Schnell noch eine Nachricht beantworten. Den Daumen wie fremdgesteuert über die Bildschirm-Tastatur tippen lassen, während vom oberen Rand eine Push-Benachrichtigung ins Blickfeld rutscht. Drauftippen, um zu sehen, was die Freundin geschickt hat. Sich dabei unfreiwillig in der Endlosschleife inhaltsloser Kurzvideos verlieren. Noch einmal weiterscrollen, dann reicht es wieder – dieses Mal wirklich. Der Daumen zuckt. Geschafft. Startbildschirm. Leere. Langeweile. Noch einmal kurz E-Mails checken. Noch einmal kurz Nachrichten lesen. App schließen, App öffnen.

Lieber gar keine Apps mehr, dachte sich Emilio-Sultan Dinta vor zwei Jahren. Bis dahin hatte er ein recht gewöhnliches Leben geführt. Gemacht, was Anfang-20-Jährige eben so machen: Ausbildung abschließen, in eine andere Stadt ziehen, zum ersten Mal in einer WG leben, auf Partys gehen, neue Freunde finden. Dann traf er eine Entscheidung, die sein Leben grundlegend verändern würde, und die alles andere als gewöhnlich war: ein Leben ohne Smartphone zu führen.

Ganz ohne, das würden sich die meisten Menschen heutzutage wohl nicht trauen. Zu selbstverständlich sind die flachen Alleskönner im Alltag inzwischen geworden – gerade für junge Menschen. Dem Branchenverband Bitkom zufolge nutzen 100 Prozent der 16- bis 29-Jährigen in Deutschland ein Smartphone. Emilio-Sultan Dinta ist eine Ausnahme, gehört zu dem Bruchteil der Bevölkerung, der beim Aufrunden aus der Statistik verschwunden ist. Wie kommt er zurecht, in einer Welt, die immer digitaler wird?

Ohne Google Maps wären wohl viele junge Menschen heutzutage aufgeschmissen.

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Ohne Google Maps wären wohl viele junge Menschen heutzutage aufgeschmissen.
Foto: Sophia Krotter

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Ohne Google Maps wären wohl viele junge Menschen heutzutage aufgeschmissen.
Foto: Sophia Krotter

24-Jähriger ist vom Smartphone auf ein Tastenhandy umgestiegen

Ein trüber Dezembertag in Augsburg. Dinta trägt ein gestreiftes Hemd, darüber eine zugeknöpfte Cordweste und eine braune Lederjacke. Aus den vielen Taschen seiner schwarzen Cordhose ragen Stifte und Zollstock heraus, seine blaue Strickmütze ist mit Sägespänen gesprenkelt. „Hoch die Tischlerkunst“, ist in seine silberne Gürtelschnalle geprägt. Dinta ist Schreiner. Seine braunen Haare hat er locker zusammengebunden, an seinem linken Ohrläppchen baumelt eine silberne Kette. Und wenn sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen öffnen, blitzt seine feste Zahnspange hervor.

Der 24-Jährige lebt und arbeitet in einem kleinen Ort bei Pöttmes (Landkreis Aichach-Friedberg) und hat sich im Heuboden einer alten Scheune Wohnraum, Werkstatt und ein kleines Bad eingerichtet. Warmes Wasser und eine Küche gibt es bei der Wohngemeinschaft im Haus gegenüber. Ein Auto hat er nicht. Wenn er raus in die Stadt fährt, muss er planen. Die App der Deutschen Bahn kann er mit seinem Nokia-Tastenhandy nicht benutzen.

Notizblock statt Notizen-App: Unterwegs hat Emilio-Sultan Dinta immer etwas zum Schreiben dabei.

