Was lange als entlegene Randzone der Weltpolitik galt, rückt unerwartet schnell ins Zentrum globaler Interessen. Die Arktis erwärmt sich nahezu viermal schneller als der globale Durchschnitt, die sommerliche Meereisausdehnung geht seit Jahrzehnten messbar zurück. Dadurch verändert sich nicht nur ein Ökosystem, sondern ein geopolitischer Raum.
Arktis-Zugang als neue Ressource
Die aktuelle Megatrend-Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) beschreibt diese Entwicklung als ein „gradually-then-suddenly“-Szenario, also als lange Zeit schleichend, dann mit abrupten Folgen. Genau diese Mischung aus Berechenbarkeit und Unsicherheit macht die Arktis für Staaten wie Russland und China strategisch attraktiv und riskant zugleich.
Der wichtigste Rohstoff des Nordpolgebiets ist zunehmend Zugang. Schwindendes Eis öffnet Seewege, verlängert Navigationsfenster und erleichtert den Bau von Infrastruktur. Dass dieser Wandel längst eingesetzt hat, belegen offizielle Zahlen: Laut dem Arctic Council hat sich die in arktischen Gewässern zurückgelegte Schifffahrtsdistanz zwischen 2013 und 2024 mehr als verdoppelt, die Zahl der eingesetzten Schiffe stieg im selben Zeitraum um rund ein Drittel.
Treiber sind nicht nur touristische oder wissenschaftliche Fahrten, sondern vor allem Industrie- und Rohstoffprojekte, etwa Exporte verflüssigten Erdgases (Liquefied Natural Gas, LNG) aus Nordrussland.
Für Russland bedeutet dieser Zugang die Chance, die Nördliche Seeroute zu einer verlässlichen Alternative zu Suez- oder Panamakanal auszubauen. Moskau bezeichnet die Route in seinen offiziellen Arktis-Strategien ausdrücklich als strategischen Transportkorridor und als Rückgrat einer künftigen arktischen Wirtschaftszone. Wer diese Route mit Eisbrechern, Häfen, Satellitenkommunikation und Such- und Rettungsdiensten kontrolliert, gewinnt ökonomischen und politischen Hebel.
Alte Rohstoffe, neue Dimension
Dass die Arktis reich an Bodenschätzen ist, ist kein neues Wissen. Die United States Geological Survey (USGS) schätzt, dass rund 13 Prozent der weltweit noch unentdeckten konventionellen Erdöl- und 30 Prozent der Erdgasvorkommen nördlich des Polarkreises liegen, überwiegend offshore. Hinzu kommen große Lagerstätten an Nickel, Palladium, Kobalt und seltenen Erden, etwa in Russland, Grönland und Norwegen.
Neu ist weniger das Vorhandensein dieser Ressourcen als ihre zunehmende technische und logistische Erreichbarkeit. Längere eisfreie Perioden senken Transportkosten, erleichtern Probebohrungen und den Abtransport von Erzen. EY weist zugleich darauf hin, dass wirtschaftliche Nutzung keineswegs kurzfristig garantiert ist: extreme Umweltbedingungen, hohe Investitionskosten und strenge Umweltauflagen bleiben massive Hürden. Dennoch zählt in der Geopolitik oft nicht der sofortige Ertrag, sondern die langfristige Positionierung.
Russlands Blick nach Norden: Kontrolle und Tiefe
Für Russland ist die Arktis kein Zukunftsprojekt, sondern Teil der nationalen Identität und Sicherheitsarchitektur. Ein großer Teil der russischen Gasförderung stammt bereits heute aus arktischen Regionen, etwa von der Jamal-Halbinsel. Die westlichen Sanktionen infolge des Ukraine-Kriegs haben diesen Fokus noch verstärkt und zugleich die Abhängigkeit neuer Abnehmer, vor allem China, erhöht.
Parallel baut Russland seine militärische Präsenz entlang der arktischen Küste aus. Radarstationen, Flugplätze und Stützpunkte dienen nicht nur der Verteidigung, sondern sichern wirtschaftliche Interessen. EY beschreibt dieses Zusammenspiel aus ziviler und militärischer Infrastruktur als „geopolitische Erwärmung“: Wo Handel zunimmt, folgen staatliche Machtansprüche.
