„Jeder denkt, sich auf sein Gewissen verlassen zu können – aber das ist ein Irrtum.“ Dieser Satz schwebt wie eine dunkle Gewitterwolke über dem Plädoyer der Staatsanwältin in Ferdinand von Schirachs Gedankenexperiment „Terror“, dem ersten Stück, das das theter-Ensemble seit dem vollzogenem Generationenwechsel im City Club auf die Bühne bringt. Der Vorstand ist ausgetauscht, das neue Ensemble nach der Friedensfest-Produktion „Peace Out“ im letzten Jahr eingespielt, „die große aufgestaute Motivation und die Richtung, in die wir gehen wollen“, von der Regisseurin und Dramaturgin Gabi Dunkel im Vorfeld berichtet, materialisiert sich in einem atemlosen Stück über ein Thema, das schon Platon, Sartre und unzählige weitere männlich gelesene Starphilosophen beschäftigt hat: das ethische Dilemma.

In von Schirachs „Terror“ entkommt niemand der Zwickmühle

Es ist eine gleichsam riskante wie kluge Wahl, von Schirachs Stück gut zehn Jahre nach Erscheinen auf die Bühne zu bringen. Riskant, weil das sehr textlastige Stück wenig Spielraum für inszenatorisches Feuerwerk bietet und gleichzeitig klug, da sich eigentlich alle Menschen der morbiden Faszination der moralischen Zwickmühle schwer entziehen können. „Terror“ wurde zu einem weltweiten Erfolg, die Geschichte des Kampfpiloten Major Koch, der ein von Terroristen entführtes Flugzeug mit 164 Passagieren zum Absturz bringt, um zu verhindern, dass es wenige Minuten später in die ausverkaufte Münchner Fußballarena mit Versicherungsnamen stürzt, wurde auf allen fünf Kontinenten aufgeführt. Und in beiden Hemisphären war es das Publikum, das aus dem Inbegriff der Verhandlung schöpft, um das Urteil zu fällen: Wird Koch des 164-fachen Mordes verurteilt oder rechtfertigt sein Handeln einen Freispruch?

Auch das Publikum des theter-Ensembles kann sich dieser Entscheidung nicht entziehen, „der Spagat, das Publikum bis zum Ende hin zwiegespalten zu halten“, ist Dunkel gelungen. Schauplatz ist ein Gerichtssaal mit schlichten, schwarzen Tischen und Bürostühlen aus dem Behördenausstattungskatalog. Das Vokabular ist geprägt von authentischem und dementsprechend trockenem Juristendeutsch. Trotzdem hängt das Publikum an den Lippen von Staatsanwaltschaft, Angeklagtem und Verteidigerin, denn die Rollen sind gut besetzt und ihre Dialoge so komponiert, dass sich im Publikum Gedanken und Gewissen nicht darauf verlassen können, in der nächsten Sekunde noch der gleichen festen Überzeugung zu sein wie einen Moment zuvor.

Humor lässt das theter-Ensemble mit Slapstick entstehen

Die Schwere des Themas erlaubt keine Pointen, Humor erscheint entweder in Form eines kurzen Slapstickmoments, wenn die Verteidigerin (Maria Tipou) in der allgemeinen Anspannung kurz vor Prozessbeginn ihre Robe aus der Tasche zieht und dabei unter dem missbilligenden Blick des Vorsitzenden (Julius Kühmstedt) den Inhalt der Handtasche durch den Gerichtssaal schleudert. Oder in einem Moment der Improvisation, als Tim Pauels als Zeuge Oberstleutnant Lauterbach versehentlich sein Aufwandsentschädigungsformular zerreißt und im Dialog mit dem vorsitzenden Richter die Szene nicht nur rettet, sondern noch besser macht.

Ansonsten lastet die Verantwortung, das Publikum ohne große Gesten im Duktus der Justiz zu einer Entscheidung zu bewegen, auf den Schultern der Darstellenden. Und die tragen die Last souverän bis eindrucksvoll durch die Premiere. Lauterbach verliert seine militärisch-korrekte Überlegenheit, als er mit seiner Doppelmoral konfrontiert wird, die Nebenklägerin Meiser (Alex Prantl) spielt die Hinterbliebene eines der Absturzopfer mit beklemmender Authentizität, Staatsanwältin Vanja Pagany überzeugt in ihrer Rolle als entschlossene Anklägerin, die Koch vorwirft, „Gott zu spielen“. Meist sitzt sie hinter dem Tisch und blättert in Akten und zeigt damit, welche Wirkung selbst kleine Requisiten wie ein drohend erhobener Billigkugelschreiber oder über Papier tanzende Fingernägel haben können.

Maximilian Starzyk spielt herausragend den Major Koch

Das, was Maximilian Starzyk als Major Koch mit minimaler Mimik alles über sein Inneres preisgibt, ist wohl die herausragendste schauspielerische Leistung des Abends. Die Verzweiflung über seine Situation, in der alle Alternativen falsch waren, ist von der ersten Minute an in seinem blassen, schmallippigen Gesicht zu lesen, seine Augenringe sind tief, die Stimme dünn und nervös. Nach dem Urteilsspruch huscht Erleichterung über sein Gesicht, das trotzdem weiter zu einem gebrochenen Menschen gehört. „Was ist ein Menschenleben wert, und wer darf darüber entscheiden?“ Die Diskussionen im Nikotinnebel vor dem Club nach der Aufführung zeigen, dass niemand eine endgültige Antwort darauf finden konnte.

  • Sebastian Kraus

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