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Notizblock statt Notizen-App: Unterwegs hat Emilio-Sultan Dinta immer etwas zum Schreiben dabei.
Foto: Sophia Krotter

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Notizblock statt Notizen-App: Unterwegs hat Emilio-Sultan Dinta immer etwas zum Schreiben dabei.
Foto: Sophia Krotter

Er weiß, wann die Regionalbahn von Augsburg nach Aichach fährt – zweimal pro Stunde, um Viertel nach und um Viertel vor. Um ganz nach Hause zu kommen, benötigt er ein Ruftaxi, das er etwa eine Stunde im Voraus bestellen muss. Sonst muss er eine halbe Stunde den Berg hochlaufen, sagt er. Also Anruf bei der Taxizentrale: Am Telefon meldet er sich mit seinem Spitznamen, „Mio“. Man kennt sich. Er vergewissert sich, dass er die richtige Verbindung im Kopf hat, bestellt den Fahrdienst und legt wieder auf. Die genauen Abfahrtszeiten notiert er sich anschließend auf dem kleinen Notizblock, den er unterwegs immer bei sich hat.

Als Multifunktionstools sind Smartphones heute Teil des Alltags

Die einzige Spezialfunktion seines Handys, die Dinta benutzt, ist der Taschenrechner. Darüber hinaus kann er damit eigentlich nur telefonieren und SMS schreiben. Nicht ohne Grund wird das Tastenhandy als Gegenentwurf zum Smartphone auch „Dumbphone“ genannt. Weil die Auflösung der eingebauten Kamera zu niedrig ist, hat Dinta zum Fotografieren immer eine Digitalkamera dabei. Ein faltbarer Stadtplan ersetzt Google Maps, Block und Stift die Notizen-App. Mal eben etwas bei Google nachsehen kann der 24-Jährige nicht. Wenn er etwas wissen will, schreibt er sich das Thema und einen Oberbegriff auf seinen Notizblock, erklärt er, und leiht sich dazu dann ein Fachbuch in der Bibliothek. Ist das nicht ganz schön umständlich und langwierig?

„Ich glaube, wenn man Sachen bequemer macht, nimmt man sie auch weniger intensiv wahr, weil man sich viel weniger damit beschäftigt und die Verantwortung zum Großteil abgibt“, überlegt Dinta. „Das ist wie, wenn man in ein Zimmer einzieht, das schon eingerichtet ist.“ Abgesehen vom Smartphone verzichtet er deshalb auch auf Streaming, hört lieber CDs und Kassetten und schaut Filme auf DVD.

Zum Fotografieren taugt das Tastenhandy nur bedingt. Emilio-Sultan Dinta hat deshalb immer eine Digital-Kamera dabei.

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Zum Fotografieren taugt das Tastenhandy nur bedingt. Emilio-Sultan Dinta hat deshalb immer eine Digital-Kamera dabei.
Foto: Sophia Krotter

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Zum Fotografieren taugt das Tastenhandy nur bedingt. Emilio-Sultan Dinta hat deshalb immer eine Digital-Kamera dabei.
Foto: Sophia Krotter

Ein Lebensstil, wie er in den sozialen Medien mittlerweile geradezu glorifiziert wird: Junge Menschen, die sich für Nachrichten, Wecker, Kalender und Kamera von der App zurück zum analogen Ursprungsprodukt bewegen, sich für „Offline-Events“ anmelden, bei denen Handys nicht erlaubt sind. Die leben wollen wie in den Neunzigern, auch wenn sie das Jahrzehnt selbst nicht einmal miterlebt haben. Weil ihnen die damalige Zeit irgendwie einfacher vorkommt?

Psychologin: „Wenn der Akku leer ist, löst das schon Beklemmung aus“

Dass das Bewusstsein für digitales Wohlbefinden in den vergangenen Jahren gestiegen ist, erkennt auch Sarah Diefenbach. Die Psychologin ist Professorin für Wirtschaftspsychologie und Mensch-Technik-Interaktion an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Menschen wie Emilio-Sultan Dinta, die dem Smartphone komplett den Rücken kehren, stuft sie allerdings als Einzelfälle ein. „Dafür, dass sich der Trend nun umkehrt und eine andere Richtung einschlägt, sehe ich momentan wenig Hoffnung“, meint die Expertin.

