Jeden Sonntag feiert die International Christian Fellowship (ICF) im Münchener Club „Neuraum“ Gottesdienst. Redakteurin Celine Edinger hat eine dieser „Celebrations“ besucht.
Vom Club zur Kirche: ICF verwandelt München in eine Bühnenwelt
Wir werden direkt am Eingang begrüßt und laufen dann die Treppenstufen aus Beton hinunter. „Guten Morgen. Schön, dass ihr da seid“, sagt ein Mann mittleren Alters und lächelt uns an. In den Räumen, in denen vor wenigen Stunden noch exzessiv getanzt wurde, hat das ICF seine „Church“ aufgebaut. Es gibt einen Infostand und eine mit bunten Plastikzäunen abgegrenzte Kinderspielecke.
Im größten Raum des Clubs sind die Lichter gedimmt. Eine Bühne wird blau und violett angestrahlt. Darüber hängen große Leinwände, auf denen bereits Werbeclips für das ICF und seine Veranstaltungen laufen. In einem Halbkreis sind schwarze Stuhlreihen aufgestellt, zwischendrin sitzen auf Podesten Menschen mit Kameras. Der Aufbau steht der Professionalität eines Fernsehstudios in nichts nach.
„Darf ich euch zu einem Sitzplatz führen?“, fragt ein junger Mann, als er unsere suchenden Blicke bemerkt. Um seinen Hals baumelt, wie bei allen anderen Helfenden hier auch, eine große Karte, die mich an einen Messeausweis erinnert. Darauf steht: „You need help?“ Wir folgen dem Helfer zwischen den vollen Stuhlreihen hindurch ans andere Ende des Raumes. Dort nehmen wir in der zweiten Reihe direkt vor der Bühne Platz und die Celebration beginnt.
Wer an Gottesdienste in Kirchen mit Orgel, Pfarrperson und Altar gewöhnt ist, dem wird das, was auf der Bühne der ICF Church stattfindet, in jedem Fall zunächst einmal suspekt erscheinen. Es gibt keinen festen Ablauf, keinen Ritus und keine Gravitas.
Worship ohne Ritus: Wenn Gottesdienst wie Performance wirkt
Direkt zu Beginn werden Worshiplieder von einer Band mit E-Gitarre performt. Auf den Leinwänden sieht man, wie bei einem Popkonzert, live die nah herangezoomten Gesichter der Sängerinnen. Sie singen vom Feind, von der Angst und natürlich von Gott.
Von den etwa 300 Menschen, die an diesem Sonntag zum ersten Termin der ICF gekommen sind, scheinen einige von der Bühnenshow ehrlich berührt zu sein. Im Publikum sieht man erhobene Hände und gesenkte Köpfe, viele wiegen sich hin und her, eine Frau auf der Bühne fällt während des Singens auf die Knie.
Gleich nach den ersten Worship-Songs wird ein neues Format in der Church vorgestellt. Die beiden Frauen auf der Bühne wirken, als seien sie einer Talkshow entsprungen. Nach ein paar Dankesworten direkt an Jesus und Gott wird ein QR-Code auf die Leinwände projiziert, über den man zu einem Spendenaufruf gelangt.
Wenn man diese Form des Gottesdienstes nicht gewöhnt ist, fällt es schwer, hier in eine spirituelle Stimmung zu kommen.
Dass die Veranstaltung an einem Ort stattfindet, an dem Menschen nachts Wodka-Bull trinken und zu Techno-Musik auf und ab hüpfen, macht es auch nicht einfacher.
Pastor als Life-Coach: Tobias Teichen zwischen Bibel und Motivation
Die „Predigt“ im ICF-Gottesdienst wird von Pastor Tobias Teichen gehalten. Er ist seit 2004 gemeinsam mit seiner Frau Leiter des ICF München. In Skinny-Jeans und passendem Jeanshemd betritt er mit schwungvollen Schritten die Bühne, spricht ein kurzes Gebet mit geschlossenen Augen ins Mikrofon und beginnt dann zu erzählen.
Es geht um Gottes Reich, um Jesus, der 40 Tage mit seinen Jüngern in der Wüste war, und darum, wie wir alle noch bessere Christ:innen werden können.
