Bürgermeister Andreas Bukowski sprach während der Bürgerversammlung von einem „Ufo“, das auf dem Dach des Haarer Ernst-Mach-Gymnasiums „gelandet“ ist. Der CSU-Rathauschef meinte den außergewöhnlichen Erweiterungsbau, der in Haar die Hoffnung nährt, dass die seit Jahrzehnten überfüllte und mit Provisorien am Laufen gehaltene Schule eine gute Zukunft vor sich hat. Und schnitt damit ein Thema an, das im Landkreis München und vielen seiner 29 Städte und Gemeinden seit Jahren die politische Agenda bestimmt.
Der Landkreis ist mit seinen 350 000 Einwohnern ein prosperierender Wachstumsraum. In unmittelbarer Nachbarschaft der Landeshauptstadt lebt es sich gut. München bietet viel, auch die Region hat attraktive Kulturzentren und Sportstätten. Es entstehen gute Jobs. Als „Exzellenzcluster“ wird beschrieben, was sich um die TU München in Garching abspielt. Und der Anspruch ist selbstverständlich, dass die weiterführenden Schulen und vor allem die Gymnasien im Landkreis nicht minder exzellent sind. Die Übertrittsquote von der Grundschule aufs Gymnasium lag im Schuljahr 2024/2025 im Landkreis München bei 56,9 Prozent.
Dem steht eine beispiellose Ausbau-Offensive gegenüber. So rechnet der Landkreis für Realschulen, Gymnasien sowie Fach- und Berufsoberschulen (FOS/BOS), die zwischen 2026 und 2028 fertiggestellt werden sollen, mit einem Investitionsvolumen von 823 Millionen Euro. 95 Millionen hat der Landkreis zwischen 2016 und 2025 in fertiggestellte Schulbauten gesteckt; die in der Vergangenheit höheren Anteile der Gemeinden nicht eingerechnet.
Der vom Bürgermeister als Ufo bezeichnete Aufbau auf dem Dach des aus den Siebzigerjahren stammenden Haarer Gymnasiums ist da nur ein Bruchteil. Gut 50 Millionen Euro fließen in den Bau durch Erweiterung und Sanierung. Der erste Bauabschnitt werde im Frühjahr 2026 fertiggestellt, sagt Bukowski, der überzeugt ist von dem Haarer Weg, ohne einen Neubau auszukommen. „Das wird richtig gut“, sagt er. Noch zuletzt habe man „wertvolle Impulse“ aufnehmen können in die Planungen und bei der Digitalisierung des Gymnasiums draufgesattelt.
Das Haarer Ernst-Mach-Gymnasium hat vor dreieinhalb Jahren sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. (Foto: Claus Schunk)
Wobei das Gymnasium nicht das einzige Projekt am Ort ist. Die zweite, sogar noch größere Schulbaustelle steht mit der Realschule und der FOS/BOS an. Seit bald 15 Jahren wird um den Schulcampus in Haar gerungen. Jetzt ist eine Lösung in Sicht. Der einstige Firmensitz des Pharmakonzerns MSD am Lindenplatz 1 soll dafür umgebaut werden, ein Schulzentrum für 1600 Schüler soll entstehen. „Schule statt Leerstand“ lautet das Motto.
Wenn Bürger im Vorfeld von Wahlen umworben werden, dürfen sie sich manchmal fühlen wie Kinder in der Vorweihnachtszeit. Die Kandidaten wollen überzeugen und am besten gelingt das mit Versprechen und der Aussicht, dass nach dem Wahltag die Bescherung folgt. Die Ankündigung neuer, besserer Schulen ist da ein beliebtes Thema. In Haar trieb die CSU die SPD lange Zeit politisch vor sich her, weil sie die fehlende Realschule am Ort als Thema erkannt hatte.
Großbaustelle in Oberhaching: Nahe dem Bahnhof wächst der Schulcampus mit der Fach- und Berufsoberschule in die Höhe. (Foto: Claus Schunk)
Doch das ist mittlerweile abgeräumt. Und auch über Haar hinaus zeigt der Blick in die Programme der Parteien zur Kommunalwahl am 8. März, dass das Schulthema nicht mehr so zieht. Es wird ja gebaut. Und das gilt auch für Grund- und Mittelschulen, für deren Bau und Unterhalt die Rathäuser direkt zuständig sind, weil diese wegen des von September 2026 an geltenden Rechtsanspruchs für eine Ganztagesbetreuung bereits erweitert oder gar neu errichtet worden sind oder gerade werden. In Unterschleißheim war im Oktober Richtfest für die 70 Millionen Euro teure neue Michael-Ende-Grundschule samt Musikschule. Haar hat seine Grundschul-Hausaufgaben vor Jahren mit der Jagdfeldschule gelöst.
Auf Landkreisebene hat Landrat Christoph Göbel (CSU), seit er 2014 die Amtsgeschäfte im Münchner Landratsamt am Mariahilfplatz übernommen hat, den Schulen neben dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs stets Priorität eingeräumt. „Was den Schulausbau anbelangt, sind wir im Landkreis München auf einem guten Weg“, sagt Göbel. „Mit den derzeit laufenden und bis 2028 geplanten Neu-, Ersatz- und Erweiterungsbauten kommen wir Schritt für Schritt auf den Stand, den wir für eine zukunftsfähige Bildungslandschaft brauchen.“ Noch seien voraussichtlich drei weitere Schulneubauten – zwei Realschulen und ein Gymnasium – notwendig. Aber der Landkreis nähere sich dem Ziel, den Schulraumbedarf langfristig solide abzudecken, sagt Göbel.
