Standdatum: 25. Januar 2026.
Autorinnen und Autoren:
Sebastian Manz
Bild: Radio Bremen
Mitten im Bremer Viertel verkaufen Frauen seit vielen Jahren ihren Körper für Sex. Ein Gerichtsprozess gibt nun Einblick hinter die Kulissen der ältesten Rotlichtmeile Bremens.
Vor dem Bremer Landgericht wird derzeit ein Fall verhandelt, der weit über eine einzelne Gewalttat hinausweist. Angeklagt ist ein versuchter Doppelmord: Im vergangenen Juli sollen eine 25-jährige Prostituierte und ihr 45-jähriger Ehemann in ihrer Wohnung in Walle mit Messern angegriffen worden sein. Beide überlebten schwer verletzt. Hintergrund der Tat soll ein Machtkampf innerhalb Bremens ältester Rotlichtmeile, der Helenenstraße, gewesen sein. Was den Prozess besonders macht, ist nicht allein die Brutalität der Tat. Er eröffnet einen seltenen Blick in die sozialen, wirtschaftlichen und informellen Strukturen rund um die Helenenstraße.
Die Helenenstraße – ein regulierter Arbeitsort
Die Helenenstraße gilt seit Jahrzehnten als vergleichsweise streng regulierter Ort der Sexarbeit. Sie wird häufig als Schutzraum beschrieben: ein abgegrenztes Viertel, in dem Frauen selbstbestimmt arbeiten sollen – möglichst ohne Zuhälter, mit klaren Regeln und einer gewissen sozialen Kontrolle. So schilderte es auch die 25-jährige Prostituierte vor Gericht. Die Frau aus Bulgarien berichtete von einem festen Arbeitsrhythmus. Ihr Arbeitstag begann meist gegen 14 Uhr, das Ende hing vom Publikumsverkehr ab – zwischen 23 Uhr und ein Uhr nachts.
Nicht wenige Frauen haben eine Sieben-Tage-Woche.
Nicola Dreke, Sozialarbeiterin von der Prostituierten-Beratungsstelle Nitribitt
Verwalterinnen statt Bordellbetreiber
Die bulgarische Prostituierte beschreibt vor Gericht ihren Arbeitsalltag. Zu Beginn jeder Schicht miete sie, wie alle anderen Frauen auch, ein Zimmer in der Helenenstraße an. Drei bis vier sogenannte Verwalterinnen kümmerten sich um diese Verwaltungsaufgabe. Es handelt sich um ehemalige Sexarbeiterinnen, die im Auftrag der Hauseigentümer die Zimmer organisieren. Sie kümmern sich um Bettwäsche, Handtücher und Hygieneartikel und stehen den Prostituierten auch bei Behördengängen oder organisatorischen Fragen zur Seite. Die Frauen mieteten die Zimmer oft mehrere Tage am Stück an. Klassische Bordellstrukturen gebe es nicht.
Die Eigentümer der Häuser in der Helenenstraße sollen aus bürgerlichen Verhältnissen kommen.
Bild: Radio Bremen
Die Gebäude gehören nach Kenntnis von Nitribitt überwiegend Privatpersonen oder Immobilienunternehmen, alle aus bürgerlichen Verhältnissen – für organisierte Kriminalität gebe es – was die Gebäude betrifft – keinerlei Anzeichen. „42 Frauen arbeiteten zuletzt in der Helenenstraße, die meisten stammen aus Bulgarien und Rumänien“, sagt Nicola Dreke. Arbeitskräfte aus diesen Ländern dürfen seit 2014 uneingeschränkt in Deutschland arbeiten und leben – das hat auch die personelle Zusammensetzung in den Helenenstraße stark verändert.
Sicherheitsdienst als Eigeninitiative
Auf Wunsch der Sexarbeiterinnen gibt es an den Wochenenden einen privaten Sicherheitsdienst. Den bezahlen die Prostituierten per Umlage selbst. Die Frauen haben sich außerdem ausdrücklich für eine Videoüberwachung des Eingangsbereichs ausgesprochen, berichtet Nitribitt. Umgesetzt wurde diese Maßnahme bislang nicht, soll aber im Zuge der geplanten Kameraüberwachung des davor liegenden Ziegenmarktes installiert werden.
Gerade dieses ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis ist für uns ein Beleg dafür, dass viele Frauen großen Wert auf Selbstbestimmung legen – und sich bewusst gegen Abhängigkeiten stellen.
