Ihre Youtube-Songs untermalen den Fußballwahnsinn in vielen Familien. Nun touren die Wumms-Macher Dennis Kaupp und Jesko Friedrich mit ihren Fußball-Liedern durchs Land.

Nach ungefähr einer halben Stunde Konzert – eine ganze wird es insgesamt dauern – gibt es „Liebe und Ehre“ von Dennis Kaupp für die Eltern. Und Jesko Friedrich sagt entschuldigend „Wir wissen schon, dass ihr daheim immer die Wumms-Playlist hören müsst.“ Großer Jubel aus den hinteren Reihen im Stuttgarter Wizemann-Saal für so viel Selbst-Reflektion der dreiköpfigen Fußball-Band und Mitgefühl für die Eltern ihrer jungen Fans.

Technobeats für die Mini-Messis

Natürlich wissen Jesko Friedrich, Dennis Kaupp und DJ Markus Baier, dass sie mit ihren Wumms-Songs, die genauso klingen wie der Name, keine Musik für Großstadteltern mit fein ziselierten Indie-Playlists liefern. Dabei stammen sie als mittelalte NDR-Journalisten wohl selbst eher aus diesem Milieu, worauf nicht zuletzt die Retro-Adidas-Trainingsjacken in lila, blau und grün hindeuten könnten. Andererseits gehören ihre um die 1:40-langen, mit Technobeats unterlegten Lieder über die Stars der großen Clubs zu den bessere und durchaus witzigen Seiten des Fußball-Vermarktungswahnsinns, dem sich kaum eine Familie mit Möchtegern-Mini-Messi entziehen kann.

Im seit Monaten ausverkauften Wizemann kann man an diesem späten Samstagnachmittag jedenfalls einen kleinen Einblick bekommen ins Massenphänomen und jenen Markt, der sich, befeuert durch Plattformen wie Youtube, mittlerweile entwickelt hat. Den Raum vor der Bühne füllen 95 Prozent Buben zwischen etwa 5 und 13 Jahren, ein paar wenige Mädchen sind auch darunter. Die noch zu kleinen Geschwister krabbeln unter Omas Aufsicht im Gang vor den Klos herum. Viele junge Konzertgänger tragen Fußballtrikots von Real Madrid bis zur Deutschen Nationalmannschaft, als Fake-Version aus dem letzten Kreta-Urlaub für 20 Euro, oder in Original für rund 100 Euro das Stück.

Sie kennen die Lieder von ihren ersten Gehversuchen auf Youtube oder Spotify. Wumms, für das Kaupp und Friedrich seit 2016 arbeiten, ist ein Satireformat, das zum Jugendprogramm Funk von NDR und Radio Bremen gehört, und dessen Playlist mittlerweile gut 500 Millionen Aufrufe auf Youtube hat. Wenn man so will, ist das der öffentlich-rechtliche Beitrag zum uferlosen Fußballvideokosmos, in dem Kreti und Pleti oder auch der „Fußball-Nerd“ zu jedem Spieler-Furz und jeder nicht gestellten Frage eine Antwort in Bewegtbild liefern: „Die 100 besten Tore“, „30 peinliche Momente im Fußball“, „Crazy Fußball-Szenen“, „Fußballer mit den schönsten Frauen“, „Die 15 brutalsten Fouls“…you name it. Der Algorithmus ist, einmal das F-Wort in den Suchschlitz eingetippt, gnadenlos.

Klar, schon immer wurde die angeblich schönste Nebensache der Welt auch musikalisch verarbeitet. Franz Beckenbauer sprechbajuwarte von den Freunden, die niemand trennen kann. Die Nationalspieler von ´74 gerierten sich als Sangesbrüder, deren Leben der Fußball ist. Jeder Verein hat seinen Hymne, und die ganze Nation „Ein Hoch auf uns“ von Andreas Bourani oder „54, 74, 90, 2010“ von den Sportfreunden Stiller, je nach stilistischen Vorlieben. Erst mit Musik untermalt, entfaltet der Sport ja sein ganzes erhabenes Gänsehautpotenzial so richtig.

