Zu den baulichen Spezialitäten in dieser Stadt gehören neben dem Fernsehturm, der Staatsgalerie, den Stäffele und dem unfertigen Bahnhofsneubau die ewige Diskussion um die architektonische Qualität des Marktplatzes. Denn anders als in anderen Großstädten wirkt der zentrale Platz und das Gebäudeensemble vor dem Rathaus alles andere als repräsentativ oder gar prachtvoll. Und aktuell sorgt eine Aufstockung eines Eckhauses am Platz für Aufregung. Das hat gute und weniger gute Gründe.

Kurz, aber sehenswert: der 300 Meter lange Architektur-Spaziergang im Herzen Stuttgarts. Foto: STZN/Yann Lange

Also gilt: Wenn drei Stuttgarter über ihren Marktplatz sprechen, gibt’s am Ende mindestens vier Meinungen. Immerhin: niemanden lässt der Platz kalt. Und weil es frische, wenn auch noch im Bau befindliche Neuzugänge gibt, führt dieser Architekturspaziergang mitten hinein in die gute Stube Stuttgarts.

1. Stuttgarter Rathaus

Da steht man dann wieder einmal vor dem Gebäude mit der Adresse Marktplatz 1 und denkt sich lediglich wie so oft: Muss ich rein oder kann ich weg? Das Staunen hält sich angesichts des nüchtern-sachlichen Fassadenanmutung in Grenzen. Seit dem 4. Mai 1956 steht das neue Rathaus an der Stelle des alten, das bei einer nächtlichen Bombardierung im Juli 1944 erheblich beschädigt wurde.

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges sind an dieser Stelle Stuttgarts immer noch deutlich sicht- und spürbar, weil den Planern und Erbauern des Rathauses aus den 50er Jahren eben nicht gelungen ist, wonach sie sich sehnten: das Vergessen der alten, belastenden Zeiten. Zweifel gab es seinerzeit schon. Es könne sehr wohl sein, dass das neue Rathaus nicht jedem Bürger gefalle, räumte der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett in seiner Festrede ein.

Das Stuttgarter Rathaus. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Eine Rekonstruktion des Vorgängerbaus stand dennoch nicht zur Debatte. Also wurde 1950 ein Wettbewerb ausgelobt – und 1956 war es nach dreijähriger Bauzeit vollbracht. Die Architekten Hans Paul Schmohl und Paul Stohrer wollten just am Marktplatz Stuttgart mit der Moderne versöhnen, der Marktplatzflügel war eine schwäbische Hommage an den Internationalen Stil.

Darüber kann man trefflich streiten, denn der besagte Internationale Stil ist nicht leicht zu fassen und viele herausragende Beispiele dieser Architekturschule sind Hochhäuser, etwa das aus den Nachrichten hinlänglich bekannte 39-stöckige Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York – ein funkelnder Riesenquader aus Glas, Stahl und Beton.

Der Turm des Stuttgarter Rathauses misst hingegen nur 60 Meter. Die Vermeidung jeglicher Ornamentik, die Wiederholung und Regelmäßigkeit der schlichten Fassaden- und Fenstermodule mögen manchen gefallen und den demokratischen Aufbruch im Nachkriegsdeutschland symbolisieren. Für andere aber besitzt der Marktplatzflügel den prickelnden Charme eines Regals voller Leitzordner.

Wer die alten Fotos und Postkarten kennt, weiß: Das alte Rathaus im Stil der flämischen Spätgotik – von 1899 und 1905 nach Plänen von Heinrich Jassoy und Johannes Vollmer erbaut – war ein echter Hingucker gewesen. Die Stuttgarter liebten ihr Rathaus, von dem auch nach dem Bombardement noch die Mauern standen, was auch für die Seitenflügel galt, die man teilweise retten konnte und wollte.

Doch das war keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem baulichen Erbe. Man wollte vergessen oder wenigstens verdrängen, die Stuttgarter Stadtplaner hatten nach dem Krieg keinerlei Sinn mehr für das Historische und vollendeten mit den Abrissbirnen, was die Bomben nicht geschafft hatten – und zwar noch Jahrzehnte nach dem Krieg. Das gilt auch für das Rathaus. Heutzutage hätte man so viel wie möglich von der ursprünglichen Bausubstanz erhalten und durch neue Aufbauten gewissermaßen architektonisch repariert.

