Ist der Architekt ein Dienstleister? Ist er ein Künstler? Im besten Falle beides. Künstler war der Architekt Klaus Franz auf jeden Fall. Er hat mit der Kirche Maria Regina in Fellbach ein Gotteshaus entworfen, mit kegelförmigem Saal und von oben schräg einfallendem Licht, das einen mindestens architekturgläubig, wenn nicht mehr werden lässt. Der herausragende, als ehrlich, streng, zuweilen sarkastisch geltende Baumeister hat aber auch private Häuser geplant. Für eine Stuttgarter Familie mit drei Kindern etwa, denen ihre Wohnung im Stuttgarter Norden zu klein geworden war.
Weil der befreundete Nachbar, der Architekt Herrmann Schröder vom renommierten Büro Faller + Schröder selbst viel beschäftigt war, empfahl er ihnen Klaus Franz. Ein Vertreter des Neuen Bauens, Le-Corbusier-Fan, ein Gestalter mit Eigensinn. Der war gewünscht.
Denkmalgeschützter Betonbau in Stuttgart
Beim Bauen mit dem 1923 im Rheinland geborenen Künstlerarchitekten waren die Auftraggeber mit der nötigen Geduld gesegnet. Und mit Humor. In einem Brief vom 20. Dezember 1968 an den „sehr geehrten, lieben Herrn Franz“ wird selbigem ein mit 1000 Deutsche Mark (heute wären das rund 500 Euro) dotierter Preis verliehen. Die Auszeichnung trägt den Namen des Bauherrn und wurde auch nur dieses eine Mal vergeben.
Fast exakt 57 Jahre später steht Klaus Franz’ Haus immer noch an einem Steilhang im Stuttgarter Süden und ist denkmalgeschützt. Ein Paradebeispiel des Betonbaus, des Brutalismus, erhaltenswert ist Denkmalpflegern nicht nur das Schloss mit Türmchen, sondern auch der moderne, für seine Zeit typische Entwurf. Wer die Adresse gefunden hat, steht vor einem hoch auf dem Hang thronenden Betongebäude, am frühen Abend leuchtet es heimelig hell aus dem mehrfach unterteilten Dreieckfenster im Dachgeschoss.
Mutiger Farbeinsatz
Das Material ist dominierend auch im Innenraum, dazu Holz und mutiger Farbeinsatz von Orange, Lila, Gelb, Rot, reizvoll sich zum Grün der Fenster und Türen gesellend, wie sich beim Besuch zeigt. 93 Treppenstufen werden dabei erklommen. „Barrierefrei ist das Haus nicht“, sagt die Umbauherrin zur Begrüßung, die den Architekten und das Haus schätzt, selbst aber im Hintergrund bleiben möchte. Bewegung ist gesund und hält fit, falls je einmal das Wetter für die morgendliche Joggingstrecke durchs angrenzende Landschaftsschutzgebiet zu schlecht sein sollte.
Das Mauerwerk, der Beton im Haus – alles unverputzt. Und das eher nicht, damit bei einem Rückbau das Material wieder verwendet werden kann. Denn ein Kunstwerk will ewig bleiben. Aus gestalterischen Gründen darf das Material roh und kraftvoll für sich sprechen.
Materialehrlichkeit ist heute wieder en vogue
„Egal, ob Schule, Kirche oder Wohnhaus, Beton, Sichtmauerwerk, Holzdecken, grüne Fenster und Türen: das waren stets die Materialien und die Farbe der Wahl des Architekten Klaus Franz“, sagt der ebenfalls zum Besuch erschienene Matthias Ludwig. Er hat jüngst in zweieinhalb Jahre dauernder Umbauzeit das Haus seines 1999 in Stuttgart gestorbenen Kollegen zukunftsfähig gemacht.
