Die Gemütslage sei bei jeder Messe dieselbe, erzählt Petra Wolf. „Mit hoher Skepsis und vielen Zweifeln“ würden die Aussteller ihre Stände aufbauen und auch der erste Messetag starte stets mit Bedenken und Unsicherheit. Schließlich machen Krisen keinen Halt vor Messehallen, auch nicht, wenn diese in Nürnberg stehen.
Die deutsche Wachstumsschwäche, Trumps irrlichternde Zollpolitik, die globalen politischen und ökonomischen Verwerfungen – all das drückt auf die Gemüter. Wenn eine Messe aber erst einmal in Schwung komme, sagt Wolf, verflüchtige sich die schlechte Stimmung an den Ständen sehr schnell. „Ein Aussteller hat das mir gegenüber so formuliert: ,Hier drinnen in den Hallen leuchtet das Licht heller als draußen.’“
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Da schwingt Pathos mit, doch so ganz falsch sei der Satz trotzdem nicht, sagen die Manager der Nürnberg-Messe GmbH, zu denen auch Wolf gehört, als Zuständige für alle Eigen- und Gastveranstaltungen vor Ort. Denn allen ökonomischen Widrigkeiten zum Trotz ist die Nürnberger Messegesellschaft auf Rekordjagd wie nie. 350 Millionen Euro Umsatz im abgelaufenen Jahr, knapp 85 Millionen mehr als im vergleichbaren 2023 (manche Messen finden nur alle zwei Jahre statt, weshalb ungerade mit ungeraden und gerade mit geraden Jahren verglichen werden).
2026 wird sich die Rekordjagd fortsetzen; darauf deuten die Buchungen für die Messen hin. 390 Millionen Euro Umsatz wird die hauptsächlich von Freistaat und Stadt getragene Nürnberg-Messe in diesem Jahr erwirtschaften. 40 Millionen Euro mehr als 2024 und so viel wie noch nie in ihrer 52-jährigen Geschichte. Aussteller, Besucher, Inlandsgeschäft und Auslandsmessen – alles wächst zweistellig, der Absturz auf nahezu null Geschäft während der Pandemiejahre mit ihren Lockdowns ist Geschichte.
„Wir gehen mit super Rückenwind und großer Zuversicht in das neue Jahr“, sagt Messechef Peter Ottmann. Dabei gab es nicht wenige, die mit Beginn der Corona-Pandemie dem traditionellen Messegeschäft ganz generell das Ende prophezeiten. Digitale Formate würden an die Stelle des persönlichen Austausches an eigens aufgebauten Ständen treten, wurde allenthalben prophezeit. Es kam ganz anders und Ottmann – der zugleich Vizepräsident der Branchenvereinigung Auma ist, dem Verband der deutschen Messewirtschaft – wundert das nicht.
Selbst die beste künstliche Intelligenz könne persönlichen Austausch zwischen möglichen und wirklichen Geschäftspartnern nicht ersetzen. Überdies erfüllten Messen gerade in unübersichtlichen und als grau empfundenen Zeiten eine besonders wichtige Mission. „Wir sind die Oberbeleuchter, wir stellen Branchen ins richtige Licht“, sagt Ottmann. „Zu Messen, und damit zu uns, kommen nur Menschen, die an die Zukunft glauben.“
Zum Beispiel in der kommenden Woche zur weltgrößten Spielwarenmesse, die ihre 75. Auflage erlebt. Sie wird allerdings nicht von der eigentlichen Messegesellschaft organisiert, sondern von einer Genossenschaft aus der Spielwarenbranche, die dafür von der Messe GmbH das Gelände und einiges mehr mietet. Letztere wiederum ist (mit Ausnahme der Corona-Zeit) kontinuierlich im Aufschwung. Staat und Stadt Nürnberg hatten als Eigentümerinnen der Messegesellschaft im Zuge des Strukturwandels der 1980er- und 1990er-Jahre erkannt, dass das Messegeschäft mit allem, was an Logistik, Hotellerie und anderem in Stadt und Umland dran hängt, ein vielversprechendes Vehikel ist für den Strukturwandel der alten fränkischen Industriestadt ist. Zug um Zug wurde daher in den vergangenen Jahrzehnten das Messegelände im Stadtteil Langwasser ausgebaut. Nunmehr soll dort die nächste Entwicklungsstufe gezündet werden.
