Alexej hat sich mit seinen Krücken die Treppen hinuntergearbeitet. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Über glatte Betonstufen huscht der Schein der Taschenlampe seines Smartphones und wirft einen schwachen Lichtkegel vor dem Mann. Neun Stockwerke geht es so in völliger Dunkelheit hinab. Stufe für Stufe. Der 45-jährige Veteran hat sein rechtes Bein als Infanterist bei der Kursk-Offensive eingebüßt. Dort, wo es sich befand, hat er die Jeans nach oben geklappt. Alexej besitzt eine Prothese. „Doch bei den vielen Treppenstufen ist mir das zu gefährlich, sie zu nutzen. Da brauche ich den Aufzug“, sagt er.

Der Ex-Soldat hat sein Ziel erreicht: einen mobilen Wärmepunkt. Das große Zelt steht nahe seinem Wohnhaus aus Sowjetzeiten. 1300 stationäre und 50 mobile Wärmepunkte sind über ganz Kiew verteilt. Vor allem östlich des Flusses Dnipro sind sie bitter notwendig. Hier leiden derzeit die Menschen am meisten unter den Folgen der russischen Angriffe. Und hier ist auch Alexej zu Hause.

„Seit vier Tagen keinen Strom mehr und die Heizung liefert kaum Wärme“, sagt ein ehemaliger ukrainischer Kämpfer

Einige wenige Lichter sind in den Fenstern der umgebenden Blocks zu sehen. Hinter den Glasscheiben leuchten vereinzelt LED-Lampen oder flackert gelegentlich schwach Kerzenlicht. Doch die meisten Fenster sind schwarze Rechtecke im Dunkelgrau des Betons. Das ganze Viertel ist im Dunkel versunken. Die Hochhäuser zeichnen sich als Konturen im Abendhimmel ab. Ab und an sieht man das Mauerwerk, wenn der Lichtstrahl von Autoscheinwerfern auf sie deutet.

„Seit vier Tagen keinen Strom mehr und die Heizung liefert kaum Wärme“, sagt der ehemalige Kämpfer kurz. Er hat sich auf einem Stuhl niedergelassen und das Ladekabel seines Smartphones an eine bereitgestellte Steckdose angeschlossen. Von außen brummt der Klang eines mächtigen Gebläses. „Schön warm hier“, seufzt er. Vor dem Zelt ist die Temperatur schon auf minus 15 Grad gesunken. Der Atem wirft dort dicke Wolken.

Alexej hat an der Front sein Bein eingebüßt. Der Versehrte wohnt im 9. Stock. Kein Strom, kein Aufzug. Die vielen Treppen muss er in der Dunkelheit mit Krücken bewältigen.

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Alexej hat an der Front sein Bein eingebüßt. Der Versehrte wohnt im 9. Stock. Kein Strom, kein Aufzug. Die vielen Treppen muss er in der Dunkelheit mit Krücken bewältigen.
Foto: Till Mayer

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Alexej hat an der Front sein Bein eingebüßt. Der Versehrte wohnt im 9. Stock. Kein Strom, kein Aufzug. Die vielen Treppen muss er in der Dunkelheit mit Krücken bewältigen.
Foto: Till Mayer

Auf den Schneeflächen zwischen den Gebäuden, auf den vereisten Gehsteigen, irrlichtern Lichtpegel von kleinen Lampen, die die Passanten vor sich halten. Die Schritte der Menschen, die Zuflucht im Wärmepunkt suchen, knirschen vor dem Zelt auf eisigem Schnee. Es sind nicht wenige, die jetzt am Abend kommen. Kiew erlebt den härtesten Winter seit einem Jahrzehnt – und damit seit Kriegsbeginn. Bis auf minus 20 Grad sanken die Temperaturen in den vergangenen Nächten. Eine Kälte, die sich die russischen Invasoren wohl herbeigesehnt haben.

Russlands Präsident Wladimir Putin nutzt die Winterkälte als Waffe gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Mit Tausenden Raketen und Drohnen hat er in den vergangenen Monaten die Angriffe aus der Luft auf die ganze Ukraine intensivieren lassen. Die Attacken dauern oft viele Stunden. Maschinengewehre schießen hämmernd auf Drohnen, die Luftabwehr kracht, Explosionen erschüttern die Nacht.

