Die Preisträger stehen bei der Verleihung des 38. Europäischen Filmpreises auf der Bühne.

Stand: 21.01.2026 14:19 Uhr

Mehr Preise und mehr Aufmerksamkeit: Europäische Filme feiern international derzeit Erfolge. Dabei unterscheiden sie sich von den großen Hollywood-Produktionen. Was macht Europa anders?

Von Florian Schmidt und Patricia Batlle, NDR Kultur

Europäische Filme sind international so sichtbar wie seit Jahren nicht mehr. Noch nie wurde eine norwegische Produktion so oft für einen Golden Globe nominiert wie „Sentimental Value“ – insgesamt acht Mal. Hauptdarsteller Stellan Skarsgård wurde schließlich ausgezeichnet. Dazu gewann das Drama von Joachim Trier beim Europäischen Filmpreis vergangene Woche fünf weitere Preise, unter anderem den als bester Film.

Auch andere europäische Produktionen wie der spanische Thriller „Sirāt“ oder „In die Sonne schauen“ der deutschen Regisseurin Mascha Schilinski sorgen international für Aufmerksamkeit. Beide Filme stehen vor ihrem US-Kinostart. Gleichzeitig rücken mit der Berlinale und den bevorstehenden Oscar-Nominierungen weitere europäische Produktionen in den Fokus einer globalen Öffentlichkeit.

Reichweite europäischer Filme auf neuem Hoch

Diese Erfolge markieren eine Entwicklung, die sich auch in Zahlen zeigt. Rund ein Drittel aller Kinobesuche in Europa entfiel nach Angaben der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle im Jahr 2024 auf europäische Produktionen. Das ist der höchste Wert seit Jahren. Während US-Filme Marktanteile verloren, legten europäische Filme spürbar zu.

In Deutschland verzeichneten die Arthouse-Kinos 2025 ein Besucherplus von mehr als fünf Prozent. Mit dem Historiendrama „Amrum“ des Hamburgers Fatih Akin führte erstmals seit Jahren wieder ein deutscher Film die Arthouse-Jahrescharts an.

„Eine andere Form des Erzählens“

Was europäische Filme verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Stil, als ihre Eigenständigkeit. Der Oscar-Preisträger, Regisseur und Präsident der Deutschen Filmakademie Florian Gallenberger sieht darin einen entscheidenden Faktor für den internationalen Erfolg: „Diese Andersartigkeit, diese Eigenheit, diese Einzigartigkeit ist sicher ein Teil des Grundes, warum diese Filme international funktionieren“, sagt der 53-Jährige im Gespräch mit NDR Kultur.

Von einem einheitlichen europäischen Film könne ohnehin keine Rede sein. „Der Begriff beschreibt eher eine Familie von Filmen“, so Gallenberger, „oft als Gegenentwurf zu Hollywood, geprägt von Sensibilität, Atmosphäre und einer anderen Form des Erzählens“.

Regisseur Florian Gallenberger betont die „Andersartigkeit“ von europäischen Filmen.

Mit eigenem Stil nach Hollywood

Viele Regisseurinnen und Regisseure seien mit diesem Gespür auch in Hollywood erfolgreich geworden. Das zeige die internationale Relevanz dieser Handschrift. Gallenberger verweist auf den Griechen Yorgos Lanthimos.

Dieser begann mit europäisch geprägten Filmen wie „The Lobster“ und arbeitet heute erfolgreich in den USA. Mit „The Favourite“ und „Poor Things“, besetzt mit US- und britischen Stars, hat Lanthimos mehrere Oscars gewonnen. „Dieses Gespür für ungewöhnliche Erzählweisen bleibt“, sagt Gallenberger, „auch, wenn sich Produktionsbedingungen ändern“.

Bereits 2007 beschrieb der Hamburger Regisseur und Golden-Globe-Preisträger Fatih Akin bei der Gala zum Europäischen Filmpreis seine Prägung so: „Ich bin ein Kind des europäischen Kinos.“

Streaming setzt auch auf regionale Perspektiven

Verändert hat sich allerdings das Umfeld, in dem europäische Filme entstehen. Streamingdienste sind zu zentralen Akteuren geworden, finanziell wie strukturell. Für Florian Gallenberger ist das ambivalent, aber nicht grundsätzlich negativ. Plattformen wie Netflix und Disney+ hätten erkannt, dass lokal verortete Geschichten international funktionieren.

Erfolgreiche Beispiele dafür sind die deutsche Serie „Dark“, die spanische Produktion „Haus des Geldes“ oder das französische Format „Lupin“. Während Hollywood traditionell Stoffe für ein globales Publikum entwickle, setzten viele Streaming-Originale bewusst auf regionale Perspektiven – und machten sie weltweit sichtbar.

Auch der Europäische Filmpreis spiele in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Er verschaffe Filmen Aufmerksamkeit, die sonst kaum wahrgenommen würden, und ermögliche ihnen erst eine Kinoauswertung jenseits des Heimatmarkts, sagt Gallenberger.

„Für den Zuschauer ist ein Film ein Film“

Regisseur Volker Schlöndorff ist eine der prägenden Figuren des europäischen Kinos. Für den 86-Jährigen ist Europa heute vor allem ein gemeinsamer Produktionsraum. Nationale Filmbewegungen wie die französische Nouvelle Vague oder der Neue Deutsche Film hätten ihre Zeit gehabt. „Diese nationalen Kategorien sind weggefallen“, meint Schlöndorff. „Es geht praktisch nicht mehr ohne Koproduktionen mit anderen europäischen Ländern. Ein Land ist zu klein – es ist kein Markt.“

Für das Publikum spiele die Herkunft eines Films dabei eine immer geringere Rolle. „Für den Zuschauer ist ein Film ein Film. Er fragt nicht nach dem Pass“, sagt Schlöndorff im Gespräch mit dem NDR. Entscheidend sei, ob eine Geschichte überzeugt.

Volker Schlöndorff sieht Europa als neuen Produktionsraum für Filme.

Noch keine europäischen Blockbuster

Trotz internationaler Preise und wachsender Aufmerksamkeit bleibt das europäische Kino verletzlich. Hohe Produktionskosten, komplexe Förderstrukturen und der wachsende Einfluss globaler Plattformen setzen die Branche unter Druck. Viele der beim Europäischen Filmpreis preisgekrönten Beiträge bleiben Arthouse-Produktionen mit begrenzter Reichweite. Schlöndorff analysiert: „Deshalb ist das Interesse für den Filmpreis beim allgemeinen Publikum minimalistisch.“

Trotzdem bleibt der Oscar-Preisträger und „Blechtrommel“-Regisseur vorsichtig optimistisch. Beim Blick auf den Europäischen Filmpreis sei immer wieder zu sehen, „wie vielfältig und lebendig dieses Kino ist.“ Schlöndorffs Fazit fällt nüchtern aus: „Man kann nicht sagen, es geht dem europäischen Film gut – aber es gibt ihn.“

Vielleicht liegt genau darin seine Stärke: in der Vielfalt, der Beharrlichkeit und der Fähigkeit, immer wieder neue Stimmen hervorzubringen. Auch unter wirtschaftlichem Druck und in einem zunehmend globalisierten Markt.