Die wichtigsten Ausstellungen in Berlin: Die Kunstwelt ist immer in Bewegung. Was es Neues gibt, was sich weiter lohnt und wo ihr noch unbedingt hin müsst, bevor es zu spät ist, lest ihr hier. Claudia Wahjudi und Ina Hildebrandt geben Tipps für neue Kunst und aktuelle Ausstellungen in Berlin – und für letzte Chancen, bevor es zu spät ist.
Neue Ausstellungen
Welche Ausstellungen sind gerade neu? Hier lest ihr, was in der Kunstwelt neu eröffnet wurde und was wir kürzlich besucht haben.
„faces of mind“ im Haus.Kunst.Mitte

Lange Zimmerfluchten für Bilder: Rund 160 Ansichten von Köpfen und Gesichtern hängen und stehen auf zwei Etagen des ehemaligen Wohnhauses in der Heidestr. 54, das Kunst.Haus.Mitte heißt. Jedes Zimmer ist einem Thema gewidmet: „Auge/ Blick“ zum Beispiel oder „Größe/ Maßstab“. Rund 50 Jahre zwei- und dreidimensionales Kunstschaffen aus Ost und West, Nord und Süd kommen hier zusammen. Porträts und Kopfstudien bekannter Künstler:innen wie Markus Lüpertz, Nanne Meyer und Leiko Ikemura hängen neben denen weniger bekannter Künstler:innen. Oder nahezu unbekannter wie Margo Guttmann, die seit Jahren in Öl Ansichten dessen malt, was ein Gehirn umtreiben oder blockieren kann (Abb.), hier jedoch, so heißt es, erstmals öffentlich ausstelle. Gründe für die ungewöhnliche Kombination sind die Sammelleidenschaft der Berliner Ärzt:innen Carmen und Dietmar Peikert und ihrer Pecadi-Kunststiftung sowie der ordnende Blick von Kuratorin Anna Havemann, der künstlerischen Leiterin des Hauses. Einen Schrecken löst eine Leihgabe aus: das große Gemälde „Un Poco de Nosotros“ des bekannten kubanischen Malers Roberto Fabelo. Es zeigt vier menschliche Gesichter in einem Vogelkopf, über den zwei Rhinozerosse spazieren. Höchst erstaunlich.
- Haus.Kunst.Mitte Heidestr. 54, Mitte, Do–Mo 12–18 Uhr, 8/5 €, bis 18 J., So + Geflüchtete frei, hauskunstmitte.de, bis 11.4.
Natalia Irina Roman: „Strecken II Stücke“ bei A Trans im Bahnhof Zoo

Ihr Thema ist die Bahn: Natalia Irina Roman forscht zu Zügen, Gleisen und Stellwerken, auch, indem die in Berlin und Weimar tätige Künstlerin Kulturschaffende mit Bahnmitarbeitenden zusammenbringt, beispielsweise auf einer Tagung in einem Zug zwischen Istanbul und Wien. Einen sinnlichen Überblick über ihr Schaffen zeigt sie in der Vitrine des Projektraums A Trans auf dem Bahnsteig der U-Bahnlinie 9 im Bahnhof Zoo. „Strecken II Stücke“, so der Titel der dichten Ausstellung, veranschaulicht in Grafiken auf Schiefertafeln und mit Leihgaben aus dem Berliner S-Bahn-Museum welches Design, welches Verhalten, welche Träume sich um die Kulturtechnik Eisenbahnfahren ranken. Eine Schau in progress: Natalia Irina Roman will sie bis Anfang Februar um Aufzeichnungen aktueller Projekte ergänzen, Zug um Zug.
„may day“ in Schloss Biesdorf

Rebellion geht auch auf die feine asiatische Art: So könnte eine These der Ausstellung „may day“ im kommunalen Schloss Biesdorf lauten. Sechs Künstlerinnen aus Kambodscha und Deutschland haben in einem Projekt, das Carola Rümper aus Berlin angeregte, Bilder von souveränen Frauen entworfen, die gegen Rollenbilder aufbegehren, indem sie ihr eigenes Ding machen. Rümper selbst gestaltete gemeinsam mit gewerbetreibenden Frauen in Phnom Penh tragbare Textilien mit Bildern beispielsweise von Frauen beim Boxen. Neak Sophals Fotoporträts setzen ungeschminkte junge Frauen zwischen Blüten in Szene. Sao Sreymao thematisiert den Überlebenskampf in Stadt und auf dem Land: in einer Videoperformance an einem Fluss trägt sie eine Plastiktüte über ihrem Gesicht (Abb.) – buchstäblich und im übertragenen Sinn: atemberaubend.
- Schloss Biesdorf Alt-Biesdorf 55, Marzahn-Hellersdorf, Sa–Mo 10–18, Sa–Mo 12–18 Uhr, schlossbiesdorf.de, bis 27.2.
Bettina Allamoda: „Neustürzende Einbauten – les artistes décorateurs“ in der Zwinger Galerie

Rund vier Jahrzehnte finden sich in den Materialien eingefroren, die Bettina Allamoda in ihrer Ausstellung verwendet. Mindestens ein Jahrhundert umspannt deren gedanklicher Bogen. Allamoda interessiert sich dafür, wie Dinge und Prozesse präsentiert werden, Gegenstände von Ausgrabungen etwa oder Objekte des Industriedesigns, und was das über die jeweilige Gesellschaft sagt. Anlass, ihre kontinuierliche Auseinandersetzung damit vorzustellen, bietet das 100-jährige Jubiläum der „Internationalen Ausstellung des Kunstgewerbes“ in Paris 1925. Ausgewählte Dokumente dazu hängen an der linken Wand. Im Raum dagegen präsentiert Allamoda eine vertikale Plastik aus Displaystücken und Industriemetall sowie mehrere Ready Mades, Ausstellungstafeln aus DDR-Zeit, die im Jenaer Optikbetrieb Jenoptik verwendet wurden. Spannungsvoll verbunden werden Zeiten, Gedanken und Exponate von einer langen Bahn farblich changierenden Paillettenstoffs, die sich durch die Galerie spannt und dabei zweimal dreht. Sie lässt Showbusiness denken und unterstreicht den angestrengten, technikorientierten Fortschrittsgeist der historischen Tafeln. Und wer nach Einbruch der Dunkelheit die hell erleuchtete Ausstellung von der Straße betrachtet, sieht sozusagen von einer Meta-Ebene, wie eine Berliner Bildhauerin vergangene Inszenierungen heute inszeniert.
- Zwinger Galerie Mansteinstr. 5, Schöneberg, Di–Sa 12–18 Uhr, zwinger-galerie.de, bis 31.1.
„Love Is a Losing Game“ bei PSM