„Smartphones haben viele praktische Erleichterungen in unseren Alltag gebracht“, erklärt sie, etwa beim Navigieren oder um mit Menschen in Kontakt zu bleiben. „Diese ständige Erreichbarkeit verführt aber auch zu einer Unverbindlichkeit, bei der man gar keine Verabredungen mehr trifft, sondern immer auf Abruf ist“, räumt sie ein. Das gleiche schon fast einer Verpflichtung: „Ohne Handy unterwegs zu sein, wird für viele immer schwieriger. Wenn der Akku einmal leer ist, löst das schon Beklemmung aus.“

Smartphones führen im Alltag häufig zu Parallelbeschäftigung

Als ständiger Begleiter verleite das Handy dazu, jegliche Zeit, die man irgendwo mit Warten verbringt, produktiv nutzen zu wollen, sagt Sarah Diefenbach – ob in öffentlichen Verkehrsmitteln oder an der Supermarktkasse. Da wird eine Sprachnachricht auf doppelter Geschwindigkeit angehört, eine E-Mail verschickt oder ein Podcast gehört. „Diese Leerräume, die früher ganz natürlich waren und einem einen Puffer gegeben haben, um gedanklich anzukommen – die werden heute aufgesaugt“, sagt Diefenbach. Das beeinflusst auch Beziehungen.

„Studien zeigen, dass sich die Gesprächsatmosphäre verändert hat“, berichtet die Professorin. Dass ein Smartphone auf dem Tisch liegt, reiche schon aus. „Man muss damit rechnen, erreicht zu werden, nimmt es sich aber auch heraus, andere spontan erreichen zu wollen“, sagt Diefenbach. „Wenn man sich nie auf das einlässt, was gerade ist, erzeugt das schon eine Art Stress.“

Es gab schon auch Freundschaften, die durch diesen sporadischen Kontakt auseinandergebrochen sind.

Emilio-Sultan Dinta

Zurück zu Dinta: An einer Fußgängerampel entdeckt er jetzt eben eine Bekannte. Er lächelt, geht zwei große Schritte auf sie zu und landet dann mit einem Satz direkt vor ihren Füßen. Sie umarmen sich kurz und wechseln ein paar Worte, bis der jungen Frau die Überforderung an den Augen abzulesen ist. „Ich telefoniere gerade“, sagt sie und zeigt auf das Smartphone an ihrem rechten Ohr. „Mach‘s gut!“

Wie hat sich der Abschied vom Smartphone auf Dintas soziale Beziehungen ausgewirkt? Weil er keinen Messenger mehr benutzt, müsse er nicht mehr so viele Nachrichten beantworten, erzählt er. Gestresst hätten ihn „vor allem diese Gruppen, aus denen so ein richtiger Nachrichtenhagel kam“. Heute bekomme er im Durchschnitt zwölf Mitteilungen pro Woche. „Das ist auch weniger geworden“, sagt er. Denn mit seinem radikal analogen Lebensstil kommen nicht alle klar. „Es gab schon auch Freundschaften, die durch diesen sporadischen Kontakt auseinandergebrochen sind“, erzählt er. „Manche haben das als Angriff auf die persönliche Beziehung verstanden, dass ich mich so selten melde.“ Anderen hingegen reiche es, wenn er ihnen alle paar Monate eine längere E-Mail schreibe.

