Wolodymyr Selenskyj sprach vorher von einem „Treffen auf technischem Niveau“. Aber es sei hoffentlich „ein Schritt, um den Krieg zu beenden“. Am Freitagnachmittag begannen in Abu Dhabi neue Ukraine-Verhandlungen, die am Samstag fortgesetzt werden. Die ersten Verhandlungen, an denen Russen, Ukrainer und Amerikaner gleichzeitig teilnehmen. Die Erwartungen waren zweckoptimistisch bis gedämpft.

Donald Trump verkündete auf dem Rückflug vom Wirtschaftsforum in Davos, wo er auch mit Selenskyj gesprochen hatte, die Zeit sei gekommen, in der Wladimir Putin und Selenskyj „einen Deal machen“ wollten. Freitagnacht empfing Wladimir Putin Trumps Sonderbeauftragten Steve Witkoff im Kreml. Danach sagte Putins außenpolitischer Berater Jurij Uschakow, vor allem habe man festgestellt, dass für eine langfristige Friedenslösung die Gebietsfrage nach einer beim August-Gipfel Trumps mit Putin in Anchorage vereinbarten Formel entschieden werden muss.

Rätselraten über die Anchorage-Formel

Kremlsprecher Peskow weigerte sich am Freitag vor Journalisten, die Anchorage-Formel offenzulegen, wiederholte aber die Forderung, die Ukrainer müssten sich aus dem von Russland beanspruchten Donbass komplett zurückziehen.

Die Gebietsfrage ist laut Selenskyj auch der letzte ungeklärte Punkt zwischen Ukrainern und Amerikanern. Kiew weigert sich grundsätzlich, die von Russland besetzten Gebiete in einer Friedensregelung als russisches Staatsgebiet anzuerkennen. Das verstieße auch gegen das Völkerrecht, wurde aber von Moskau wiederholt verlangt.

Es könnten weitere Streitpunkte auftauchen. Außer der Gebietsfrage gebe es „noch andere Nuancen“, sagte Peskow gestern. So hat Moskau bisher den Sicherheitsgarantien nicht zugestimmt, auf die sich Ukraine und USA laut Selenskyj schon geeinigt
haben.

Krisenzeichen in Russland

Moskaus wirkliche Verhandlungsposition bleibt unklar. Man werde diese verschärfen, drohte Peskow nach dem angeblichen Drohnenangriff der Ukrainer auf Putins Waldai-Residenz im Dezember. Und Experten verweisen darauf, Putin und seine
Mannschaft hätten sich nie von ihren ursprünglichen Kriegszielen, der „Demilitarisierung“ und „Denazifizierung“ der Ukraine, distanziert. Beides verlangt eine völlige Unterwerfung des Nachbarlandes.

Laut Financial Times wollen USA und Ukraine in Abu Dhabi Russland eine Einstellung der gegenseitigen Luftangriffe auf die Rohstoff- und Energieinfrastruktur vorschlagen. Aber es wäre nicht die erste Waffenruhe, die Putin ablehnt. Die schweren Zerstörungen, die die russischen Schläge zuletzt vor allem in Kiew anrichteten, dürften seine Kompromisswilligkeit kaum steigern. Allerdings häufen sich auch in Russland wirtschaftliche Krisenzeichen: Die Inflation lag nach den ersten 19 Januartagen bei 1,7  Prozent, die Ölexportpreise von 35 bis 45 Dollar pro Barrel decken nicht mehr immer Förder- und Transportkosten.

USA mit Armeeminister Dan Driscoll am Start

Der Exilpolitologe Iwan Preobraschenskij hält die Verhandlungen weiter für einen „Höllenkreis der Imitation“. Das einzig Neue in Abu Dhabi sei, dass der Kreml nicht den Vizechef, sondern den Chef des Militärgeheimdienstes GRU, Igor Kostjukow, als Unterhändler geschickt habe. Co-Unterhändler Sergej Dmitrijew, Putins Bevollmächtigter für internationale Investitionen, gilt wie US-Delegationsführer Witkoff als Geschäftsmann. Sie sollen parallel über bilaterale Wirtschaftsprojekte reden.

Immerhin hat Washington mit Armeeminister Dan Driscoll einen professionellen Sicherheitspolitiker am Start. Ernster scheint Kiew das Treffen zu nehmen: Es entsandte Rustem Umerow, den Sekretär des Sicherheitsrates, und Kyrylo Budanow,
den Chef des Präsidialbüros.

  • Stefan Scholl

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