Nicola Dreke, Sozialarbeiterin von der Prostituierten-Beratungsstelle Nitribitt
Lange ging ihr Verein Nitribitt deshalb auch davon aus, dass Zuhälterei in der Helenenstraße kaum ein Thema ist.
Der Prozess und der Bruch mit dem Idealbild
Eine 25-jährige Prostituierte aus Bulgarien sagte vor Gericht aus.
Bild: Radio Bremen
Der aktuelle Prozess stellt dieses Bild infrage. Die 25-jährige Prostituierte aus Bulgarien sagte aus, sie sei über Monate von zwei Männern bedrängt worden – einem 22-Jährigen und dessen 39-jährigem Vater. Beide hätten sie regelmäßig an einem Kiosk nahe der Helenenstraße abgepasst und unter Druck gesetzt, künftig für sie zu arbeiten. Sie habe dies verweigert. Kurz darauf kam es zu der Tat in Walle. „Diese Tat richtet sich auch gegen die Selbstbestimmtheit der Sexarbeiterinnen in der Helene – die allermeisten Frauen dort arbeiten auf eigene Faust“, sagt Sozialarbeiterin Nicola Dreke.
Wohnen am Rand des Milieus
Die Wohnung der Geschädigten liegt in der Auguststraße in Walle. Laut Nitribitt ist die Wohnsituation des Paares typisch für Menschen aus dem Milieu der Helenenstraße. Der Gebäudekomplex besteht aus zwei heruntergewohnten Mehrparteienhäusern und einem angeschlossenen Gewerbetrakt. Vor Gericht sagen die Prostituierte und ihr Mann aus, dass dort nur Bulgaren wohnten. Die Miete zahle man immer bar. Die Bewohner wechselten häufig. Viele Männer gingen Gelegenheitsjobs nach, die Frauen arbeiteten fast ausschließlich in der Helenenstraße.
Nachbarn berichten von regelmäßigen Lärmbelästigungen, insbesondere in den Sommermonaten, wenn im Innenhof bis spät in die Nacht gefeiert und Alkohol konsumiert werde. Vermieter ist ein Kleinunternehmer aus Weyhe. Auf eine Anfrage von buten un binnen zu Vermietungspraxis, Verwaltung und Perspektiven der Immobilie reagierte er nicht.
Wohnungsmarkt als Nadelöhr
Nach Beobachtungen von Nitribitt sind Unterkünfte wie die in Walle für Sexarbeiterinnen durchaus attraktiv. Sie sind vergleichsweise günstig, kurzfristig anmietbar und erfordern kaum Offenlegung der eigenen Lebensumstände. Auf dem regulären Wohnungsmarkt hätten Prostituierte oft kaum Chancen, da viele Vermieter eine Vermietung ablehnten, sobald der Beruf bekannt werde. Etablierten sich solche Häuser, würden sie häufig ausschließlich von Menschen aus demselben Herkunftsland bewohnt, oft sogar aus derselben Region. „Es spricht sich halt rum in einer sozialen Gruppe“, erklärt Nicola Dreke.
Arbeiten auf Zeit – mit hoher Intensität
Für viele Frauen in der Helenenstraße ist Sexarbeit ein Modell auf Zeit. Manche arbeiten im Drei-Monats-Rhythmus dort und kehrten dann für Monate in ihre Herkunftsländer zurück, andere arbeiteten fast das ganze Jahr dort. „Das Einkommen verschafft vielen Frauen eine hohe wirtschaftliche Eigenständigkeit“, sagt Nicola Dreke. Innerhalb ihrer Familien seien sie oft zentrale Versorgerinnen. Das Geld reiche oft für den Bau eines Häuschens oder die Unterstützung Angehöriger.
Wenn Selbstbestimmung zur Zielscheibe wird
Vor diesem Hintergrund wiegt der Vorwurf im aktuellen Gerichtsverfahren besonders schwer. Sollte sich bestätigen, dass die Angeklagten versucht haben, eine freischaffende Sexarbeiterin mit Gewalt in eine Zuhälterstruktur zu zwingen, träfe dies den Kern des Systems Helenenstraße.
Dieses Thema im Programm:
butenunbinnen.de, „Wie funktioniert das System der Prostitution in Bremens Helenenstraße?“, 25. Januar 2026, 16 Uhr


