Das extravagante Tiny House steht im Stuttgarter Westen auf dem Haus einer Galerie. Es soll ein vorübergehendes Daheim für Künstler aus aller Welt bieten. Ein Besuch.

Eine Kunstgalerie in einer ehemaligen Malerwerkstatt, das ist schon mal nicht unoriginell. Wenn dann noch auf dem Dach des Hauses ein farbenfrohes Tiny House steht – und das Ganze mitten im Stuttgarter Westen, wird man doch neugierig.

An einem trüben Wintertag biegt man also in der Reinsburgstraße zwischen zwei Gründerzeithäusern ein, stapft ein Stäffele hinunter und steht in einem von Häusern umrahmten Minipark mit Spielplatz. Ein Idyll. Unter dem Platz befindet sich eine Großgarage, der Eingang dazu befindet sich in der Rotebühlstraße.

Rechterhand geht es zu einem Flachdachgebäude aus den 1980ern mit strahlend weißer Fassade, die Tür neben der geschwungenen Glasbausteinwand steht auf. Die Galerie Better Go South wohnt hier, das Reich von Nina und Michael Preuss.

Tiny House auf dem Dach eines Stuttgarter Galeriehauses

Im Erdgeschoss ist die Kunstgalerie untergebracht, im oberen Geschoss ihre Kreativagentur Preuss und Preuss. Alles sehr schlicht im Kunstbereich, Leitungen über Putz, geschliffener Estrich, weiße Wände, Sichtbeton-Decken. Vom ehemaligen Malerladen Primke zeugen noch Farbspritzer am Boden. Der Galerist Michael Preuss sagt: „Das sind wunderbare Räume für Kunstwerke, da die Glasbausteine Licht zulassen, aber keine direkte Sonneneinstrahlung.“

Das Stuttgarter Galeristenpaar Michael und Nina Preuss und ihre g2o Architekten Michele Grazzini und Stephan Obermaier (v. li.) in der Galerie Better Go South. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Michele Grazzini und Stephan Obermaier, die Architekten vom Stuttgarter Büro g2o, die den Umbau geplant haben, sind auch da. Sie zeigen, wo sie Wände herausgenommen haben und da, wo vorher die Treppe ins Büro im Obergeschoss führte, einen sechs Meter hohen Lichtschacht geschaffen haben. Es ist ein Sonderraum mit überdimensionaler Höhe entstanden, der auf unterschiedlichste Art bespielt werden kann, aktuell ist Fotokunst ausgestellt.

„Alles, was wir hinzugefügt haben, ist zusätzlich zum Bestand gekommen, um das Zusammenspiel von Alt und Neu in Szene zu setzen. Neue Elemente wie Licht, Farbe, Möbel gliedern die vorhandenen Räume neu und bringen die zeitgenössische Kunst in der Galerie zur Geltung. Sie definieren zudem die unterschiedlichen Arbeitssituationen im New-Work-Office im ersten Stock“, sagt Michele Grazzini.

Tiny House umringt von Mehrfamilienhäusern

Um Raum für die Galerie zu gewinnen und die Dachfläche vollwertig zu erschließen, wurde also die Innentreppe entfernt. Nach oben gelangt man jetzt von außen: eine neu geplante, imposante feuerverzinkte Außentreppe erstreckt sich entlang der Fassade.

Oben angekommen, steht man umringt von mehrstöckigen Gründerzeit- und Nachkriegsbauten vor einem Minihaus, das ausschaut, als hätte man seine Konturen mit fettem Filzstift gezeichnet und die Fassadenteile unterschiedlichen Farben bemalt. Die Mehrfamilienhäuser drumherum am oberen Hang stehend wirken wie Riesen, die das Minihaus umringen, auf es hinunterblicken, vom Lärm der Welt abschirmen.

Wie aber kommt das Tiny House aufs Dach? „Wir fördern Talente aus aller Welt“, sagt Michael Preuss, „und finden es gut, wenn Kunstbegeisterte nicht in die Welt reisen müssen, um internationale Positionen zu sehen, sondern die Welt zu uns kommt. Daher laden wir Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt ein und dachten, es wäre eine gute Idee, wenn sie hier temporär in einem Kunstwerk wohnen und arbeiten können“, sagt die Galeristin Nina Preuss.

