25 Jahre nach „Stuttgart ist bunt“ setzt der CSD mit dem Motto „Ohne uns kein Wir“ ein klares Zeichen. Politischer Druck bleibt nötig, heißt es beim Neujahrsempfang im Wizemann.
Das erste Pride-Motto im Jahr 2001, als die Interessengemeinschaft CSD Stuttgart gegründet wurde, lautete „Stuttgart ist bunt“. Allzu bunt durften es die Veranstaltenden damals allerdings nicht treiben. Daran erinnert Travestie-Lady Frl. Wommy Wonder, die von Anfang an dabei ist. „Von den wenigen Politikern, die überhaupt kamen, gab es teilweise schriftliche Vorgaben“, erzählt sie. Man müsse darauf achten, dass „keine Halbnackten“ neben ihnen stehen, stand da drin – und dass keine entsprechenden Fotos entstünden.
25 Jahre später ist alles entspannter. Beim CSD-Neujahrsempfang am Freitagabend im Wizemann sitzen prominente politische Vertreterinnen wie Landtagspräsidentin Muhterem Aras selbstverständlich in der ersten Reihe. Der Empfang markiert nicht nur den Start in die Pride-Saison 2026, sondern auch das 25-jährige Bestehen der IG CSD Stuttgart.
„Früher war es extrem schwierig, Sponsoren zu finden“
Wie sehr sich die gesellschaftliche Akzeptanz verändert hat, zeigt sich auch beim Blick auf die Wirtschaft. „Damals war es extrem schwierig, überhaupt Sponsoren zu finden“, sagt Wommy Wonder. Heute ist das Gegenteil der Fall: Nahezu alle großen Unternehmen sind mit eigenen Trucks bei der CSD-Demonstration vertreten.
Unter den Gästen: Landtagspräsidenten Muhterem Aras. Foto: Lichtgut Weil OB Frank Nopper nicht dabei ist, geht ein „Ooooh“ durch die Reihen
Das Motto für 2026 lautet: „Ohne uns kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark.“ Das neue Motto steht für Solidarität. Queere Menschen seien ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft, betont der Verein – ihre Lebensrealitäten gehörten sichtbar, hörbar und geschützt in die Mitte der Stadt. Gerade in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Spannungen sei Zusammenhalt entscheidend.
Als angekündigt wird, Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) könne aus Termingründen nicht am Empfang teilnehmen, geht ein gedehntes, ironisches „Ooooooh“ durch die vollbesetzen Reihen. Immerhin meldet sich der OB per Videobotschaft zu Wort.
„Unterstützung darf nicht von Haushaltslagen abhängen“
Mit Blick auf die Landtagswahl erklärt der CSD: „Wer den Aktionsplan für Akzeptanz und gleiche Rechte in Baden-Württemberg schwächt, sendet das fatale Signal, dass queere Rechte verhandelbar sind.“ Vorstandsmitglied Lars Lindauer fordert, dass Anerkennung und Unterstützung nicht von Haushaltslagen abhängen dürfe.
Frl. Wommy Wonder erzählt, wie es früher beim CSD war. . Foto: Lichtgut
Parallel dazu verschärften sich die Rahmenbedingungen für queere Strukturen vor Ort, heißt es beim Empfang. Kommunen stünden unter finanziellem Druck, Sparmaßnahmen träfen zuerst kulturelle, soziale und zivilgesellschaftliche Angebote – darunter auch queere Beratungsstellen, Vereine und Projekte. „Gerade diese Angebote sind unverzichtbar, um Schutzräume, Beratung und Unterstützung für queere Jugendliche, Geflüchtete oder ältere Menschen zu bieten“, sagt CSD-Vorstandsmitglied Betina Starzmann. Wer hier kürze, gefährde Teilhabe und Menschenwürde.
Schirmfrau ist die Direktorin des Stuttgarter Kunstmuseums
Angesichts der angespannten Haushaltslage setzt die IG CSD Stuttgart in der Pride-Saison 2026 mit der Direktorin des Stuttgarter Kunstmuseums, Ulrike Groos, als CSD-Schirmperson „bewusst ein Zeichen der Solidarität zwischen Kultur und queerer Community.“.
Alarmierend ist für den CSD die Entwicklung bei queerfeindlicher Hasskriminalität in Baden-Württemberg: Die Zahl der erfassten Fälle sei von 165 im Jahr 2023 auf 212 im Jahr 2024 gestiegen, bei hoher Dunkelziffer. Die IG CSD fordert eine konsequente Erfassung, Auswertung und strafrechtliche Verfolgung solcher Straftaten sowie einen verbindlichen rechtlichen Schutz queerer Menschen, unter anderem durch die Aufnahme sexueller und geschlechtlicher Identität in Artikel 3 des Grundgesetzes.
CSD-Vorstandsmitglied Betina Starzmann und Lars Lindauer. Foto: Lichtgut Unterschriften für Ehrenbürgerschaft von Fritz Bauer werden übergeben
An diesem Abend werden etwa 2000 Unterschriften für die Ehrenbürgerschaft des schwulen Demokraten und Nazi-Jägers Fritz Bauer an Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer übergeben – als Erinnerung daran, dass Sichtbarkeit, Anerkennung und demokratisches Engagement untrennbar zusammengehörten
Die CSD-Kulturwochen finden vom 10. bis 26. Juli statt. Auftakt ist der CSD-Empfang im Rathaus am 10. Juli, Höhepunkt ist die Demonstration am 25. Juli durch die Innenstadt mit Kundgebung auf dem Schlossplatz. Erstmals beginnt die CSD-Hocketse auf Markt- und Schillerplatz bereits am Freitagabend, dem 24. Juli, und dauert drei Tage bis zum 26. Juli.
Die IG CSD Stuttgart, Trägerverein des jährlichen Christopher Street Days in der Landeshauptstadt, setzt sich mit einem rund 25-köpfigen Team und knapp 500 Mitgliedern ganzjährig für Vielfalt, Akzeptanz und Gleichberechtigung ein. Der CSD erinnert auch an die Stonewall-Aufstände von 1969 in New York, die als Beginn der modernen LGBTQIA*-Bewegung gelten.