Jonathan Knodel testet jahrelang Fahrzeuge für den Stuttgarter Autobauer Mercedes. Dann erlebt er privat wie beruflich harte Rückschläge, nun ist er obdachlos – und trotzdem Optimist.

Mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht nimmt Jonathan Knodel Brote und einen Apfel entgegen. Ein kurzer Austausch mit Ehrenamtlichen in der Stuttgarter Leonhards- und derzeitigen Vesperkirche, dann geht er weiter. In Dankbarkeit. „Man schätzt wieder alles“, wird der 53-Jährige später sagen.

Seine jüngere Vergangenheit ist gezeichnet von harten Rückschlägen. Privat wie beruflich. Die ließen ihn tief fallen. Lange Zeit testete er Fahrzeuge für den Stuttgarter Autobauer Mercedes-Benz, hatte eine Wohnung und eine Familie. Heute ist er obdachlos und allein. Und trotzdem keineswegs hoffnungslos. Sein Optimismus? Der ragt inmitten aller negativer Ausschläge heraus.

Dankbar für das Vesper und die ehrenamtliche Hilfe: Jonathan Knodel in der Leonhardskirche Foto: Rouven Spindler

Die Negativspirale des gebürtigen Korntalers ist mit privaten Problemen, aber auch mit der Krise in der Autoindustrie verknüpft. Der Entwicklungsdienstleister Bertrandt, bei dem Knodel angestellt war, schließt im vergangenen Frühjahr seinen Nufringer Standort, die Fahrerprobung. Rund 120 Mitarbeiter sind betroffen. Jonathan Knodel verlässt die Firma samt Abfindung. Und zwar nach knapp 18 Jahren. Er geht aus einem Job, der ihn erfüllt hat. Autos für Mercedes zu testen, damit machte er so manche neidisch.

Der zweifache Vater, über dessen Geschichte zunächst der SWR berichtete, blickt auf das Jahr 2007 zurück. Damals startet der gelernte Metallwerker und Lkw-Fahrer nach einer arbeitslosen Zeit bei der Firma, er ist Quereinsteiger. Sein Kfz-Interesse, Learning by Doing und das Wissen der Kollegen helfen ihm. „Der Job hat mir Spaß gemacht. Sonntagabends war ich nicht derjenige, der gesagt hat: ‚Oje, morgen Früh wieder zur Arbeit.‘ Ich habe es immer gern gemacht“, erinnert er sich.

Jonathan Knodel testete Autos und Lkw für Mercedes-Benz

Im Auftrag von Daimler testen er und seine Kollegen über Jahre Modelle, vor allem von Mercedes-Benz. Pro Tag prüft er ein Fahrzeug. Mal geht es schwerpunktmäßig etwa um den Motor, mal um eine Gesamterprobung. „Fahren und dann bewerten – also rummotzen“, wie Jonathan Knodel es ausdrückt. Er erklärt: „Die Ingenieure wollten das immer. Umso detaillierter man etwas aufgeschrieben hat, desto glücklicher waren die.“

In Erlkönigen oder Serienfahrzeugen sitzt er hinter dem Steuer. Am liebsten fährt Knodel auf die Schwäbische Alb. Angetan haben es ihm vor allem die C- und die S-Klasse. „Das waren meine zwei Favoriten“, sagt er. 2017 darf Jonathan Knodel dazu noch Trucks von Daimler prüfen, was für den Lkw-Fahrer ein Glücksgriff ist. Auch das hochautomatisierte Fahren, das in den vergangenen beiden Jahren in den Fokus rückt, findet er spannend.

All das ist aber Geschichte. „Es war für mich schon kurz echt ein Schock“, denkt der 53-Jährige an den Moment zurück, in dem er 2024 von der Standortschließung erfährt. Doch er sei offen für Neues gewesen. Und die Abfindung, die er durch seinen Weggang Anfang 2025 erhält, findet er „echt klasse“. Dann wendet sich privat und beruflich aber vieles zum Schlechten.

Im Zuge der Trennung von seiner Frau, zu der es vor rund drei Jahren kam, verliert er nach seinem Job auch noch seine Wohnung. Fortan lebt Jonathan Knodel von April 2025 an in einem preiswerten Hotel. Beruflich landet er in einer Transfergesellschaft, kündigt dort aber bereits kurze Zeit später. Denn er macht sich in der Immobilienbranche selbstständig – doch dieses Kapitel zerschlägt sich nach einem Monat wieder. Auch sein zweiter Versuch, in der Selbstständigkeit Fuß zu fassen, misslingt am Ende des Jahres.

Job weg, Wohnung weg, Abfindung weg

Zuvor, im Juli, will er sich arbeitslos melden, doch Geld erhält er vorerst nicht. Durch den frühzeitigen Austritt aus der Transfergesellschaft hat er eine Sperre erhalten. „Dann bin ich sofort in finanzielle Not gekommen“, sagt der Ex-Bertrandt-Mitarbeiter. Er bleibt bis September in dem Hotel, die Abfindungssumme schrumpft derweil weiter – und ist letztlich komplett weg.

Danach wohnt er für mehrere Wochen in einer kleinen Wohnung. Was folgt, ist die Obdachlosigkeit. Seit Mitte November lebt Jonathan Knodel in der Nähe des Flughafens. Was er noch hat: einen Rucksack mit Kleidung und Hygieneartikeln sowie ein Deutschlandticket. Unter anderem sein Handy ist weg, seit er sein Hab und Gut mal in der Bahn vergessen hat.

Trotz dieser geballten Tiefschläge ist der ehemalige Testfahrer „trotzdem optimistisch. Ich lese die Bibel. Mein Glaube hilft mir“. Und das schon länger. Dieser gibt ihm Kraft. Inzwischen geht es ihm auch „wieder gut – weil tiefer kann man nicht mehr sinken“. Jonathan Knodel führt aus: „Manchmal habe ich schon tiefe Momente, da laufen auch die Tränen. Aber es geht nach vorn. Was kann ich jetzt noch verlieren?“ Seinen Job, seine Wohnung und Geld nicht mehr – alles ist weg.

Mit 53 Jahren startet Jonathan Knodel quasi wieder von null. Ende Januar soll sein erstes Arbeitslosengeld ankommen, Anfang Februar folgt dann ein Termin beim Arbeitsamt. Das erste Ziel: eine Wohnung. Das zweite Ziel: ein neuer Job, womöglich wieder als Lkw-Fahrer.

Vesperkirche: Unterstützung für Bedürftige in Stuttgart

Bis dahin will Jonathan Knodel weiterhin die Vesperkirche besuchen, die noch bis Anfang März andauert. Bedürftige erhalten unter anderem Mittagessen und können sich im Inneren der Leonhardskirche, schräg gegenüber des Breuningers, aufwärmen. Als der frühere Testfahrer, der auch schon bei der Bahnhofsmission war, Mitte Januar zum diesjährigen Auftakt erstmals dort ist, genießt er seine erste warme Mahlzeit seit Wochen.

Ein paar Tage später nimmt er dann auch mal am frühen Nachmittag ein Vesper entgegen – und stellt wertschätzend fest: „Man freut sich wieder über einen Apfel und Brot.“