Wer seinem Leben Sinn geben will, sollte lieber helfen, statt Luxus anzuhäufen. Diese Haltung prägt den Kiwanis-Club – und auch das Benefiz-Konzert der Stuttgarter Philharmoniker.

 Dem Gemeinsinn dienen statt Reichtum nur für sich selbst auszugeben: Dieses Leitmotiv kennzeichnet das Handeln des Stuttgarter Kiwanis-Clubs. Beim Benefiz-Neujahrskonzert im Gustav-Siegle-Haus, das der Club zusammen mit den Stuttgarter Philharmonikern veranstaltet, wird dieses Selbstverständnis hör- und sichtbar. Mit dem Konzert sammelt Kiwanis Spenden für benachteiligte Kinder und Jugendliche.

„Chefnetzwerker“ Bagaméry vereint Politik und Kultur

Schon der Empfang zeigt, wie eng Netzwerken und Engagement hier zusammengehören. Kiwanis-Präsident Zoltán Bagaméry, von Oberbürgermeister Frank Nopper als „Chefcharmeur“ und „Chefnetzwerker“ bezeichnet, begrüßt Gäste aus Politik, Kultur und Stadtgesellschaft – ganz nach dem Motto: „Wer anderen hilft, findet Sinn“. Im Mittelpunkt des Abends steht die Musik – und eine Idee.

Der Stuttgarter Kiwanis-Präsident Zoltán Bagaméry begrüßt die Gäste. Foto: Markus Schwarz Photos

Das Publikum erlebt acht Uraufführungen: Filmmusiken, komponiert von Studierenden der Filmakademie Ludwigsburg. Eine Leinwand braucht es nicht. Die Bilder entstehen im Kopf – Krimi, Liebesfilm, Komödie, Horror. Gespielt werden die Werke von rund 80 Musikerinnen und Musikern der Stuttgarter Philharmoniker unter Leitung von Frank Strobel. Für sie ist die Bühne des Gustav-Siegle-Hauses zu klein, viele sitzen unten im Saal. Der Klang ist dennoch – oder gerade deshalb – überwältigend.

Als Moderator des Abends erinnert Intendant Christian Lorenz an eine fast vergessene Epoche: In den 1920er-Jahren gab es allein in Berlin rund 30 Filmpaläste mit eigenem Symphonieorchester. Das Konzert versteht sich als Hommage an diese Zeit – mit großem Orchester und entsprechend bombastischem Sound.

Gustav-Siegle-Haus vor Sanierungs-Herausforderungen

Doch zwischen Nostalgie und Gegenwart tut sich ein Bruch auf. Denn das Gustav-Siegle-Haus selbst steht vor großen Herausforderungen. Über 100 Jahre alte Heizungsrohre sorgen, so Lorenz, jeden Winter für Unsicherheit, ob sie funktionieren. Eine umfassende Sanierung ist dringend nötig. Dafür braucht es eine Interimsstätte – ebenso für den Bix Jazzclub, der ebenfalls ausziehen müsste. Die Hoffnung, vorübergehend im geplanten Konzertforum auf dem Rilling-Areal in Bad Cannstatt unterzukommen, erfüllt sich nicht: Der Stadt fehlt das Geld für dieses Projekt.

Architekt und Kiwanis-Mitglied Thomas Sonnentag gibt den Gästen einen historischen Einblick. Das Gustav-Siegle-Haus am Leonhardsplatz geht auf den Industriellen Gustav Siegle (1840–1905) zurück, der dafür einen großen Teil seines Vermögens einbrachte. Errichtet wird es von 1910 bis 1912 nach Plänen Theodor Fischers als Ort für Musik, Kunst und Bildung. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus in den Fünfzigern von Martin Elsaesser, einem Schüler Fischers, weitgehend nach den Originalplänen wieder aufgebaut. Heute trägt es den Namen Philharmonie Gustav-Siegle-Haus.

Die Bühne des Gustav-Siegle-Hauses ist für das Orchester zu klein, so dass ein großer Teil der Musikerinnen und Musiker im Saal sitzt. Foto: Uwe Bogen Personalmangel bremst Konzertmöglichkeiten im Gustav-Siegle-Haus

Christian Lorenz weist auch auf ein strukturelles Problem hin: Aufgrund von Personalmangel wird die Konzertstätte nur selten an auswärtige Veranstalter vermietet. Dabei könnten hier deutlich mehr Konzerte stattfinden. Derzeit dient das Haus vor allem als Probensaal für die Philharmoniker. Darüber hinaus wäre mehr möglich – doch das Geld für Personal fehlt, das zu Vermietung und Vermarktung eingesetzt werden könnte.

Dass Engagement dennoch möglich ist, zeigt der Abend eindrucksvoll. Kiwanis – ein Wort, das der Club gern mit „Freude am Helfen“ übersetzt – ist nach Lions und Rotary die drittgrößte Service-Organisation weltweit. Die Tochter des Clubgründers, der 1915 in den USA den ersten Kiwanis-Club ins Leben ruft, heißt Kiwanis. In Stuttgart hat dieser Name jedenfalls Klang. Und so kommt an diesem Abend ein fünfstelliger Betrag für benachteiligte Kinder und Jugendliche zusammen.

Premierenabend: Filmmusik-Studierende begeistern mit eigenen Werken

Zum Abschluss schließt sich der Kreis zur Musik: Im Laufe ihres Filmmusik-Studiums komponieren die Studierenden mehrere Orchesterwerke, die später in zahlreichen Produktionen der Filmakademie eingesetzt werden. An diesem Abend sind die aktuellen Höhepunkt daraus zu hören, lauter Premieren – als Benefiz, als Hommage und als starkes Plädoyer dafür, Sinn im Helfen zu finden.

Im Gustav-Siegle-Haus diskutieren die Kiwanis-Gäste, ob angesichts knapper Kassen von Stadt und Land nicht das Mäzenatentum wieder eine größere Rolle spielen könnte. Vor über hundert Jahren finanzierte Gustav Siegle ein Haus, das seinen Namen trägt. Auch heute leben reiche Menschen in Stuttgart – Schätzungen zufolge über 30 Milliardäre. Wäre jemand bereit, ein neues Konzertforum zu finanzieren? Im Gegenzug würde man die neue Kulturstätte nach dem Namen des Spenders benennen.