
AUDIO: Mareike Fallwickl entlarvt Mythen um Sissi und Lady Di & Co. (9 Min)
Stand: 23.01.2026 06:00 Uhr
„Iconic“ feiert heute am Schauspiel Hannover Premiere. Es geht darin um Frauen aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Regionen und basiert zum Teil auf Texten der Österreicherin Mareike Fallwickl.
„Die Wut, die bleibt“ und „Und alle so still“ – das waren erfolgreiche Produktionen am Schauspiel Hannover – beide nach Romanen von Mareike Fallwickl. Im neuen Stück „Iconic“ geht um die Ikonen Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als Sissi, Lady Di und – aus dem Norden – Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg. Fallwickl hat dabei den Text zu Sissi beigesteuert.
Frau Fallwickel, wie kommt es, dass Sie sich für diesen Text mit der Figur der Kaiserin Elisabeth beschäftigt haben?
Mareike Fallwickl: Tatsächlich hat sich das Stefanie Reinsperger gewünscht, die den Text am Burgtheater in Wien spielt. Von diesem Text ausgehend haben wir das so ein bisschen nach Hannover übertragen und erweitert, vor allem um die Welfinnen, um so einen lokalen Bezug zu haben, und mit Lady Di. Es zeigen sich da sehr schöne Parallelen.
Was haben Sie für Seiten an Elisabeth entdecken können, die vielleicht auch gerade heute für Sie von besonderer Relevanz sind?
Fallwickl: Es gibt unglaublich viel Material; ich habe monatelang nur gelesen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass in Österreich die Sicht auf Kaiserin Elisabeth eine ganz andere als außerhalb ist. Diese Ikonisierung findet eher nicht bei uns zu Hause statt, sondern wir nutzen das sehr puristisch und kapitalistisch – das muss man so zugeben. Es gibt aber eine sehr reale Sicht auf diese Figur: Man weiß auch um ihre Schwächen und um ihre nicht so schönen Charakterzüge.
Tatsächlich ist der Text auch ein Aufzeigen all dieser Schichten, die auf dieser Figur liegen, und die Frage, warum die da drauf liegen und wem das eigentlich dient. Haben Sie eine Antwort darauf?
Fallwickl: Das ist insofern ein gutes, hoffentlich neugierig machendes Argument, sich das Stück anzuschauen.
Aber vielleicht können Sie ein bisschen verraten?
Fallwickl: In erster Linie geht es um patriarchale Narrative, aufzuzeigen, mit welchem Zeitgeist jede dieser Figuren immer wieder anders und immer wieder neu erzählt wird, um möglichst einfach Geld damit zu verdienen. Das gilt vor allem für Kaiserin Elisabeth, aber auch für die anderen Figuren. Was ist Geschichtsschreibung, und was ist die Wahrheit? Es gibt sehr viele Fakten, die wir zu kennen glauben, bei denen sich bei genauerem Hinsehen herausstellt, dass das so nie gewesen ist.
Was für Fakten stachen da hervor, die Sie besonders in den Fokus genommen haben?
Fallwickl: Um ein Beispiel zu nennen: Es gibt sehr viele Gemälde von diesem Kaiserpaar: der erhabene, großgewachsene Kaiser und neben ihm die kleinere, zierliche Elisabeth. Er hat sie auch „die Zierde meines Throns“ genannt. In Wahrheit war Elisabeth vier Zentimeter größer als Franz. Das bedeutet: Wenn es möglich ist, dass Personen, die diese zwei abgebildet haben, es so für die Nachwelt verzerren konnten, dass eine faktische Größe nicht mehr real abgebildet wird – was kann man dann noch alles verändern, wenn es nur um Erzählungen und nur um Worte geht?
In dem Stück „Iconic“ wird Elisabeth ja auch von einem Mann verkörpert, Nils Rovira-Muñoz. Ist das schon in Ihrem Text so angelegt, oder ist das eine besondere Ausarbeitung in der Inszenierung?
Fallwickl: Das ist auf jeden Fall eine sehr gute Idee von Jorinde Dröse, die immer richtig gute Sachen mit meinen Texten macht, wie man in Hannover schon gesehen hat. Ich finde das sehr gut gelungen. Es sind drei Elisabeths, und der Text gibt es auch her, weil Elisabeth sich ständig selbst widerspricht oder auch mit sich selber spricht. Das ist sehr schön gespielt, und ich finde gerade diese Brechung sehr gut gelungen.
