Sonntagmorgen um 8 Uhr, Liebenzeller Straße, Bad Cannstatt: Auf dem Frühstückstisch stehen Kaffee, Käsekuchen und veganer Fleischsalat, daneben gesellschaftskritische Literatur. Rund 30 Leute stärken sich im Stadtteilzentrum der Partei Die Linke, bevor sie gleich mit Plakaten durch Stuttgart ziehen. Organisatorin Nora Nolle aus dem Linken-Kreisverband spricht von einer „unchristlichen Uhrzeit für einen Sonntag“, dabei ist ihre Partei verhältnismäßig spät dran. Bereits seit 6 Uhr ist es offiziell erlaubt, in Stuttgart für die Landtagswahl zu plakatieren.
Nolle sagt allerdings: „Wir sind auf die ehrenamtliche Arbeit unserer Mitglieder angewiesen, deswegen haben wir uns für eine einigermaßen humane Startzeit entschieden.“ Im Stadtteilzentrum gibt es eine kurze Anleitung, worauf zu achten ist: Nicht an Bäumen plakatieren, nicht an Verkehrszeichen, nicht an Zebrastreifen. Noch ein kurzes Gruppenfoto, dann schwärmen die Teams aus.
Vereinzelte unerlaubte Plakate in Stuttgart
Für Vincent Brecht beginnt die Tour am Bismarckplatz im Stuttgarter Westen. In der kalten Morgenluft benötigt er ein paar Anläufe, um den Kabelbinder durch das erste Plakat zu fädeln und es an einem Laternenmasten zu befestigen. „Dabei habe ich fürs Fingerspitzengefühl extra meine fingerlosen Raucherhandschuhe angezogen“, sagt Brecht und grinst. Trotz der Minusgrade ist der 27-Jährige guter Stimmung. Er sagt: „Ich finde es toll, dass wir das Plakatieren bei der Linken als gemeinsame Aktion aufziehen.“
Am Bismarckplatz sind Brecht und seine Kollegen aber nicht allein. Vor der Kirche St. Elisabeth macht sich auch ein Unterstützer der Partei Volt ans Werk. Er heiße Jasper Seehofer und sei schon seit 6 Uhr unterwegs, erzählt er. „Da war es schon sehr kalt“, fügt er hinzu. Ein paar andere Wahlkämpfer haben offenbar noch früher begonnen – unerlaubterweise. Im ganzen Stadtgebiet hängen vereinzelt schon vor dem offiziellen Plakatierstart einzelne Exemplare. „Wilde Plakate“ nennen sich diese Ausreißer. Sollte die Stadt dem nachgehen, drohen Bußgelder.
Von Anfeindungen und „Wetzelmännern“ in Stuttgart
Für Vincent Brecht spielt die Uhrzeit allerdings keine große Rolle. Bei seinem nächsten Stopp am Feuersee schiebt er ein SPD-Plakat an einem Masten einfach ein Stück nach oben. So kann er das Porträt der eigenen Co-Spitzenkandidatin Mersedeh Ghazaei – die beim Plakatieren an diesem Sonntagmorgen selbst mit anpackt – optimal auf Augenhöhe positionieren. Das mache die Konkurrenz schließlich genauso, sagt Brecht. „In zwei Wochen hängen unsere Plakate hier wahrscheinlich auch ganz oben.“ Wichtiger als die Plakate sei aber ohnehin der direkte Kontakt zu den Menschen.
Ein Plakat der Linken-Spitzenkandidatin Mersedeh Ghazaei. Foto: Lichtgut
Bei Brechts Mitstreiter Sebastian Heß kommt am Sonntagmorgen gleich beides zusammen. Während dem Aufhängen sprechen zwei Passanten den 45-Jährigen und seine Gruppe an. Sie erzählen, sie hätten bereits bei der vergangenen Bundestagswahl Die Linke gewählt. Ein guter Start für Heß, der seit einem halben Jahr in der Partei ist und sich nun erstmals in einem Wahlkampf einbringt. Dabei ist dem Sozialarbeiter aus Stuttgart klar, dass es auch anders laufen kann. Gerade beim Plakatieren kommt es immer wieder zu Anfeindungen. „Da denkt man schon drüber nach“, sagt Heß. Er wolle sich dadurch aber auf keinen Fall einschüchtern lassen. „Denn ansonsten hätten diese Leute ihr Ziel erreicht.“
Ähnlich wie Heß sehen es auch unzählige andere Plakatierer, von der Linken wie von den anderen Parteien. Zu Hunderten sind sie am Sonntag in den Stuttgarter Straßen unterwegs. Nur die Großplakate übernimmt in der Regel ein externer Dienstleister. „Wesselmänner“ lautet der umgangssprachliche Begriff dafür, benannt nach der Agentur Wesselmann, die den entsprechenden Markt dominiert.
Berliner Parteistratege kümmert sich in Stuttgart um Plakate
Bei der FDP enthüllen der Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke und der Stuttgarter Landtagsabgeordnete Friedrich Haag am Sonntagnachmittag einen solchen „Wesselmann“ am Killesberg. Daniel Djaziri hält sich während des Termins an der Ecke Stresemannstraße/Maybachstraße dagegen eher im Hintergrund. Er arbeitet als Wahlkampfmanager in der FDP-Bundesgeschäftsstelle und ist aktuell im Außendienst in Baden-Württemberg tätig. Hier koordiniert der Parteistratege die Kampagne für die Landtagswahl. Eine seiner Aufgaben ist es, sich um die Plakate zu kümmern.
„Die Agentur Heimat aus Berlin hat für uns die Slogans entwickelt, in Abstimmung mit unserer politischen Führung im Land“, sagt Djaziri. Danach ging es unter seiner Anleitung an die Produktion. Und nun sind Djaziri zufolge 800 „Wesselmänner“ der FDP im Land aufgestellt. Dazu kämen allein in Stuttgart rund 4000 kleinformatige Plakate. „Es ist schon ein längerer Prozess, bis das alles hängt“, sagt der Wahlkampfmanager. „Da ist es dann auch schön, das Ergebnis im Stadtbild zu sehen.“