TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen

Minneapolis (USA) – Sein Sohn Alex, erzählt Michael Pretti, sei ein Mensch gewesen, dem andere am Herzen gelegen hätten. Deshalb sei der 37-Jährige am Samstag auf die Straßen von Minneapolis (US-Bundesstaat Minnesota) gegangen, um gegen die umstrittenen Einsätze der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE zu demonstrieren. Seit Wochen ist die Lage in der 430.000-Einwohner-Stadt aufgeheizt. Was am Samstag genau passierte, darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen. Fakt ist: Gegen 9 Uhr wurde Alex Pretti von Beamten erschossen.

Alex Pretti in Minneapolis erschossen

Viele Details sind noch unklar. Was man weiß: Alex Pretti starb laut des Polizeichefs von Minneapolis nach Schüssen, die mindestens zwei Beamte abgegeben haben.

Das US-Heimatschutzministerium sprach von Notwehr und erklärte, Pretti habe eine 9-mm-Halbautomatikpistole besessen und sich beim Versuch, ihn zu entwaffnen, „heftig gewehrt“. Auch US-Präsident Donald Trump (79) stellte sich hinter die Beamten.

Auch interessant

Anzeige

Auch interessant

Anzeige

Minnesotas Gouverneur Tim Walz (61) bezeichnete die Darstellung des Ministeriums hingegen als „Unsinn“ und „Lügen“. Er warf der Bundesregierung vor, die Fakten bereits beurteilt zu haben, bevor eine ordentliche Untersuchung stattfinden konnte. Was wirklich passierte, müssen nun Ermittlungen klären.

▶︎ Hilfreich sind dabei Augenzeugen-Videos, die in sozialen Medien geteilt wurden. Darauf zu sehen: Beamte drücken Pretti zu Boden und schießen auf ihn. Hatte der 37-Jährige wirklich eine Waffe in der Hand? Es ist schwierig, in dem Gerangel den Überblick zu behalten. Polizeichef Brian O’Hara erklärte auf einer Pressekonferenz immerhin, dass Pretti „ein legaler Waffenbesitzer mit einer Trageerlaubnis“ gewesen sei. Sein einziger Konflikt mit dem Gesetz habe bisher darin bestanden, dass er Knöllchen kassiert habe.

Wieder Minneapolis: Nach diesem Gerangel fallen die tödlichen Schüsse

Quelle: AP, x.com, Reuters24.01.2026

Familie von Alex Pretti attackiert Trump

In ihrem ersten offiziellen Statement wehrt sich die Familie des 37-Jährigen gegen die Darstellung, Alex sei bewaffnet gewesen: „Die widerlichen Lügen, die die Regierung über unseren Sohn verbreitet, sind verwerflich und abscheulich. Alex hielt eindeutig keine Waffe in der Hand, als er von Trumps mörderischen und feigen ICE-Schlägern angegriffen wurde.“

Alex Pretti wuchs in Green Bay im US-Bundesstaat Wisconsin auf, wo er an der Preble High School Football und Baseball spielte und Leichtathletik betrieb. Er war Pfadfinder und sang im Green Bay Boy Choir. Nach seinem Schulabschluss studierte er an der University of Minnesota und schloss sein Studium 2011 mit einem Bachelor-Abschluss in Biologie, Gesellschaft und Umwelt ab, wie seine Familie mitteilte. Anschließend arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, bevor er eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolvierte.

Vater von Pretti: Alex war „sehr aufgebracht“

Michael Pretti, Alex’ Vater, beschreibt seinen Sohn gegenüber der Nachrichtenagentur „Associated Press“ als jemanden, dem „Menschen zutiefst am Herzen lagen und der sehr aufgebracht darüber war, was in Minneapolis und in den gesamten Vereinigten Staaten mit der Einwanderungsbehörde ICE geschah – so wie Millionen anderer Menschen ebenfalls aufgebracht sind.“ Alex habe es „schrecklich“ gefunden, „Kinder zu entführen, einfach Leute von der Straße wegzuzerren.“ Deshalb habe er an den Protesten gegen die Razzien der ICE-Beamten teilgenommen.

Ihrem Sohn habe die Richtung, in die sich die USA bewegen, sehr am Herzen gelegen, bestätigt seine Mutter. Insbesondere die Rücknahme von Umweltauflagen durch die Trump-Regierung missfiel ihm. „Er hasste es, dass die Leute das Land einfach verkommen ließen“, sagte Susan Pretti. Er war ein Naturmensch. Er nahm seinen Hund überallhin mit. Wissen Sie, er liebte dieses Land, aber er hasste das, was die Menschen ihm antaten.“

Eltern rieten ihrem Sohn zur Vorsicht

Michael Pretti erzählt weiter, dass er und seine Frau den Sohn zur Vorsicht gemahnt hätten. „Wir hatten diese Diskussion vor etwa zwei Wochen mit ihm, dass er ruhig protestieren solle, aber sich auf nichts einlassen und im Grunde nichts Dummes tun solle. Und er sagte, dass er das wisse.“

Er besaß eine Waffe, aber …

Familienangehörige bestätigen, dass Alex Pretti legal eine Pistole besessen hat. Sie hätten aber nie erlebt, dass er sie tatsächlich dabeigehabt hätte. Nachbarn von Pretti – der 37-Jährige lebte in einem Wohnhaus mit vier Einheiten etwa 3,2 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er erschossen wurde – erzählen: Gelegentlich habe Pretti ein Gewehr mit zum Schießstand genommen. Ansonsten habe man ihn nicht mit einer Waffe gesehen. Er sei hilfsbereit und immer zur Stelle gewesen, wenn es ein Problem gegeben habe.

Diese Waffe soll Alex Pretti bei sich getragen haben

Diese Waffe soll Alex Pretti bei sich getragen haben

Foto: @DHSgov/X

Kollege trauert: „Bin fassungslos“

„Er wollte Menschen helfen“, bestätigt Dimitri Drekonja im Gespräch mit dem „Guardian“. Er ist Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am VA-Krankenhaus und hat mit Pretti an einem Forschungsprojekt zusammengearbeitet. „Er war ein super netter, super hilfsbereiter Kerl. Er hat sich um seine Patienten gekümmert. Ich bin einfach fassungslos.“ Er beschreibt Pretti als „hervorragenden“ Krankenpfleger und harten Arbeiter, der immer einen Witz auf Lager und ein „mitreißendes“ Wesen hatte. „Er war so ein guter Typ. Ich habe es einfach geliebt, mit ihm zusammenzuarbeiten.“

Wie sieht Drekonja die Geschehnisse am Samstagmorgen, infolge derer Pretti erschossen wurde? „Soweit ich das beurteilen kann, hat er versucht, jemandem zu helfen, indem er ihn wegzog, was absolut seinem Charakter entspricht.“