Eine Programmübersicht zum Joe Festival 2026 in der Zeche Carl:

Donnerstag: Aufbegehrende Klänge, Kölner Avantgarde und Berliner Elektronik

Die Musik des Sheen Trios lässt sich nicht so leicht einordnen. Im Zentrum steht die iranstämmige Bassklarinettistin und Flötistin Shabnam Parvaresh, deren Kompositionen kulturelle Prägungen aufgreift, um sie in radikal aktuelle Klangsprachen zu überführen. Gemeinsam mit der Gitarristin Ula Martyn-Ellis und dem Schlagzeuger Philipp Buck entsteht aufbegehrende Gegenwartsmusik, die experimentell, elektronisch erweitert und von hypnotischer Intensität ist.
Mit „zuverlässiger Unvorhersehbarkeit“ wird die Musik Almost Natural des Kölner Bassisten Florian Herzog beschrieben: „es ist wie ein aktiver Vulkan, dessen Kamine hier und da aufbrechen und kochende Lava in die Umgebung spucken, auf dessen fruchtbaren Hängen es aber ansonsten grünt und blüht“ (Liner Notes). Neben Leif Berger am Schlagzeug, Chaerin Im am Piano ist es insbesondere Saxophonist Sebastian Gille, Träger des SWR Jazzpreises, der dieser blumigen Beschreibung Nachdruck verleiht.
Ludwig Wandlinger hat bereits u.a. mit Lucia Cadotsch, Jim Black, Christian Lillinger, Petter Eldh und vielen anderen gearbeitet, ist aber auch als Prodezent, Komponist und Visual Artist tätig. Sein Schlagzeugspiel trifft beim Festival mit Elektronik auf das Pulse Streichquartett, wodurch aus Pulse „Pulse X“ wird. Deren Musik ergibt sich aus dem Moment und ist somit weitgehend unvorhersehbar.

Freitag: Stimme trifft Tuba, Leipziger Nervosität und New Yorker Intensität

Phil Minton, inzwischen 85 Jahre alt, hat wie kaum ein anderer die Möglichkeiten der menschlichen Stimme ausgelotet. Er arbeitete mit Peter Brötzmann, Fred Frith, John Zorn, Derek Bailey und trifft nun auf den Kölner Tubisten Carl Ludwig Hübsch, Organisator der Reihe „Sounds“ und selbst ein Meister des Unkonventionellen. Beide teilen ein Spektrum von tiefsten Tönen bis zu überraschenden Höhen, von zarter Lyrik bis zu explosiver Energie.
Das Quartett Crutches bietet eine Musik, die sich jeder Kategorisierung entzieht. „Fahrstuhlmusik für Klaustrophobiker“ nennen Jan Frisch, Olga Reznichenko, Laure Boer und Valentin Schuster ihren Sound, der Kammerjazz mit Punkelementen zusammenführt und sich konsequent jeder stilistischen Schublade entzieht.
Ingrid Laubrock und Tom Rainey spielen seit 2007 zusammen und gehören zu den intensivsten Duos der improvisierten Musik weltweit. Ingrid Laubrock, die mit Musikern wie Kenny Wheeler, Evan Parker, David Liebman, Billy Cobham, und Norma Winstone zusammenspielte und Bestandteil der Bands von John Zorn und Anthony Braxton war, erhielt bereits 2009 den SWR Jazzpreis und Tom Rainey, der seit den späten Achtzigern zur ersten Garde der der New Yorker Szene gehört, haben zusammen zahlreiche Alben veröffentlicht.

Samstag: Grafische Partituren und ein pianistisches Ausnahme-Ereignis

Mit der Komposition „ReGenerate“, die das Verhältnis von Notation und Improvisation neu denkt, eröffnet der 73 Jahre alte Elliott Sharp mit lokalen Musikern (selbst Festivalleiter Patrick Hengst ist hier gefragt) den Abend. Elf Musiker spielen zu einer animierten graphischen Partitur, die das Publikum auf einer Leinwand verfolgen kann. Sharp ist Schüler von Morton Feldman und Träger des Berlin Prize.
Festivalleiter Simon Camatta mit Saxophonist Peter van Huffel und Bassist Roland Fidezius bilden im Anschluss die Band Helicopter.
Der Züricher Pianist Nik Bärtsch, der seit 2006 auf dem legendären ECM-Label veröffentlicht, tritt u.a. mit seinem Quartett Ronin weltweit in den renommiertesten Konzerthäusern auf. Natürlich kommt er auch mit einem abendfüllenden Solorecital zum Joe Festival 2026 in die Zeche Carl. Bärtsch hat mit seinem Konzept der „Ritual Groove Music“ eine unverwechselbare Klangsprache entwickelt: repetitive Strukturen, die sich in subtilen Variationen entfalten, minimale Mittel, maximale Ausdruckskraft. Selbst beim „Ultraschall Berlin – Festival für Neue Musik“ im Januar diesen Jahres war ein Beitrag von Nik Bärtsch zu verzeichnen.
(Grundlage bildete ein Text von Stefan Pieper)