2. Haus des Tourismus

Stichwort Reparieren: wo einst lange Zeit das Modehaus Breitling stand, heißt nun das Haus des Tourismus Besucher willkommen. Nach der Schließung des Kaufhauses Ende 2020 hat das Gebäude ein neues Gesicht erhalten. Beim Umbau des dunklen, recht abweisenden Klotzes mit dem seitlich versteckten Eingang blieb lediglich das grobe Gerüst aus Beton stehen. Alle konstruktiven Ergänzungen wurden hingegen in Holz errichtet. Aus ökologischer Sicht ist es fast immer sinnvoll, ein Bestandsgebäude zu erhalten und energetisch zu sanieren, statt es für einen energieeffizienteren Neubau abzureißen.

Marktstraße 2 in Stuttgart. Einst Bekleidungsgeschäft, nun Haus des Tourismus. Foto: Pavlovic

Die Umsetzung verantwortete das Büro asp Architekten. Für die Gestaltung der Innenräume zeichnen Ippolito Fleitz Group verantwortlich. Beide sind bekanntermaßen in Stuttgart ansässig. Umbau statt Abriss war die eine Herausforderung, die andere die formal-ästhetische Umsetzung in dieser schwierigen Nachbarschaft. Auch wenn die jetzige Marktplatzbebauung mit ihrem Versuch, mit modern anmutenden Stilmitteln der 50er Jahre eine bürgerlich-identitätsstiftende Kulisse zu schaffen, gescheitert ist, musste das Büro asp Architekten darauf reagieren.

Und das ist tatsächlich auf eine angemessene, unprätentiöse, auch farblich zurückhaltende Weise gelungen. Nun gibt es große Fensterflächen, freie Sichtachsen und Blickbeziehungen zu den aufgestellten Flachdachschachteln rund um den Platz. Der Eingang zum Haus des Tourismus befindet sich auf der Marktplatzseite, das Haus ist im besten Sinne einladend.

Ein Restaurant und Café im Erdgeschoss bieten auch den Einheimischen einen Mehrwert, die schon alles über Stadt zu wissen glauben. Und wer noch ein wenig Geduld hat, kann demnächst von der Rooftopbar auf dem Dach des umgebauten Breitling-Baus den sich wandelnden Marktplatz beäugen.

3. Eckhaus-Aufstockung

Aber man muss gar nicht auf ein Dach steigen, um den eigentlichen Aufreger am Marktplatz zu identifizieren. Gemeint ist das Eckhaus mit der Nummer 14 vis à vis des Rathauses. Im Haus befand sich über hundert Jahre lang ein gediegenes Schuhgeschäft, die Älteren werden sich erinnern. Jetzt ist nach der Kernsanierung und Umgestaltung der Großteil des Gerüsts entfernt worden – und der Höhenunterschied zu den Nachbargebäuden ist markant. Der Zugewinn an Höhe? Mehr als sieben Meter.

Aufgestocktes Eckhaus, Marktplatz 14. In der Bildergalerie findet sich eine historische Ansicht zum Vergleich. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Doch allen, die jetzt eine neuerliche Bausünde vermuten, sei gesagt: Sowohl das Satteldach als auch die Höhe sind zumindest im Sinne einer historischen Wiederaufnahme korrekt. Denn das Gebäude war das einzige, das den Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden überstanden hat – samt Satteldach. Die Dachaufstockung wiederum ist aus Holz, was – wie beim Haus des Tourismus – einer zeitgemäßen Bauphilosophie folgt.

Es stimmt schon: Das hell getünchte Eckgebäude von 1908 mit der denkmalgeschützten Hans-Sachs-Figur an der Fassade schaut schon recht selbstbewusst drein, im Vergleich zu den gedrungenen, tiefergelegten Schachtelhäusern rundum hat es Signalwirkung und baut eine Spannung auf.