Am Donnerstag kam es in Davos zu einem erneuten Zusammentreffen von Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj

Am nächsten Tag schaut man in die Gesichter von Menschen, die in der Millionen-Metropole keinen Schlaf gefunden haben. Sie kommen aus Metro-Stationen, Luftschutzbunkern und Hauskellern hervor, in denen sie Zuflucht gesucht haben. Mit müden Gesichtern, wie jetzt im Wärmepunkt. UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk hat sich am 20. Januar in Genf empört über die intensiven russischen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur geäußert: „Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur sind ein klarer Verstoß gegen die Regeln der Kriegsführung.“

Ob das irgendwann ein Ende nimmt? Am Donnerstag kommt es am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos zu einem erneuten, etwa einstündigen Zusammentreffen von US-Präsident Donald Trump und dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj. Wieder einmal geht es darum, Wege für einen Waffenstillstand auszuloten. Danach sagt Trump wenig überraschend, dass kein Durchbruch gelungen sei. Man habe „noch einen Weg vor sich“, betont er vor Reportern. Um einen möglichen Ausweg aus dem Krieg soll es am Abend auch in Moskau gehen. Dort empfängt Putin Trumps Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner, Schwiegersohn des US-Präsidenten.

Den Kindern sieht man die Belastung an, die der Krieg für sie bringt.

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Foto: Till Mayer

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Die Ukraine greift mittlerweile ebenfalls Ziele in Russland mit Drohnen an. Mit einem großen Unterschied zu Russland: Es werden nicht Drohnen und Raketen gegen zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser oder die Wasser- und Energieversorgung geschickt. Ziele der ukrainischen Armeen sind Raffinerien, Produktionsstätten von Waffen und Einrichtungen der russischen Armee. Raffinerien bereiten das Öl auf, mit denen Putin seinen Krieg finanziert. Gezielte Kampagnen gegen überlebenswichtige zivile Infrastruktur werfen Völkerrechtler und internationale Organisationen der Ukraine nicht vor. 

Die Menschen der Ukraine wissen nach vier Jahren Invasion aus eigener Erfahrung, dass sich Russland wenig um das humanitäre Völkerrecht kümmert. Schon in den drei vorigen Kriegswintern gab es Angriffe auf die Energieinfrastruktur und schwere Blackouts. Doch die Temperaturen sanken nicht so tief wie in diesem Winter. Geschäfts- und Café-Inhaber haben Generatoren gekauft. Deren röhrender Klang gehört mittlerweile zum Alltag in ukrainischen Städten. Sie können nur einen Bruchteil der Energieversorgung stemmen.

Kaum sind Kraftwerke wieder repariert, kommt es oft zum nächsten Schlag

Ziel der russischen Attacken sind Kraftwerke und Umspannstationen. Kaum sind diese wieder repariert, kommt oft der nächste Schlag. Die Wasserversorgung nimmt ebenfalls Schaden. In großen Teilen des östlichen Kiews fließt kein Wasser mehr. Strom gibt es in der Stadt seit Monaten nur noch rationiert, das heißt nach Zeitplänen für Straßenzüge und Viertel.

„Ich habe schon seit vier Tagen am Stück keinen Strom mehr“, sagt der 45-jährige Alexej. Alina kann da nur traurig nicken. „Wenn es wenigstens wieder zu bestimmten Zeiten sicher Strom gibt. Ich kann mich dann darauf einstellen“, sagt sie. Aus dem rundlichen Gesicht der 26-Jährigen blicken warme, aber müde Augen. Die junge Frau ist Witwe, ihr Mann ist im Krieg geblieben. Jetzt kümmert sich die Mutter allein um ihre beiden Kinder.

Die malen gerade an den bereitgestellten Tischen. „Die Sirenen, die Explosionen bei den russischen Angriffen, das macht ihnen Angst. Jetzt kommt auch noch die Kälte dazu“, erzählt sie und schüttelt traurig den Kopf. „Putin hat mir meinen Mann genommen. Aber er hat noch nicht genug Unheil angerichtet. Es wird wohl noch schlimmer werden“, befürchtet sie. Jede Nacht kann einen neuen Angriff bringen. „Nur wenn ich die Flammen des Gasherds voll aufdrehe, komme ich wenigstens in der Küche auf 15 Grad plus. Meine beiden Kinder werde ich heute wieder unter einen Berg von Decken einmummeln“, erzählt die Mutter.

Mit dem Gasherd zu heizen, ist in Sachen Brandschutz nicht ungefährlich. Der indirekte Schaden, den die Luftangriffe mit sich bringen, ist immens. Juri (42) ist als leitender Inspektor beim Zivilschutz tätig. Er sorgt dafür, dass die Wärmepunkte laufen. „Die starken Spannungsschwankungen in den Stromleitungen führen zu Kabelbränden. Oft stammen die betagten Leitungen noch aus Sowjetzeiten. Das ist ein Problem.

Mittlerweile wird aus der ganzen Ukraine Unterstützung nach Kiew entsandt

In manchen Häusern sinken die Temperaturen so tief unter den Gefrierpunkt, dass Wasserleitungen platzen. Bei den ohnehin betagten Leitungen kommt es durch die Druckschwankungen zu Problemen, Pumpen fallen ohne Stromzufuhr aus. Das ist eine weitere Herausforderung für die Spezialisten der Reparatur-Teams“, erklärt der 41-Jährige. Mittlerweile wird aus der ganzen Ukraine Unterstützung nach Kiew entsandt. Aus Städten, die selbst in Not sind.

