Ein Haufen mit weißem Pulver.

AUDIO: Hoher Kokain-Konsum in SH: Ein Überblick (1 Min)

Stand: 24.01.2026 13:07 Uhr

Schleswig-Holstein ist das deutsche Flächenland mit dem höchsten diagnostizierten Kokainkonsum. Diesen Rückschluss lassen Zahlen des Barmer Instituts zu. Beratungsstellen melden eine erhöhte Nachfrage nach ihren Angeboten.

von Ben Armstrong

„Schnee“, „Charley“ oder „Coke“ – harmlose Codewörter für eine Droge mit zerstörerischer Wirkung. Kokain gilt als leistungssteigernd, belebend und euphorisierend. Doch hinter der weißen Fassade stehen Abhängigkeit, psychische Erkrankungen und soziale Abstürze. Genau deshalb blicken Experten in Schleswig-Holstein mit wachsender Sorge auf die aktuellen Entwicklungen.

Aufgereihtes Kokain, darüber ein aufgerollter Geldschein.

Nur in Bremen, Hamburg und Berlin waren mehr Menschen wegen Kokainmissbrauchs in Behandlung.

Eine Analyse des Barmer-Instituts zeigt: Schleswig-Holstein stand im Jahr 2023 bundesweit an der Spitze der Flächenländer, wenn es um ärztlich diagnostizierten Kokainmissbrauch geht. Nur in den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin wurden anteilig noch mehr Betroffene behandelt. Grundlage der Auswertung sind hochgerechnete Krankenkassendaten. Erfasst sind ausschließlich Menschen, die sich wegen ihres Konsums in ärztlicher Behandlung befinden – die tatsächliche Zahl der Konsumierenden könnte laut der Barmer deutlich höher sein.

In Kiel und Lübeck wird am meisten gekokst

Um Regionen vergleichbar zu machen, arbeitet das Institut nicht mit absoluten Fallzahlen, sondern mit Quoten. Entscheidend ist also nicht, wie viele Menschen insgesamt betroffen sind, sondern wie hoch der Anteil bezogen auf die Bevölkerung ist. Am Beispiel Kiel bedeutet das: Etwa 13 von 10.000 Einwohnern befanden sich 2023 wegen Kokainkonsums in ärztlicher Behandlung. Klingt erstmal wenig, ist aber ein Wert fast vier Mal höher als im Bundesdurchschnitt. Damit rangiert Kiel in Schleswig-Holstein auf dem traurigen ersten Platz, gefolgt von Lübeck und dem Kreis Stormarn, wo die Werte knapp drei Mal so hoch sind wie im Bundesdurchschnitt. Der Wert für ganz Schleswig Holstein liegt mehr als 70 Prozent darüber.

Mehr Kokain-Konsum, mehr Kriminalität

Parallel zum steigenden Konsum verzeichnet auch die Polizei eine deutliche Zunahme kokainbezogener Straftaten. Nach Angaben des Landeskriminalamts (LKA) haben sich die Delikte seit 2015 mehr als verdreifacht. Für das Jahr 2024 meldet das LKA erneut einen deutlichen Anstieg. Besonders viele Fälle registrierte die Polizei in den kreisfreien Städten Lübeck und Kiel. Im Vergleich der Kreise liegt Pinneberg vorn.

NDR Experte: Drogenfahnder haben den Markt nicht im Griff

Laut NDR Investigativ-Journalist Benedikt Strunz müssen Statistiken zur Kokaineinfuhr nach Deutschland mit großer Vorsicht betrachtet werden. Offiziell seien die Sicherstellungsmengen in Deutschland sogar zurückgegangen. „Gleichzeitig wissen wir aber, dass Schmuggler neue Wege nutzen und bewusst auf Schmuggelrouten setzten, die Zoll und Polizei bisher nicht so stark kontrollieren“, erläutert Strunz. Insofern sei die Frage, wie viel Kokain letztlich nach Deutschland kommt, sehr schwer zu beantworten.

Eines ist laut Strunz aber sicher: Kokain bleibt europaweit beliebt. Und es sei zu einer „Volksdroge“ geworden. Was lässt sich dagegen tun? „Kein Drogenfahnder, mit dem ich spreche, würde behaupten, dass die Polizei diesen Markt im Griff hat. Im Gegenteil: Der Kokainhandel hat riesige Gewinne in die Kassen der Organisierten Kriminalität gespült“, sagt Strunz.