Um nichts Geringeres als die Liebe geht es in der Gruppenausstellung bei PMS. In vornehmlich Videoarbeiten, aber auch Installationen und Skulpturen ergründen die Künstler:innen, ob die Liebe und ein Spiel ist oder nicht, ob “gewinnen“ oder “verlieren“ überhaupt Kategorien sein können. Der Ausstellungstitel referiert auf Amy Winehouse, die uns mitunter die schmerzvoll-schönsten Songs über Liebe dagelassen hat. Die Künstler:innen gehen Fragen nach, wie sich Körper miteinander verbinden können und wie Liebe ist, wenn Körper nicht zueinander kommen können und natürlich – wie wird sie uns auf dem Markt feilgeboten.
- PSM Schöneberger Ufer 61, Tiergarten, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 21.2.
„Not I“ bei Captain Petzel

Gruppenausstellungen sind so eine Sache… entweder kommen die Kunstwerke miteinander klar im Raum oder selbiger wirkt etwas hilflos vollgestellt. Die nun wirklich schönen Galerieräumen von Captain Petzel sind recht vollgestellt, die Arbeiten kommen dafür bestens miteinander klar – obwohl oder gerade weil große Namen darunter sind? So begrüßt einen zunächst Monika Sosnowskas Stahlskulptur, die wie ein Geist eines verstorbenen Gebäudes massiv und schwebend zugleich anmutet, bevor sich der „Birkenwald“ mitsamt übergoßen Tabletten auf dem Boden von Martin Kippenberger im Raum ausfaltet, der einem zwischen idyllischer Romantik irritierender Flachheit einen Streich spielt. Mike Kelly und Hannah Darboven gehen mithilfe von Zeichnungen und Dokumenten in die Tiefen biografischer Landschaften, während Gina Folly mit Objekten aus Karton gegenwärtig auf uns wirkende Infrastrukturen erforscht.
- Captain Petzel Karl-Marx-Allee 45, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 14.2.
„Heute noch, morgen schon. Filmische Perspektiven auf Berlin um 1990” im Museum Nikolaikirche

Eine grandiose Rückschau auf die deutsche Vereinigung haben die Kurator:innen Florian Wüst und Suy Lan Hopmann für die Stiftung Stadtmuseum zusammengestellt, und zwar im Museum Nikolaikirche, jener Kirche, in der 1991 die konstituierende Sitzung des neu gewählten Gesamtberliner Abgeordnetenhauses stattfand. An diesem historischen Ort zeigt Heute noch, morgen schon“ mit meist kurzen Kunst- und Dokumentarstreifen „filmische Perspektiven auf Berlin um 1990“. Mitten in der Dauerausstellung zur Stadtgeschichte laufen sie auf großen Projektionsflächen in einem Baugerüst, das an den Wiederaufbau der kriegszerstörten Kirche Ende der 1980er-Jahre denken lässt. Und die Beiträge sind eine Wucht. Dokus, Porträt- und Gesprächsfilme, Essays, Nachrichtenclips und Konzertmitschnitte verhandeln nicht nur deutsch-deutsche Sichten auf die Wende, sondern auch nichtdeutsche Perspektiven. Sowjetische Soldaten fahren zurück in ihr Land, das es nicht mehr gibt, Näherinnen aus Vietnam schweigen. Und die Berliner Künstlerin Pinar Öğrenci zeigt mit „Gurbet is a home now“ eine atemberaubende Videoinstallation, die auf privaten Fotos von Migrant:innen aus der Türkei basiert. „Heute noch, morgen schon“ ist umfassend, differenziert, transnational. Unbedingt sehen.
- Museum Nikolaikirche Nikolaikirchplatz, Mitte, Mo–So 10–18 Uhr, 7/ 5 €, bis 18 J. frei, stadtmuseum.de, bis 6.4.
Dominik Lejman: „Phantome“ in der St. Matthäus-Kirche

Warum nur wirkt Dominik Lejmans Ausstellung „Phantome“ in der evangelischen Kulturkirche St. Matthäus so katholisch? Weil sein Spiel mit Licht und Schatten den spanischen Barock zitiert? Weil die weiblichen Figuren, die als Video auf abstrakten Acrylgemälden erscheinen, etwas Jungfräuliches haben? Weil die Themen Zeit und Tod ins Jenseits und in die Ewigkeit verweisen, wo Katholik:innen eher zuhause sind als diesseitig orientierte Protestant:innen, die nur selten Erscheinungen sehen? Wie dem auch sei: Bemerkenswert ist die Ausstellung von Dominik Lejman, Träger des Berliner Kunstpreises 2018, allemal. Nicht zuletzt, weil der in Polen geborene Künstler viele Arbeiten in Kooperation mit Schriftstellern, Tänzerinnen und Performern schafft. Davon zeugen unter anderem das Gemälde „Chess Player (with Howard Altmann)“ (2020) mit Videoworten des nordamerikanischen Poeten Howard Altmann und die Veranstaltungen im Abendprogramm.
- St. Matthäus-Kirche Kulturforum Berlin, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, stiftung-stmatthaeus.de, bis 15.2.
20.1., 19 Uhr, Schleier, Performance von Maria Colusi, 27.1., 19 Uhr, Der Schachspieler, Lesung
3.2., 19 Uhr, Ubu, Performance von Krzysztof „Leon“ Diemaszkiewicz, 10.2., 19 Uhr, Geisterklang, Konzert mit Mikolaj Trzaska
„Die Zeit ist ein Ozean“ in Schloss Biesdorf

