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Sonntag (15.30 Uhr/DAZN) spielt Gladbach im Borussia-Park gegen den VfB Stuttgart. Das Exklusiv-Interview mit Borussia-Star Florian Neuhaus (28).

BILD: Herr Neuhaus, stehen Sie diese Saison auf dem Rasen, gab es 18:6-Tore für Borussia, ohne Sie 5:23-Treffer. Sind Sie unverzichtbar für Borussia?

FLORIAN NEUHAUS (28): Von individuellen Statistiken halte ich nicht so wahnsinnig viel. Ich versuche einfach, wenn ich auf dem Platz stehe, mein Bestes zu geben, damit wir als Mannschaft erfolgreich sein können.

Dann ist Ihnen die individuelle Statistik, dass Sie diese Saison erst eine Torbeteiligung haben, auch egal? Oder ärgert Sie das?

Ärgern ist ein bisschen zu viel. Das ist ein Thema, das ich auf jeden Fall verbessern möchte – da habe ich noch Luft nach oben.

Mit Neuhaus auf dem Rasen hat Gladbach eine viel bessere Bilanz als ohne ihn

Mit Neuhaus auf dem Rasen hat Gladbach eine viel bessere Bilanz als ohne ihn

Foto: picture alliance / Maximilian Koch

Ihre Saison begann mit dem Malle-Video denkbar schlecht. War das der größte Fehler Ihrer Karriere?

Ich habe keine Rangliste meiner größten Fehler. Ganz klar, das war natürlich ein Fehler. Aber ich habe versucht, da positive Sachen herauszuziehen und mich davon nicht unterkriegen zu lassen. Es war eine Sache, die außerhalb des Platzes passiert ist. Ich wollte schnell wieder den Fokus auf das legen, was auf dem Platz passiert.

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Wie oft haben Sie sich das Video selbst angeschaut?

Offen gesagt, weiß ich das nicht mehr. Aber mir wurde es schon das eine oder andere Mal zugeschickt.

Können Sie heute darüber lachen?

Lachen kann ich darüber nicht. Aber wie vieles im Leben, relativiert sich das dann auch so ein wenig mit der Zeit. Es war auf jeden Fall eine sehr lehrreiche Zeit.

Von Borussia gab es damals eine saftige Strafe von rund 100.000 Euro. Was hat Sie mehr geschmerzt: die Geldstrafe oder dass Sie zur U23 runter mussten?

Ich habe die Strafe sofort akzeptiert und habe versucht, die kurzzeitige Versetzung zur U23 als Chance zu sehen. Rückblickend ist mir das dann auch ganz gut gelungen.

Wer hat Ihnen in dieser Phase am meisten geholfen?

Ich habe ein sehr gefestigtes Umfeld. Personen, auf die ich mich verlassen kann, mit denen ich über alles sprechen kann. Meine Frau, meine Mama, mein Papa, meine Brüder, auch meine Schwiegereltern.

Neuhaus im Interview mit BILD-Redakteur Dirk Krümpelmann (59, r.)

Neuhaus im Interview mit BILD-Redakteur Dirk Krümpelmann (59, r.)

Foto: Moritz Mueller

Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass es das jetzt in Gladbach für Sie war?

Nein, ehrlicherweise nicht. Ich wollte die vier Wochen bei der U23 nutzen, um sportlich wieder auf mich aufmerksam zu machen. Deswegen habe ich nicht eine Sekunde an einen Wechsel gedacht. Das hätte sich wie eine Art Flucht angefühlt.

Wie war denn nach dem Video der Umgang mit Ex-Manager Roland Virkus, der dort als „schlechtester Manager der Welt“ tituliert wurde? Konnten Sie ihm noch in die Augen sehen?

Ich hatte immer ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu Roland. Ich fand auch stark, wie er sich nach dem Vorfall geäußert hat und wie er damit umgegangen ist. Er hat da – sofern mir überhaupt zusteht, das zu beurteilen – auf jeden Fall Größe gezeigt.