In Hannover trifft nun Ihr Text, den Sie über Elisabeth geschrieben haben, auf andere Texte und andere Figuren: Lady Di und Dorothea von Braunschweig-Lüneburg. Die drei stammen aus unterschiedlichen Zeiten, aus unterschiedlichen Regionen, sind auch mit unterschiedlichen Narrativen verbunden. Wo liegt der Reiz, diese drei Figuren gegenüberzustellen, und wie haben Sie Elisabeth nochmal neu entdecken können?
Fallwickl: Jacinta Nandi und lynn t musiol haben diese Texte beigesteuert. Es ist auch eine andere Sprache, eine andere Herangehensweise. Diese drei Teile stehen ein bisschen für sich – man bekommt also einen Theaterabend von drei in eins, aber man erkennt schon, vor allem gegen Ende hin, plötzlich die Parallelen. Es ist auf einmal ein Mehrwert, der im Kopf entsteht, und man sieht: Wie behandeln wir eigentlich immer diese Frauen, diese Ikonen, diese prominenten Menschen, und warum behandeln wir die so? Warum stellen wir die so dar? Das ist sehr spannend und sehr interessant. Was ich mir wünschen würde, ist, dass man sich das anschaut und mit einer neuen Perspektive rausgeht und darüber nachdenkt.

Seit 100 Tagen ist Vasco Boenisch Intendant des Schauspiels Hannover. Im Gespräch zieht er eine Zwischenbilanz und blickt auf die neue Spielzeit.
Was sind das für Parallelen, die da direkt ins Auge springen zwischen der Art und Weise, wie wir diese Ikonen behandeln, wie wir sie sehen?
Fallwickl: Es geht in erster Linie sehr viel um Körperlichkeit, Schönheit, Schönheitsideale, all diese Dinge, die mit Dünnsein, Bulimie und so weiter zu tun haben. Es ist also schon auch eine Auseinandersetzung mit dem Publikum, eine Aufforderung, genauer hinzuschauen und sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Aber es ist auch lustig – das finde ich sehr schön. Jorinde hat einen wunderbaren Humor und lässt es auch zu, dass Theater einfach Spaß machen darf und dass man auch lachen darf.
Die Royals üben eine Faszination auf uns aus, obwohl der Adel bei uns in Deutschland überhaupt keine Rolle mehr spielt. Was zieht uns da eigentlich so an?
Fallwickl: Ich weiß es nicht, mich zieht nämlich gar nichts an. Ich habe auch versucht, in diesem Text auf der Bühne klarzumachen, dass alles daran erfunden ist. Diese ganze Hierarchie: Wer steht gesellschaftlich wo, an welcher Stelle? Menschen, die in dieser Hierarchie oben stehen, stehen nur dort, weil andere Menschen unten stehen. Es geht auch sehr viel um Privilegien und um Ressourcen. Elisabeth sagt an einer Stelle: „Man kann vortrefflich unglücklich sein mit einem ganzen Gefolge von 70 Menschen auf Madeira und Millionen von Gulden aus der kaiserlichen Apanage.“
Hier wird kein Roman von Ihnen für die Bühne bearbeitet, sondern Sie haben den Text direkt für die Bühne geschrieben. Inwieweit hat sich da Ihre Herangehensweise beim Schreiben verändert?
Fallwickl: Theater ist natürlich so wahnsinnig unmittelbar, das finde ich immer sehr schön. Im Roman fängt man an, alles zu beschreiben, hat seitenlang Zeit – und am Theater ist es so, dass wenn eine Person die Bühne betritt und mit den Händen so tut, als würde sie ein Lenkrad halten, wir sofort geneigt sind zu glauben, dass sie in einem Auto sitzt. Das finde ich sehr schön. Das ist etwas, mit dem man ganz anders spielen und ganz anders umgehen kann, was sprachlich gesehen viel mehr Nähe herstellt.
Die Dinge sind schon sehr unterschiedlich, aber das ist gut und es lockt auch andere Menschen an. Die Themen bekommen einen anderen Raum, und im Idealfall setzen sich dann noch mehr Leute damit auseinander, sprechen drüber und tragen das weiter.
Das Gespräch führte Friederike Westerhaus.