Alles an Tobias Teichen erinnert an einen Motivationscoach, der seine Geheimnisse zur Selbstoptimierung offenbart.
Der Pastor spricht energisch, läuft auf der Bühne auf und ab und zeigt parallel dazu eine PowerPoint-Präsentation, in die er mit einem digitalen Stift kleine Skizzen einzeichnet.
Auch an Metaphern für die gelungene Persönlichkeitsentwicklung fehlt es nicht. Gott ist eine Steckdose, wir haben einen Stecker in die Hand bekommen und müssen uns nur entscheiden – für Gott und gegen das, was der Teufel uns einflüstert.
Die Aufmachung eines Fernsehstudios, eine Band mit E-Gitarre und ein Motivationscoach als Pastor – all das kann unter die Kategorie „Geschmackssache“ fallen. Was sich jedoch weniger gut ignorieren lässt, sind die Inhalte der Celebration.
Bibeltexte digital: Autorität, Botschaften und Alltagsfragen
Am meisten irritiert der Umgang mit der Bibel oder eher „Gottes Wort“. Es gibt keine Lesung im eigentlichen Sinne. Stattdessen werden im Laufe der Predigt immer wieder weitgehend kontextlos einzelne Zeilen aus der Bibel vorgelesen und an die Leinwand projiziert. Diese Zeilen sollen eindeutige Botschaften und Regeln für das eigene Leben enthalten.
Tobias Teichen sagt an Gott gerichtet: „Für uns dahin, dass wir Menschen sind, die sich deiner Autorität unterordnen.“
Und diese Autorität kommt aus der Bibel. Was genau zu den Themen Pornokonsum und Arbeitslosigkeit gesagt wird, ist nicht klar, denn darum ging es die meiste Zeit.
Neben diesen Themen fallen noch einige andere Signalwörter, zum Beispiel „liberale Theologie“, oder es wird die Ansicht vertreten, es gäbe nur zwei Geschlechter: Frau und Mann.
Ritual oder Show? Balsamierung, Öl und inszenierte Spiritualität
Nach der Predigt folgt ein weiterer Worship-Song: gerührte Gesichter, E-Gitarre, erhobene Hände. Noch während die Musikerin am Keyboard sanfte Hintergrundmusik macht, kommt Lukas Gutmann, der auf der ICF-Website als „Creative“ bezeichnet wird, im Jogginganzug auf die Bühne.
Er sagt ein paar Worte zu Jesus, malt sich dann mit dem Finger ein Kreuz aus roter Farbe auf die Stirn und ruft zur Balsamierung auf. Das Gebetsteam würde mit Öl bereitstehen.
An diesem Punkt ist es mir und meiner Begleitung zu viel des Guten und wir verlassen die Veranstaltung. Aus Mitschnitten des Gottesdienstes schneide ich ein Video für Instagram.
Fokus auf das Selbst: Selbstoptimierung als Glaubenserlebnis
Was mich noch lange nach der Veranstaltung beschäftigt, sind vor allem zwei Dinge.
Zum einen der Fokus auf das Selbst, auf mich. Es gab in der Veranstaltung keine Fürbitten, es ging nicht um Nächstenliebe oder irgendeinen Bezug zu anderen Menschen. Der einzige Kontext, in dem es um das eigene Umfeld ging, war, als von „Impact“ und Mitarbeit die Rede war. Die eigene Selbstoptimierung in das Zentrum des Glaubens zu stellen und sich nur um den eigenen Lebensweg mit Jesus und Gott zu kümmern, wirkt wie ein Life-Coach-Programm mit christlichem Einschlag.
Doch noch viel gefährlicher schätze ich den Umgang mit der Bibel ein. Die Bibel ist ein historisches Dokument, das immer im Kontext der Zeit, der Originalsprache und der Menschen, die es geschrieben haben, gelesen werden muss. Sie ist ein zentrales Element des christlichen Glaubens, aber gerade weil sie nicht als Regelbuch für das Leben gilt, sondern als Grundlage der Reflexion über den Glauben, ist sie eine ständige Dialogpartnerin.
Jedes Lesen der Bibel ist eine Interpretation und liefert keine eindeutigen Antworten auf moralische und ethische Fragen.