Am schönsten ist es im großen Videoraum, im Musikzimmer in der ehemaligen Siemens-Villa. In Schloss Biesdorf, wie das Haus heute heißt, versammelt die Ausstellung „Die Zeit ist ein Ozean“ Arbeiten von zwölf Künstler:innen. Sie alle wollen der Zeit, jenem Phänomen, das einem ständig durch die Hände zu rinnen scheint, eine Form geben. Abdulkarim Majdal Albeik zum Beispiel hat sie verdichtet, indem er alte Fotoalben samt darin enthaltener Aufnahmen zermahlen, gepresst und neu geformt hat. Bignia Wehrli hat Spuren ihrer Körperbewegungen in Keramik überführt. Im Videoraum aber laufen auch Miniaturfilme von Wenfeng Liao. Der in Berlin lebende Künstler inszeniert sie mit einfachsten Objekten wie Stühlen, Plastikfolie oder Äpfeln am Baum (Abb.). Und Wenfeng Liao gelingt es zumindest für einen Moment, die Zeit anzuhalten.
- Schloss Biesdorf Alt-Biesdorf 55, Biesdorf, Sa–Mo 10–18 Uhr, Sa–Mo 12–18 Uhr,schlossbiesdorf.de, bis 27.2.
Alice Z Jones: „Madness is a Shadow Chasing Freedom“ bei Anton Janizewski

Ein Galerieraum wird zu einem sinnlich verdichteter Erfahrungsraum, in dem Klang, Textilien und Keramik Fragen von Erinnerung, Trauer und Gemeinschaft verhandeln. Hier verbindet Alice Z Jones persönliche Geschichte mit Schwarzer Diaspora und bezieht sich dabei offen auf das Konzept der „Wake work“ der Kulturtheoretikerin Christina Sharpe. Besonders eindrücklich ist die raumfüllende Mehrkanal-Klangarbeit, die den Rhythmus von Atem und Zuhören erfahrbar macht und von textilen Arbeiten umgeben ist, die bis zur Quilt-Tradition zurückreichen. Statt Pathos setzt die Berliner Künstlerin mit jamaikanisch-britischen Wurzeln auf Nähe: Ihre Werke laden dazu ein, Trauer als etwas Lebendiges und Geteiltes zu begreifen.
- Anton Janizewski Weydingerstr.10, Mitte, Mi–Sa 12–18 Uhr, bis 7.2.
Letzte Chance: Diese Ausstellungen enden bald
Diese aktuellen Ausstellungen in Berlin sind nicht mehr lange zu sehen. Nutzt die Chance, sie an den letzten Tagen zu besuchen.
Alexander Basil: „Error 404“ in der Galerie Judin

In Alexander Basils großer Einzelausstellung bei Judin öffnen sich viele Möglichkeiten der Betrachtung: „Error 404“ funktioniert als Informationsstunde über Geschlechtsangleichung genauso wie als Selbstreflexion des Künstlers, Essay über Körper und kunsthistorischer Referenzraum. Gegenständliche Ölbilder in blassen Farben erzählen von der Transition einer Frau zu einem Mann, medizinisch, sozial, psychisch, autofiktiv. Auch Alexander Basil, 1997 im nordrussischen Archangelsk geboren, hat solch eine Transition durchlebt. Klar, sachlich, streng strukturiert und doch auch komisch reflektiert er diesen Prozess in einer Bildsprache, die er aus Comic, amerikanischer Pop Art und russischem Konzeptionalismus gegründet zu haben scheint. Berührend.
- Galerie Judin Potsdamer Str. 83, Mercator Höfe, Tiergarten, Di–Sa 11–18 Uhr, galeriejudin.com, bis 24.1.
„Close enough“ in der C/O Berlin
Bieke Depoorter, Al-Minya, Ägypten, September 2013 .Foto: © Bieke Depoorter/Magnum Photos
Fotografie vermag auf einzigartige Weise Nähe entstehen zu lassen, selbst dort, wo eigentlich Distanz herrscht. Aber was bedeutet Nähe überhaupt in der Fotografie, vor allem in der dokumentarischen? In der Ausstellung „Close Enough“ in der C/O Berlin gehen zwölf internationale Fotografinnen der profilierten Agentur Magnum eben jenen Fragen nach. Die Ausstellung wurde 2022 zum 75-jährigen Bestehen der Agentur in New York gezeigt und kommt nun zum 25. Geburtstag der C/O Berlin in erweiterter Form nach Berlin. Von Bieke Depoorters intimen Momenten in ägyptischen Wohnzimmern bis zu Hannah Prices Porträts der Männer, die ihr hinterherpfiffen, reicht das Spektrum. Die Schau zeigt, dass Nähe in der Fotografie weniger im Motiv liegt als in der Haltung der Betrachtenden.
- C/O Berlin Amerika Haus, Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, tägl. 11–20 Uhr, bis 26.1.26
Patryk Kujawa im Schaufenster von KVOST

