Ein gemütliches Sofa ist mitten in Günthers Wohnung platziert, daneben aber stehen drei Fitnessgeräte, an der Wand hat der 75-Jährige mehrere Paare weißer Turnschuhe aufgereiht und der Kühlschrank ist voll mit Energydrinks (Ausstattung: Jan Hax Halama). Günthers 52-jähriger Nachbar Max (Dirk Emmert) geht mit ihm joggen.
Mit 75 fitter als der eigene Sohn
Günther weiß, dass Turnschuhe jetzt Sneakers heißen, und findet Treppenlifte für seine Person absolut unnötig, wiewohl er im fünften Stock wohnt. Extrem fit ist der hochgewachsene Günther (Jochen Busse), während sein 40-jähriger Sohn Kai völlig außer Atem die Wohnung des Papas betritt. Günther trinkt keinen Alkohol und ist sehr ernährungsbewusst. Er ruht ganz in sich und meint, 51 Prozent aller Probleme lösten sich ganz von selbst. Busse spielt ihn als absolut souveränen, sehr klar und sarkastisch formulierenden alten Herrn. Sohn Kai (nervös und nervig: Claus Thull-Emden) dagegen ist pleite und kommt auf die grandiose Idee, für seinen pumperlgesunden Vater Pflegestufe 4 zu beantragen, um Krankenversicherungsgelder abzuzocken.
Ganz und gar absurd ist das Lustspiel „Weiße Turnschuhe“ von René Heinersdorff geraten, das jetzt in der Komödie im Marquardt das Publikum im Minutentakt glückselig lachen ließ. Heikel wird es, als Sylvia (supertough und nett zugleich: Susanne Eisenkolb) als Vertreterin der Krankenkasse bei Günther einfällt, um Günthers Pflegestatus zu überprüfen.
Die Pointen sitzen
Während Sylvia die Treppen zum fünften Stoch hinaufsteigt, nötigt Kai seinen Vater, spontan einen absolut hinfälligen Greis zu mimen. Und nun beginnt die Stunde von Jochen Busse, der ab sofort eine grandiose Simulation darbietet. Er spricht heiser, tappt höchst schwerfällig durch den Raum und gibt Wirres von sich. Sylvia warnt Kai und Günther vor einem Versicherungsbetrug, der sogar zu einer Haftstrafe führen könne. Die Handlung wird immer grotesker, denn Sylvia, die doch eine strenge Bedarfsprüferin der Krankenversicherung ist, zieht nun als Pflegekraft bei Günther ein und wedelt mit Handtüchern und Inkontinenz-Windeln. Wie geht das weiter? Abstrus und immer wieder ganz überraschend. Urs Schleiff hat das alles solide inszeniert, die Pointen funktionieren zuverlässig. Die Komödie lässt ganz sacht und indirekt auch etwas Grundsätzliches anklingen, nämlich die Schrecklichkeit, die es bedeutet, ein Pflegefall zu werden. Heinersdorff bearbeitet das Thema mit einer dramatischen Groteske.
Jochen Busse, der am kommenden Mittwoch 85 Jahre alt wird, wechselt souverän mehrfach zwischen Fitness-Senior und Pflegefall. Kühl und wach ist sein Tonfall als Sportiv-Senior, und die Pflegestufe 4 kriegt er als Gaga-Greis auch überzeugend hin. Jochen Busse, dieser Urgestalt bundesrepublikanischen Kabaretts auf der Bühne zuzuschauen macht großen Spaß.
Weiße Turnschuhe. Weitere Aufführungen in der Komödie im Marquardt bis zum 15. März.