Architekt Matthias Ludwig, Partner in bfa / büro für architektur, hat das Stuttgarter Wohnhaus von Klaus Franz sensibel saniert Foto: Valentin Wormbs/bfa
Materialehrlichkeit, wie es in der Fachsprache heißt, ist heute wieder en vogue. Damals, in den frühen 1970ern (und zum Teil noch heute) fanden manche Zeitgenossen das Wohnen in Betonbauten eigenartig oder unwohnlich. Der Fahrlehrer der damaligen Bauherrin etwa habe sich gewundert, dass man in einem Haus ohne Tapeten, nur mit Beton oder Kalksteinziegel-Wänden und nur mit Steinböden, bis auf das Wohnzimmer, wo damals ein Teppichboden lag, leben könne, erinnert sich die Tochter.
Für sie hingegen, die 1969 als kleines Mädchen mit den Eltern und den zwei Geschwistern dort einzog und die jetzt mit ihrem Mann nach dem Tod des Vaters das Haus bewohnt, war nichts an dem Haus eigenartig: „Dass wir in so einem besonderen Haus wohnten, war mir nicht klar. Woran ich mich aber noch erinnere, ist, dass wir stets den Vorhang vor dem kleinen Schwimmbad zuzogen, bevor Besuch kam.“ Heute bleibt der Vorhang auf, man passiert das Bad beim Aufstieg ins Helle, Offene.
Eine eigene Zahnradbahn fürs Haus
Das Haus folgt einer klaren Dramaturgie, im Eingangsbereich teilt sich das Gebäude zur Einliegerwohnung, die derzeit vermietet ist, und dem Rest des Hauses. Schmale Stufen führen an der Betonwand mit dem schön breiten hölzernen Handlauf hinauf in die erste Etage, die auch einen separaten Eingang verfügt und leicht in eine eigene kleine Wohnung abgetrennt werden könnte, dann teilte sich das Gebäude mit seinen insgesamt stattlichen 272 Quadratmetern Wohnfläche in ein Dreifamilienhaus.
Aktuell dienen die ehemaligen zwei kleinen Kinderzimmer als ein größerer Fernseh- und Musikraum. „Dies war leicht möglich und war von dem Architekten Franz schon vorgesehen, da hier eine leichte Trennwand aus Holz eingebaut war“, sagt Matthias Ludwig.
Eigene kleine Zahnradbahn
Ein Stockwerk weiter oben ist der Hauptwohnbereich mit Schlafzimmer, Bad, die Küche und dem Esszimmer. Die lichte Raumhöhe ist mit 2,20 Metern zwar etwas unterhalb der üblichen Norm, doch das spart Heizkosten und vermittelt ein behagliches Rückzugsgefühl.
Die breiten Schiebetüren im Essbereich öffnen sich hin zur überdachten Terrasse, seitlich am Grundstück sieht man auch die eigene kleine Zahnradbahn, die damals schon installiert wurde. Sie führt vom unteren Eingang bis ganz hinauf. Bis heute wird diese für den Transport von schweren Dingen benutzt.
Viel Grün rund um das Haus
Die wenigen schmalen Steinstufen schafft man jetzt aber auch noch zu Fuß hinauf zu einem Bänkchen, von dem aus man Aussicht in die Stadt und aufs eigene Haus genießen kann. Dort sind auch die Photovoltaikdachschindeln zu sehen. Sie ersetzen die alten Faserzementschindeln; nicht günstig, dafür gestalterisch überzeugend und materialsparender als ein Dach zusätzlich mit PV-Platten zu bedecken.