Sein Vater war Bauarbeiter in Szczecin. Nun zeigt Patryk Kujawa im Schaufenster des Kunstvereins Ost (KVOST) eine Installation, die mit diesem Beruf verbundene, einander widersprechende Männlichkeitsbilder aufruft und in Frage stellt. Aus gebrauchten Gipskartonplatten sind Einbauten entstanden, in denen Pflegeartikel und getragene Kleidung Platz gefunden haben. Sie lassen genauso an Zwang und Erschöpfung wie an Zuneigung und Fürsorge denken. Vor allem bei Dunkelheit können sie trotz der Strenge der Arbeit starke Gefühle auslösen. Das Schaufenster ist nach Feierabend bis 22 Uhr beleuchtet, auch über die Festtage.
- KVOST Leipziger Str. 47/ Schaufenster Jerusalemer Straße, Mitte, beleuchtet: Mo–So 14–22 Uhr, kvost.de, bis 25.1.
Vera Mercer: “Life in Focus – Eine Werkschau” im Zentrum für Aktuelle Kunst

Wie gut, dass Vera Mercer wenigstens von ihren Schwarz-Weiß-Fotos digitale Kopien gemacht hatte: etwa von Porträts von Künstler:innen wie Andy Warhol, Marcel Duchamp, Niki de Saint Phalle und ihrem ersten Mann, dem Künstler Daniel Spoerri. Denn ein Großteil von Mercers Werk ging bei einem Brand ihres Hauses in den USA verloren. Vera Mercer, 1936 in Berlin geboren, fing völlig neu an – neben ihrem Zweitberuf als Gastronomin. Die von Jens Pepper kuratierte Schau kann neben den frühen Porträts folglich nur das Spätwerk versammeln: Farbfotografien mit opulenten Stillleben im Geiste der Alten Niederländer, die nicht auf die heutige, eingeflogene Fülle von Fisch, Fleisch, Gemüse und Früchten zurückgreifen konnten. Und die vermutlich nicht auf die Idee gekommen wären, die Stillleben in eine vegetarische und eine fleischhaltige Abteilung zu sortieren. Erstaunlich.
- Zentrum für Aktuelle Kunst Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, Spandau, Fr–Mi 10–17, Do 13–20 Uhr, zitadelle-berlin.de, verlängert bis 25.1.
Christian Marclay: “The Clock“ in der Neuen Nationalgalerie

Marclay. Courtesy White Cube, London
Der in London lebende Künstler Christian Marclay hat tausende Schnipsel aus alten Filmen, in denen das Verstreichen der Zeit zu sehen ist, zu einem Streifen von 24 Stunden montiert: „The Clock“ lässt darüber staunen, wer und was alles in wenige Minuten Film passt: Stan Laurel, Leonardo DiCaprio beim Kartenspiel, Lola rennend, Besuch in einer Pathologie. Zeit verstreicht in Echtzeit: Wenn es draußen zu Mittag läutet, herrscht auch im Film „High Noon“. Marclays kunstvoll editierte Szenencollage ist 15 Jahre alt. Inzwischen hat sich das Publikum an derart rasche Szenenwechsel in einem Endlosfilm dank Social Media gewöhnt. Aber „The Clock“ schreibt mit wachsendem, zeitlichem Abstand immer deutlicher eine Kulturgeschichte westlichen Kinos. Marclay lieh in London DVDs aus, vor allem mit britischen, US-amerikanischen und westeuropäischen Filmen. So sehen wir vor allem weiße Männer. Sie sehen ständig auf die Armbanduhr sehen, eilen Zügen nach, klettern an Turmuhren herum und küssen morgens zum Abschied Frauen, die weiterschlafen. Er habe auch in indischen Filmen gesucht, sagte Marclay beim Pressetermin gegenüber tip, aber in Bollywood-Streifen spiele Zeit kaum eine Rolle. Interessant. Mehr zu „The Clock“ von Christian Marclay lest ihr hier.
- Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten. Di–So 10–20 Uhr, 24. +31.12. geschl., 1.1.: 12–18 Uhr, 24h-Aufführung: 23.–24.1. (20–10 Uhr Eintritt frei), 14/ 7 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 25.1.
“Every Artist Must Take Sides” in der Akademie der Künste

In Prenzlauer Berg gibt es eine Paul-Robeson-Straße, doch der US-amerikanische Sänger, Musiker und Bürgerrechtler ist hierzulande fast vergessen, ebenso seine Mitstreiterin Eslanda Robeson. Jetzt aber präsentiert die Akademie der Künste Ausschnitte aus ihrem Paul-Robeson-Archiv, das in der DDR entstand. Flankiert werden sie von Material aus den Mayibuye-Archiven in Kapstadt sowie Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen wie Sonya Clark, Dread Scott (Abb.), Angela Ferreira und Ariel Orah. In Installationen, Filmen und auf Tableaus thematisieren sie politisches Engagement und Schwarze Geschichte. Auch die Rezeption Robesons in sozialistischen und kommunistischen Ländern problematisieren sie. Die kniffelige Aufgabe ist wunderbar gelöst: Das Dokumentarmaterial findet sich auf Inseln aus Stellwänden. Die künstlerischen Beiträge, darunter Klangkunst, gruppieren sich drumherum wie Einwürfe von der Seite. Nur ob der Ausstellungstitel, ein Zitat Paul Robesons von 1936, tatsächlich immer und überall gelten kann, bleibt offen.
- Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Hansaviertel, Mi–Mo 10–18 Uhr, 24.12.+31.12. geschl. geschl., 30.12. 14 – 19 Uhr, ab 1.1.: Di–Fr 14–19 Uhr, Sa/So 11–19 Uhr10/ 7 €, bis 18 J. frei, adk.de, bis 25.1.26
Helga Paris: „für uns“ im Fotografiska