Spaßeinlage: Dennis Kaupp tritt als der ungeliebte spanischee Spieler Marc Cucurella auf (links). Foto: StZN

Dennis und Jesko nun gehören wohl zum Unter-Genre Fußballkinderlieder, niveaumäßig reihen sie sich irgendwo zwischen Mini-Disco auf Mallorca mit „Baby Shark Dance“ und Deine Freunde mit „Ich zähl bis drei“ ein. Wobei der Sound eher Richtung Mini-Disco und die Texte eher Richtung Deine Freunde tendieren. Unabdingbarer Teil ihres Erfolgs im Netz sind sicherlich auch die collagenhaft zusammengeschnippelten Clips mit Comic- und Edit-Anleihen.

Auch wenn sie sich nicht messen können mit den wunderbar kuriosen Stücken, die zum Beispiel auf der Kinder-Alben-Reihe „Unter meinem Bett“ zu finden sind (dort versammeln sich Künstler wie Gisbert Zu Knyphausen, Olli Schulz, Peter Licht oder Erdmöbel fürs junge Publikum). So platt, wie die Wumms-Hits vordergründig daher kommen (erfolgreichster Clip ist der Ramos-Song auf die Waka-Waka-Melodie von Shakira mit 61 Millionen Aufrufe), sind sie nicht.

Freu dich nicht zu früh Digga

„Er beißt in jede Weißwurscht und er wurschtelt alles rein“, heißt es etwa über Thomas Müller, „Wo lernt man bitte wie das geht? In der Harverz-Universität“ über den Stürmer von Arsenal. Eine der coolsten Zeile ist sicher diese: „Freu dich nicht zu früh, Digga, denn da kommt Toni Rüdiger.“ Wer beim Lied über den Abwehrspieler genau zuhört, erhascht zudem eine Anspielung auf die Debatte, ob Rüdiger mal eine IS-Geste gepostet hat: „Hoch das Bein, Storchn-Toni; Finger sorgt für Diskussioni“. Was Dennis und Jesko sich da zusammenreimen, ist durchaus schlau-unterhaltsam ohne jede Verkopftheit und Notwendigkeit einer tieferen Exegese. Im Grunde ist das alles also sehr Fußball.

Und so kann sich beim Stuttgarter Konzert auch eine Mutter mit größter ironischer Distanz am Ende nicht dem fröhlich machenden Wumms-Sog entziehen. Schon gar nicht der kindlichen Leidenschaft für diese Musik und den Helden darin, die gleichsam für den Traum stehen, der eine Auserwählte im Millionenheer der Fußballjungs zu sein, der dereinst besungen werden wird. Dermaßen herzlich karikiert, treten die Übergestalten à la Messi und Kane denn aus den eingängigen Ohrwürmer heraus, mischen sich unter die Kinderschar, zeigen, worum es im Kern dieses Spiels immer noch und trotz aller Marktmacht geht: um Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Um die Möglichkeit, über sich hinaus zu wachsen.

Dennis Kaupp kommt aus Stuttgart

Dann outet sich Dennis Kaupp noch als gebürtiger Stuttgarter, der als Kind bei der SG Stuttgart West seine Liebe zum Runden im Eckigen entdeckte. Seinem Kompagnon Jesko hat er sogar ein paar Worte heimischer Mundart beigebracht: „Besser als a Gosch voll Reißnägl“, sagt Jesko ziemlich authentisch. Das wäre als Fazit für dieses Konzert aber wirklich zu schwäbisch tiefgestapelt.

Dennis und Jesko in Stuttgart

Konzert
Am 13. Dezember 2026, um 14.30 Uhr, machen „Dennis und Jesko“ erneut im Stuttgarter Wizemann Station. Tickets gibt es ab 34 Euro.

Dennis und Jesko
Dennis Kaupp und Jesko Friedrich arbeiten auch für das politischee Satiremagazin Extra 3. Die beiden hatten beim NDR schon ihre eigene Comedysendung. Im April 2016 publizierten Kaupp und Friedrich bei Extra 3 ihren Song Erdowie, Erdowo, Erdogan, einen satirischen Clip über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Dieser bestellte daraufhin zweimal den deutschen Botschafter ein. Der Song war Auslöser für das Gedicht von Jan Böhmermann, das eine Staatsafäre zwischen Deutschland und der Türkei auslöste. Seit 2016 arbeiten Kaupp und Friedrich als Autoren für das Funk-Format Wumms, das neben Sportsongs und die Zeichentrickserie Monsters of Kreisklasse beinhaltet.