Kateryna und Victoria laden wie viele andere ihre Smartphones im Wärmepunkt auf. Oder die Batterien ihrer LED-Lichter.

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Kateryna und Victoria laden wie viele andere ihre Smartphones im Wärmepunkt auf. Oder die Batterien ihrer LED-Lichter.
Foto: Till Mayer

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Kateryna und Victoria laden wie viele andere ihre Smartphones im Wärmepunkt auf. Oder die Batterien ihrer LED-Lichter.
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Der Oberbürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, hatte bereits nach massiven Angriffen am 9. Januar die Bevölkerung aufgerufen, nach Möglichkeit die Metropole zu verlassen. Laut Stadtverwaltung haben das etwa 600.000 Menschen getan. Das ist fast jeder sechste Mensch, der in der Hauptstadt wohnt. Immer noch sollen rund 4000 Mehrfamilienhäuser ohne Heizung sein. Laut Klitschko hatten am Mittwoch mehr als eine Million Bewohnerinnen und Bewohner keinen Strom.

„Ich würde mit meinen Kindern auch gehen, aber ich habe keine Verwandten außerhalb der Stadt“, sagt Alina. Zu Beginn der Vollinvasion floh sie mit ihren beiden Kindern nach Oberösterreich. „Wir kamen zurück, die Ukraine ist doch unsere Heimat. Aber wenn sich die Lage wieder verschlechtert … Ich muss doch meine Kinder schützen“, sagt die junge Mutter.

Neben ihr stehen Kateryna und Victoria und trinken warmen Tee, der wie die Suppe kostenlos verteilt wird. Betreiber des Wärmepunkts ist der Zivilschutz. „Wir wärmen uns auf, laden die Smartphones und dann geht es zurück in die kalten Wohnungen“, sagt Victoria. „Putin will unser Leben unerträglich machen. Aber er unterschätzt uns. Wir halten aus. Der Frühling wird kommen. In Europa müssen die Menschen verstehen, Putin ist kein Mann, der einen Frieden will. Er will eine brutale Unterwerfung“, sagt Kateryna.

Zwischendurch gibt es in Kiew ganz kleine Momente des Lächelns

Dann hört man in drei Metern Entfernung Kinderkichern. Ein Vierbeiner sorgt für ein Lächeln in müden Gesichtern. Hund Ritchie hat mit Frauchen gerade Zuflucht im Wärmepunkt gefunden. Ritchie ist sich offensichtlich allzu bewusst, dass er Star des Zelts ist. Das Tier genießt die Streicheleinheiten der Kinder mit halb geschlossenen Augen.

Hund Ritchie ist der Star im Zelt und lässt sich gerne streicheln.

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Hund Ritchie ist der Star im Zelt und lässt sich gerne streicheln.
Foto: Till Mayer

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Hund Ritchie ist der Star im Zelt und lässt sich gerne streicheln.
Foto: Till Mayer

Der Kriegsversehrte Alexej hat ein schüchternes Lächeln im Gesicht, als er den Hund sieht. Wenn sein Handy aufgeladen ist, wird er wieder im Dunkeln die Treppen nach oben keuchen, seine Hände am Gasherd wärmen, um dann voll bekleidet unter der Decke zu verschwinden. Mit seiner Mütze auf dem Kopf, auf der das ukrainische Wappen zu sehen ist. Aufgeben? Dafür hat er sein Bein nicht an der Front geopfert.

So erlebt unser Reporter die Lage in Kiew

Unser Kollege Till Mayer dokumentiert den Konflikt in der Ukraine schon seit 2017. Seit Kriegsbeginn 2022 berichtet er regelmäßig für unsere Redaktion über die Folgen der russischen Invasion. Auch jetzt ist er wieder vor Ort – und hat Glück, dass er diese Reportage schreiben und nach Deutschland schicken kann: Nach einigen Stunden mit komplettem Blackout fließt wieder Strom und Wasser in seinem Hotel, und damit läuft auch ein Elektro-Ofen im Zimmer. Die Heizung ist ausgefallen, das Wasser kalt, das Bad recht frisch. Der Inhalt eines Wasserkochers ist seine Morgendusche. Zur Sicherheit hat er alle Akkus immer geladen. „Aber alles gut im Vergleich zu so vielen in der Stadt“, sagt Mayer.

Till Mayer berichtet für unsere Redaktion regelmäßig aus der Ukraine.

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Till Mayer berichtet für unsere Redaktion regelmäßig aus der Ukraine.
Foto: Augsburger Allgemeine

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