Der Punk und die Provokation, das ist ein Verhältnis von ewiger Unverbrüchlichkeit. Idealerweise geht das schon beim Bandnamen los. Sie reichen hierzulande etwa von klassischen fäkalen Versionen wie im Fall des populären Team Scheisse aus Bremen oder den griffig benannten Pisse aus Hoyerswerda über eher schmerzhafte Assoziationsgebilde wie der Münchner Anarcho-Punk-Institution Analstahl bis hin zu Bildern aus der Metzgerstube, die etwa Acht Eimer Hühnerherzen aus Berlin evozieren.

Punkbandnamen sollen kitzeln, provozieren und in ihrer Drastik natürlich am besten hängen bleiben. Das ist auch bei jenen vier Musikern nicht anders, die sich 2023 unter dem koital dampfenden Namen Sexschweiss zusammengeschlossen haben, gegen den die Namensgebung der protoprovokanten Sex Pistols fast schon etwas bieder wirkt. Gleichzeitig passt die Sache jedoch auch wie die berühmte Faust aufs Auge, denn Körperlichkeit ist bei dieser Band ein Wesensmerkmal, das sich bei ihr durch Text und Musik gleichermaßen zieht.

„Am Punk als Ausdrucksform begeistert uns die rohe, klare und wilde Energie“, sagt Maximilian Hirning, der bei Sexschweiss die Gitarre spielt. Für ihn ist der Punk nicht zuletzt „ein Ort, an dem man alles rauslassen kann und nichts verstecken muss“. Ähnlich wie seine Bandkollegen Basti Pfeifer, der bei Sexschweiss einen Bass-Synthesizer bedient, und Dominik Scholz am Schlagzeug, ist Hirning zugleich so etwas wie ein musikalisch Multiinteressierter und -begabter.

Alle drei kommen sie aus dem Jazz, sind dabei jedoch derart genreflexibel, dass Hirning als Kontrabassist und Komponist beim Leo Betzl Trio für einen Twist in Richtung analogem Techno sorgt, während Pfeifer als studierter Jazz-Pianist ein Faible für die Elektronik pflegt, und Scholz etwa auch bei der Waginger Dark-Rock-Band Lacrimas Profundere hinterm Schlagzeug sitzt.

Für Sexschweiss, angeführt von der elektrisierend performenden Sängerin und Texterin Claudia Röhrle, ist das ein großes Glück. Denn auch wenn im Punk bis heute gerne der Dilettantismus zelebriert wird, klingt eine Band voller versierter Allrounder im Zweifelsfall natürlich aufregender als eine aus dem Hobbykeller. Gleich zwei Alben haben die vier im Jahr 2025 mit „Gestank“ und „Dada“ über das Münchner Non-Profit-Label „Schaufel & Besen Records“ veröffentlicht und dabei die gute alte Knüppel-aus-dem-Sack-Formel des Punk einem Update zugeführt, das elliptisch verdichtete Dringlichkeit, musikalisches Variantenreichtum und eine Lust am textlich Expliziten auf erfrischend energetische Weise vereint.

22 Minuten – ein Punk-Monolith

Auf „Dada“, benannt nach jener Bewegung, die vor gut 100 Jahren zur parodistischen Revolte gegen das Konventionelle in der Kunst und in der Literatur blies, erschaffen sie dabei mit sieben Songs über eine Spielzeit von gerade mal 22 Minuten einen Punk-Monolithen, der einen in Windeseile von aufgestautem Überdruck und inneren Anspannungen erlösen kann.

Im höchsten Maße kathartisch ist das, wenn Claudia Röhrle sich im Titelsong mit einer Beschwörung wie „Fick Scheiße Fick / Fick Scheiße Dada“ aus den ermüdenden Fährnissen der Alltagsmonotonität herausbrüllt und -flucht; wenn sie in der sinistren Triebbefriedigungsnummer „Suhlen“ zum Schnurren von Pfeifers Moog ein lyrisches Du dazu aufruft, an ihrer Leine zu ziehen und ihre Lust zu verschwenden; oder wenn sie zum Pop-Appeal von „Alles gut“ schwer aufgekratzt in die Nacht aufbricht, und dabei auf der Suche nach dem Seelenheil wunde Zeilen wie „Irgendwo da draußen / fällt grad was auseinander / Ich weiß nicht, ob es ich bin / oder alle miteinander“ formt, die einem nicht nur mit Blick auf die Weltpolitik und das gesellschaftliche Klima einen wohligen Schauer pointierter Bestätigung über den Rücken jagen. Im Strom bitten Sexschweiss nun zur Release-Show von „Dada“. Es dürfte ein mindestens schweißtreibender Abend werden.

Sexschweiss, Donnerstag, 29. Januar, 20 Uhr, Strom, München, Lindwurmstraße 88