
AUDIO: Film „Sentimental Value“ – Ingmar-Bergman-Tiefgang mit Ironie (4 Min)
Stand: 22.01.2026 15:48 Uhr
In Cannes holte Joachim Triers Drama 2025 den Großen Preis der Jury. Im Januar wurde „Sentimental Value“ mit einem Golden Globe für Nebendarsteller Stellan Skarsgård – und mit sechs europäischen Filmpreisen ausgezeichnet. Nun hat das Drama neun Oscarnominierungen erhalten.
Am Donnerstag hat die Oscar-Academy ihre Nominierungen für den 15. März verkündet. Mehrere nicht in den USA produzierte Filme sind auf den Nominierungslisten. Jedoch keiner so oft, wie das norwegische Drama „Sentimental Value“ von Joachim Trier.
Der Norweger ist als bester Regisseur nominiert. Außerdem hat das Drama es geschafft, für den besten Schnitt, sowie als „bester internationaler Film“ und als „bester Film“ nominiert zu werden. Ebenfalls auf Statuetten hoffen dürfen die Drehbuchautoren Eskil Vogt und Trier. Außerdem darf der Schwede Stellan Skarsgård als bester Nebendarsteller auf einen Oscar hoffen. Ebenso die Norwegerin Renate Reinsve auf einen als beste Hauptdarstellerin und ihre Kolleginnen Elle Fanning (USA) und Inga Ibsdotter Lilleaas (Norwegen) auf den Oscars als beste Nebendarstellerin.
Drama „Sentimental Value“ beginnt in einer Villa in Oslo
Ob es ein Haus ist oder eine Wohnung: Der Ort, an dem man aufgewachsen ist, ist eine Art persönlicher Datenspeicher – vollgestopft mit Kindheitserinnerungen. Im Falle von Nora, der Hauptfigur des norwegischen Dramas „Sentimental Value“, ist diese familiäre Festplatte eine im sogenannten Drachenstil erbaute Stadtvilla in Oslo.

Joachim Triers Drama hat die Auszeichnung als bester Film erhalten – und fünf weitere Preise. Eine nominierte NDR Koproduktion ging leer aus.
Seit Generationen befindet sich die altmodische Trutzburg mit der rot-braunen Holzfassade und den imposanten Ziergiebeln in Familienbesitz. Jeder Raum erzählt tausend Geschichten; einzelne Gegenstände lassen die gerade erst verstorbene Mutter lebendig werden. Als zur Trauerfeier plötzlich Noras Vater im Flur steht, werden auch schmerzhafte Erinnerungen wach:
Ihr zwei seid das Beste, was mir je passiert ist.“
„Das Beste, sagst du? Wieso warst du nie da?“Filmszene

Triumphe, Enttäuschungen und kaum politische Statements: Das waren die Golden Globes in Beverly Hills.
Schwestern im Schatten der Scheidung
„Sentimental Value“ erzählt die Geschichte der Familie Berg. Der von Stellan Skarsgård mit süffisantem Altherren-Charme gespielte Patriarch ist ein berühmter Filmregisseur. Der Lebemann hat die Familie verlassen, als seine zwei Töchter noch klein waren. Nora, die ältere der beiden, ist Schauspielerin geworden.
Video:
Trailer: „Sentimental Value“ von Joachim Trier (2 Min)
Nicht, um dem Vater nachzueifern, sondern um in immer neuen Rollen der eigenen Existenz zu entfliehen. Denn die Scheidung der Eltern hat sie traumatisiert. Entsprechend brüsk lehnt sie ab, als der Vater ihr die Hauptrolle in seinem neuen Film anbietet – obwohl die Rolle extra für sie geschrieben wurde.
Ich kann nicht mit ihm arbeiten. Es fällt uns schwer zu reden. Er ist ein – ein sehr schwieriger Mensch.
Filmszene

