Bis mir mal die Hutschnur platzt, muss schon einiges passieren. Jetzt ist es soweit. Weil ich selbst Kilometer von zu Hause entfernt keinen Parkplatz mehr fürs Auto finde, drehe ich noch durch.
Für die Autofahrer-Hasser vorweg: Ja, ich fahre auch Fahrrad, wenn die Stadt nicht gerade von Minusgraden eingeeist ist. Ja, ich fahre auch mit den Öffentlichen. Da kann ich aber die vielen Kisten, Tüten, Möbel oder Sechserpack-Getränke nicht auf einmal mitschleppen. Und: Ja, ich laufe auch, aktuell aber am liebsten auf und davon.
Also: Mein Zuhause ist seit Jahrzehnten Kreuzberg. Ich wohne nahe dem lauschigen Landwehrkanal, mitten in der grünen Oase im City-Center. Das ist zentral und ruhig. Also war es mal. Einen Parkplatz zu finden, war schon immer schwierig, aber „Geduld ist nichts anderes als eine Energie“, sagte die Schriftstellerin George Sand mal, das tröstet. Energie habe ich.
Die Bergmannstraße: zugepollert
Als Journalistin, pflegende Angehörige und Pflegemutter musste ich verkehrstechnisch schon immer schnell und flexibel sein. Seit Jahren eile ich mehrfach die Woche zu meinem Vater ins Pflegeheim, und so viel gemeinsame Zeit hier auf Erden bleibt uns nicht.
Auf den Millimeter genau. Nur, wie rauskommen? Wegen Parkplatzmangels in Berlin stellen Autofahrer ihre Wagen völlig verzweifelt irgendwie ab, wie hier in Kreuzberg.
© Annette Kögel
So fahre ich regelmäßig und an sich gern Auto. Klar gibt es Ecken, wo man schon immer nichts fand: Prenzlauer Berg, Mitte, Charlottenburg-City. Doch das alte Kreuzberg 61 scheint Spielplatz der Anti-Auto-Lobby.
Das fing an mit dem Ruin des Kleinods Bergmannstraße, jetzt komplett rot-weiß zugepollert. Parkplätze für alte Leute, für Gewerbetreibende, für Familien mit vielen Kindern – sie sind auch hier in großer Zahl verschwunden. In meinem Kiez beschleicht mich das Gefühl, auf einer Baustelle zu leben. Die Kreuzung Schleiermacherstraße ist mit Pollern zugebaut, als könnten Autofahrer Straßenkreuzungen nicht von allein identifizieren.
Warum muss zu einem Neubau im überbevölkerten Berlin nicht automatisch eine Tiefgarage gehören?
Annette Kögel, Redakteurin und Kreuzbergerin
Manches geht städtebaulich ja voran, es entstehen Neubauten, und manchmal ist es sogar keine Luxusimmobilie. Nur frage ich mich, warum im ohnehin überbevölkerten Berlin zu einem Neubau nicht längst automatisch eine Tiefgarage gehören muss.
Die Strafzettel-Kosten als Teil des Monatsbudgets
Aus lauter Verzweiflung stellen sich Nachbarn, wenn sie müde von der Spätschicht nach Hause kommen, in breiten Straßen nah an die Kreuzung. Einsehen lässt sich die Ecke trotzdem. Kostet aber immer mal wieder einen Strafzettel. Etliche von uns aus dem Kiez rechnen die Ordnungswidrigkeitenanzeigen schon rein ins Monatsbudget. Wobei je nach Ordnungsamts-Mitarbeitendem bei identischen Vergehen ganz unterschiedliche Höhen klassisch an die Landeskasse beim Polizeipräsidenten zu überweisen sind.
Unsere Besorgnis nahm zu, als unweit neue Parkzonen ausgewiesen wurden. Nun kommen Nachbarn oder Besucher zu unseren Straßen rüber, um mit viel Glück eine Gratis-Lücke zu erhaschen. Und wir stellen das Auto bei denen ab. Kostet zwar das Parkticket, aber wenigstens ist in der Parkzone noch ab und an was frei. Dafür spare ich mit umweltfreundlicherem E-10-Sprit CO₂, langfristig auf die Strafzettel.
Überall verschwinden Parkplätze
Überall verschwinden Parkplätze, weil die Straße einspurig mit Fahrradspur wird, wie in der Gitschiner Straße, das gönne ich und habe es verkraftet. Dazu kommt neu aber die Fahrradstraße an der Waterloobrücke. Und als würde das nicht reichen, ist jetzt auch die Urbanstraße gesperrt. Genau, Fahrradstraße. In der Brachvogel- und in der Johanniterstraße kann man seit Monaten nicht mehr parken, da werden Trinkwasserleitungen neu verlegt. Das geht in der Tempelherrenstraße weiter, auch hier sind jetzt über Monate zusätzlich Dutzende Parkplätze weg.
Wo parkt jetzt der Schornsteinfeger aus dem Kiez jetzt seinen Hochdach-Kombi? Wie werden die Supermärkte beliefert? Eine Mutter aus Kreuzberg, ein Sohn Autist, klagt, dass sie kein Anrecht auf einen Behindertenparkplatz hat. Und dass die Großeltern aus einem Außenbezirk womöglich nicht mehr die Enkelkinder besuchen kommen können, weil sie nicht mehr gut stundenlang Parkplatz suchen und lange Strecken laufen können.
Da bei allen die Nerven blank liegen, rasen Autofahrer sogar in falscher Richtung in die einspurige Tempo-30-Zone in der Johanniterstraße, die wegen Bauarbeiten eine Einbahnstraße ist. Ich wollte auf Parkplatzsuche legal rein und stoppte den mir dickköpfig Entgegenkommenden per Lichthupe. Der brüllte mir Schimpfwörter entgegen, auch seine Frau auf dem Beifahrersitz, von denen ich hier nur „Alter!“ wiedergeben will. Ich schrie zurück: Haram, Sünde! Er: „Ich wohne hier!“ Ich auch. An Verkehrsregeln müssen wir uns trotzdem beide halten.
Was noch am Straßenverkehr in Berlin noch aufregtZusätzliche Fahrer, eingestellte Linien So wirkt sich das Stauchaos in Berlins Südosten auf den Busverkehr aus Zusätzliche Fahrer, eingestellte Linien So wirkt sich das Stauchaos in Berlins Südosten auf den Busverkehr aus Die A100-Brücke ist weg, doch die Probleme bleiben „Unglaublich, dass das noch Jahre so weitergehen soll“
Ich rollte ermattet auf einen Parkplatz – endlich! – in der Brachvogelstraße. Absolutes Halteverbot, aber erst ab 8 Uhr früh. Jetzt bin ich Frühaufsteher. Und trotzdem hellwach, weil bis auf Millimeter zugeparkt.