Suchtexperte fordert mehr Abwasseranalysen

Um festzustellen wie groß das Problem wirklich ist, sollte es nach Meinung von Experte Björn Malchow mehr Abwasseranalysen geben. „Man kann die Abbauprodukte von Kokain-Konsum ganz gut im Abwasser nachweisen“, erläutert der Geschäftsführer der Landesstelle für Suchtfragen. Eine NDR Recherche hatte zuvor ergeben, dass sich im Abwasser norddeutscher Städte viele Drogenrückstände finden lassen. Unter anderem in Neumünster und Itzehoe (Kreis Steinburg) wurden große Mengen von Kokainrückständen im Abwasser entdeckt.

Illustration mit einer "Blue Punisher"-Ecstasy-Pille und einer mit Sturmhaube und Sonnenbrille maskierten Person.

Der NDR hat das Abwasser norddeutscher Städte auf Drogenrückstände untersuchen lassen. Dabei wurden zum Teil hohe Werte gemessen.

So digitalisiert ist die Drogenszene

Der Beschaffungsweg hat sich durch die Digitalisierung deutlich geändert, wie Strunz erklärt: „Kokain – wie jede andere Droge auch – kann heute einfach über das Internet bestellt werden.“ Wer es anonymer möge, könne auch über das schwer zu kontrollierende Darknet bestellen.

„Ich kenne auch Dealer, die ihren Kunden einfach Business-Karten mit Telefonnummer und QR-Code geben“, berichtet Strunz. So bekomme man Informationen zu aktuellen Angeboten und bestelle die Drogen dann per „Koks-Taxi“. Der Dealer liefert die Bestellung dann bei den Kunden aus.

Zwei „Lines“ Kokain alle fünfzehn Minuten

Portrait von Jules von Kehler - Ehemaliger Kokain-Konsument.

Mit 15 Jahren hat Jules von Kehler das erste Mal Kokain konsumiert.

So nüchtern Statistiken sind – sie erzählen nichts von den individuellen Schicksalen dahinter. Eines davon ist die Geschichte von Jules von Kehler aus Flensburg. Der 29-Jährige stammt aus Schleswig (Kreis Schleswig-Flensburg) und wuchs in einem Umfeld auf, in dem Drogen allgegenwärtig waren. „Es gehörte für mich zum Alltag. Meine Hemmschwelle für Drogen war damit sehr niedrig“, erinnert er sich. Um dazuzugehören, begann er früh Alkohol zu trinken und Gras zu rauchen.

Im Alter von 15 Jahren dann probierte er zum ersten Mal Kokain: „Ein Freund hatte es einfach mitgebracht und gefragt, ob ich es mal ausprobieren will.“ Zunächst blieb es beim unregelmäßigen Konsum auf Parties – auch, weil die Droge schwer verfügbar war. Mit 17 änderte sich das. „Dann habe ich es regelmäßig genommen, weil ich dann mehr Kontakte hatte“, erzählt er. Fast acht Jahre konsumierte er anschließend, und zwar täglich. Zu Hochzeiten waren es nach eigenen Angaben bis zu neun Gramm am Tag. Zur Einordnung: Eine „Line“ hat ungefähr 0,3 Gramm. „Manchmal habe ich alle 15 Minuten zwei Lines gezogen“, offenbart von Kehler.

„Hätte ich mein Leben weiter so geführt, wäre ich bald gestorben“

Mit einer damaligen Freundin zog er irgendwann nach Flensburg. Kurz darauf trennten sie sich und er wurde obdachlos. Ein dreiviertel Jahr lang schlief er bei Freunden oder auf der Straße. „Ich habe mich viel am Südermarkt oder im Mauseloch unter der Eisenbahnbrücke aufgehalten“, sagt er. Um seinen Konsum zu finanzieren, begann er zu dealen. In der Zeit nahm er nicht nur Koks, sondern zum Beispiel auch Morphium. Eine Zeit lang gab er rund 3.000 Euro im Monat nur für Kokain aus.

Eine Nacht brachte dann die Wende. „Ich hatte eine dissoziative Episode, haben die mir später gesagt. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, als ich plötzlich in einem Park aufwachte.“ Eine Freundin brachte ihn dann ins Diako-Krankenhaus: „Dort haben die Ärzte mir gesagt, wenn ich zwei Tage später da aufgeschlagen wäre, hätte ich vielleicht nicht überlebt.“ Es folgte eine Langzeittherapie, und heute lebt von Kehler in einer betreuten Einrichtung in Flensburg, zusammen mit elf Mitbewohnern. „Hier sind alle clean, deshalb ist es einfacher, nicht wieder in Abhängigkeit zu verfallen.“

Vom Hilfesuchenden zum Helfendem

Portrait von Nicolai Altmark - Leiter des SuchtHilfeZentrums Flensburg.