Es zitiert ja mit seiner Dachaufstockung nicht nur den historischen Kontext vor den Verheerungen des Zweiten Weltkrieg, sondern bringt den Marktplatz auch mit dem in der Stadt nicht minder umstrittenen, aber auch von vielen Tagestouristen gut besuchten von Behnisch Architekten geplanten Dorotheenquartier um die Ecke in Beziehung. Eigentlich ein interessanter architektonischer Dialog, der um das Thema Vergessen und Erinnern kreist. Der Entwurf kommt von dem Stuttgarter Architekturbüro g2o.

4. Haus Eppli

Von dem Eckgebäude mit den Einrüstungen im Erdgeschoss geht es nun in die Münzstraße in Richtung Markthalle, die heute als schönste ihrer Art in Deutschland gilt. Der Bau entstand 1911 bis 1914 nach den Plänen und unter Leitung von Martin Elsaesser, einem herausragenden Architekten, dem Stuttgart einige schöne Bauten zu verdanken hat.

Wäre beinahe abgerissen worden – dis Stuttgarter Markthalle. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Doch wie auch beim Marktplatz wehte in den Nachkriegsjahrzehnten in Sachen „Wiederaufbau“ ein anderer Wind. Im Krieg wurde der Jugendstilbau beschädigt. Anfang der 70er Jahre stand dann ein Komplett-Abriss der Markthalle zur Debatte, man wollte stattdessen eine Multifunktionshalle an dieser Stelle hochziehen. Unfassbar.

Nur einer wehrhaften, engagierten Bürgerinitiative ist es zu verdanken, dass dieser städteplanerische Frevel zuletzt abgewendet werden konnte – aber nur ganz knapp: Der Gemeinderat beschloss nach heftigen Protesten mit einer Stimme Mehrheit den Erhalt der Markthalle. Seit 1973 ist sie denkmalgeschützt. Man geht nun an beiden Eingängen der Markthalle in der Sporerstraße vorbei, um beim Gebäude linkerhand mit der Hausnummer 8 anzukommen. Für alt gewordene Stuttgarter Kinder ist der Anblick ein wenig traurig, denn hier befand sich einst der legendäre Spielwaren Kurtz. Hier bekam man große Augen.

Nun gibt es keine Spielsachen mehr, dafür gibt es einen ambitionierten architektonischen Umbau von Blocher Partners aus Stuttgart zum Schauen. Nach der Schließung des Spielwarengeschäfts mit großer Tradition eröffnete hier vergangenes Jahr das Familienunternehmen Eppli sein Stammhaus. Mehrere Geschäftsbereiche mit Ladeneinheiten sowie die Büros des Auktionsspezialisten residieren in der Sporerstraße 8, wo sich auch der barrierefreie Eingang zur Galerie bis zum Marktplatz befindet.

Schick umgebaut für Second Hand Luxus – Eppli Haus, Sporerstraße 8 in Stuttgart. Foto: Pavlovic

Auch hier geht es um die Reparatur und Umwidmung der vorhandenen, kleinteiligen Bausubstanz. Auffällig sind die lang gezogenen vier Fensterbänder, die das Volumen klar strukturieren und optisch strecken. Auch mit diesem Umbau gelingt der Stadt eine behutsame Aufwertung der komplizierten Hauszeilen im sogenannten venezianischen Stil, allesamt mit diesen eigentümlichen Flachdächern. Die jüngsten architektonischen Eingriffe haben der Stadt und ihrem zentralen Platz eindeutig gutgetan.

In der Bildergalerie finden sich auch historische Ansichten des Marktplatzes.

Info

Route
Der Spaziergang ist weniger als einen Kilometer lang und ohne nennenswerte Steigung, wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, steigt an der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz oder am Rathaus aus.

Einkehren
Die Dachterrassenbar bietet einen tollen Ausblick, das Knitz, ebenfalls im Haus des Tourismus, serviert schwäbische Spezialitäten. Wer es international liebt – in der Markthalle gibt es Obst, Käse, Wurst, Gemüse aus aller Welt, Kuchen- und Brotstände – und eine Austernbar. Im Dorotheenquartier lieben Syltfans die Sansibar (im Breuninger).