Und dann das viele Grün, von dem das Haus umgeben ist. Die Hausherrin weiß es zu schätzen, was sie einst und nun wieder hat: „Als ich als Studentin auch in kleinen Wohnungen direkt an der Hauptstraße wohnte, wurde mir klar, was für ein Privileg das war: Wie ruhig wir es in dem Haus mitten in der Stadt hatten mit schöner Aussicht auf die Stadt. Und den kühlen Wind aus Degerloch haben wir vor allem im Sommer immer sehr geschätzt. Und zu Fuß sind wir ja in 15 Minuten beim Rathaus in der Innenstadt.“
Nur dezente Eingriffe des Architekten
In den Wohnräumen sind die Eingriffe von Architekt Matthias Ludwig, der schon häufig im Bestand saniert hat, dezent. Oft werden heute bei Umbauten Küche und Esszimmer miteinander verbunden und komplett geöffnet, weil Kücheninseln fürs Showkochen gewünscht sind, da kann vom Sofa aus oder am Esstisch sitzend beobachtet werden, wie andere arbeiten.
Hier bleibt alles wie es war, die Einbauküchenmöbel bekamen zum Teil nur neue Furniere oder eine Ölung; die alte Durchreiche mit den aufgearbeiteten Holzschrankkassetten ist noch da, dient zugleich als Theke. „Nur Mahagoniholz würde man heute nicht mehr verwenden, eher heimisches Material“, vermutet Matthias Ludwig.
Keine Bunkeratmosphäre
Dass das Leben in unverputzten Wänden angenehm sein kann und fern jeglicher Bunkeratmosphäre, zeigt der Entwurf. Bilder und Möbel des Paares, die sie aus ihrem früheren Zuhause mit ins Franz-Haus gebracht haben, bilden spannungsvolle Kontraste zur strengen Form. Und: die Linien sind klar, der Beton ist bunt.
Die Originalfarben der Wände Gelb, Orange, Lila, Kirschrot wurden auf den Betonflächen komplett erhalten. „Die Betonwände und das Sichtmauerwerk hat ein Maler mit einem Dampfreiniger und einem milden Spülmittel behandelt.“
Die neue runde Dusche bekam blaue Kacheln
Matthias Ludwig, der auch schon ein Stuttgarter Wohnhaus im Bauhaus-Stil aus den 1930ern saniert hat, beweist einmal mehr ein feines Gespür für Details. Etwa bei manchen Holzeinbauten, den zwei „Kommandozentralen“, den Lichtschalterkasten also, entsprechend dem original Farbton ein Kirschrot eingesetzt. Alle Sicherungskästen sind neu, die Beleuchtung ist komplett auf energiesparendes LED umgestellt.
Eine größere Veränderung fand im Sanitärbereich statt mit dem Austausch der verrosteten Wasserzu- und -ableitungen in allen Bädern. Selbst die 15 mal 15 Zentimeter großen ecrufarbenen niederländischen Fliesen blieben erhalten, die Handwerker bauten sie aus und verwendeten sie nach der Renovierung wieder. Nur in manchen Bereichen wurden sie durch neue Fliesen desselben Herstellers ergänzt. Statt einer Badewanne haben sich die Bauherren eine Dusche und extra WC gewünscht. Die neue runde Dusche bekam blaue Kacheln wie die Dusche im Schwimmbad.
Wärmepumpe und PV-Anlage
Das Betonhaus wurde energetisch auf den vorbildlich neuesten Stand gebracht: Eingebaut wurde mit Hilfe der Energieexperten Transsolar Stuttgart eine Wärmepumpe mit Pufferspeicher und Übergabestation, die mit der alten Ölheizung verbunden werden konnte.
Das hat den Vorteil, dass die schönen alten grauen Steinzeugfliesen auf dem Boden und die originalen Heizkörper nicht herausgerissen werden mussten. Matthias Ludwig: „Die Anfang der 90er Jahre eingebaute Ölheizung musste auch nicht entsorgt werden, sie ist eine Art Ersatz fürs gelegentliche Zuheizen, falls es sehr kalt werden sollte.“
Guter Zustand von Beton und Böden
Wie häufig, wenn in der Corona- und Nachcoronazeit geplant wurde, gab es allerdings Terminengpässe, Lieferschwierigkeiten. „Wir haben ein Dreivierteljahr in einem eingerüsteten Haus gelebt“, sagt die Bauherrin. Dafür funktioniert jetzt alles: „Wir haben nun einen Winter lang geheizt, und wir haben nicht gefroren.“ Strom für die Wärmepumpe kommt über die vollflächige PV-Anlage.
