
„Es wird Zeit, dass du mal Zeit für eine Auszeit findest, bevor du das Zeitliche segnest“. Dieser Ratschlag bedeutet nonchalant ausgedrückt: „Mach mal Pause, bevor du abnibbelst“. Oder noch knapper in der Jugendsprache: „Geh’ mal offline“. Physiker und Philosophen definieren „Zeit“ als eine fundamentale physikalische Größe, die die Abfolge von Ereignissen und deren Dauer beschreibt, mit einer unumkehrbaren Richtung von Vergangenheit in Zukunft, gemessen in Sekunden. In Einsteins Relativitätstheorie ist Zeit untrennbar mit dem Raum zur „Raumzeit“ verbunden und vergeht daher relativ unterschiedlich schnell.
Nimm dir Zeit und nicht das Leben
Im täglichen Sprachgebrauch findet sich eine enorme Vielfalt von Redewendungen und Sprüchen zum Thema Zeit: Kommt Zeit, kommt Rat, Zeit heilt viele Wunden, Ach du liebe Zeit, Das Rad der Zeit, Die Zeit totschlagen oder auch Der Zahn der Zeit. In Politik und Wirtschaft gilt, die Zeichen der Zeit erkennen und seiner Zeit voraus sein. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. In Handel und Industrie wird die Zeit für Akkordarbeit gestoppt. Nicht die Zeit wird entlohnt, sondern die gefertigte Anzahl; nach dem Motto: Zeit ist Geld! Abschließend eine Weisheit aus dem Alten Testament: Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit, pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit. (König Salomon)
Zeitenwenden in Münster
Zeit ist die menschliche Wahrnehmung von Wandel, Epochen und Wendepunkten. Stichwort dazu der aktuell stark strapazierte Begriff „Zeitenwende“. Ex-Kanzler Olaf Scholz verwendete diesen Begriff am 27. Februar 2022 in seiner Rede an die Nation sage und schreibe fünfmal. „Zeitenwende“ wurde das Wort des Jahres 2022. Eine Antwort auf die Frage: „Macht sich die von Scholz angekündigte Zeitenwende schon oder noch bemerkbar?“, sei jedem Leser für sich überlassen. Besonders prägende Zeitenwenden, die bis heute und in Zukunft nachhaltig, ja zeitlebens wirken, durchleb(t)en die Stadt Münster und deren Bewohner auf ihrer Zeitreise.

793: Die Christianisierung und der Namenswechsel von Mimigernaford zu Monasterium (Münster)
In der Vorzeit glaubten die Bewohner von Mimigernaford an heidnische Vorstellungen wie Nixen und Wassermänner. Im Auftrag Karls des Großen missionierten Luidger und seine Begleiter die Menschen zum Christentum. Luidger, um 742 in Zuilen bei Utrecht (NL) geboren, gründete das erste Kloster (Monasterium) in der Nähe der Siedlung Mimigernaford und wurde mit Gründung des Bistums Münster der erste Bischof von Münster. Er starb 809.
Februar 1534 bis 22. Januar 1536: Die Zeit der Wiedertäufer

Jan Bokelzon aus Leiden (NL) (Jan van Leiden) übernahm mit seinem radikalen Hofstaat die Macht in Münster und änderte den Namen der Stadt in „Das Neue Jerusalem“. Die grausame Schreckensherrschaft zwang die Menschen mithilfe einer Wiedertaufe zu seinem neuen Glauben und führte zwingend die Polygynie (ein Mann, mehrere Frauen) ein. Wer sich den Anordnungen widersetzte, wurde umgebracht. Mit der Hinrichtung der Wiedertäufer endete 1536 diese Tyrannei. Ihre sterblichen Überreste wurden in Metallkörben am Turm von St. Lamberti zur Schau gestellt.
1648: Der Westfälische Friede
Nach 30 Jahren kriegerischer Auseinandersetzung und nach fast fünfjähriger Verhandlung konnte endlich der Friedensvertrag am 24. Oktober 1648 in Münster und Osnabrück unterzeichnet werden. Alle betroffenen Völker erhofften sich nun bessere Zeiten. Bereits am 15. Mai desselben Jahres endete mit dem „Frieden von Münster“ der 80-jährige Krieg zwischen Spanien und den sieben vereinigten Provinzen der nördlichen Niederlande.
1815: Beginn der preußischen Zeit
Durch den Wiener Kongress wurde Münster endgültig Preußen zugesprochen. Per Verordnung durch König Friedrich Wilhelm III. entstand die Provinz Westfalen. Münster wurde Provinzhauptstadt. Ludwig Freiherr von Vincke übernahm als erster Oberpräsident die Verwaltung der Provinz Westfalen und residierte ab dieser Zeit bis zu seinem Tod im Schloss.
1933 bis 1945: Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg
Mit der Machtergreifung am 30. Januar 1933 gelangte der in Braunau/Inn (A) geborene vormalige Gelegenheitsarbeiter und NSDAP-Vorsitzende Adolf Hitler an die Macht, die am 8. Mai 1945 mit der Kapitulation des verheerenden Zweiten Weltkriegs endete. Millionen von Menschen verloren ihr Leben. Nicht nur Deutschland lag in Trümmern. Münsters Altstadt, innerhalb der Promenade, wurde zu über 90 Prozent zerstört. Diese Zeitenwende, die noch 45 Jahre lang im Kalten Krieg die Welt in Ost und West spaltete, zählt historisch gesehen zu den bedeutendsten aller Zeitgeschichten der Erde.
1975: Die kommunale Gebietsreform in NRW

Durch das „Münster/Hamm-Gesetz“ wurden am 1. Januar 1975 von der Stadt Münster die umliegenden Gemeinden wie Albachten, Angelmodde, Amelsbüren, Handorf, Hiltrup, Nienberge, Roxel, Sankt Mauritz und Wolbeck eingemeindet und deren Ämter aufgelöst. Münster wuchs über Nacht auf über das Vierfache seiner ursprünglichen Größe. Hinter Köln ist Münster heute die flächenmäßig zweitgrößte Stadt in NRW.
Alles hat seine Zeit

Nicht verwechseln sollte man Zeitenwende mit Zeitumstellung. Schon jahrelang geführte Diskussionen über Sinn und Unsinn einer Zeitumstellung blieben noch immer ergebnislos. Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Also können oder müssen die Termine 29. März und 25. Oktober schon jetzt notiert werden. Neu dagegen sind in Münster seit einigen Monaten zwei Geschäfte im Gastgewerbe, die Feinschmecker und Genießer mit frischen Broten, feinem Kuchen und dazu mundenden Getränken verwöhnen. Beide widmen sich in ihren Labels dem Thema Zeit. Es sind die Bio-Backwaren im „Zeit für Brot“ am Prinzipalmarkt und das „Café Zeitlos“ in der Residenz über dem Parkhaus am Theater.
Nun wird es Zeit, aufzuhören. Abschließend sei Einsteins Relativitätstheorie zur „Raumzeit“ mit einem Satz einfach erklärt: „Die Länge einer Minute ist abhängig davon, auf welcher Seite der Klotür du stehst.“ In der Zwischenzeit kann man zum Zeitvertreib die Zeitung lesen.

Josef, im östlichen Münsterland aufgewachsen und zum Industrie-Fachwirt ausgebildet, war insgesamt 56 Jahre beruflich im Vertrieb und Objektmanagement tätig. Privaten Ausgleich fand er in seiner begrenzten Freizeit mit der Pflege seines privaten Gartens. Heute lebt er mit seiner Frau in Münster in der DKV-Residenz und genießt auch hier “Ackern” auf blühenden Beeten.