Steinhagen. Als Wolfgang Groß vor gut einem Jahr beim Aufräumen im Wohnzimmer auch das Regal mit seiner Musiksammlung in Angriff nimmt, hält er plötzlich inne. Zwei CDs rutschen ihm entgegen. Darauf befinden sich Aufnahmen aus dem Bunker Ulmenwall in Bielefeld. Ein echter Kult-Laden, zu dem Wolfgang Groß eine besondere Verbindung hat.

Der Steinhagener war von 1996 bis 2015 Vorsitzender des Bunker-Vereins. Außerdem hat er über viele Jahre als Booker für den Club gearbeitet und unzählige Musiker und Bands nach Bielefeld geholt. Zweifelsohne hat er damit maßgeblich am guten Ruf des Bunker Ulmenwalls mitgewirkt. Kein Wunder also, dass sich im Wohnzimmer des heute 78-Jährigen unzählige Reliquien aus der einstigen Jazz-Pilgerstätte finden.

Die auf zwei Silberlinge gepresste Tonaufnahme, die Wolfgang Groß vor einem Jahr wiederentdeckt, erinnern ihn an einen besonders legendären Abend im Bunker. Von denen gab es natürlich so einige, aber dieser hatte erkennbar Bedeutung, weshalb Techniker Karl Godejohann damals einen Mitschnitt anfertigte. Es war im Herbst 2014, und das Bunker-Team mit Geschäftsführer Carsten Nolte hatte für ein besonderes Konzert die japanische Jazz-Pianistin Satoko Fujii und ein eigens für diesen Anlass zusammengetrommeltes Bunker-Ulmenwall-Orchester zusammengebracht.

Tonaufnahme aus dem Bunker war in Vergessenheit geraten


Die bekannte Pianistin Satoko Fujii hat auch in Steinhagen mehrmals Konzerte gegeben. - © Bryan Murray

Die bekannte Pianistin Satoko Fujii hat auch in Steinhagen mehrmals Konzerte gegeben.
| © Bryan Murray

„Zum Orchester gehörten neben Profis auch einige Musikschüler aus der Bielefelder Szene. Junge Talente, von denen einige heute erfolgreiche Musiker sind“, erinnert sich Wolfgang Groß. Das Konzert mit der renommierten Avantgarde-Jazz-Pianistin Satoko Fujii sei beim Publikum sehr gut angekommen. „Ich sehe noch genau vor mir, dass der Laden richtig voll war“, weiß Wolfgang Groß. Auf YouTube existiert ein kurzer Ausschnitt aus dem Konzert. Dem Auftritt im Bielefelder Bunker folgten weitere Gigs in Osnabrück, Münster und Gütersloh sowie ein Gastspiel in der Bielefelder Oetker-Halle.

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Nachdem er die in Vergessenheit geratenen Aufnahmen von jenem Abend entdeckt hat, schiebt Wolfgang Groß eine der beiden CDs in den Player. „Ich war so überrascht davon, wie gut das klang“, sagt der Musikfan. „Dann habe ich Karl Godejohann angerufen und ihn gefragt: Hey Karl, hast du die Dateien noch? Hör dir das mal an!“

An die weltweit als Musikerin gefeierte Satoko Fujii schickt Wolfgang Groß die Original-Files von damals. Der Kontakt zu der Pianistin war nie abgebrochen. So war es auch möglich, dass die Japanerin nicht nur in Japan, den USA, Australien und Europa auf der Bühne stand, sondern auch viermal in Steinhagen aufgetreten ist. „Satoko war überrascht, dass die Aufnahmen aus dem Bunker Ulmenwall überhaupt existieren“, berichtet Wolfgang Groß.

Steinhagener hält bis heute Kontakte zu vielen Musikern

Weil die Begeisterung von allen Beteiligten so groß ist, erwächst daraus die Idee, das bahnbrechende Projekt von damals zwölf Jahre später als Doppel-CD zu veröffentlichen. Zusammen mit Satoko Fujii, Karl Godejohann und dem damaligen Musikerkoordinator Andreas Kaling verwirklicht Wolfgang Groß die Doppel-CD mit fast allen Titeln, die damals im Konzert gespielt wurden.

Um die Herstellungskosten zu finanzieren, starten Wolfgang Groß und seine Mitstreiter eine Crowdfunding-Kampagne. „Die Kampagne hatte Erfolg, sodass wir 500 Exemplare der Doppel-CD produzieren konnten“, sagt Wolfgang Groß. „Dadurch ist eine wunderbare Erinnerung entstanden; das war mir wichtig.“ Wer das legendäre Konzert hören möchte, kann die Aufnahme mit dem Titel „Satoko Fujii – Bunker Ulmenwall Orchestra“ bei Wolfgang Groß zum Preis von 15 Euro bestellen über die E-Mail-Adresse wolfgang.gross@gmx.de.


Die Doppel-CD "Satoko Fujii - Bunker Ulmenwall Orchestra" kann bei Wolfgang Groß bestellt werden. - © Frank Jasper

Die Doppel-CD „Satoko Fujii – Bunker Ulmenwall Orchestra“ kann bei Wolfgang Groß bestellt werden.
| © Frank Jasper

„Ich habe bis heute gute Erinnerungen an den Bunker Ulmenwall und halte noch zu vielen Musikern Kontakt“, erzählt Wolfgang Groß. Dass der berühmte Bielefelder Veranstaltungsort ständig ums Überleben kämpfen muss, unter anderem weil öffentliche Förderung wegbricht, schmerzt den Musikliebhaber aus Steinhagen natürlich sehr. „Wenn das Geld knapp wird, fällt die Kultur in der Regel als Erstes hintenüber“, stellt der ehemalige Konzertveranstalter mit Bedauern fest. Die von ihm initiierte Doppel-CD ist somit auch ein wertvoller Beitrag, die ein Stück Bielefelder Jazz-Geschichte dokumentiert.

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