Obwohl er ein Kind der 2000er ist, ist Dinta vergleichsweise analog aufgewachsen

Besessen und benutzt hat Emilio-Sultan Dinta ein Smartphone in der Vergangenheit schon. Und zwar genau eins. Er greift in eine seiner vielen Hosentaschen und holt ein etwas klobiges Modell der Marke Cat heraus. Es hat einen großen Bildschirm, mehrere Knöpfe und liegt schwer in der Hand. Einschalten lässt es nicht mehr, Dinta hat es nur zu Anschauungszwecken mitgebracht. Cat stellt ansonsten hauptsächlich Bagger und Baumaschinen her. „Mir war damals wichtig, dass es viel aushält, weil ich eigentlich immer draußen war“, sagt Dinta. Eine Wärmebildkamera und einen Abstandsmesser hatte das Gerät auch. Gekauft hatte er es im Alter von 15 Jahren, mit dem Geld, das er beim Aushelfen in der benachbarten Kneipe verdiente.

Eine Internetflatrate hatte der Schreiner noch nie. Auch von sozialen Medien hat er sich anfangs noch ferngehalten – aus Vorsicht, aber auch, weil er im digitalen Raum eine gewisse Angst Neuem gegenüber spürte. Hemmungen, die er im „realen Leben“ nicht hat, wie er sagt. Als Kind der 2000er wurde Dinta eigentlich in eine Welt hineingeboren, die gerade begann, sich zu digitalisieren. Zu Hause bekam er davon jedoch wenig mit.

Aufgewachsen ist der 24-Jährige auf einem Hof in einer 5000-Einwohner-Stadt bei Nürnberg. Wenn er von seinem Elternhaus erzählt, wirkt er reflektiert. Geld sei nicht viel dagewesen, erzählt er, und das habe er auch gewusst. Seine Eltern nach einem iPod zu fragen, habe er gar nicht erst in Erwägung gezogen. „Ich hatte aber auch nicht das Gefühl, dass mir da etwas fehlt“, fügt er hinzu. WLAN gab es im Hause Dinta erstmals 2018, E-Mail-Adressen haben seine Eltern bis heute nicht. Den alten Röhrenfernseher hätten sie erst vor ein paar Monaten durch einen neuen ersetzt, erzählt er schmunzelnd. „Meine Eltern haben sich eigentlich nur aufs Schaffen konzentriert“, sagt er. „Da war nicht so viel Platz für die Außenwelt.“

DAK-Studie: Immer mehr Menschen wollen ihre Bildschirmzeit verringern

Irgendwann machte die Außenwelt aber Druck und Emilio-Sultan Dinta gab nach. Da war er zwanzig. „Leute haben zum Beispiel oft nach meinem Instagram-Account gefragt, anstatt nach meiner Telefonnummer“, erinnert er sich. Schließlich erstellt er sich ein Profil. Das Scrollen durch das Leben von Fremden langweilt ihn anfangs, aber er merkt schnell, dass der Algorithmus ihn immer besser kennt. „Oft habe ich vergessen, was ich eigentlich machen wollte, weil ich sofort von den Videos abgelenkt war“, beschreibt er. Seine Bildschirmzeit wird länger.

„Wenn ich den ganzen Tag zu Hause war, läpperten sich die Minuten und wurden zu Stunden. Das war mir zu krass“, sagt Dinta. „Da habe ich dann in mich reingehört und mich gefragt, ob ich das wirklich will.“ Als sein Cat-Handy vor zwei Jahren schließlich den Geist aufgibt, zieht er endgültig den Stecker: Er verzichtet auf ein neues Smartphone und kauft einem Sammler ein altes Tastenhandy ab. Ob es nicht ausgereicht hätte, die zeitfressenden Apps zu löschen? Dinta schätzt, dass die Versuchung zu groß gewesen wäre. Dass er sie irgendwann einfach wieder installiert hätte. „Ich muss bei sowas immer alle Reißleinen ziehen“, gesteht er.

Dintas Entscheidung kann man als radikal bezeichnen. Dahinter steckt jedoch ein Bedürfnis, das immer mehr Menschen in Deutschland haben. Die Krankenkasse DAK-Gesundheit gibt jedes Jahr eine Forsa-Umfrage in Auftrag, die erfragt, welche „guten Vorsätze“ die Menschen für das kommende Jahr fassen. Für 2026 haben sich demnach 36 Prozent der 1002 Befragten vorgenommen, weniger Zeit vor dem Bildschirm und im Internet zu verbringen, von den 14- bis 29-Jährigen sogar knapp die Hälfte.