Ein Künstler hat das Tiny House für Stuttgart geschaffen Richard Woods mit seinem Modell. Foto: Preuss+Preuss

Sie fragten den englischen Künstler Richard Woods, der immer wieder Räume, Bauten schafft, die aber nicht bewohnbar sind. Nina Preuss: „Er hatte Lust, die Formgebung des Tiny Houses zu entwerfen, in dem Künstlerinnen und Künstler wohnen können. Der von g2o geplante Innenraum mit sichtbaren Holzwänden umfasst einen Wohnraum mit Küche sowie ein durch eine Schrankwand abgetrenntes komplettes Bad. Über dem Bad unter einem Satteldach wurde eine Schlafkoje für zwei Personen erschaffen, die über eine Leiter erreichbar ist.“

Das 15 Quadratmeter große Minihaus ist ein Holzbau. „Er wurde in einer Zimmerei im Remstal vorgefertigt und in nur einer Woche aufgebaut“, sagt der Architekt Stephan Obermaier. Seit 2024 steht es nun da. Schön wäre, wenn der Künstler bei seinem Besuch in diesem Jahr dort nächtigen könnte. „Auch in der Nachbarschaft gab es schon Fragen, ob man es mieten kann“, sagt Michael Preuss. Kann man nicht. Nicht einmal, wenn ihre Besitzer es erlauben würden.

Warten auf die Ausbaugenehmigung des Tiny Houses

Das Haus hat eine Form wie ein Haus, wie Kinder es malen beim Spiel „Das ist das Haus vom Ni-ko-laus“. Quadratischer Korpus, Satteldach. Und ein Schornstein, durch den allerdings nie Rauch geblasen wird. Er ist mit einem Dachfensterglas ausgestattet, damit man – sehr romantisch _ in der Schlafkoje liegend auf Mond und Sterne schauen kann. Könnte. Weil: 40 Zentimeter zu hoch stehender Schornstein – daher die vom Baurechtsamt verordnete Baupause.

Nina Preuss sagt: „Wir sind im konstruktiven Austausch mit dem Amt und hoffen wirklich sehr, dass wir dieses Frühjahr den Innenausbau vollenden können und ab April oder Mai Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt in die Artist Residency im Tiny House einziehen können“. Bis jetzt kann nur der kleine Dachgarten von den Galeristen und ihren Mitarbeitenden genutzt werden.

5 Fakten zum Tiny-House-Projekt im Stuttgarter Westen

  • Das Tiny House hat einen Innenraum von 15 Quadratmetern
  • Das Holzhaus war innerhalb einer Woche aufgebaut
  • Der Entwurf der Hülle stammt vom Künstler Richard Woods
  • Der Entwurf für den Innenausbau stammt von den Architekten g2o, Michele Grazzini und Stephan Obermaier
  • Das Tiny House steht auf dem Dach der Galerie Better Go South in der Rotebühlstraße 175.

Neben der Galerie im Erdgeschoss führen die Kunstvermittler ihre Kreativagentur im Obergeschoss, seit sie sich entschlossen haben, nicht nur in Berlin eine Galerie zu haben – „in Berlin sind wir ganz anders“, sagt die gebürtige Stuttgarterin Nina Preuss, „da befindet sich unsere Galerie in einem Gründerzeitbau mit prächtigem Stuck.“

Die Agentur findet sich im ehemaligen Malerbüro. Wie eine lässige WG wirkt der offene Raum mit gelber Küchenzeile, schweren schönen Vorhängen, Pflanzen, Sitzgelegenheiten, Kunst an den Wänden, einem quadratischen Brandschutzfenster, das einen Blick in den Lichthof im Erdgeschoss ermöglicht. Und ja, dazwischen finden sich auch Schreibtische, an denen gearbeitet wird.

Und ein eingestellter Kubus. Das ist ein Multifunktionsmöbel in Yves-Klein-Blau, auf der einen Seite ein Mini-Rückzugsort zum Nachdenken oder Telefonieren, auf der anderen Seite Garderobe mit Schließfächern für die Mitarbeiter, auf der dritten Seite Stauraum-Möbel und auf der vierten Seite eine Wand für Kunstwerke.

Ein versteckter Hot Spot im Stuttgarter Westen

„Nach Corona und viel Homeoffice fangen wir es wichtig, dass alle sich wohlfühlen“, sagt Nina Preuss, „und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das Lust macht, die eigenen vier Wände fürs Arbeiten zu verlassen.“ Die Agentur berät Firmen auch in Sachen Kunst, da haben sie in ihrem Zweitberuf als Galeristen, die sowohl internationale als auch in Stuttgart ansässige Künstler vertreten, besonders viel Expertise.

Gerne in das außergewöhnliche Gebäude kommen neben den Mitarbeitenden auch auswärtige Gäste in die Galerie. Modeshootings haben schon stattgefunden, Podiumsdiskussionen, Veranstaltungen, zum Beispiel von einer Privatbank, die ihren Kunden etwas besonderes bieten will, eine „First Look“-Feier zum Launch des Stuttgarter Zeitungs Magazins.

Immer häufiger nutzen Kunden die Kunstexpertise von Nina und Michael Preuss, und irgendwann wird vielleicht das blau-gelb-rot-grüne Tiny House in einer Kampagne eine Rolle spielen, tauglicher für soziale Medien als ein teurer Schriftzug womöglich. Das Tiny House jedenfalls ist ein echter Stuttgart-Hotspot.