Mit der neuen Ausstellung ist der Berliner des in Schweden gegründeten Fotografiska ganz in der Stadt angekommen. „Helga Paris: Für uns“ blickt auf das große Werk der 2024 verstobenen Berliner Fotografin Helga Paris zurück, die vor und nach Mauerfall fotografierte – Straßen und vor allem Menschen: Müllfahrer, Textilarbeiterinnen, Jugendliche, Kulturschaffende, Kneipengänger:innen. Anhand von Themen und Serien haben diesen Rückblick Marina Paulenka, Ausstellungsdirektorin am Fotografiska Berlin, und Udo Kittelmann, ehemaliger Direktor der Nationalgalerie, anschaulich zusammengestellt, in enger Zusammenarbeit mit Jenny Paris, der Tochter der Fotografin. Zu den Höhepunkten zählen auch Helke Misselwitz’ halbstündiges Filmporträt über Helga Paris, deren restaurierte Collagen von 1995 mit Fotos und Texten zu Begegnungen in New York und das neue Buch im Kehrer-Verlag mit Paris’ Aufnahmen bis zur Wiedervereinigung.
- Fotografiska Berlin Oranienburger Str. 54, Mitte, Mo–So 10–23 Uhr, Eintritt 15/10 €, Kinder bis 12 Jahre frei, berlin.fotografiska.com, bis 25.1.2026.
„Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion ,Entartete Kunst’“ in der Alten Nationalgalerie

Nicht nur der deutsche Impressionist Lovis Corinth (1858-1925 steht „Im Visier!“, der Sonderausstellung der Alten Nationalgalerie zum 200-jährigen Jubiläum der Museumsinsel. Sondern auch die Geschichte der Sammlung der Nationalgalerie, vor allem in der Zeit zwischen Nationalsozialismus und Wiedervereinigung: mit Beschlagnahmungen, Zensur, Verlust, Rückgaben und Rückkäufen, dargestellt am Beispiel einzelner Werke von Corinth. Und schließlich sind da die vergessenen Arbeiten von Charlotte Berend-Corinth (1880–1967), der jüdischen Künstlerin, die ihren Lovis 1904 geheiratet hatte. Drei anspruchsvolle Themen: Das ist fast zu viel für die engen Kabinette der Alten Nationalgalerie. Doch wer durchhält, erfährt hier, wie Provenienz- und Sammlungsforschung funktionieren können. Und wird am Ende belohnt mit Grafiken aus dem Kupferstichkabinett, unter ihnen wenig bekannte Blätter von Charlotte Berend-Corinth (Abb.).
- Alte Nationalgalerie Bodestr., Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 14/7 €, Museumsinsel: 24/12 €, bis 18 J. + TLE frei, www.smb.museum, bis 25.1.26
Delcy Morelos: „Madre“ im Hamburger Bahnhof

Als hätte jemand mit einem gigantischen Tortenheber ein Stück aus einem Hügel präzise herausgeschnitten und in die Kleihueshalle des Hamburger Bahnhofs platziert. Ganz so war es nicht. Die Installation „Madre“ hat Delcy Morelos vor Ort geschaffen. Schichtweise verwebte die kolumbianische Künstlerin Ton, Wasser und Berliner Erde auf einem Konstrukt aus Holz, Eisen und Stroh. Buchweizen ist drin sowie Gewürze und Honig. Berühren ist verboten, aber kleine Ausbuchtungen und ein enger Durchgang erlauben hineinzutreten in diese imposante „Mutter“, in der Morelos nicht nur Materialien verwoben hat, sondern auch Ideen und Geschichten vom südamerikanischen Kontinent: über Spiritualität, das Verbundenheitsverständnis der Inkas und die konsequente Ausbeutung durch Wirtschaft und Politik.
- Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Moabit, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 25.1.26
Tomás Saraceno: „tomás saracenoi“ in der Galerie Neugerriemschneider

Planetar zu denken heißt, das Zusammenspiel der Elemente vom Erdkern bis tief ins All zu sehen und die menschliche Position darin zu erkennen. Wie sich das anfühlen kann, veranschaulicht der in Berliner lebende Künstler Tomás Saraceno in der Galerie Neugerriemschneider. Neben vielen Bildern aus seinen bekannten Reihen mit Spinnenseide, Salz oder Seife ist hier eine raumfüllende Großinstallation zu sehen (Abb.). Kinetische Skulpturen, Wasser, Sound, Licht und Schatten machen die Schönheit des Weltraums und die Einsamkeit des Menschen im All fast körperlich erfahrbar, auch, weil es in dem Raum kalt ist es. Freilich kein Vergleich zum All: Dort sollen in der Regel minus 270 Grad herrschen.
- Galerie Neugerriemschneider Linienstr. 155, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, verlängert bis 31.1.
„Haunt Saison“ bei Frontviews

Dass diese Verkaufsausstellung so wohnlich wirkt, liegt nicht nur an den vergleichsweise kleinen Formaten. Über 40 Künstler:innen – unter ihnen Nadine Fecht, Stella Geppert, Katja Pudor, Andreas Schmid, Oliver Thie und Saskia Wendland (Abb.) – zeigen im Projektraum Frontviews Beispiele für ihr Schaffen: Zeichnungen, Malerei, Plastiken, Textildruck, Collagen, Objekte. Vor dem Fenster hängen Vorhänge, und ausnahmsweise sind die Räume mit „Mid-Century“-Möbeln eingerichtet – eine wunderbare Gelegenheit, sich auf ein Gespräch über und neben die Kunst zu setzen. Die wurde auch noch etwas tiefer gehängt und platziert, als sonst in Ausstellungen üblich. Hier ist gut Bleiben.
- Frontviews Kluckstr. 23a, Hof, Schöneberg, Mi–Sa 14–18 Uhr, frontviews.de, bis 31.1.
„Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ im Museum Barberini