Letzteres könnte damit zusammenhängen, dass Jugendliche besonders viel Zeit am Handy verbringen. Wie viel genau, untersucht die Studie „Jugend, Information, Medien“, auch JIM-Studie genannt. 2025 lag die Bildschirmzeit der befragten 12- bis 19-Jährigen im Durchschnitt bei 231 Minuten pro Tag, also fast vier Stunden. 18- bis 19-Jährige kamen durchschnittlich sogar auf 278 Minuten – mehr als viereinhalb Stunden. Und das, obwohl einige von ihnen das Smartphone als Belastung sehen.

Als Multifunktionstools sind Smartphones heute Teil des Alltags

Die meisten Smartphones verfügen mittlerweile über Funktionen, mit denen die Nutzerinnen und Nutzer ihre Bildschirmzeit besser kontrollieren können sollen. Es lassen sich Zeitlimits für bestimmte Apps setzen oder Auszeiten planen. Warum fällt es vielen Menschen dennoch so schwer, weniger Zeit am Smartphone zu verbringen? Psychologin Sarah Diefenbach sagt: „Es ist bequem.“ Algorithmen seien darauf ausgelegt, die User möglichst lange auf einer Seite zu halten. „Da ist es weniger anspruchsvoll, sich von einer App oder Internetseite neue Inhalte vorschlagen zu lassen, als sich aktiv etwas zu suchen, mit dem man sich auseinandersetzen möchte“, erklärt die Psychologin. „Insofern finde ich das recht menschlich und nachvollziehbar.“

Zudem seien Smartphones heute in so viele Routinen des Alltags eingebunden, „dass man ständig damit konfrontiert ist“, fügt sie hinzu. Wer das Handy etwa als Wecker, Taschenlampe oder Taschenrechner benutzt, sieht automatisch, dass neue Nachrichten eingegangen sind. „Das macht es schwer, sich nicht vereinnahmen zu lassen“, sagt Diefenbach.

Weil das vorherige kaputtgegangen war, hat Dinta seit ein paar Wochen ein neues Tastenhandy. Einige Kontakte und Telefonnummern hat er dabei verloren.

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Weil das vorherige kaputtgegangen war, hat Dinta seit ein paar Wochen ein neues Tastenhandy. Einige Kontakte und Telefonnummern hat er dabei verloren.
Foto: Sophia Krotter

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Weil das vorherige kaputtgegangen war, hat Dinta seit ein paar Wochen ein neues Tastenhandy. Einige Kontakte und Telefonnummern hat er dabei verloren.
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44 33 999. Aus Zahlen werden beim Tastentelefon Buchstaben. „Hey“, tippt also Emilio-Sultan Dinta, um auf die SMS einer Freundin zu antworten. Sie könne ihn heute Abend mitnehmen, falls er in der Stadt sei, hatte sie geschrieben. „Gerne, wann fährst du?“, fragt er. Nachrichten wie diese bekomme er mittlerweile häufiger, berichtet Dinta, denn Apps für Mitfahrgelegenheiten kann der 24-Jährige mit seinem Tastenhandy nicht nutzen. Er ruft nochmal bei der Taxizentrale an und bestellt das Ruftaxi ab.

Seit er kein Smartphone mehr hat, fühlt sich Dinta irgendwie wacher, konzentrierter, klarer im Kopf. „Ich kann mir Sachen besser merken“, meint er. Und das muss er auch können, ganz ohne Google Maps. Adressen, die er noch nicht auswendig kann, schreibt er sich auf. Den Weg dorthin prägt er sich ein. Kommt er unterwegs nicht mehr weiter, fragt er sich durch. Oder muss einen Umweg gehen, wie bei so vielen Situationen in seinem Alltag.