Das Warten hat sich also gelohnt. Der Beton und die Böden waren „in außergewöhnlich gutem Zustand“, sagt der Architekt Matthias Ludwig. Was auch mit dem Perfektionswillen des Gestalters zu tun hat. In dem Brief des Bauherrn an den Architekten galt der Dank besonders „der künstlerischen Leistung, der Sorgfalt bei der Planung und des Einsatzes bei der Bauführung“. In der Tat, berichtet die Tochter, war Klaus Franz jeden Tag auf der Baustelle und hat sehr streng die Qualität der ausgeführten Arbeiten überwacht. Aber es hat sich gelohnt.“
Kennen wir nicht! Haben wir noch nie so gemacht! Geht nicht! Was zuweilen von Fliesenlegern, Schreinern, Betonbauern entgegnet wird, wenn gestalterisch neue Wege gegangen werden, ließ der strenge Herr Architekt nicht gelten.
„Dann baut doch euer S***Haus selbst!“
Unvergessen sind auch andere Szenen der Planungszeit. Vieles wurde gemeinsam entschieden, manchmal war man sich uneinig: „Die Mutter hatte das schmale Treppenhaus bemängelt“, berichtet die Umbauherrin. Bei Diskussionen in der Abendstunde, wenn der Franz bei den Bauherren zur Besprechung zu Gast war, wurde es ab und an so laut, dass die Kinder in ihren Zimmern dies und das hören konnten. „Dann baut doch euer S***Haus selbst“ zum Beispiel, erinnert sich die Tochter mit einem Lachen. Sie berichtet davon entspannt im obersten Stock in einem der „Diamond“-Sessel von Harry Bertoia sitzend. „Als das Haus fertig war, waren die Eltern stolz, dass sie kein 0815-Haus hatten.“
Überrascht der praktisch aufgeteilte Schlaf-, Ess- und Küchenbereich, der vom Funktionalismus des Neuen Bauen inspiriert ist, beginnt der Free Jazz des Gestalters, das ganz große Staunen, schon während man am Esstisch sitzt und auf die Betonwand und die Treppe schaut, die unters offene Dach führt. Man sieht: ein abstraktes Gemälde.
Detailliebe der Architekten
Dann beim letzten Aufstieg bis unters Dach empfängt einen ein großer hoher Raum – überall Holz. Neben dem großen grüngerahmten, mit neuem Glas aufgearbeiteten Dreiecksfenster, das einen Blick auf die Stadt bietet, befinden sich an der Wand Schienen für Regalböden, die sind bestückt mit Kunstbüchern und Romanklassikern von Cervantes’ „Don Quixote“ bis „Zettels Traum“ von Arno Schmidt. Mitten im Raum locker verteilt die Möbelklassiker.
Bei der Polsterwahl haben die Eltern der Bewohnerin sich an den von Klaus Franz bevorzugten Farben orientiert, und auch sie durften bleiben, selbstverständlich. Wie ein quicklebendig belebtes Museum fürs schönere Wohnen der späten 50er bis 70er ist dieser Lese- und Geselligkeitsraum, aber eben so, als wäre alles gerade eben erst frisch fertig geworden.
Die Beharrlichkeit und Genauigkeit, die Detailliebe beider Architekten und der Umbauherrschaft hat sich gelohnt. Für die Um- und Nachwelt, die sich über ein für die Zukunft gerüstetes lange lebendes Haus freut. Und für die Bewohner, die jetzt freudvoll das Haus des Künstlerarchitekten beleben, sowieso.
Eindrücke aus dem Haus in der Bildergalerie.