In der kommenden Woche beginnt in Nürnberg die Spielwarenmesse, die bereits zum 75. Mal stattfindet. (Foto: Daniel Karmann/dpa)
Eine halbe Milliarde Euro wird die Messegesellschaft nach Angaben ihres Finanzchefs Dirk Blum in den kommenden zehn Jahren in ihr angestammtes Gelände im Süden der Stadt investieren. Vor allem in den Umbau der Frankenhalle, bekannt als Schauplatz nicht nur von Messen, sondern auch von Konzerten und aufwendigen TV-Produktionen wie einst „Wetten, dass“ oder der jährlich vorweihnachtlichen Sternstunden-Gala des BR. Eine andere Messehalle wird ersetzt, es wird zudem ein neues Eingangsgebäude geben. Man werde auch an der Nachhaltigkeit der Gebäude arbeiten und an deren „äußerer Anmutung“, wie Blum formuliert. Die 500 Millionen seien „eine Rekordinvestition“ mit deren Hilfe die Nürnberger ihren Platz unter den 15 größten Messegesellschaften in Europa behaupten wollen.
Wir sind in diesen Sicherheitsthemen inzwischen der führende Messestandort in Europa.
Petra Wolf, Managerin der Nürnberg Messe
Ihr Wachstum verdankt die Gesellschaft nicht nur dem Umstand, dass sie politischen Rückenwind erfährt und der wirtschaftlichen Misere ebenso robust wie geschickt trotzt. Sie profitiert auch ganz massiv von dieser Krise. Mit der Enforce-Tac (Rüstungs- und Verteidigungstechnik), die 2026 erstmals unter Schirmherrschaft des Bundeskanzlers steht, sowie der Perimeter Protection (Gebäudesicherheit) und der it-sa (IT-Sicherheit) finden in Nürnberg gleich drei Fachmessen in Branchen statt, nach deren Produkten und Dienstleistungen die Nachfrage aus gegebenen weltpolitischen Anlässen sprunghaft steigt. Entsprechend sprunghaft wachsen die Aussteller- und Besucherzahlen. „Wir sind in diesen Sicherheitsthemen inzwischen der führende Messestandort in Europa“, sagt Petra Wolf.
In den Umbau der Frankenhalle soll nach den Plänen der Messemacher viel Geld fließen. (Foto: Jürgen Schott/Imago)
Dabei geht einmal mehr die Strategie der Nürnberger Messemacher auf, spezialisierte Fachmessen aufzuziehen wie Gärtner kleine Pflanzen. Was oftmals klein und unscheinbar in ein oder zwei Nürnberger Messehallen beginnt, wächst im Laufe der Jahre nicht nur, sondern entwickelt sich auch zum international unverzichtbaren Branchentreff. 150 Messen und Kongresse organisiert die Gesellschaft jedes Jahr, 66 davon in Nürnberg, den Rest im Ausland. Dem Geschäft außerhalb Deutschlands, sowie mit ausländischen Ausstellern und Besuchern in Nürnberg verdankt man die Hälfte des Umsatzes. „Wir profitieren ganz gewaltig von der EU und dem europäischen Markt“, sagt Ottmann.
Das Geschäft beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die Vermietung von Ausstellungsfläche. Ein Viertel des Umsatzes steuern nach Angaben des zuständigen Vorstandsmitglieds Martin Kassubek Service-Dienstleistungen bei, erbracht von eigenen Tochtergesellschaften und knapp zwei Dutzend Servicepartnern. Längst geht es dabei nicht mehr nur um praktische Dinge wie Standaufbau, Strom oder Catering, immer größer werden Angebot und Anteil digitaler Services. Kassubek zufolge wird die Messegesellschaft in diesem Jahr eine Online-Plattform einführen, auf der Aussteller ihre Messeauftritte in etwa so konfigurieren können, wie Autokäufer das beim Neuwagenkauf tun. Mit Unterstützung von KI, die auch in vielen internen Bereichen der Nürnberg-Messe immer häufiger zum Einsatz kommt.