Menschen ohne Smartphone stoßen im Alltag immer wieder auf Hürden

In manchen Restaurants führt nur noch ein QR-Code zur Speisekarte, auch Eintrittskarten für Veranstaltungen erhält man manchmal nur noch digital. Und wer in ein Flugzeug der Billig-Fluggesellschaft Ryanair steigen will, benötigt seit November 2025 eine digitale Bordkarte und die dazugehörige App. „Ich muss eigentlich immer fragen, ob es einen anderen Weg gibt“, erzählt Dinta. Und wenn es keinen gibt, hat er eben Pech. „Man merkt schon, dass sich die Gesellschaft auf eine papierlose Welt vorbereitet.“

Das musste sich auch Benno Flügel irgendwann eingestehen.

Viele Jahre war der 34-Jährige standhaft geblieben. Als er in den 2010er Jahren von Stuttgart nach Berlin zog – und Smartphones plötzlich überall waren. Als sich immer mehr Menschen in seinem Umfeld ein Smartphone holten. Als er schließlich die einzige Person in seinem Freundeskreis war, die nicht mitmachen wollte: Benno Flügel war immer dieser Typ gewesen, den man nur per Telefon oder SMS erreichen konnte. Bis es einfach zu kompliziert wurde.

Benno Flügel im Urlaub: Zum Reisen holte er sich übergangsweise ein Smartphone.

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Benno Flügel im Urlaub: Zum Reisen holte er sich übergangsweise ein Smartphone.
Foto: Alexandre Cavadas

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Benno Flügel im Urlaub: Zum Reisen holte er sich übergangsweise ein Smartphone.
Foto: Alexandre Cavadas

„Ich hatte mal eine Phase, in der ich nicht einmal einen Laptop hatte“, erzählt Flügel bei einem Telefonat im Dezember. „Ich habe das immer als illegitime Ablenkung gesehen und war da extrem radikal.“ Als Mitbegründer der „Radikalen Anti Smartphone Front“ muss man das vielleicht auch sein. Die Idee für die RASF, wie sich die Initiative abgekürzt nannte, hatten Benno Flügel und sein Kumpel Wenzel Gerstner 2016. Genervt von sozialen Medien und Menschen, die ständig am Handy hingen, setzten sich die beiden für eine analoge Gesellschaft ein, für Begegnungen im realen Leben.

Erst 2025 legt sich Benno Flügel dauerhaft ein Smartphone zu

„Lieben statt Liken“, „Tanzen statt Twitter“ oder „Fi**** statt Facebook“ konnte man auf Flyern lesen, die die RASF 2017 in ganz Berlin aufhing. Ein paar Monate lang ging das Projekt „durch die Decke“, wie Flügel erzählt. Interviews, Einladungen zu Radioshows – das Medieninteresse war groß. Bis die Initiative schließlich im Sande verlief. „Selbst wenn mein Berliner Freundeskreis eine ähnliche Einstellung hatte, hatten spätestens 2018 alle ein Smartphone“, erinnert sich Flügel. Nur er nicht.

Erst 2022, als er für mehrere Monate um die Welt reisen wollte, legte er sich eins zu – zumindest vorübergehend. „Da musste ich dann doch kapitulieren“, sagt er. Gerade auf Reisen seien viele Dinge ohne Apps nicht mehr richtig zugänglich, die Beantragung eines Visums zum Beispiel oder bestimmte Reservierungen. Das ärgert ihn. „Eine gewisse Wut war immer da, weil es für mich keine individuelle Entscheidung mehr war, sondern weil es mir durch die Gesellschaft aufgezwungen wurde.“ Nach seiner Rückkehr wechselte er deshalb wieder zurück zu seinem alten Nokia-Handy.

Benno Flügel (links) und Wenzel Gerstner (rechts) gründeten 2017 in Berlin eine Initiative gegen Smartphones, die "Radikale Anti Smartphone Front", kurz RASF.