Einhornbegeisterte Mädchen sind im Wochenend-Publikum genauso zu finden wie kulturhistorisch interessierte Erwachsene: in der großen Ausstellung des Potsdamer Privatmuseums Barberini zur Darstellung des Einhorns in Bildender Kunst und Buchkunst. Im Galopp geht es durch Kunst aus vier Jahrtausende, von der Bronzezeit bis zum Berliner Künstler Olaf Nicolai. Dabei lässt sich jede Menge lernen. Zum Beispiel, dass es abendländische Gelehrte bis ins 16. Jahrhundert als gesichert ansahen, dass es Einhörner einmal gab: Es stand ja in der Bibel. Wenn den Vierbeiner lang niemand mehr gesehen hat, dann wohl deshalb, weil er es nicht mit auf die Arche Noah geschafft hatte. Als Beweise seiner Existenz hatte man ja die Stoßzähne von Narwalen. Fake News früher. Außerdem ist zu erfahren, warum viele Apotheken nach dem Fabeltier benannt sind. Und noch jede Menge mehr. Macht große Freude.
- Museum Barberini Alter Markt, Humboldtstr. 5–6, Potsdam, Mi–Mo 10–19, Sa + So 10– 18 Uhr, 18/ 16/ 10 €, bis 18. J. frei, Do ab 14 Uhr: bis 25 J. frei, museum-barberini.de, bis 1.2.
Aktuelle Ausstellungen: Diese Schauen laufen gerade
Hier kommt der große Überblick über alles, was wir derzeit in der Berliner Kunstwelt empfehlen: die Ausstellungen, die noch eine Weile laufen und sich lohnen.
Kara Walker: „Kara Elizabeth Walker presents Dispatches from A— and the Museum of Half-remembered Histories“ bei Sprüth Magers

Es ist eine Wucht, welche Tiefe das an sich so flache Medium des Scherenschnitts bei Kara Walker entfaltet. In den großzügigen Galerieräumen nimmt die US-amerikanische Künstlerin die großen Gewaltgeschichten der amerikanischen Gesellschaft auseinander: Rassismus, Geschlecht, Sexualität – alles liegt bei ihr offen, scharf konturiert, kaum erträglich und gerade deshalb so wirksam. Mit ihren panorama-artig angelegten Scherenschnitten zählt sie zu den wichtigsten Künstler:innen ihres Heimatlandes. Bei Sprüth Magers zeigt Walker nun neue Collagen, erstmals in leuchtender Tinte und Aquarell. Ergänzt wird die Ausstellung durch neue Pastelle, in denen Walker klassische Bildgattungen neu auflädt, sowie durch eindringliche Aquarellzeichnungen, die lange nachwirken.
- Sprüth Magers Oranienburger Str. 18, Di–Sa, 11–18 Uhr, Mitte, bis 4.4.
Trey Abdella: „Cold Front“ bei Kraupa-Tuskany Zeidler

Kunst oder Kitsch? Trey Abdella nimmt beides. Und das recht lässig. Schließlich ist der Winter – und insbesondere die Weihnachtszeit die wohl verkitschteste und kommerzialisierteste Zeit des Jahres. In „Cold Front“ untersucht Abdella die Bildsprache des Winters als Bühne für Ritual, Kommerz und verdrängte Gefühle. Seine raumgreifenden Arbeiten kippen zwischen häuslicher Wärme und unterschwelliger Bedrohung, zwischen Nostalgie und Unbehagen. Mit gefundenen Objekten, Harz, Licht, Bewegung und Malerei erzeugt er dichte, filmisch wirkende Szenerien, in denen das Vertraute unheimlich wird. Ist eben nicht alles Schein, was glänz und blinkt und glitzert…
- Kraupa-Tuskany Zeidler Kohlfurter Str. 41 / 43, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 18.2.
Philip Topolovac: „ a beautiful collapse“ bei Hoto

In den 1970er-Jahren startete John Calhoun das Universe 25-Experiment: Eine Mäusepopulation lebte unter perfekten Bedingungen, mit unbegrenzter Nahrung und Schutz. Doch statt Harmonie breitete sich sozialer Zerfall aus – Aggression, Isolation und Fortpflanzungsstörungen führten zum Zusammenbruch der Gesellschaft. Solche Geschichten bilden etwa den Urgrund für Philip Topolovacs Ausstellung über menschliche Hybris, Kunst und Wissenschaft. In seinen Arbeiten, wie dem Holzmodell der Mäusestadt oder den großen, antik anmutenden Köpfen aus Styropor, geht es stets um die Beziehung zwischen der solide scheinenden Oberfläche und dem meist fragilen Material. Dabei spannt er gekonnt Bögen von barockem Pathos über Calhouns Universe 25 bis zu aktuellen Katastrophenszenarien.
- Hoto Potsdamer Str. 75, Tiergarten, Do–Sa 13–18 Uhr, bis 30.1.
„,Immer wieder muss die Welt neu gesehen werden‘ – Malerei von Karl Schmidt-Rottluff“ im Brücke-Museum

Karl Schmidt-Rottluff, Mitbegründer der Künstlergruppe Brücke, steht im Mittelpunkt einer Ausstellung des Brücke-Museums, die über 70 seiner Arbeiten zeigt, von frühen Aquarellen über selten gesehene Bilder wie das energische Gemälde „Handwerker am Haus“ (1922) bis zu den reduzierten, strengen Kompositionen des Spätwerks. Das Museumsteam ordnet die Werkphasen nicht nur in Schmidt-Rotluffs Lebensweg ein, sondern auch in die Forschung am Haus. Zu den interessantesten Kapiteln zählt daher die Abteilung zur Provenienzforschung. Hier laufen Videogespräche mit der Wissenschaftlerin Christiane Remm, die ein Verzeichnis der Werke von Schmidt-Rottluff erarbeitet. Remm spricht unter anderem mit René Allonge, dem für Kunstdelikte zuständigen Ersten Kriminalhauptkommissar der Polizei Berlin: über Schmidt-Rotluff-Fälschungen und die Beratung der Polizei durch das Brücke-Museum.
- Brücke-Museum Bussardsteig 9, Dahlem, Mi–Mo 11–17 Uhr, 24. + 31.12. geschl., 1.1. 13–17 Uhr, 6/ 4 €, bis 18 J. frei, bruecke-museum.de, bis 15.2.
„Theo von Brockhusen: Farben im Licht” im Potsdam Museum