Zwei unterschiedliche Schwestern: Nora (links) und Agnes.
Dass sie selbst nicht der einfachste Mensch der Welt ist, wird im Zusammenspiel mit ihrer Schwester deutlich. Während Agnes ein beschauliches Familienleben führt, ist Nora beziehungsunfähig. Sie lebt allein in einem Hochhausapartment, dessen triste Einrichtung ihr Innenleben widerspiegelt.
Joachim Triers Blick auf vererbte Traumata
Dass der autobiografisch gefärbte Film ihres Vaters im alten Familienanwesen gedreht werden soll, macht Nora noch wütender, als sie ohnehin schon ist – auch wenn sie es so nie sagt. Denn genau darum geht es in „Sentimental Value“: um die Unfähigkeit zur Kommunikation innerhalb der Familie. Und um generationsübergreifende Traumata, mit deren Wirkung auch Drehbuchautor und Regisseur Joachim Trier vertraut ist. Sein Großvater sei ein Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg gewesen, sagt Trier. Über gewisse Sachen habe er nie sprechen können. Wohl auch deswegen interessiere er sich so für Dinge, die ungesagt bleiben und trotzdem irgendwie da sind.
Auch Noras Vater verbindet mit dem Haus Kindheitserinnerungen, die ihn unbewusst geprägt haben – wie tief sie reichen, wie sehr sie das Familiengefüge unterwandert haben und wie es trotz aller Verletzungen Hoffnung auf einen Neuanfang geben kann, arbeitet der Film meisterhaft heraus.
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„Avatar 3“ punktet mit dem besten Start des Jahres. Es gab viel originellen Filmstoff im Kino. Etwa „Amrum“ von Fatih Akin und „Das Kanu des Manitu“.
„Sentimental Value“: Vielschichtiges Familiendrama
Mit „Sentimental Value“ zementiert Joachim Trier seinen Ruf als Filmemacher, dessen psychologische Werke das Publikum in der eigenen Lebenswelt abholen – mit einer Mischung aus Ingmar-Bergman-ähnlicher Tiefgründigkeit und slapstickhafter Leichtigkeit. In Teilen erinnert das an Triers Oscar-nominierte Tragikomödie „Der schlimmste Mensch der Welt“ – auch, weil Renate Reinsve erneut eine herrlich verkorkste Hauptfigur spielt. Hier allerdings sind Figurenkonstellation und Handlungsaufbau sehr viel komplexer. Das macht „Sentimental Value“ zu einem Film, der in der kommenden Award-Saison unter Garantie eine tragende Rolle spielen wird.
Am 11. Januar wurden die Golden Globes verliehen: Nominiert war „Sentimental Value“ als bestes Drama, Joachim Trier hatte Chancen als bester Regisseur und Renate Reinsve durfte auf die Auszeichung als beste Darstellerin hoffen. Stellan Skarsgård erhielt den Golden Globe als bester Nebendarsteller in einem Drama.
Acht Nominierungen beim Europäischen Filmpreis
Außerdem ist der Film achtmal für den Europäischen Filmpreis nominiert: für das beste Drehbuch, den besten Film und das beste Produktionsdesign. Daneben sind Stellan Skarsgård als bester Hauptdarsteller und Renate Reinsve als beste Hauptdarstellerin nominiert. Die Preise werden am 17. Januar verliehen. Gleichzeitig ist er Norwegens Oscarvorschlag in der Kategorie „bester internationaler Film“.

Die Golden Globes in Beverly Hills brachten klare Sieger, überraschende Niederlagen und auffallend wenige politische Statements.

Der 74-jährige Schwede hat nach dem Golden Globe am Samstag den Europäischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller erhalten.

Die Norwegerin spielt im Film voller Furore die allein erziehende Mutter eines Kindes, das angeblich etwas Schlimmes in der Schule angestellt hat. Der Film läuft im Kino.

Joachim Triers Romantikkomödie über Liebe und Selbstverwirklichung ist jetzt in der ARD-Mediathek verfügbar.

„Armand“, in Cannes als bester Debütfilm ausgezeichnet, ist ein Schul-Kammerspiel an der Grenze zwischen Psycho-Drama und Satire.

Sentimental Value
- Genre:
- Drama
- Produktionsjahr:
- 2025
- Produktionsland:
- Norwegen, Dänemark, Schweden, Deutschland, Frankreich
- Zusatzinfo:
- mit Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas und anderen
- Regie:
- Joachim Trier
- Länge:
- 135 Minuten
- Altersempfehlung:
- ab 12 Jahren
- Kinostart:
- 4. Dezember 2025