
Singen gegen rechts: Mikes Theodorakis am Klavier 1972 im Club Voltaire
Foto: Club Voltaire
Ein Auftritt, der viel Aufsehen erregte. Im Jahr 1964 kam die Schriftstellerin Christa Wolf aus der DDR in die Bundesrepublik, um dort aus ihrem Roman »Der geteilte Himmel« zu lesen. Die 35-Jährige gehörte bereits zu den bekanntesten Autorinnen ihrer Generation in der DDR, sie war Kandidatin im ZK der SED. Die Lesung Wolfs in Frankfurt am Main, schon seinerzeit Hauptstadt des bundesdeutschen Finanzkapitals, war bemerkenswert. Denn in den Augen der reaktionären, von Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) geführten Bundesregierung existierte die DDR überhaupt nicht, gab es lediglich eine Sowjetische Besatzungszone (SBZ), zu der die BRD offiziell keine Beziehungen unterhielt. Doch der Club Voltaire in Frankfurt am Main, ein zwei Jahre zuvor gegründeter linker Treffpunkt, unterlief einfach die offizielle politische Linie der Bundesrepublik: Er lud Wolf ein und sie kam. Ihre erste Lesung überhaupt in der BRD.
Diese Aktion gehörte zum politischen Profil des Clubs. Lange Zeit vor der Ostpolitik des Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) in den 70er Jahren knüpften die Betreiber Else Gromball und Heiner Halberstadt Kontakte zum zweiten deutschen Staat. So war auch die Schriftstellerin Anna Seghers dort zu Gast, ebenso der berühmte DDR-Schauspieler Erwin Geschonneck oder Mitglieder des Berliner Ensembles. Diese frühen Verbindungen in die DDR sind nur ein Beispiel für das vielfältige politische und kulturelle Programm mit Veranstaltungen, Konzerten, Filmvorführungen, das der Club Voltaire in der Kleinen Hochstraße 5 vom 1. Dezember 1962 bis heute bietet. Seit mehr als sechs Jahrzehnten kämpft der Verein für eine Überwindung des kapitalistischen Gesellschaftssystems, ist Treffpunkt für viele kritische Bewegungen und Organisationen.
Über viele Jahre haben rechte Kräfte versucht, das Ende herbeizuführen und sind dabei gescheitert. Ironischerweise ist es jetzt das Profitstreben des privaten Hausbesitzers, das existenzbedrohend wird. Die langen Verhandlungen um eine Verlängerung des Mietvertrages sind gescheitert, Ende 2026 soll Schluss sein. Doch der Vorstand des Vereins zeigt sich entschlossen, zu kämpfen und so viel Widerstand wie möglich zu mobilisieren – das wurde jetzt bei einer Pressekonferenz deutlich. Der Vorsitzende des Trägervereins Maxim Graubner und sein langjähriger Vorgänger Lothar Reininger forderten die Stadt Frankfurt auf, das Gebäude Kleine Hochstraße 5 zu kaufen. Ob die Stadt ein Vorkaufsrecht besitzt, ist allerdings unklar.
Der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) und die sozialdemokratische Kulturdezernentin Ina Hartwig sagen dem Club Unterstützung zu. Für einen Kauf des Hauses bräuchte es eine politische Mehrheit. Seit 2025 die Regierungskoalition im Parlament der fünftgrößten deutschen Stadt mit ihren knapp 800 000 Einwohnern zerbrochen ist, herrschen instabile Verhältnisse. Und in Frankfurt wie in ganz Hessen stehen am 15. März Kommunalwahlen an – die Vorzeichen deuten auf Gewinne der Rechten.
Eine schwierige Lage für eine Institution, die politisch und kulturell Geschichte geschrieben hat. Benannt nach dem französischen Aufklärer Voltaire: Das war 1962 die Idee eines Kämpfers der algerischen Untergrundorganisation FNL, die gegen die französische Kolonialherrschaft stritten. Ihre Aktivisten trafen sich im Club wie viele andere, die in den 60er Jahren Widerstand leisteten: gegen Wiederbewaffnung und Aufrüstung der Bundesrepublik, gegen den blutigen Krieg der USA in Vietnam. Mitglieder des Clubs halfen US-Soldaten, die nicht in Vietnam sterben wollten und in Frankfurt, dem US-Hauptquartier in Europa, desertierten, teilweise unter Lebensgefahr.
In der Revolte des Jahres 1968, die eine ganze BRD-Generation erfasste, bildete die Stadt neben West-Berlin den zweiten Schwerpunkt – und der Club Voltaire war ein organisatorisches Zentrum. Hier gründete sich 1968 der »Weiberrat« des SDS – das erste politische Gremium der Studentenbewegung, dem nur Frauen angehören durften. Vorbild für viele ähnliche Gruppen in der Bundesrepublik.
So wie der Club Nachahmer fand in vielen bundesdeutschen Städten, von Stuttgart über Hannover und Tübingen bis München. Doch keine dieser Institutionen hatte lange Bestand. Der Frankfurter Club dagegen entwickelte sich zu einem politischen und kulturellen Anziehungspunkt weit über die Bundesrepublik hinaus. Mitglieder der militanten Black-Panther-Bewegung aus den USA traten hier ebenso auf wie die US-Liedermacherin Joan Baez oder 1972 der Komponist Mikis Theodorakis mit Liedern gegen die griechische Militärdiktatur.
Junge Umweltschützer planten hier in den 70er Jahren die Gründung einer Partei, die dann 1980 entstand: die Grünen. Zur gleichen Zeit kämpfte eine ganze Region gegen den Bau der neuen Startbahn 18 West des Frankfurter Flughafens. Die »Bunte Hilfe« organisierte den Widerstand vom Club aus. Obwohl Hunderttausende protestierten, setzte der Staat das Projekt mit viel Polizeigewalt durch. Die Erfahrung einer politischen Niederlage, die eine Generation prägte.
Auch das Ende der DDR 1989/90 wurde von den Menschen im Club Voltaire nicht so positiv oder gar euphorisch gesehen wie von vielen anderen in der Bundesrepublik. Tatsächlich ließ sich eine Verunsicherung spüren bei den Linken. Und das wiederum zeigte sich in weniger Zuspruch für den Club und sein Programm. Erstmals war von Krise die Rede und von hohen Schulden. Eine drohende Schließung konnte in den 90er Jahren unter anderem durch Solidaritätskonzerte bekannter Musiker wie etwa des Jazz-Saxofonisten Emil Mangelsdorff abgewendet werden.
Als 1998 zum ersten Mal eine »rot-grüne« Bundesregierung entstanden war, wich der anfängliche Optimismus rasch großer Ernüchterung. Ausgerechnet die Sozialdemokraten reduzierten die sozialen Leistungen für die Ärmsten und ebneten dem internationalen Kapital durch ihre »Reformen« den Weg. In der Linken brodelte es. Viele wandten sich endgültig von der SPD ab – der Beginn eines Niedergangs der Partei, der bis heute anhält. 2007 bildeten sich die Linken als neue politische Kraft – auch das spiegelte sich im Programm in der Kleinen Hochstraße 5.
Und heute? Heute, in einer Zeit des erstarkenden Rechtsextremismus, wird ein Ort wie der Club Voltaire erst recht gebraucht. Wir sollten für ihn kämpfen.