Fakt ist aber auch, dass Sie bereits vor dem Malle-Video sportlich unter Druck standen. Ex-Coach Gerardo Seoane hat Sie in der kompletten Saison 2024/25 nur zweimal in die Startelf berufen…

Das stimmt, das war bereits eine schwierige Zeit. Ich hatte unter Seoane oft das Gefühl, dass ich jetzt wieder einen Fuß in der Tür habe – und saß trotzdem draußen. Das war schwer zu akzeptieren. Schon da war mein Mantra, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als den Trainer durch Leistungen davon zu überzeugen, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als mich einzusetzen.

Sie haben mit Borussia in der Champions League gespielt und zehn Länderspiele absolviert. Warum waren Sie fürs Nationalteam plötzlich kein Thema mehr?

Ich war damals eigentlich regelmäßig beim DFB dabei. Dann habe ich mir aber eine Kreuzbandverletzung zugezogen, die WM in Katar war dadurch futsch. Als ich endlich wieder 100-prozentig fit war, habe ich bei Borussia nicht sofort wieder das Niveau erreicht, um fürs Nationalteam interessant zu werden. Und dann kamen die zwei zurückliegenden Jahre, in denen ich insgesamt sportlich einen schweren Stand hatte.

„Natürlich habe ich noch Träume und Ziele“

Ist das Thema Nationalmannschaft komplett raus aus Ihrem Kopf?

Mit 28 Jahren bin ich gerade in einem richtig guten Fußballalter. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, in beide Richtungen. Ich sehe auf jeden Fall noch einen großen Abschnitt meiner Karriere vor mir und freue mich auf den Teil, der noch ansteht. Natürlich habe ich noch Träume und Ziele. Und wenn man wie ich die EM 2021 erlebt hat, dann weiß man, dass das ganz besondere Spiele sind. Aber es hilft jetzt wenig, darüber zu reden, sondern es geht für mich einfach darum, auf dem Platz regelmäßig meine Leistungen zu bringen.

Sie sind Topverdiener in Gladbach, in dem Malle-Video haben Sie Ihr 4-Millionen-Gehalt selbst verraten. Würden Sie nach Ende Ihres Vertrags 2027 auch für weniger in Gladbach kicken?

Das ist jetzt sehr hypothetisch, so weit bin ich gedanklich überhaupt nicht. In anderthalb Jahren kann im Fußball viel passieren. Und als Fußballer hat man es grundsätzlich selbst in der Hand, mit guten Leistungen seinen Wert für eine Mannschaft zu zeigen.

Gladbach hat 20 Punkte nach 18 Spielen. Geht der Blick mehr nach oben oder mehr nach unten?

Stimmt, wir sind gerade so mittendrin. Für uns ist jedes Spiel richtungsweisend, die Tabelle ist sehr eng zusammen. Grundsätzlich bin ich aber ein optimistischer Mensch, für den das Glas eher halb voll als halb leer ist. Deswegen geht mein Blick eher nach oben.

Ihr Trainer Eugen Polanski hat nach dem 1:5 in Hoffenheim gesagt, „dass die Mannschaft vielleicht zu weich“ ist. Liegt er damit richtig?

Wenn der Trainer das sagt, widerspreche ich ihm grundsätzlich nicht. Wir haben das Spiel definitiv aufgearbeitet, wir haben das analysiert und wollten daraus natürlich die richtigen Schlüsse ziehen. Ich bin ein Freund von klarer Kommunikation.

Lebt Gladbach nur noch vom Glanz früherer Zeiten?

Täuscht der Eindruck oder lebt Gladbach nur noch vom Glanz früherer Zeiten?

Nein, das glaube ich nicht. Borussia ist weiterhin eine wahnsinnig attraktive Adresse im deutschen Fußball. Klar spielt das eine Rolle, was man in der Vergangenheit geleistet hat. Aber hier ist in den vergangenen Jahren brutal viel entstanden. Für mich ist Borussia weiter einer der größten Klubs in Deutschland.

Sie gehören noch zu der Mannschaft, die in den vergangenen Jahren immer wieder die großen Bayern geärgert hat. Warum hat Borussia in dieser Bundesliga-Saison noch gegen kein Team aus der oberen Tabellenhälfte gewinnen können?

Es wird auf jeden Fall Zeit, dass wir das jetzt auch mal schaffen. Ich wünsche mir, dass wir auch solche Spiele ziehen und mal wieder einen größeren Klub ärgern. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt dafür bereit sind – gegen Stuttgart wollen wir damit anfangen.