nach und nach zwischen Preußen, Russland und Österreich aufgeteilt. Ab der dritten Teilung 1795 verschwindet der Staat de facto von der Landkarte. Polen und Litauen unterstehen für mehr als ein Jahrhundert fremder Herrschaft. Erst nach dem Ersten Weltkrieg erringen beide Länder 1918 vollständige Souveränität wieder.

Baltikum und Finnland nach Erstem Weltkrieg unabhängig

Die (neben Litauen) beiden anderen Republiken des BaltikumsLettland und Estland, werden in dieser Form erst 1918 gegründet. Zuvor steht die Bevölkerung jahrhundertelang unter Fremdherrschaft: Ab dem 13. Jahrhundert erobern zunächst Ritter aus dem heutigen Deutschland und Dänemark die Gegend, später beherrschen auch weitere Nachbarn wie Schweden, Polen-Litauen und Russland jeweils ein Stück vom Gebiet.

Das Gebiet des heutigen Finnland ist ab Mitte des 12. Jahrhunderts zunächst lange Zeit aufgeteilt zwischen Schweden und der Republik Nowgorod. Nach dem schwedisch-russischen Krieg (1808–1809) fällt das Gebiet an Russland, Finnland wird zu diesem Zeitpunkt ein autonomes Großfürstentum unter der Herrschaft des russischen Zaren. 1919 wird Finnland offiziell zur Republik.

Ukraine, Belarus und Russland beziehen sich auf Kiewer Rus

Die Geschichte der Ukraine ist eng mit der Polens, Litauens, Rumäniens, von Moldau, Belarus und Russland verknüpft. Der Name Ukraine bedeutet Grenzland.

Im späten 9. Jahrhundert begründen normannische Krieger und Kaufleute – Rus genannt – am mittleren Dnjepr einen Herrschaftsverband mit dem Zentrum Kiew. Die Kiewer Rus (diese Bezeichnung stammt aus dem 19. Jahrhundert) zerfällt nach dem Einfall der Mongolen im 13. Jahrhundert in einzelne Fürstentümer. Die westlichen und südlichen Gebiete werden in das Großfürstentum Litauen (später Polen-Litauen) integriert, im Nordosten gelangen die Fürsten von Moskau an die Macht.

Ein Kupferstich von Johann Baptist Homann aus dem frühen 18. Jahrhundert zeigt eine historische Karte, in der die Ukraine und die Kosakengebiete eingezeichnet sind.

Die Kiewer Rus auf Gebieten der modernen Staaten Belarus, Ukraine und Russland ist heute sinnstiftend für die nationale Identität aller drei Länder. Für die Ukraine ist der Bezug auf die frühe Staatlichkeit von zentraler Bedeutung, in Russland gilt die Rus als Vorläufer des Moskauer Staates und des Russischen Reiches.

Geschichte der Staaten reicht teils weit zurück

Von Staatlichkeit und staatlicher Kontinuität zu sprechen, ist in der wechselhaften Geschichte Europas und speziell Mittel- und Osteuropas ein schwieriges Unterfangen. Auch andere moderne Länder wie Deutschland und Italien erlangen erst im 19. Jahrhundert ihre eigenständige Nationalstaatlichkeit.

National-russische Kräfte versuchen vor dem Hintergrund des russischen Angriffs auf die Ukraine immer wieder, heutige Staaten aus dem früheren Einflussbereich des Zarenreiches oder der Sowjetunion (Ostblock-Staaten) als Teil des historischen Russland zu manifestieren – obwohl die Geschichte eines Teils dieser Länder bis in die Zeit weit vor dem Zarenreich zurückreicht.

(Stand: 7.1.2026)

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