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Beamte der ICE-Behörde nehmen einen Vater und seine Tochter fest. Trotz Gerichtsanordnung werden sie in einen anderen Bundesstaat ausgeflogen.
Minneapolis – Nach einem Einkauf kommen ein Vater und seine zweijährige Tochter zurück nach Hause. US-Beamte der Einwanderungsbehörde ICE folgen dem Fahrzeug. Zuhause angekommen verschaffen sich die Beamten Zugang zur Auffahrt, zerschlagen mutmaßlich ein Fenster des Autos, in dem sich Vater und Tochter aufhalten, und nehmen sowohl das zwei Jahre alte Kind als auch den Vater in Gewahrsam. Obwohl sich die Mutter im Haus nur wenige Meter entfernt befindet, erlauben die ICE-Beamten dem Vater nicht, seine Tochter zur Mutter zu bringen.
„Fünfjährige, alter“: Ein Demonstrant in Minneapolis protestiert gegen das Vorgehen der Einwanderungsbehörde. Ein fünf Jahre altes Kind war von ICE-Agenten verhaftet worden. © ROBERTO SCHMIDT/AFP
So schildert die Familienanwältin Kira Kelley die Szenen, die sich am Donnerstag in Minneapolis (Bundesstaat Minnesota) abgespielt haben sollen, wie der Guardian berichtet. Trotz richterlicher Anordnung, das Kind und den Vater nicht außerhalb von Minnesota zu verlegen und das Mädchen unverzüglich in die Obhut der Mutter zu entlassen, flog die US-Immigrationsbehörde die beiden nach Texas in eine Haftanstalt aus.
ICE verhaftet Vater und zweijährige Tochter in Minneapolis: „Horror wirklich unvorstellbar“
Erst Freitagnachmittag hatte die Einwanderungsbehörde die beiden wieder zurück nach Minnesota gebracht und das zweijährige Mädchen der Mutter übergeben, erklärte die Anwältin der Familie, Irina Vaynerman, gegenüber dem britischen Guardian. „Der Horror ist wirklich unvorstellbar“, sagte Vaynerman über die Szenen, die sich Donnerstag und Freitag abspielten. „Die Verkommenheit all dessen ist unbeschreiblich.“
Die Einwanderungsbehörde rechtfertigte das Vorgehen in einem Statement. Der Vater sei ein „illegaler Immigrant aus Ecuador“ und habe die Gesetze der USA gebrochen. Weiter sei der Vater „unberechenbar mit einem Kind im Fahrzeug“ unterwegs gewesen, wie NBC News das Statement zitiert. Der Vater, ein Einwanderer aus Ecuador, hat einen laufenden Asylantrag und keine endgültige Ausweisungsverfügung. Das Mädchen lebe „seit ihrer Ankunft als Neugeborenes in den Vereinigten Staaten“, in Minneapolis, so die Anwälte der Familie.
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Die Einwanderungsbehörde behauptete weiter, die Mutter habe sich „geweigert“ das Kind bei der Festnahme entgegenzunehmen. Anwältin Vaynerman bestreitet die Vorwürfe der Behörde. „Dieser Fall ist schrecklich … Jeder, der Eltern ist oder sich um kleine Kinder kümmert, kennt die Angst, die entsteht, wenn ein Kind von seinen Eltern getrennt wird“, sagte Vaynerman, eine Bürgerrechtsanwältin und Mitgründerin von „Groundwork Legal“ einer Anwaltskanzlei mit Sitz in Minnesota. „Es ist unmöglich zu sagen, welche langfristigen Auswirkungen dies auf dieses kleine Kind haben wird.“
Wenige Tage zuvor war bei einem ICE-Einsatz ein fünfjähriger Junge festgenommen worden. Die Festnahme des Fünfjährigen sorgte in den USA für Empörung. US-Vizepräsident JD Vance bestätigte den Fall am Donnerstag (Ortszeit) und räumte ein, zunächst selbst fassungslos gewesen zu sein. Vance sagte, sein erster Gedanke sei gewesen: „Oh mein Gott, das ist furchtbar. Wie konnten wir einen Fünfjährigen festnehmen?“ Er habe seine Meinung aber geändert, als er mehr über den ICE-Einsatz erfahren habe. „Was sollen sie tun? Sollen sie ein fünfjähriges Kind erfrieren lassen?“, fügte er hinzu.
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Der Fünfjährige und sein Vater werden von US-Behörden in San Antonio im US-Bundesstaat Texas festgehalten, wie die Washington Post unter Berufung auf den Anwalt der Familie, Marc Prokosch, berichtete. Prokosch erklärte, die beiden seien keine US-Bürger, hätten aber in Minneapolis Asyl beantragt. Im Januar waren Berichten zufolge bereits drei weitere Schüler in Minneapolis festgenommen worden.
Seit Dezember befinden sich etwa 3000 Bundesbeamte in Minnesota, um die Abschiebepolitik des US-Präsidenten Donald Trump durchzusetzen. Laut Angaben der Einwanderungsbehörde sollen bisher etwa 3000 Menschen festgenommen worden sein. In Minnesota und der Bundeshauptstadt Minneapolis gibt es Proteste gegen das teils brutale Vorgehen der ICE-Beamten.
Die Demonstrationen hatten sich ausgeweitet, nachdem ein ICE-Polizist am 7. Januar die unbewaffnete Mutter Renee Nicole Good in ihrem Auto mit mehreren Schüssen getötet hatte. Die Trump-Regierung stellt Good als „inländische Terroristin“ dar, die von dem Polizisten aus Notwehr getötet worden sei, nachdem sie ihn „überfahren“ habe. Videoaufnahmen zeigen jedoch, dass Good ihr Fahrzeug von dem ICE-Beamten wegsteuerte. Am Freitag sollte in Minneapolis ein Gedenktag für Good stattfinden.
Die US-Regierung hat derweil bereits das nächste Ziel für die Umsetzung ihrer Abschiebepolitik ins Auge gefasst: Der nordöstliche US-Bundesstaat Maine wurde für ein verstärktes Vorgehen der Einwanderungspolizei ausgewählt. (Quellen: NBC News/Guardian/Washington Post/AFP) (sischr)