Taschengeldverhandlungen gehören zu den härtesten Diskussionen, die Kinder und Teenager mit ihren Eltern führen. Da wird mitunter um jeden Euro gefeilscht – wie auf dem Basar. Jugendliche, die in der Jugendhilfe betreut werden, haben es hier ungleich schwerer. Denn ihr Verhandlungspartner ist kein Geringerer als der Freistaat Bayern. Trotz dieser Aussicht vor Augen haben sich einige Jugendliche aus den Augsburger Jugendwohngruppen des SOS-Kinderdorfs der Herausforderung gestellt. Und mit ihrem Engagement nicht nur gelernt, dass sie selbst etwas bewirken können, sondern auch Tausenden von Jungen und Mädchen in Bayern eine satte Taschengelderhöhung beschert.
Bei einem der regelmäßigen Gruppentreffen habe ein junger Mann, der schon über 18 war, das Thema erstmals angesprochen, erinnert sich Sonja Cestonaro, Fachkraft für Jugend- und Betreutenschutz. „Er fand es ungerecht, dass er so viel mehr Geld bekommt als ein erst 17-Jähriger.“ Denn nach den alten Sätzen, die seit 2019 nicht mehr verändert und auch nicht an die Inflation angepasst worden waren, gab es für 17-Jährige nur ein Drittel der 154 Euro, die Volljährige – auch jene, die bereits arbeiteten – bekamen. Gemeinsam machten sich die jungen Menschen deshalb auf den Weg, das zu ändern. Sie recherchierten zunächst, wer die Sätze überhaupt festlegt, und sprachen bei einem Gruppenabend über das Thema. Doch dabei blieb es nicht. „Ein Jugendlicher hat gesagt: Das geht so nicht, wir müssen etwas tun“, sagt Cestonaro. Er schrieb einen Brief an den Landesheimrat und das Landesjugendamt. Zurückgekommen sei dann eine mit vielen juristischen Begriffen gespickte Antwort, die wenig Hoffnung auf eine schnelle Änderung machte.
Junge Augsburger drehten ein Video, um etwa zu bewegen
Trotzdem ließen die Jugendlichen aus Augsburg nicht locker. Gemeinsam mit ihrem Betreuer Korbinian Polanka drehten sie deshalb ein Video, in dem sie auf das Thema aufmerksam machten und die Probleme erklärten. „Wir wollen kein Geld verprassen. Aber es geht um Fairness, Teilhabe und Zukunft“, sagt ein junger Mann darin. Denn junge Menschen in der Jugendhilfe würden finanziell oftmals nicht aus dem Elternhaus unterstützt. Manche von ihnen können aufgrund von psychischen Problemen neben der Schule nicht auch noch einen Nebenjob annehmen, um sich etwas dazuzuverdienen. Mal ins Kino, auf ein Konzert oder in die Trampolinhalle gehen war mit den alten Sätzen und den Preissteigerungen kaum drin. Geschweige denn etwas zurückzulegen für den Führerschein, ein neues Fahrrad oder eine Geburtstagsparty. „In anderen Bundesländern bekamen die Jugendlichen teils das Doppelte, das fand ich echt unfair“, erzählt Sara, die in Augsburg in einer Jugendwohngruppe lebt und im Video zu sehen ist.
Im Ausschuss des Landtags wurde das Augsburger Video gezeigt
Das Video mit ihren Argumenten schickten die Verantwortlichen des SOS-Kinderdorfs Augsburg in einem nächsten Schritt an die jugendpolitischen Sprecher der Fraktionen. Man werde sich für das Thema einsetzen, kam als Antwort zurück. „Wir hätten ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das was wird“, sagt Sara. Doch dann meldete sich ein Vertreter des Landesjugendhilfeausschusses und kam sogar zu Besuch. Denn dort stand das Thema schon auf der Agenda. „Wir sind offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen“, sagt Sonja Cestonaro. So kam die Sache richtig ins Rollen. Im Juli 2025 beschäftigte sich der Ausschuss mit dem Thema. In der Sitzung lief auch das Video aus Augsburg. Am Ende schlug der Ausschuss eine Erhöhung der Taschengeldsätze vor. Eine Empfehlung, der der Bayerische Landtag im November 2025 folgte. Bereits wenige Wochen später, am 1. Januar 2026, traten die neuen Sätze in Kraft.
Die Jugendlichen haben gesehen, was Engagement bewirken kann
Seitdem bekommt Sara monatlich 107 Euro. Damit hat sich ihr Taschengeld verdoppelt. Allzu lange wird sie von der Erhöhung für Minderjährige aber nicht profitieren. Denn schon in wenigen Wochen wird sie 18. So wie ihr geht es vielen ihrer Mitstreiter aus dem Video. Die allermeisten sind schon volljährig und gar nicht mehr selbst von der Anhebung der Sätze betroffen. Dafür aber viele andere. Nicht nur in Augsburg. Viel Lob gab es deshalb zwischenzeitlich auch aus anderen Landesteilen für das Engagement der Augsburger. Sonja Cestonaro freut sich nicht nur, dass die Sätze nun höher sind, sondern auch darüber, dass die Jugendlichen im Rahmen des ganzen Prozesses sehen konnten, wie persönliches Engagement zu Veränderungen führen kann. „Gerade unsere Jugendlichen erleben sonst oft, dass Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden.“ Daneben freut sich aber noch einer: Sonja Cestonaros Sohn. Denn nachdem sich seine Mutter an den offiziellen Sätzen orientiert, gibt es nun auch für ihn mehr Taschengeld.
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Katharina Indrich
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