Pfarrerin Charlotte Horn ist seit Mai 2025 die Leiterin der Evangelischen TelefonSeelsorge Köln. Sie hat mit Antje Rinecker, Studienleiterin für Spiritualität und Engagement, gesprochen.

Was hat Sie veranlasst, sich auf diese Stelle zu bewerben?

Charlotte Horn: Viele Jahre lang war ich ehrenamtlich Telefonseelsorgerin – neben meinem Beruf als Schulpfarrerin an einem Kölner Gymnasium. Der ehrenamtliche Dienst am Telefon hat mich über die Jahre geprägt. Die Gespräche am Telefon waren bewegend. Und ich konnte sie in der Supervisionsgruppe besprechen; die Supervisionen helfen, diese Eindrücke zu verarbeiten, eigene Muster zu erkennen und sich weiterzuentwickeln. Ich habe gelernt, bewusster zu reagieren und innerlich gelassener zu werden. Für dieses schöne und auch anspruchsvolle Ehrenamt werden alle bei uns in einer einjährigen Ausbildung qualifiziert und anschließend durch regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen begleitet und unterstützt. Unter anderem für die Organisation dieser fachlichen Begleitung bin ich nun  als Leiterin zuständig.

Warum ist TelefonSeelsorge wichtig?

Charlotte Horn: TelefonSeelsorge bedeutet: Da sein für Menschen in Not. Manche, die anrufen, sind in einer akuten Krise, andere leiden über lange Zeit und rufen dann auch häufiger an. Es geht um Themen, die sonst „auf der Rückseite unseres Alltags“ bleiben: Menschen rufen an, weil sie niemanden haben oder weil sie ihre Familie oder den Freundeskreis mit ihrem Problem nicht immer neu belasten wollen. Oder auch, weil sie gerade wegen der Anonymität hier ihre Scham überwinden können, über das zu sprechen, was sie bedrückt.

Was könnte mich motivieren, bei der TelefonSeelsorge ehrenamtlich mitzuarbeiten?

Charlotte Horn:  Wer bei uns ehrenamtlich mitarbeiten will, sollte offen und lebenserfahren sein, sich auf andere Menschen ohne Wertung einstellen können. Man muss psychisch belastbar sein und bereit, sich mit sich selbst und den eigenen Krisen auseinanderzusetzen und Neues zu lernen. Der Einsatz umfasst 15 Stunden pro Monat, auch Nachtdienste. Da wir anonym und verschwiegen arbeiten, kann man mit diesem Ehrenamt keine öffentliche Anerkennung bekommen – jedenfalls nicht persönlich. Wertschätzung erfahren wir in der TS-Gemeinschaft daher vor allem voneinander. Eine unserer Supervisorinnen hat uns neulich ein schönes feedback gegeben: „Ich blicke hier in so viele schöne Gesichter. Gesichter, die von innen leuchten.“ Vielleicht hat diese Wahrnehmung auch damit zu tun: in diesem Ehrenamt sind Menschen bereit, sich immer neu auch mit sich selber und ihren Lebensthemen auseinanderzusetzen. Nur wer sich selber vertieft kennt, auch die eigene Verletzlichkeit, kann bei anderen angstfrei genau hinhören, was Sache ist. Und weil wir persönliche Themen miteinander besprechen, schweißt das natürlich zusammen. So ist  für viele die Verbundenheit untereinander das Rückgrat ihres Telefondienstes. Wir erleben diese Verbundenheit bei gemeinsamen Fortbildungen, Supervisionen, bei Gottesdiensten und bei Festen, die wir feiern. Da wird es dann auch mal lustig und leicht und beschwingt. Humor ist eine wichtige Kraftquelle.

Was sind in Ihren Augen die brennendsten Themen?

Charlotte Horn: Ein besonderes Thema am Telefon sind Suizidgedanken und Suizidabsichten.  Dass es die TelefonSeelsorge gibt, liegt (auch) an der Unerträglichkeit des Phänomens Suizid. Menschen töten sich selbst – aus akuter Verzweiflung, in schwerster Depression. Wahrscheinlich hätte es in den allermeisten Fällen eine andere Lösung gegeben. Denn Menschen wollen in der Regel nicht tot sein, sie wollen nur nicht so weiterleben, wie sie es gerade tun müssen. Die TelefonSeelsorge begleitet auch Menschen in tiefster Verzweiflung, um ihnen ein Innehalten zu ermöglichen. Damit sie im Gespräch über das Unerträgliche ihrer Situation vielleicht eine Perspektive finden, die ihnen das Weiterleben ermöglicht. Deshalb werden alle Mitarbeitenden bei der TelefonSeelsorge für Gespräche mit Menschen in suizidalen Krisen geschult und weitergebildet. Unsere Mitarbeitenden können das Thema sensibel aufgreifen, und sie können es auch aktiv ansprechen, wenn es notwendig erscheint.

Das Thema des Programmheftes der Melanchthon-Akademie heißt für dieses Halbjahr: „Reparierbar?“ Was fällt Ihnen im Zusammenhang mit der TelefonSeelsorge dazu ein?

Charlotte Horn: Bei uns geht es nicht ums Reparieren. Wiederkehrende Themen am Telefon sind: Überforderung, mangelnde Anerkennung, Scham. Weitere Themen sind: Beziehungsprobleme, Krankheit, Trauer, Einsamkeit, Stress, Ängste. Es rufen uns Menschen aller Altersgruppen an, manche mehrmals über Wochen, manche einmal. Unsere Haltung ist: wir wissen nicht die Lösung, aber wir unterstützen dabei, dass die Anrufenden  sich sortieren, aussprechen, Kontakt spüren –  und den nächsten Schritt im eigenen Alltag für sich finden. Aktuell wirbt sogar ein deutscher Rapper in einem seiner Videoclips am Ende darum, sich in der Not an die Telefonseelsorge zu wenden (apache207, Song: Mann muss). In dem Song geht es  um die gesellschaftlichen Zwänge, unter denen viele Jungs und Männer leiden, weil sie mit einem schwierigen Bild von Männlichkeit einhergehen. Am Ende des  Videoclips wird  die Nummer der Telefonseelsorge eingeblendet. Hier darf man sich – am Telefon –  auch mal schwach und verletzlich zeigen, das ist die Botschaft.

Alle Infos finden Sie hier:   Evangelische TelefonSeelsorge Köln – Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

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Text: Antje Rinecker
Foto(s): TelefonSeelsorge Köln