Donald Trumps Auftritt beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos war mehr als eine provokante Rede. Mit der offenen Drohung, den Streit um Grönland politisch und wirtschaftlich zu eskalieren, hat der US-Präsident eine Schwachstelle offengelegt, die die Europäische Union seit Jahren begleitet: die enge Verzahnung von Energieabhängigkeit, Sicherheitspolitik und geopolitischer Handlungsfähigkeit. Der Konflikt dreht sich nicht nur um ein arktisches Territorium, sondern um die Frage, wie widerstandsfähig Europa in einer Welt zunehmender Machtpolitik tatsächlich ist.
Sicherheitspolitischer Prüfstein Grönland
Trump begründete seinen Anspruch in Davos explizit mit nationaler und internationaler Sicherheit. Grönland sei strategisch nicht zu verteidigen – zumindest nicht durch europäische Partnerstaaten innerhalb der NATO. Diese Argumentation ist nicht neu, erhält aber im aktuellen Kontext neues Gewicht. Die Insel liegt zwischen Nordamerika, Russland und Europa und ist seit Jahrzehnten Teil der nordamerikanischen Frühwarnarchitektur.
In Nordwestgrönland betreibt die United States Space Force mit der Pituffik Space Base (vormals Thule Air Base) ein zentrales Element der Raketenfrühwarnung. Dort ist ein sogenanntes Upgraded Early Warning Radar (AN/FPS-132) stationiert, ein phasengesteuertes Radarsystem zur Erkennung und Verfolgung ballistischer Raketen. Offizielle Informationen der Space Force zeigen, dass die Basis fest in die nordamerikanische Luft- und Raumverteidigung eingebunden ist und eine Schlüsselrolle bei der Überwachung des arktischen Luftraums spielt.
Faktisch verfügen die USA damit bereits heute über weitreichende militärische Rechte in Grönland – auf Grundlage des Verteidigungsabkommens mit Dänemark von 1951, das im Rahmen der NATO geschlossen wurde und im Vertragsregister der Vereinten Nationen dokumentiert ist. Trumps Forderung nach vollständigem Eigentum geht daher über operative Notwendigkeiten hinaus. Sie zielt auf politische Kontrolle und symbolische Machtprojektion.
„Das ist unser Territorium.“
Donald Trump beschrieb Grönland im Rahmen seiner Rede als riesiges, kaum bewohntes und ungeschütztes Gebiet in strategischer Schlüsselposition zwischen den USA, Russland und China. Früher sei diese Lage weniger relevant gewesen, heute habe sie stark an Bedeutung gewonnen. Rohstoffe seien nicht der ausschlaggebende Grund, entscheidend sei allein die strategische Bedeutung für die nationale und internationale Sicherheit.
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„Diese riesige ungesicherte Insel ist eigentlich Teil Nordamerikas an der nördlichen Grenze der westlichen Hemisphäre“, betonte der 79-Jährige in Davos. „Das ist unser Territorium.“
Seit Jahrhunderten verfolge die US-Politik das Ziel, äußere Bedrohungen von der westlichen Hemisphäre fernzuhalten. Die USA seien heute stärker denn je. Deshalb hätten amerikanische Präsidenten seit fast 200 Jahren versucht, Grönland zu erwerben. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe man die Gelegenheit verpasst, heute sei ein Erwerb aus seiner Sicht noch notwendiger.
Selbstbestimmung versus Machtanspruch
Juristisch ist dieser Anspruch hoch problematisch. Grönland ist kein klassisches dänisches Überseegebiet, sondern besitzt seit 2009 weitgehende Selbstverwaltungsrechte. Das grönländische Selbstverwaltungsgesetz erkennt die Grönländer*innen ausdrücklich als eigenständiges Volk mit dem Recht auf Selbstbestimmung nach internationalem Recht an.
Eine Änderung des Status oder gar ein Eigentumsübergang müsste daher zwingend von der Bevölkerung der Insel getragen werden. Ein „Kauf“ gegen den erklärten Willen der Grönländer*innen wäre völkerrechtlich kaum haltbar. Dass Trump diese Dimension weitgehend ausblendet, verweist auf den eigentlichen Kern des Konflikts: Es geht weniger um Recht als um Macht und darum, ob Europa dieser Macht etwas entgegensetzen kann.
Energieabhängigkeit als geopolitischer Hebel
Hier liegt Europas zentrale Verwundbarkeit. Die Europäische Union hat ihre Abhängigkeit von russischem Gas seit dem Jahr 2022 massiv reduziert. Nach Angaben des Rates der Europäischen Union lag der russische Anteil an den Gasimporten der EU im Jahr 2024 bei unter 19 Prozent, gegenüber über 40 Prozent im Jahr 2021. Parallel dazu stieg die Bedeutung der USA deutlich an: Rund 16,5 Prozent aller EU-Gasimporte stammten 2024 aus den Vereinigten Staaten, beim Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) lag der US-Anteil bei rund 45 Prozent.
