Leipzig. Es gibt Momente, in denen sich der Mensch erst mal hinsetzen muss, weil er ansonsten umfallen würde. Umfallen vor Freude zum Beispiel. Einen solchen Moment erlebte Anselm Hartinger, der Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, dieser Tage beim Errechnen der Besucherzahlen für 2025.
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Was sich 2024 abzeichnete, als Leipzig den kostenlosen Eintritt in die Dauerausstellungen seiner Sammlungen einführte, hat sich im Jahr darauf munter fortgesetzt – von etwas mehr als 500.000 Gästen (2023) über knapp 550.000 Besucher (2024) hin zu exakt 603.082 Museumsfreunden (2025): Hartinger und sein Team vermelden einen Besucherrekord. Oder um es mit den Worten des Direktors zu sagen: „Das beste Museumsjahr unserer Geschichte.“
Sandmännchen-Schau bis Mitte März verlängert
Der 54-Jährige macht neben dem anhaltend positiven Effekt der Gratis-Visite von Altem Rathaus am Markt, Kindermuseum im Haus Böttchergäßchen und Schillerhaus in Gohlis vor allem zwei Dinge für die Fortsetzung der Erfolgsstory verantwortlich: das wiedereröffnete Museum Zum Arabischen Coffe Baum sowie die „herausragend besuchten Sonderausstellungen“ zu den 1990er-Jahren in Leipzig und zur Kultfigur der DDR-Fernsehgeschichte, dem Sandmännchen.
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Letztgenannte Schau, in den ersten drei Monaten von 25.000 jungen und älteren Leuten in Augenschein genommen, wird wegen der großen Resonanz um drei Wochen verlängert und endet nun nicht am 22. Februar, sondern erst am 15. März.
Leipzig unterhält eines der führenden Stadtmuseen in Deutschland
Nach Ansicht von Hartinger unterstreichen die jüngsten Zahlen die Stellung des Leipziger Museums als „eines der führenden Stadtmuseen in Deutschland“. Räume schaffen, um über Geschichte zu diskutieren und im Disput den Blick auf gegenwärtiges und zukünftiges Leben zu richten – das ist der Ansatz, dem er und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich verpflichtet fühlen. Wenn dann dabei auch noch „ä Schälchen Heeßer“ serviert wird, also eine Tasse Kaffee, umso besser.
Familien mit Kindern haben ein Stück weit wiederentdeckt, was sich jenseits von Smartphone und Bildschirm mit den eigenen Händen gestalten lässt.
Anselm Hartinger
Museumsdirektor, über die Sonderausstellung „Unser Sandmännchen in Leipzig“
Womit die Brücke zum wiederbelebten Coffe Baum mit seinen 16 musealen Räumen geschlagen wäre, in denen sich seit dem 1. Juli 2025 knapp 30.000 Besucher auf die Spuren des Kaffees begeben haben. Von den strengen Kaffeehausordnungen des 18. Jahrhunderts bis zur Kaffeekrise in der DDR, von den kolonialen Verflechtungen beim Anbau bis zu den globalen Handelsbeziehungen der Jetzt-Zeit: Die facettenreiche Kaffeegeschichte wird nach den Worten von Ausstellungsmacherin Maike Günther „jung, frisch und leichtfüßig“ kredenzt.

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Nach der Besichtigung wartet ein „Schälchen Heeßer“
Die Überarbeitung der Schau in einem der ältesten Kaffeehäuser Europas sei nach sechsjähriger Schließzeit auch dringend vonnöten gewesen, betont Maike Günther. Der Café-Betrieb, für den nach vollendeter Komplettsanierung der Kleinen Fleischergasse 4 Pächter Sven Gerling verantwortlich zeichnet, werte die Schau zusätzlich auf. Beide Seiten gehen längst davon aus, dass die seit 1711 währende Geschichte des Coffe Baum noch eine Weile fortgeschrieben wird. Zumal auch für diese ständige Ausstellung die Entgeltbefreiung gilt. Das „Schälchen Heeßer“ und die weiteren Angebote auf der Speisekarte müssen derweil bezahlt werden.
Die Sonderausstellungen des Jahres 2026
„Unser Sandmännchen in Leipzig“ – Haus Böttchergäßchen 3 – verlängert bis 15. März 2026: Die Schau widmet sich der Kultfigur der (DDR-)Fernsehgeschichte. Gezeigt werden unter anderem originale Sandmann-Puppen und Begleitfiguren wie Herr Fuchs und Frau Elster.
„Eine Stadt im Fluss. 800 Jahre Leipziger Wassergeschichte“ – Haus Böttchergäßchen 3 – 11. März bis 17. Mai 2026: Die in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig und dem GWZO (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa e.V.) erarbeitete Sonderausstellung schildert anhand historischer Karten, technischer Geräte, archivalischer Dokumente und moderner Forschungsansätze, wie eng Leipzigs Entwicklung mit seinen Wasserläufen verwoben ist.
„Fred Stein // Der Mensch im Fokus“ – Capa-Haus, Jahnallee 61 – 1. April bis 31. Juli 2026: Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig und das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek würdigen im Themenjahr „Tacheles“ den Fotografen Fred Stein. 90 Jahre nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs geht es unter anderem um Fotos geflüchteter Kinder sowie Porträtaufnahmen von Gerda Taro in Paris.
„Sonne. Satt. Sommer in Leipzig“ – Haus Böttchergäßchen 3 – 29. April bis 25. Oktober 2026: Sommer in Leipzig ist immer eine besondere Jahreszeit voller Lebensgefühl und Draußen-Erfahrung. Das Museum nimmt sich der besonderen Kulturgeschichte dieser Jahreszeit erstmals mit einer eigenen Ausstellung an.
„MOMENTAUFNAHME. Das Fotoarchiv Mittelmann“ – Haus Böttchergäßchen 3 – 3. Juni 2026 bis 31. Januar 2027: Mehr als 2000 Glasnegative wurden 1988 auf dem Dachboden des Wohnhauses Peterssteinweg 15 entdeckt. Es handelt sich um das Archiv des jüdischen Fotografen Abram Mittelmann, der von 1909 bis 1938 in dem Haus mit seiner Familie lebte und arbeitete. Nur wenige der 1800 Porträts konnten identifiziert werden. Wo dies gelang, erzählt die Sonderschau die Geschichten der Menschen, von denen viele Opfer des Nazi-Regimes wurden.
Neben den neugierigen Kaffee-Fans sorgen momentan besonders die vielen Familien mit Kindern, die es in die seit Oktober 2025 laufende Sonderausstellung „Unser Sandmännchen in Leipzig“ zieht, für große Freude beim Museumsteam. „Sie haben ein Stück weit wiederentdeckt, was sich jenseits von Smartphone und Bildschirm mit den eigenen Händen gestalten lässt“, ist Musikwissenschaftler und Historiker Hartinger aufgefallen.
Überhaupt, um neue Ideen ist dem Direktor nicht bange – erst recht nicht während „Tacheles“, dem Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026. An diesem beteiligt sich das Stadtgeschichtliche Museum unter anderem mit der Sonderausstellung „Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann“ im Haus Böttchergäßchen und der Schau „Fred Stein // Der Mensch im Fokus“ im Capa-Haus.
LVZ