Derweil wachsen im Landkreis mächtige Schulkomplexe aus dem Boden. In Putzbrunn, Aschheim und Kirchheim sind neue Gymnasien in Bau. Sauerlach diskutiert seit Kurzem wieder über ein eigenes Gymnasium. Dazu kommen wie in Haar auch in Unterschleißheim und Unterhaching Erweiterungsprojekte. In Hohenbrunn entsteht eine Realschule. In Oberhaching drehen sich die Baukräne am Bahnhof für den neuen Campus mit einer Realschule und einer FOS/BOS. Eine Schulform, die es auch in Unterschleißheim bereits gibt, und die auf wachsenden Zuspruch stößt: Die Haarer FOS/BOS startete 2018 mit 196 Schülern, heute liegt sie stabil bei mehr als 1000 Schülern, die in einem nach und nach erweiterten Provisorium unterrichtet werden.
Die Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt gestaltet sich schwierig
Dabei erweist es sich immer wieder als Herausforderung, weiterführende Schulen, für die es ja keinen Schulsprengel gibt, als Gemeinschaftswerk über Grenzen eines Landkreises oder einer Stadt hinaus zu konzipieren. Die Schüler der Haarer FOS/BOS kommen zum Großteil aus München. Etwa die Hälfte ist es am Gymnasium. Bürgermeister Bukowski blies vor einigen Jahren scharfer Wind entgegen, als er die Frage in den Raum warf, ob die notorische Raumnot am Haarer Gymnasium nicht durch eine Priorisierung der Aufnahme von Schülern aus Haar und dem Landkreis behoben werden könnte. „Da ist mir sehr schnell Kirchturmpolitik vorgeworfen worden“, sagt er. Zu den Lektionen, die Bukowski nach seiner Amtsübernahme 2020 als Quereinsteiger im Haarer Rathaus gelernt hat, gehört, dass man die Münchner besser nicht brüskiert, auch wenn diese als übermächtiger Nachbar einer Kommune wie Haar ungeniert die kalte Schulter zeigen.
Das ehemalige MSD-Gebäude in Haar: Nach dem Motto „Schule statt Leerstand“ soll in den weitläufigen Komplex in Haar eine Realschule und eine Fach- und Berufsoberschule einziehen. (Foto: Robert Haas)
Denn Haar scheiterte mit seinem Werben darum, gemeinsam mit München in Gronsdorf den Schulcampus zu errichten. München besitzt die in Frage kommenden Grundstücke in dem Haarer Stadtteil und knüpfte einen Verkauf für Schulbauten an Wohnungsbau auf den übrigen angrenzenden städtischen Flächen. Letzteres machte Bukowski zufolge jegliche weitere Diskussion überflüssig. Dass es auch anders geht, zeigte sich im Landkreis Dachau, wo in Karlsfeld in Kooperation mit der Stadt München ein neues Gymnasium für 1350 Schüler errichtet worden ist. Der Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU) sagte bei der Eröffnung Ende Oktober 2025, das Projekt habe gezeigt, wie Landkreis und Landeshauptstadt „über Kommunalgrenzen hinweg erfolgreich zusammenarbeiten können“. Mit einem Drittel der Baukosten beteiligte sich München an der Schule. Sowohl der Stadtteil Allach als auch Karlsfeld wüchsen rasant, sagte Löwl.
Neue Schule
:Bayerns erstes Gymnasium für Langschläfer
Schulbeginn ist erst um 8.30 Uhr, Handys sind tabu und unterrichtet wird in vier Lernhäusern: Das neue Gymnasium in Karlsfeld macht vieles anders. Da schaut zur Einweihung sogar der Ministerpräsident vorbei.
Die großen Schulbauten im Landkreis München stemmt dieser zum Großteil alleine, die Städte und Gemeinden steuern die Grundstücke bei. Eine FOS/BOS ist eine reine Landkreisschule und auch eine Erweiterung wie in Haar ist ein Projekt, das rein den Kreisetat belastet. Für die Großbaustelle am Ernst-Mach-Gymnasium muss die Stadt Haar kaum eigene Mittel einbringen. Ähnlich wird es beim Umbau des MSD-Gebäudes für einen Schulcampus sein, wo lediglich für die Realschule ein Grundstücksanteil für die Stadt Haar anzurechnen ist. So löst der finanzstarke Landkreis, dem aus Gemeinden mit hoher Steuerkraft wie Grünwald, Pullach, Unterföhring oder Gräfelfing Millionen zufließen, Schulprobleme in Haar oder auch Sauerlach und Putzbrunn.
Wenn dort das Schulbauprogramm abgeschlossen ist, müssen Schüler die Stadtgrenzen nicht mehr überschreiten, um nahezu alle möglichen Abschlüsse zu machen. „Das wäre fast erreicht“, sagt Bürgermeister Bukowski und schränkt doch ein. „Eine Förderschule ist tatsächlich ein paar Mal angeregt worden.“ Landrat Christoph Göbel sieht für den Landkreis dennoch Herausforderungen kommen. „Wir dürfen keinen neuen Sanierungsstau riskieren“, sagt er. Wer sich die Folgen mangelnder Investitionen etwa im Bahn- oder Brückenbau ansehe, erkenne, wie verheerend sich aufgeschobene Instandhaltung oder verzögerter Neubau auswirken könnten – im Bildungsbereich wären die Konsequenzen nicht minder gravierend. „Als wachsender und attraktiver Landkreis können und wollen wir es uns nicht leisten, bei der Bildungsinfrastruktur nachzulassen.“
