Nikolaus Groß widersetzte sich aus christlicher Überzeugung dem NS-Regime und bezahlte dafür mit seinem Leben. 81 Jahre nach seiner Hinrichtung und 25 Jahre nach seiner Seligsprechung erinnern Familie, Kirche, KAB und viele Engagierte an den Bergmann, Journalisten, Familienvater und Widerstandskämpfer.

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Die Nikolaus-Groß-Stele in der St.-Mauritius-Kirche in Hattingen-Niederwenigern. Archivfoto: Achim Pohl | Bistum Essen

„Mein Großvater wurde maßgeblich von seinem Glauben geleitet – auch in den wirren des Krieges“, sagt Thomas Groß. „Er hat damals große Charakterstärke gezeigt, indem er gegenüber dem Nationalsozialismus nicht nachgelassen hat.“ Auch 81 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod durch das NS-Regime hat das Leben von Nikolaus Groß, seine Glaubensstärke, sein politisches Engagement und sein Leben als siebenfacher Familienvater nichts von seiner Faszination verloren. Am 23. Januar 1945 wurde Nikolaus Groß im Alter von 46 Jahren in Berlin-Plötzensee hingerichtet – und im Herbst vor 25 Jahren wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen, als erster und bislang einziger Seliger des Bistums Essen.

Nikolaus Groß wurde 1898 in Hattingen-Niederwenigern geboren. In seiner Taufkirche St. Mauritius erinnert eine lebensgroße Stele an ihn. Nach seiner Arbeit als Bergmann wurde er Journalist und stieg schließlich zum Chefredakteur der „Westdeutschen Arbeiterzeitung“ auf, dem Verbandsorgan der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Die Zeitung verfolgte einen klaren Kurs gegen den Nationalsozialismus – 1938 wurde das Blatt verboten.

Gottesdienste, Ausstellungen, Hörspiel und Film

Zum Gedenktag von Nikolaus Groß feiert Weihbischof Ludger Schepers am Freitag, 23. Januar, um 17.30 Uhr eine Heilige Messe im Essener Dom. Gottesdienste gibt es auch im Xantener Dom (23. Januar, 19 Uhr), in dessen Krypta es eine Mahn- und Sühnestätte für die Opfer des nationalsozialistischen Terror-Regimes gibt und in der Niederweniger Kirche St. Mauritius (24. Januar, 17.30 Uhr). Auch in Berlin erinnert die KAB mit einem Gottesdienst in der Gedenkstätte Plötzensee am kommenden Sonntag an Nikolaus Groß.

Im rechten Seitenschiff des Essener Doms befindet sich die Gedenkkapelle für den Seligen. Dort ist unter anderem eine Kopie des letzten Briefs ausgestellt, den Nikolaus Groß aus der Haft an seine Familie schrieb. In diesem Brief erwähnt Groß seinen Rosenkranz und ein Kreuz. Beides fand nach Groß‘ Hinrichtung – wahrscheinlich mit Hilfe des Gefängnisseelsorgers – seinen Weg zu Groß Familie. Im Gottesdienst am 23. Januar werden diese Gegenstände erstmals im Essener Dom gezeigt, anschließend sind sie im Nikolaus-Groß-Museum in Hattingen-Niederwenigern zu sehen.

Das Nikolaus-Groß-Museum am Domplatz 2a in Hattingen-Niederwenigern zeigt in Hunderten von Bildern, Texten und Gegenständen das Leben des Journalisten, Bergmanns, christlichen Arbeiterführers, Familienvaters und NS-Widerstandskämpfers. Das Museum ist jeden dritten Sonntag im Monat von 10.30 bis 12 Uhr geöffnet. Individuelle Termine können unter der Telefonnummer 0177 65466547 oder über das Kontakformular vereinbart werden.

Podcast: Der 17-teilige Doku-Hörspiel-Podcast „Nikolaus Groß – Unerschütterlich“ ist auf allen gängigen Streaming-Plattformen verfügbar. Weitere Informationen gibt es online unter https://unerschuetterlich.bistum-essen.de.

Kurzfilm: Der bewegende zwölfminütige Kurzfilm „Der Abschiedsbrief von Nikolaus Groß“ von Robert Groß, Sohn des fünften Kindes von Nikolaus Groß, ist online unter https://bene.mg/abschiedsbrief.

Wie kann es nach Hitler weitergehen?

Nikolaus Groß beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie es nach Adolf Hitler weitergehen könnte. Als am 20. Juli 1944 das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg scheiterte, hatte Groß noch am Vortag zu einem KAB-Vorsitzenden gesagt: „Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen, wie sollen wir dann vor Gott und unserem Volk einmal bestehen?“ Drei Wochen später wurde er im Zusammenhang mit dem Attentat verhaftet. Die zynische Urteilsbegründung des NS-Volksgerichtshofs: „Er schwamm mit im Verrat, muss folglich auch darin ertrinken.“

Elisabeth Groß wurde mit sieben Kindern zur Witwe. Thomas Groß empfiehlt, den Abschiedsbrief zu lesen, den sein Großvater aus der Haft an seine Familie schrieb. Eine Kopie davon ist in der Kapelle im Essener Dom ausgestellt. Thomas Groß selbst hat seinen Großvater nie persönlich kennengelernt. Er ist der Sohn von Bernhard Groß, dem 2019 verstorbenen sechsten Kind von Nikolaus und Elisabeth Groß. Bernhard war erst zehn Jahre alt, als sein Vater von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Dennoch hielt die Familie das Andenken an Nikolaus Groß lebendig – bis heute.

Witwe Elisabeth Groß muss alleine sieben Kinder versorgen

Elisabeth Groß starb 1972 im Alter von 70 Jahren. „Sie war eine beeindruckende Frau, die viel durchgemacht hat“, sagt ihr Enkel Thomas. Während Witwen der Nazi-Verbrecher stattliche Pensionen bekommen hätten, seien die meisten Witwen von Widerstandskämpfern leer ausgegangen, so Groß. „Wie unsere Großmutter. Sie musste alleine sieben Kinder durchbringen. Das hat sie mit Bravour geschafft.“

Die Familie Groß setzt sich weiterhin dafür ein, dass Nikolaus Groß nicht in Vergessenheit gerät – etwa in Zusammenarbeit mit dem Verein Nikolaus-Groß-Niederwenigern, der das Jahr des 25-jährigen Seligsprechungsjubiläums mit einem besonderen Programm begleitet. Wenn das Lebenswerk seines Großvaters auch heute noch Sinn und Zweck haben soll, „dann müssen wir wachsam sein im Hinblick auf aktuelle politische Tendenzen“, sagt Groß. „Wo es in Richtung Entrechtung geht, wenn man Fremdenfeindlichkeit oder Ausgrenzung von Schwachen und Minderheiten spürt, dann sind alle Generationen gefragt, dagegen einzutreten.“