Viele Menschen nutzen Kokain laut Experte Nicolai Altmark zur Leistungssteigerung und Stressbewältigung.

Seit mittlerweile vier Jahren ist Jules von Kehler nun drogenfrei. Heute absolviert er eine Ausbildung zum Ergotherapeuten. „Ich möchte mit meinen Erfahrungen anderen Leuten helfen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie ich das gewesen bin“, schildert er. Dieses Ziel motiviere ihn, die Finger von Drogen zu lassen. Langfristig möchte er außerdem eine eigene Wohnung in Flensburg finden.

Unterstützt wurde er auf seinem Weg auch von Nicolai Altmark, dem Leiter des SuchtHilfeZentrums Flensburg. Altmark berichtet, die Nachfrage für Beratung sei massiv gestiegen: „In den vergangenen fünf Jahren haben sich die Beratungsanfragen verdreifacht. Das sind so viele wie noch nie zuvor.“ Auffällig sei vor allem, wer heute Hilfe sucht. „Früher kamen die Menschen, die Beratungen wollten, aus einem bestimmten Milieu. Heute sind es Studis, Handwerker oder leitende Angestellte.“ Die meisten seien unter 45 Jahre alt.

Auslöser für Konsum oft schwer festzustellen

Warum Menschen mit Kokain anfangen, ist nach Altmarks Einschätzung sehr unterschiedlich. „Es ist viel verfügbarer als damals, deswegen ist die Hemmschwelle, es einfach auszutesten, niedriger.“ Zudem habe sich die Feierkultur verändert: „Heute konsumieren die Leute beim Feiern durcheinander.“ Die Drogen- und Alkoholszene sei, anders als früher, nicht mehr so strikt getrennt.

Die Daten des Barmer-Instituts stützen diese Beobachtung. Bundesweit litten rund 41 Prozent der wegen Kokainkonsums behandelten Patienten zusätzlich an Alkoholmissbrauch. Und fast die Hälfte weist Depressionen als Begleiterkrankung auf. Was Ursache und was Folge ist, lässt sich oft kaum trennen. „Das ist wie beim Henne-Ei-Problem. Manche koksen wegen Depressionen, andere bekommen Depressionen vom Koksen“, so Altmark.

Wie Angehörige helfen können

Wer Betroffenen helfen will, sollte behutsam vorgehen, rät der Suchtexperte: „Höchstens die Sorge um die Person ausdrücken, mehr darf man dann erst mal nicht machen.“ Zu viel Druck könne abschreckend wirken. Wichtig sei es, Zeit zu geben und Hilfsangebote vorsichtig anzusprechen – ohne zu dramatisieren.

Süchtige und Angehörige finden Unterstützung unter anderem bei:

Transparenzhinweis der Redaktion:

In der ursprünglichen Version dieses Artikels hatten wir geschrieben, dass Ex-Kokainkonsument Jules von Kehler sagte, bereits seine Eltern hätten Kokain genommen. Diesen Satz haben wir gestrichen, nachdem sich die Mutter bei uns gemeldet hat und bestreitet, jemals Kokain genommen zu haben. Auch ein Kokainkonsum ihres Ehemanns sei ihr nicht bekannt gewesen.

Eine jugendliche Konsumentin

Für jugendliche Suchtkranke gibt es nur zehn ausgewiesene Therapieplätze im Land. Der Bedarf ist viel höher. Ein Projekt macht Hoffnung.

Der Kokainmissbrauch im Norden nimmt zu, Ärzte müssen immer öfter Patienten behandeln, die die Droge konsumieren. (Themenbild)

Neben 50 Gramm Kokain und Bargeld stellten Beamte weitere Beweismittel sicher, die auf einen regen Handel hindeuten.

In einem Prozess um einme Kokainlieferung in Hamburg verberfgen die Angeklagten ihre Gesichter hinter Aktenordern.

Ein Prozess um gewaltige Kokain-Ladungen im Hamburger Hafen ist mit Schuldsprüchen zu Ende gegangen. Chats und ein Video dokumentierten die Taten.