Als Theo von Bockhusen 1919 mit nur 36 Jahren an einer Lungenkrankheit starb, hinterließ er eine Frau und eine vierjährige Tochter, die im Berlin nach dem Ersten Weltkrieg alle Mühe hatten, durchzukommen. Das ist in dem prächtigen Katalog zu der Potsdamer Ausstellung zu lesen, die den etwas vergessenen Impressionisten und sein Umfeld vorstellt. Von Brockhusen spielte eine wichtige Rolle in der Berliner Secsession, doch anders als viele seiner Kollegen interessierte ihn bürgerliches Freizeitverhalten nur im Fall des Gartenlokals von Baumgartenbrück an der Havel, wo er mit seiner Familie die Sommer verbrachte. Von Brockhusen malte vor allem Felder, Wiesen, Gärten, Flusslandschaften: mit impressionistisch kommaartigem Pinselstrich und expressionistisch anmutenden Perpektiven. Die leicht verständlich gestaltete Schau zeigt viele Dokumente jener Zeit, darunter Marie Goslichs bestechende Fotografien von einem damaligen Havelkahn auf dem Wasser. Nur ein Jahrhundert her, und eine komplett andere Welt.
- Potsdam Museum Am Alten Markt 9, 14467 Potsdam, Di–So 10–18 Uhr, 24., 31.12. + 1.1. geschl., 7/ 5 €, bis 18 J. frei, potsdam-museum.de, bis 22.3.
„Saâdane Afif. Five Preludes“ im Hamburger Bahnhof der Nationalgalerie

Jetzt Wissenschaftlerin sein! Mehrere Regale voller Bücher stehen im Westflügel des Hamburger Bahnhofs eingeschlagen in Transparentpapier hinter Vitrinenglas. Niemand kann die Bücher anfassen, aber ihre Titel lassen sich lesen. „The Fountain Archives“ ist eine dreidimensionale Literaturliste von Büchern, in denen „Fountain“ vorkommt, jenes Readymade von 1917, das aus einem Urinal besteht und Marcel Duchamp zugeschrieben wird. Saâdane Afif hat die Bände gesammelt, die Seiten zu dem bahnbrechenden Werk herausgetrennt und gerahmt an die Wand gehängt. Eine gedruckte Liste der Bücher steht als dreibändiger Riesenindex in einer gesonderten Vitrine. Eingebettet ist das Langzeitprojekt in eine Werkschau des in Berlin lebenden Künstlers, der sich listig mit der westlichen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und mit Berliner Kultur der Gegenwart auseinandersetzt. Im Februar sollen Performances folgen.
- Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Moabit, Di, Mi+Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 24.+31.12. geschl., 1.1. 12–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 13.9.
Moyra Davey im n.b.k.

Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) bleibt beim Thema Film: Nach der Schau zum Werk der Kinoregisseurin Margarethe von Trotta ist die neue Ausstellung der 1958 geborenen kanadischen Künstlerin Moyra Davey gewidmet: eine rund 30 Jahre umfassende Werkschau. Davey ist bekannt für hoch reflektierte Videoessays und stille Fotografie, die sie auch als Mail Art versendet wie stark vergrößerte Ansichten von Cent-Münzen (Foto). Davey schickte die postgerecht gefalteten Aufnahmen ausreichend frankiert an Mitarbeitende des Neuen Berliner Kunstvereins. So würdigt sie ein großes Team und zugleich Symbole für Geldwerte, die durch technische Neuerungen selten werden oder auslaufen. Neben vielen weiteren Arbeiten ist Daveys Film „Horse Opera“ zu sehen, der 2023 auf der Berlinale lief. Er kontrastiert Daveys Landleben mit Pferdekoppel auf überraschende Art mit New Yorker Nachtleben. Eine sehr intellektuelle Ausstellung, die zum Verweilen einlädt und dann ihre Poesie preisgibt.
- n.b.k. (Neuer Berliner Kunstverein) Chausseestr. 128/129, Mitte, Di–So 12–18, Do 12–20 Uhr, 24.–26.12., 31.12.–1.1. geschl., nbk.org, bis 8.2.
„Emilio Vedova – Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen“ im Kunsthaus Dahlem

Venezianer, Antifaschist, Partisan, Künstler: Emilio Vedova (1919–2006) folgte 1963 einer Einladung der Ford Foundation nach West-Berlin, beschwerte sich über sein kleines Gaststudio und kam dann ausgerechnet nach Dahlem, in das ehemalige Atelierhaus der NS-Monumentalbildhauer Breker und Thorak. Daran erinnert am Originalschauplatz eine Ausstellung des Kunsthaus Dahlem. Sie beleuchtet Vedovas künstlerische Kommentierung von Weltpolitik und Student:innen-Protesten sowie seine Entwicklung von informeller Malerei auf beweglichen Kulissen. Ergänzt wird die Schau von Bildern des mit Vedova befreundeten Freiburger Malers Bert Jäger (1919–1998), aber eigentlich wäre es schön gewesen, auf diesem Platz mehr zu Vedovas Leben und Werk zu erfahren. Trotzdem eine passende Vorbereitung auf die Schau der Berlinischen Galerie, die im Frühjahr 2026 Vedovas „Absurdes Berliner Tagebuch ’64“ neu präsentieren soll.
- Kunsthaus Dahlem Käuzchensteig 8, Dahlem, Mi–Mo 11–17 Uhr, 24. + 31.12. geschl., 1.1. 12–17 Uhr, 6/4 €, bis 18 J. frei, kunsthaus-dahlem.de, bis 8.3.
Sonya Schönberger/ Berliner Zimmer: „Dear Berlin“ im Projektraum des Deutschen Künstlerbunds

