Massen von sich auftürmenden Gasen und Staub, in der Mitte ein junger Stern: Schwerkraft und Rotation reichen, damit sich aus herumwirbelnden winzigen Teilchen im großen Nichts über Jahrmillionen hinweg massive Planeten formen. Dieser planetare Geburtsort ist ein riesiges, flaches Gebilde, genannt protoplanetare Scheibe.
Die größte protoplanetare Scheibe, die je in sichtbarem Licht beobachtet wurde – 1000 Lichtjahre von der Erde entfernt, 400 Milliarden Meilen Spannweite und damit 40 Mal so groß wie unser Heimatsonnensystem – zeigt ein vom Hubble-Weltraumteleskop aufgenommenes Bild.
Seine Erkenntnisse über die Scheibe hat ein Forschungsteam in der Fachzeitschrift „The Astrophysical Journal“ veröffentlicht.
Aus den Überbleibseln einer Molekülwolke
Protoplanetare Scheiben bilden sich, wenn eine Molekülwolke im All unter ihrer eigenen Schwerkraft in sich zusammenfällt. Im Inneren wird das Material immer dichter, Wasserstoffatome werden zusammengedrückt bis zur Kernschmelze – ein Stern entsteht. Durch Rotation flacht sich die Materialwolke um den frisch gebackenen Stern immer weiter ab und bildet eine Scheibe.
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Offiziell heißt die mit dem Hubble-Teleskop dokumentierte protoplanetare Scheibe IRAS 23077+6707, doch längst hat sich auch ihr charmanter Spitzname etabliert: „Draculas Chivito“.
Die Bezeichnung ist eine Hommage zweier Mitglieder des Forschungsteams an ihre Heimatländer Uruguay und Rumänien. Ein Chivito ist ein Sandwich mit einem Steak in der Mitte und das uruguayische Nationalgericht. Und tatsächlich hat die Scheibe leichte Ähnlichkeiten mit der Form eines Burgers. Die Geschichte um den Vampir Graf Dracula spielt in der rumänischen Region Transsylvanien.
Der Vampir-Snack ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie auch unser eigenes Sonnensystem in seinem Urzustand ausgesehen haben könnte. Denn auch die Erde entstand aus übrig gebliebenem Material, das für Millionen von Jahren um unsere junge Sonne kreiste.
Die Masse von „Draculas Chivito“ entspricht insgesamt ungefähr der von zehn bis 30 Jupitern. In seinem Zentrum vermuten die Forschenden entweder einen heißen, massereichen Stern oder einen Doppelstern.
Protoplanetare Scheibe gibt Rätsel auf
„Die Detailgenauigkeit, die wir hier sehen, ist bei der Abbildung protoplanetarer Scheiben selten“, sagte die Erstautorin der Studie, Kristina Monsch vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics, laut einer Mitteilung der Nasa über die Hubble-Aufnahme. Die Bilder würden zeigen, dass planetare Kinderstuben viel aktiver und chaotischer sein könnten, als bisher gedacht.
Die Aufnahme zeigt auch, was „Draculas Chivito“ so besonders macht. Überrascht waren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor allem davon, wie asymmetrisch die Scheibe ist. Auf einer Seite zieht sich Material wie ausfransende Fäden in den Raum. Auf der anderen Seite wirkt die Scheibe dagegen relativ klar begrenzt. Momentan habe man „mehr Fragen als Antworten“, heißt es von den Forschenden über die rätselhafte Struktur von „Draculas Chivito“.
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In den Rätseln, die bei „Draculas Chivito“ noch zu lösen sind, könnten für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch wertvolle Erkenntnisse versteckt sein, wenn es um eine der ganz großen Fragen geht: Wie können aus nicht mehr als Wolken von Sternenstaub Planeten wie unsere Erde geboren werden?