Werther. Es müssen illustre Runden gewesen sein, die sich in den Sommermonaten der 1930er-Jahre in Arrode auf der Terrasse des kleinen Künstlerhauses getroffen haben. „Heute würde man sagen, Peter August Böckstiegel war ein guter Netzwerker“, sagt David Riedel, „damals galt er als guter Verkäufer“. Der künstlerische Leiter des Museums Peter August Böckstiegel steht neben einem Ergebnis aus einem dieser Sommertreffen in Arrode und ist höchst erfreut. Denn das Bild „Sonnenblumen mit Kartoffeln“ ist nach 88 Jahren wieder zurückgekehrt an den Ort seiner Entstehung.

Sybille Hörmann aus der gleichnamigen Steinhagener Unternehmerfamilie hat dem Museum das Bild aus ihrer Sammlung geschenkt. Auch wenn das Stillleben „kein Bild ist, das in die Kunstgeschichte einging“, wie David Riedel sagt, so ist es für das Böckstiegel-Museum doch ein sehr bedeutsames, da es eine Lücke in der Sammlung des Museums schließt.

Denn Sonnenblumen spielen in Böckstiegels Werk eine besondere Rolle. Die Sonnenblume war die Lieblingsblume des Malers. Sie ist eng mit seiner westfälischen Heimat verbunden, wo er sie im eigenen Garten anbaute und Zeit seines Lebens als Motiv nutzte. Die Sonnenblumen sind „höchst repräsentative, für den Künstler und seine Biografie bedeutsame Werke“, sagt David Riedel. Die Bilder ließen sich gut verkaufen und bedeuteten für ihn die Sicherung seines Lebensunterhalts.

Sybille Hörmanns Mutter kannte Böckstiegel persönlich

„Böckstiegel hat so viele Sonnenblumenbilder gemalt, dass alle denken, unser Archiv im Museum wäre voll damit“, sagt David Riedel. Aber das Gegenteil sei der Fall. „Wir haben bisher kein einziges dieser Stillleben besessen.“ Und genau aus diesem Grund sei die Schenkung von Sybille Hörmann so „großartig“.

Sybille Hörmann ist dem Museum in Arrode eng verbunden. „Sie ist eine langjährige sehr gute Freundin des Museums und der Böckstiegel-Projekte“, sagt David Riedel. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem 2024 verstorbenen Thomas J. Hörmann, Chef des Tür- und Torherstellers Hörmann, habe sie den Bau des Hauses sowie die Arbeit Riedels immer wieder mit Rat und Tat unterstützt. „Meine Mutter kannte Böckstiegel persönlich. Sie war während des Krieges nach Häger evakuiert“, erzählt die Kunstfreundin.

Zum Pressetermin anlässlich der Schenkung ist sie persönlich ins Museum gekommen. Man merkt ihr an, wie sehr sie sich über die Tatsache freut, dass das Bild nun mit dem Museum einen würdigen Ort hat, an dem es aufbewahrt wird. Dabei war das Bild tatsächlich 88 Jahre im Besitz ihrer Familie.

Böckstiegel lockte Kunstfreunde auf seine Terrasse in Arrode

In den späten 1930er-Jahren, wenn Peter August Böckstiegel die Sommermonate in seinem Elternhaus in Werther verbrachte, lud er stets viele Gäste auf die kleine Terrasse vorm Haus ein. Nicht irgendwen, sondern vor allem finanzstarke Kunstfreundinnen und -freunde pilgerten nach Arrode.

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„Das muss man sich etwa so vorstellen, dass Böckstiegel Kunstinteressierte hierhin gelockt hat. Da saßen dann zehn Leute bei Kaffee und Kuchen zusammen, von denen acht vielleicht Böckstiegel schon kannten und die anderen zwei für seine Kunst begeisterten“, erzählt David Riedel. Und wenn jemand Interesse zeigte, sich aber nicht sofort zum Kauf entschließen konnte, dann habe der Maler auch per Brief schon mal nachgehakt.

Zu der Runde gehörte auch das Ehepaar Molsen, das damals in Bielefeld den Glasbaubetrieb Rohde führte. Für 800 Reichsmark kauften sie Ende Oktober 1938 das erst kurz zuvor entstandene Bild Sonnenblumen mit Kartoffeln. „Das sind umgerechnet heute etwa 5.000 Euro, für Böckstiegel eine große Summe Geld“, sagt David Riedel.

Sybille Hörmann hat bedeutende Kunstsammlung des Informel

„In den 1930er-Jahren gehörte es zum guten Ton in Bielefelder Familien, einen Böckstiegel zu besitzen“, sagt Sybille Hörmann. Und so habe das Bild viele Jahre bei den Molsens in Bielefeld gehangen. Aus dieser Familie stammte auch Erika Hörmann, eine geborene Rohde-Meyer zu Bentrup. Als sie Hermann Hörmann – Sybille Hörmanns Schwiegervater – heiratete, nahm sie das Bild mit in ihr neues Zuhause in der Steinhagener Patthorst. „Erika hat das Bild sehr geschätzt“, erinnert sich Sybille Hörmann.

Nach dem Tod ihres Mannes zog Erika Hörmann nach Sylt. Und auch dort hatte der Böckstiegel einen Ehrenplatz in ihrer Wohnung. Nach ihrem Tod 2008 ging er dann zurück nach Ostwestfalen und in den Besitz von Thomas und Sybille Hörmann über.

Aufgehängt, räumt Sybille Hörmann ein, hatten sie und ihr Mann das Stillleben jedoch nicht mehr. Denn seit den 1990er-Jahren sammelt das Ehepaar Kunstwerke aus der Stilrichtung Informel. „Das sind abstrakte Bilder, auf denen man wenig erkennt“, sagt Sybille Hörmann lachend. Dazu würden Böckstiegels Sonnenblumen nicht so gut passen.

Sybille Hörmann sagt: „Bilder sind zum Liebhaben“

Nach dem Wert des Bildes, von dem sie sich nun trennt, gefragt, sagt sie: „Ich höre nicht gerne, dass Bilder einen Wert haben. Bilder sind zum Liebhaben.“ Doch dass sich mit den Sonnenblumen auf dem Kunstmarkt durchaus einträgliche Summe erzielen lassen, hatte sich jüngst erst im Dezember gezeigt.

Denn den Strauß Sonnenblumen im roten Krug auf der gestreiften Tischdecke hatte Peter August Böckstiegel im Oktober 1938 zwei Mal gemalt. Ein Mal drapierte er Kartoffeln rund um den Krug und ein anderes Mal Äpfel und Maiskolben. Und dieser Zwilling ist im Dezember bei einer Auktion für rund 65.000 Euro versteigert worden.

Dessen neuen Besitzer kennt David Riedel inzwischen, und so kann er verkünden, dass sich ein großer Wunsch des Museumsleiters bald erfüllt. „Ich wollte immer einmal beide Sonnenblumenbilder nebeneinander zeigen.“ Der neue Eigentümer des Zwillings hat einer Verleihung zugestimmt. Und so werden in der nächsten Böckstiegel-Ausstellung „Akte und Blumenschicksale“ (15. Februar bis 17. Mai) erstmals beide Bilder zusammen am Ort ihrer Entstehung gezeigt.

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