Eine gewundene Wand aus weißen Betonblocksteinen scheint Sicht und Zutritt zu versperren. Doch das temporäre Bauwerk, kunstvoll nur mit Spanngurten gesichert, steckt voller Überraschungen: Arbeiten von zehn Berliner Künstlerinnen, Fotografie auf Glas genauso wie Handzeichnung oder bunte Objekte. Ihre Schöpferinnen sind Mitglieder im 1950 wiedergegründeten Deutschen Künstlerbund und haben sich von ihrer Kollegin Sonya Schönberger über Leben und Arbeit interviewen lassen. Der Film läuft auf einer zweiten Wand. Schönberger, für ihr Langzeitprojekt „Berliner Zimmer“ mit Filminterviews bekannt, hat die Fragen fortgelassen und die Antworten so geschnitten, dass sie keinen Moment langweilig werden. Im Gegenteil: Spannend ist, was die Künstlerinnen von Motivation und Arbeitsbedingungen berichten, und das, was ungesagt bleibt. Unbedingt ein bisschen Zeit mitbringen, es lohnt sich.
- Deutscher Künstlerbund Markgrafenstr. 67, Kreuzberg, Di–Fr 14–18 Uhr, 22.12.–5.1. geschl., kuenstlerbund.de, bis 6.3.
„James Gregory Atkinson: Ebenholz“ in der Galerie Thomas Schulte

Foto: GRAYSC.DE, Courtesy of the artist und Galerie Thomas Schulte, Berlin
Er macht recherchebasierte Kunst, die diesen Namen verdient: James Gregory Atkinson, 1981 in Bad Nauheim geboren, forscht zur Historie Schwarzer Deutscher. Im Mittelpunkt seiner Ausstellung bei Thomas Schulte (Filiale Potsdamer Straße) steht die Schwarze Sängerin und Schauspielerin Marie Nejar, die den Nationalsozialismus überlebte und im Mai 2025 in Hamburg starb. In Atkinsons dreiteiliger Ausstellung kommen Nejars Gesang, Dokumente zum Leben deutscher Schwarzer und Objekte zur Präsenz in Deutschland stationierter Schwarzer US-Soldaten zu einer Erzählung zusammen. Sie erhellt Lebensläufe und bisher kaum beachtete Kapitel der Geschichte – so locker wie sachlich und doch geprägt von autobiografischen Motiven des Künstlers.
- Galerie Thomas Schulte Potsdamer Str. 81b, SF links, 1. Stock, Mi-Sa 12-18 Uhr, 20.12.–6.1. geschl., galeriethomasschulte.com, bis 7.2.
„Graciela Carnevale. Pieza Blanca“ im ersten Stock des Neuen Berliner Kunstvereins

Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) ehrt eine Künstlerin, die von Südamerika aus spätmoderner Kunst entscheidende Impulse gab: Graciela Carnevale, 1942 in Argentinien geboren. Für ihre Schau im ersten Stock des Vereins hat Carnevale eine Arbeit reaktiviert: „Pieza Blanca“ von 1968 ist im Kabinett neu entstanden, ein leerer weißer, heller erleuchteter Galerieraum, in dem ein Herzschlag ertönt, dieses Mal Carnevals eigener (auf dem Foto rechts der Eingang dazu). Vitrinen mit Fotos, Zeitungsartikeln und Manifesten sowie Grafiken und Dokumente an der Wand berichteten von Carnevales Frühwerk, darunter die „Acción del encierro“. Da sperrte sie Gäste einer vermeintlichen Eröffnung in eine leere Galerie und wartete, was passiert. Zudem beteiligte sie sich an künstlerischen Protesten in der Provinz Tucumán gegen die Diktatur des Generals Juan Carlos Onganía. Das Archiv dieser Aktionen konnten Carnevale und ihr Mann auch durch die folgenden Militärdiktaturen retten. Weitere Dokumente stellen ihre jüngere paritizipative Kunst vor. Alles zusammen wäre mit mehr Kontext eine ausgedehnte Museumsausstellung wert.
- n.b.k. (Neuer Berliner Kunstverein) 1. Stock, Chausseestr. 128/129, Mitte, Di–So 12–18, Do 12–20 Uhr, 24.–26.12., 31.12.–1.1. geschl., bis 8.2.
The Scharf Collection. Goya – Monet – Cezanne – Bonnard – Grosse

Die Öffnungszeiten ab Januar verlängert. Besser kann man den Erfolg dieser Ausstellung nicht beschreiben, und er ist verdient. Denn aktuell wird mit „The Scharf Collection“ nicht nur eine der bedeutendsten Privatsammlungen in Deutschland erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die Sammlung von René und Christine Scharf passt mit ihrem Impressionismus-Schwerpunkt auch wunderbar in die Alte Nationalgalerie. Nun können wir Claude Monets „Waterloo Bridge“ und Edouard Manets „Im Wintergarten“ aus der ständigen Sammlung der Nationalgalerie im Dialog erleben. Gleiches gilt für Gemälde des Post-Impressionisten Pierre Bonnard, von dem ein Hauptwerk, „Die große Badewanne“, auch in der Scharf Collection ist. Und diese Sammlung ist auch ein Stück Berlingeschichte über vier Generationen. Begründet von Otto Gerstenberg, dem Erfinder der Lebensversicherung als Volksversicherung, wurde sie von seiner Tochter mit Verlusten durch den Zweiten Weltkrieg gebracht, dann an zwei Sohne aufgeteilt. Die Sammlung Scharf-Gerstenberg mit dem Schwerpunkt Surrealismus wird im Museum Scharf-Gerstenberg gezeigt. Die Sammlung The Scharf Collection, von René und Christine Scharf mit Neuankäufen bis in die Gegenwart geführt, ist nun in dieser spektakulären Sonderschau zu sehen. Mit René und Christine Scharf haben wir ein Interview über „The Scharf Collection“ geführt.
- Alte Nationalgalerie Bodestr. 1–3, