In dem Moment, in dem Tessa Ensler erkennt, dass sie verloren hat,  kann sie die Träne nicht mehr zurückhalten. Es ist tatsächlich nur eine einzige, die die Wimperntusche mit sich nimmt und langsam über die Wange rollt. Dann ringt sie zwar weiter die Hände und zittert am ganzen Körper, aber sie drückt den Rücken durch und schaut ihrem Peiniger ins  Gesicht, wohl wissend, dass er gleich freigesprochen wird: „Ich war lange genug Strafverteidigerin: Wenn das Gericht schnell zurückkommt, heißt das Urteil unschuldig.“

Jede dritte Frau erfährt sexualisierte  Gewalt

„Prima Facie“, das preisgekrönte Monolog-Stück von Suzie Miller, das am Freitagabend in der Regie von Nina Mattenklotz in der M*Halle des Mecklenburgischen Staatstheaters seine Premiere feierte, ist für Zuschauer keine leichte Kost. Thematisiert es doch etwas, über das nach wie vor noch viel zu  wenig gesprochen wird: sexualisierte Gewalt. Jede dritte Frau erfährt sie statistisch gesehen im Laufe ihres Lebens, doch gerade einmal ein Prozent von ihnen erlebt die Verurteilung des Täters. Eine Prima-facie-Beweisführung soll das begünstigen, liest man im Internet. Das Theater geht in seinem ansonsten durchaus lesenswerten Programmheft leider nicht darauf ein, sodass sich auch der Titel des Stückes nur Lateinern und Juristen erschließt.

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Der Terminus prima facie kommt aus dem Lateinischen und  steht für „auf den ersten Blick“, in der Rechtssprache  benutzt man ihn für einen Anscheinsbeweis. Wird er  angewendet, kommt es zu einer Umkehr der Beweislast, sie liegt dann bei der oder dem Geschädigten.

Das auszunutzen, beherrscht Tessa Ensler als Strafverteidigerin aus dem Effeff. Ob ihr Mandant getan hat, was ihm vorgeworfen wird, interessiert die junge Frau nicht, die aus einfachsten Verhältnissen stammt und sich mit Fleiß und Ehrgeiz in kurzer Zeit hochgearbeitet hat. „Eine gute Verteidigung erzählt einzig die beste Version der Geschichte des Angeklagten“, sagt die erfolgreiche Anwältin im Brustton der Überzeugung. Sie selbst urteile und verurteile nicht. Ihre Aufgabe in einem Strafverfahren sei es, den womöglich maßgeblichen Fehler in der Anklage zu finden, der eine Verurteilung verhindert.

Von der Verteidigerin zum Missbrauchsopfer

Es sind vor allem Sexualstraftäter, die die junge Anwältin mit Erfolg und Kaltschnäuzigkeit verteidigt. Die Frauen, die Tessa als Zeuginnen im Kreuzverhör auseinandernimmt, hassen sie für ihre ausgefeilte Fragetechnik, mit der sie ihnen die Worte im Mund umdreht und sie ein weiteres Mal zum Opfer macht. Kollegen aber bewundern sie für ihren Erfolg. Eine der erfolgreichsten Kanzleien in der Stadt macht ihr sogar das Angebot, dorthin zu  wechseln.

Doch dann wird Tessa selbst zum Missbrauchsopfer. Der Täter ist ein  Kollege. Beide hatten bereits einvernehmlich Sex miteinander, und auch der Abend, an dem er nicht von ihr abließ, obwohl sie Nein sagte, hatte harmonisch begonnen. Als Tessa sich entschließt, ihn anzuzeigen, findet sie sich im Gerichtssaal plötzlich auf der anderen Seite wieder und muss schmerzlich lernen, was  die Beweislastumkehr für Opfer im Zeugenstand bedeutet. Denn allen Anscheins nach habe sie sich doch gar nicht gewehrt, hält ihr der Strafverteidiger vor – so, wie sie es selbst viele Male Frauen im Zeugenstand unterstellt hat.

Paraderolle für Schauspielpreisträgerin Jennifer Sabel

Für Jennifer Sabel ist die Tessa eine Paraderolle, in der die Trägerin des Deutschen Schauspielpreises 2025 einmal mehr ihr ganzes Können zeigen kann. Eine und eine dreiviertel Stunde lang steht sie ohne eine Pause allein auf der Bühne und verliert nicht für eine einzige Minute den Draht zum Publikum, hält es bis zum Schluss gefangen. Mit jedem Kleidungsstück, das sie an- oder auszieht, wechselt ihre Persönlichkeit. Ihre Mimik verändert sich genauso schnell wie ihre Körpersprache, ihren Schmerz, ihre Zerrissenheit, spürt man geradezu körperlich. Wenn ihre Hände sich ineinander verkrampfen, wenn im Gerichtssaal die Fragen wie Schüsse auf sie abgeschmettert werden und sie jedes Mal zusammenzuckt, leidet man mit ihr. Und wenn die Träne langsam über ihre Wange läuft, bleibt auch im Publikum manches Auge nicht länger  trocken.

Weitere Vorstellungen: 31.1. und 7.2. jeweils 19.30 Uhr und 15.2. um 18 Uhr in der M*Halle Kartentelefon: 0385 53 00-123; Kartenbestellung  per Mail an [email protected] oder im Internet auf www.mecklenburgisches-staatstheater.de