Diese Entwicklung gilt energiepolitisch als Erfolg, schafft jedoch eine neue strategische Abhängigkeit. Anders als Pipelinegas wird LNG zwar über private Lieferverträge gehandelt, doch die Exportinfrastruktur unterliegt staatlicher Kontrolle. Nach dem US-amerikanischen Natural Gas Act benötigen Exporte von Erdgas und LNG eine Genehmigung des Energieministeriums. Zusätzlich verfügt der US-Präsident im Rahmen von nationalen Energie- oder Sicherheitsnotständen über weitreichende Eingriffsbefugnisse, wie Analysen des Congressional Research Service zeigen.
Diese Konstellation ermöglicht es Washington theoretisch, Energie als politisches Druckmittel einzusetzen. Selbst wenn ein tatsächlicher Lieferstopp auch der US-Energiewirtschaft schaden würde, reicht bereits die Andeutung staatlicher Eingriffe, um Unsicherheit auf den Märkten zu erzeugen – und politischen Druck auf Europa aufzubauen.
„Wir werden uns daran erinnern“
„Wir wollen also ein Stück Land zum Schutz der Welt, und sie geben es uns nicht“, fasste Trump den Streit um Grönland zusammen und ergänzte: „Sie haben die Wahl. Sie können Ja sagen, und wir wären Ihnen sehr dankbar. Oder Sie können Nein sagen, und wir werden uns daran erinnern.“
Kurz danach betonte Trump, die USA hätten „nie etwas verlangt und nie etwas bekommen“ und fügte hinzu, man werde „wahrscheinlich nichts bekommen, es sei denn, ich entscheide mich für übermäßige Stärke und Gewalt, bei der wir ehrlich gesagt unaufhaltsam wären“. Zwar schob er umgehend nach, er werde diesen Weg nicht gehen und „keine Gewalt anwenden“, doch allein die explizite Benennung dieser Option verschiebt den Tonfall: Er stellt damit militärische Überlegenheit als realistische Alternative in den Raum, nicht als abstrakte Möglichkeit.
Gerade in der Kombination mit der Formulierung „wir werden uns daran erinnern“ wirkte Trumps Dementi weniger deeskalierend als kalkuliert. Die Botschaft lautet nicht, dass Gewalt ausgeschlossen sei, sondern dass sie verfügbar wäre und bewusst zurückgehalten werde. Wiederholt stellte der US-Präsident auch potenzielle Strafzölle in den Raum. Damit bleibt die Drohkulisse bestehen: Zustimmung wird mit Dankbarkeit in Aussicht gestellt, Ablehnung mit unbestimmten, aber spürbaren Konsequenzen.
Topaktuell
Europas Antwort: begrenzt, aber existent
Die Europäische Union ist diesem Druck nicht vollständig ausgeliefert. In Brüssel wird über mögliche Gegenmaßnahmen diskutiert, darunter Zölle sowie der Einsatz des sogenannten Anti-Coercion Instrument. Dieses Instrument wurde 2023 per Verordnung (EU) 2023/2675 beschlossen und soll gezielt auf wirtschaftliche Erpressung durch Drittstaaten reagieren. Im Extremfall erlaubt es Beschränkungen bei Handel, Investitionen oder dem Zugang zu öffentlichen Aufträgen.
Allerdings ist dieses Instrument bewusst als letztes Mittel konzipiert. Es setzt formale Prüfverfahren und politische Mehrheiten voraus. Der Grönland-Streit macht damit ein strukturelles Problem sichtbar: Europas Entscheidungsprozesse sind komplex, langsam und stark von innerer Einigkeit abhängig – ein klarer Nachteil gegenüber einem US-Präsidenten, der Drohungen kurzfristig, öffentlich und unilateral formuliert.
Diese kurzfristige Eskalations- und Entscheidungsfreude zeigte sich umso deutlicher im Nachgang zu Trumps Rede: Nachdem er überraschend seine Strafzoll-Drohung gegen mehrere europäische Länder zurücknahm, erklärte er am Mittwochabend via Truth Social, dass in Davos mit dem NATO-Generalsekretär Mark Rutte ein Rahmen für ein zukünftiges Abkommen in Bezug auf Grönland und die gesamte Arktisregion geschaffen worden sei.
Aufgrund dieser Übereinkunft verzichtete er vorerst auf die für Anfang Februar geplanten Zölle, auch wenn Details des Abkommens unklar bleiben und Dänemark betonte, dass die Souveränität der Insel nicht verhandelbar sei und ein Verkauf nicht Thema sei. Der vorläufige politische Rahmen dämpfte die unmittelbare Eskalation, lässt Europas strategische Verwundbarkeit jedoch unverändert bestehen.
Quellen: United States Space Force; United States Department of State; The White House; YouTube/The White House; Statsministeriet; Rat der Europäischen Union; Amtsblatt der Europäischen Union; Truth Social/@realDonaldTrump
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