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Benno Flügel (links) und Wenzel Gerstner (rechts) gründeten 2017 in Berlin eine Initiative gegen Smartphones, die „Radikale Anti Smartphone Front“, kurz RASF.
Foto: Moritz Pöhlig

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Benno Flügel (links) und Wenzel Gerstner (rechts) gründeten 2017 in Berlin eine Initiative gegen Smartphones, die „Radikale Anti Smartphone Front“, kurz RASF.
Foto: Moritz Pöhlig

Zwei Jahre ging das so weiter: Smartphone auf Reisen, kein Smartphone zu Hause. Ganz ideal war die ständige Wechselei für ihn aber nicht. Mit dem Ziel, das Gerät als Werkzeug zu benutzen und um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, gibt Benno Flügel im Januar 2025 endgültig nach. Ein paar Monate später installiert er zum ersten Mal Whatsapp.

Ein Leben ohne Smartphone führen – ist das auf Dauer überhaupt noch möglich? „Es ist schon die Realität, dass man keine wirkliche Wahl mehr hat“, sagt Psychologin Sarah Diefenbach. Wenn die Relevanz einer Sache und der Aufwand, den man betreiben muss, um diese zu vermeiden, in einem ungleichen Verhältnis stehen, grenze das ihrer Meinung nach schon an einen Zwang.

Ist es möglich, ein Leben ohne Smartphone zu führen?

„Ich glaube, ganz ohne ist es früher oder später praktisch schwierig“, schätzt daher Diefenbach. Es weniger zu benutzen, sei aber möglich: „Es muss nicht gleich der Komplettverzicht sein.“ Die Psychologin empfiehlt, das Handy mehr wie einen Briefkasten zu behandeln, den man im Laufe des Tages bewusst öffnet. „Man kann trainieren, ohne Smartphone aus dem Haus zu gehen – um zu merken, dass das geht“, rät sie. Handyfreie Zonen könnten eine weitere Herangehensweise sein. Und muss das Smartphone überhaupt dauerhaft angeschaltet sein? „Das ist schon eine Bandbreite an Möglichkeiten, die aber auch Entscheidungsstärke fordern.“

„Dass ich mich am Ende doch für ein Smartphone entschieden habe, sehe ich nicht als Niederlage.“

Benno Flügel

„Ja, man muss es nur wollen“, sagt Benno Flügel. „Dass ich mich am Ende doch für ein Smartphone entschieden habe, sehe ich nicht als Niederlage. Ich finde es gut, dass ich leichter mit Freunden in Kontakt bleiben kann.“ Seine Bildschirmzeit liege im Schnitt bei 30 Minuten pro Tag, er habe eine gute Balance gefunden, sagt er, und kürzlich sogar mithilfe einer App mit dem Rauchen aufgehört. Dass er irgendwann wieder zu seinem alten Tastenhandy zurückwechselt, hält er nicht für ausgeschlossen: „Das ist ja keine irreversible Entscheidung.“

„Mit großen sozialen Einbußen – ja“, resümiert Emilio-Sultan Dinta. „Für mich ist es noch aushaltbar, das Leben lässt sich auch einfach so leben. Es muss aber auch zum Lebensstil passen.“ In zwei Jahren will der Schreiner auf die Walz gehen, in traditioneller Kluft von Ort zu Ort ziehen und drei Jahre nach den Regeln seines Schachts leben. Zu seinem Heimatort muss er dann etwa einen Abstand von 50 Kilometern einhalten, ein eigenes Fahrzeug darf er nicht besitzen – und auch kein Handy. Keins mit Touchscreen, keins mit Tasten. Dinta wird also erst einmal ohne Smartphone weitermachen, mindestens für die kommenden fünf Jahre. „Wenn ich mir irgendwann wieder eins zulege, dann nur, weil der Druck von außen zu groß geworden ist.“

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