Chinas Interesse: Präsenz, Regeln, Zukunft
China ist kein arktischer Staat, positioniert sich aber seit Jahren als „near-Arctic State“. In seinem offiziellen Arktis-Weißbuch betont Peking, der arktische Klimawandel habe globale Auswirkungen und legitimiere chinesische Mitwirkung an Forschung, Schifffahrt und Ressourcennutzung. Ziel sei eine „Polare Seidenstraße“ als Teil der Belt-and-Road-Initiative.
Chinas Ansatz ist weniger territorial als strukturell: wissenschaftliche Expeditionen, Beteiligungen an Infrastrukturprojekten, Kooperationen im Energie- und Rohstoffbereich. Forschung spielt dabei eine doppelte Rolle. Ozeanografische Daten, Eisbeobachtungen und Tiefenvermessungen sind für den Klimaschutz relevant, haben aber auch strategischen Wert für Navigation und Sicherheit. Diese Ambivalenz erklärt, warum westliche Staaten Chinas wachsende Präsenz zunehmend skeptisch betrachten.
Risiken und Regeln
Ein oft übersehener, aber zentraler Aspekt ist das Völkerrecht. Mehrere Arktisstaaten, darunter Russland, Kanada und Dänemark, haben bei den Vereinten Nationen Anträge eingereicht, um ihre erweiterten Festlandsockel nach dem UN-Seerechtsübereinkommen (United Nations Convention on the Law of the Sea, UNCLOS) anerkennen zu lassen. Wer nachweisen kann, dass sich der Kontinentalschelf geologisch fortsetzt, erhält exklusive Rechte an Ressourcen auf und unter dem Meeresboden.
Diese Verfahren dauern Jahrzehnte und beruhen auf komplexer geologischer Forschung. Doch genau hier zeigt sich, warum wissenschaftliche Präsenz Macht bedeutet: Daten von heute entscheiden über Förderrechte von morgen.
Unter dem Eis der Arktis liegt aber nicht nur wirtschaftliches Potenzial, sondern auch ein globales Risiko. Die arktischen Permafrostböden speichern gewaltige Mengen Kohlenstoff. Schätzungen aus der Fachliteratur gehen von rund 1.000 Gigatonnen allein in den oberen drei Metern aus. Tauen diese Böden, können Kohlendioxid und Methan freigesetzt werden und die Erderwärmung weiter beschleunigen.
Hinzu kommen Risiken durch wachsenden Schiffsverkehr. Eine Studie des Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP) zeigte bereits 2015, dass Rußpartikel aus Schiffsemissionen die Eisoberfläche abdunkeln und das Schmelzen verstärken. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) reagierte darauf mit dem Polar Code und einem Verbot von Schweröl in arktischen Gewässern, das seit 2024 gilt. Doch Regulierung und Kontrolle bleiben angesichts steigender Nutzung eine Herausforderung.
Topaktuell
Raum im Übergang
Die EY-Analyse kommt zu einem nüchternen Schluss: Die Arktis steht an einem Kipppunkt. Alte Kooperationsmodelle, etwa im Rahmen des Arktischen Rates, geraten unter Druck, während wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen wachsen. Zugleich existieren Beispiele funktionierender Vorsorge, etwa das internationale Abkommen zum Schutz der Fischbestände im Zentralarktischen Ozean, das kommerzielle Fischerei bis mindestens 2037 aussetzt.
Für Russland und China ist die Polarregion damit weniger ein kurzfristiger Rohstoffrausch als ein strategischer Langzeitraum. Unter dem Eis liegen Energie, Metalle und neue Seewege, aber ebenso Konfliktpotenzial und ökologische Kosten. Welche dieser Faktoren überwiegen, entscheidet sich nicht in einem einzigen Sommer ohne Eis, sondern in den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen der kommenden Jahrzehnte.
Quellen: Ernst & Young; Arctic Council; Garant; United States Geological Survey; State Council Information Office; „Estimated stocks of circumpolar permafrost carbon with quantified uncertainty ranges and identified data gaps“ (Biogeosciences, 2014); Arctic Monitoring and Assessment Programme; International Maritime Organization
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