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Brüssel – Kann Europa doch Krise? Einen Tag nach der überraschenden Wende im Grönland-Streit mit den USA haben die Staats- und Regierungschefs in Brüssel über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen beraten. Tenor: Der Zoff samt Drohungen mit einem Handelskrieg hat Europa endgültig klar gemacht, dass es schon bald auf eigenen Beinen stehen muss – nicht zuletzt in Sachen Verteidigung.

Doch in die düstere Stimmung beim Brüssel-Dinner (Jakobsmuscheln in Walnuss-Curry-Kruste, Hähnchenbrust mit gebratenen Vanille-Pastinaken, Zitrussalat mit Fenchel- und Dillschaum) mischte sich auch Erleichterung und ein bisschen Stolz, dass die Hauptakteure Europas zusammenstanden, als es darauf ankam. Dass die EU sich getraut hat, rote Linien zu ziehen in Bezug auf Grönland-Unabhängigkeit und Zoll-Drohungen.

Dänen danken für Unterstützung

„Die Schlussfolgerung, ist, dass Europa sich Respekt verschaffen kann, wenn es geschlossen reagiert und die ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzt“, sagte ein besonders aufgeräumt wirkender Emmanuel Macron (48), der mit seiner blauen Sonnenbrille zur Kaschierung eines blutunterlaufenen Auges auch in Brüssel alle Blicke auf sich zog.

Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen (48, Sozialdemokratin) dankte für die Solidarität: „Wenn Europa nicht gespalten ist, wenn wir zusammenstehen und wenn wir klar und stark sind, auch in unserer Bereitschaft, für uns selbst einzustehen, dann werden sich die Ergebnisse zeigen“, sagte sie. „Ich denke, wir haben in den letzten Tagen und Wochen etwas gelernt.“

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Allerdings: Gleich mehrere ihrer Amtskollegen warnten vor der Schlussfolgerung, nach Trumps Rückzieher sei die Welt wieder in Ordnung.

„Um zu bestehen, müssen wir uns mit einer harschen Realität auseinandersetzen und den Kurs mit klarem Realismus bestimmen“, hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) bereits am Vormittag in seiner Davos-Rede gefordert. In Brüssel wurde er von Reportern gefragt, ob die Nato klinisch tot sei. Merz machte sich daraufhin selbst Mut: „Dieses transatlantische Bündnis gibt man nicht einfach mal so auf“, sagte er. Dieser Meinung seien auch viele jenseits des Atlantiks.

Kanzler Merz mit seiner dänischen Amtskollegin Mette Frederiksen, die sich „für all die Unterstützung aus ganz Europa“ bedankte

Kanzler Merz mit seiner dänischen Amtskollegin Mette Frederiksen, die sich „für all die Unterstützung aus ganz Europa“ bedankte

Foto: Yves Herman/REUTERS

Wenig öffentlich thematisierten die Staats- und Regierungschefs, was intern sehr wohl zur Sprache kam: Die Grundsatzeinigung zu Grönland, die Trump nach einem Gespräch mit Nato-Chef Mark Rutte verkündete, lässt noch immer viele Detailfragen offen. Rutte konnte nichts zur Klärung beitragen, er war nicht eingeladen.

Am Ende des Gipfels, kurz nach Mitternacht, hatte es der Kanzler eilig, weil er noch in der Nacht nach Rom weiterfliegen wollte, wo heute deutsch-italienische Regierungskonsultationen auf dem Programm stehen. Kein Presse-Statement mehr nach fünf fordernden Tagen im Krisenmodus, die aus seinem Umfeld als „Achterbahnfahrt“ bezeichnet wurden. Auch Meloni, Macron und Tusk gingen wort- und grußlos.

Von der Leyen lobt Einheit der Europäer

Kämpferische Worte kamen am Ende von Ratspräsident António Costa: Die EU werde für ihre Interessen eintreten und ihre Bürger und Unternehmen „gegen jede Form von Zwang verteidigen“. Verteidigung und Wettbewerbsfähigkeit seien die Hauptthemen des nächsten Gipfels am 12. Februar. Kommissionschefin Ursula von der Leyen sagte, die Solidarität und Einheit mit Grönland und Dänemark habe sich ausbezahlt: „Wir stehen besser da als vor 24 Stunden.“ Europa habe harte Arbeit vor sich, unabhängig zu werden, speziell beim Thema Sicherheit.

Gefragt nach der Kritik, die Ukraine-Präsident Selenskyj in Davos an der EU geübt hatte, betonte von der Leyen ausweichend, die Union bleibe der wichtigste Unterstützer der Ukraine.

Rede nach Davos-Treffen mit dem US-Präsidenten: „Einem solchen Europa hört Trump nicht zu“

Quelle: BILD22.01.2026

In Bezug auf das Mercosur-Abkommen mit Südamerika, das vom EU-Parlament ausgebremst wurde, sagte von der Leyen, es habe beim Gipfel mehrere Nachfragen gegeben, aber noch sei keine Entscheidung über das vorläufige Inkrafttreten gefallen.

Macron macht Hersteller seiner Brille glücklich

Der größte Gewinner der Krise? Der kleine Brillenhersteller Henry Jullien, der sich vor Nachfragen nach der Macron-Brille („Modell Pacific S 01“, 659 Euro) kaum retten kann. Die Titel des italienischen Mutterkonzerns iVision Tech schnellen an der Börse in Mailand um bis zu 35 Prozent nach oben. Ein kleines blaues Wunder, passend zum blauen Auge, mit dem die EU aus dieser Woche des harten Fights herausgekommen ist. Boxfan Macron brachte seine Brille zuletzt mit dem Titelsong des Films Rocky III in Verbindung: „Eye of the Tiger“. Der stehe für Entschlossenheit …