Der Film beginnt mit einem vorläufigen Endpunkt. Im Oktober 2025 wurde der große Flügelaltar im Westchor des Naumburger Doms wieder abgebaut. An Spanngurten schwebt die von Michael Triegel gemalte Mitteltafel an den Stifterfiguren Ekkehard und Uta vorbei. Und für einen kurzen Moment sehen die beiden mittelalterlichen Skulpturen wirklich unzufrieden aus. Was war passiert?
Ein Fall für Triegel: prominenter Auftrag aus Naumburg
In seinem Film „Triegel trifft Cranach“ springt der Regisseur Paul Smaczny fünf Jahre zurück und begleitet den Leipziger Maler während der Arbeit an den Tafelgemälden für den Auftrag aus Naumburg. Neben der zentralen Mitteltafel entstehen in seinem Atelier ein ebenso großes Bild für die Rückseite des Altars sowie zwei schmale Formate für dessen Predella.
Es ist ein Auftrag, wie gemacht für Michael Triegel, der mit seiner Neuinterpretation eines altmeisterlichen Malstils singulär in der Kunstszene ist. „Als jemand, der aus dem katholischen Niederbayern kommt, war ich fasziniert, einem Künstler zu begegnen, der, ohne religiöse Erziehung aufgewachsen, sich unglaublich gut in der ganzen Kirchengeschichte, in allen Details der sakralen Kunst auskannte“, erzählt Regisseur Paul Smaczny. Er habe sich gefragt, wie das zusammengehe.
Unverwechselbarer Malstil: die Menschen als Heilige zeigen
Im Film folgen wir dem Künstler für Studien in den Naumburger Dom oder auf die Insel Procida im Golf von Neapel. Dort findet alljährlich eine katholische Karfreitagsprozession statt. Einige Teilnehmer, die Triegel dort zeichnet, bekommen später einen prominenten Platz auf dem Gemälde für die Mitteltafel, einer Mariendarstellung.
Für die Maria sitzt Tochter Elisabeth Modell. Das habe er von Leonardo da Vinci gelernt, erläutert Triegel im Film: „Dass ich also erst genauestens beobachten muss. Personen, Gegenstände, Lichtbrechungen – um die dann von der konkreten Beobachtung dieser Welt zu einer Idee hin treiben zu können. Dass sie also auch etwas Archetypisches meinen.“
Auf seinen Tafelbildern für den Naumburger Dom setzt er genau das um. „Eine Gemeinschaft von Menschen, die man als Heilige lesen kann, die man aber als erstes als Menschen von heute lesen soll, denen man begegnen kann“, formuliert es der Künstler.
Film kommt dem Künstler sehr nah
Den überwiegenden Teil des Filmes aber sind wir als Zuschauer mit im Atelier, das angefüllt ist mit wundervollen Dingen: halbfertigen Gemälden, Gipsabgüssen, Antiquitäten. Der Künstler darin scheint die Anwesenheit des Filmteams zeitweilig zu vergessen. Paul Smaczny schwärmt vom gegenseitigen Vertrauen während der Dreharbeiten: „Das hat uns erlaubt, fast ungefragt, jederzeit im Atelier vorbeizukommen. Es gab nie einen Moment, wo er sagte, nee, heute lieber nicht. Das war wirklich ganz außergewöhnlich.“
Mit seinen langen, ruhigen Kameraeinstellungen transportiert der Film den faszinierenden künstlerischen Prozess. Wenn Triegel mit leichter Hand virtuose Vorzeichnungen anfertigt oder den Figuren und Gegenständen auf seinem Gemälde ein meisterhaftes Kolorit verleiht, ist es, als dürfe man einem Zauberer über die Schulter schauen. Gold durchwirkter Brokatstoff, Marias blonde Locken oder der blutige Schädel eines Schafes – Triegel widmet sich allem mit der gleichen Hingabe.
Michael Triegel: Schönheit durch Wahrhaftigkeit
„In dem Moment, wo ich das hier male, ist es für mich schön“, meint Triegel etwa, während er den Kopf des Opferlammes skizziert. „Schönheit heißt für mich nicht Verharmlosung und Ästhetisierung. Schönheit hat für mich was mit Wahrhaftigkeit zu tun.“
Schönheit hat für mich was mit Wahrhaftigkeit zu tun.
Michael Triegel, Maler
Wenn der Künstler nach zweijähriger Arbeit zur Altarweihe im Naumburger Dom glücklich lächelt, ist man selbst ein bisschen erleichtert. Wohl wissend, dass der Altar – wir erinnern uns an die erste Filmszene – schließlich wieder abgebaut werden muss. Es drohte die Aberkennung des Weltkulturerbe-Titels durch die UNESCO.
Regisseur Paul Smaczny sieht darin einen interessanten Konflikt, den er in seinem Film abbildet. Schließlich gehe es um mehr, als nur um Denkmalschutz und die Frage: Was sei schützenswert? Es gehe auch darum: Darf so ein Raum trotzdem noch weiter verändert werden? Darf er sich durch den Gebrauch auch verändern?
Auf sehr angenehme Weise ist der Film also beides: meditatives Künstlerportrait und regionaler Kunstkrimi in einem.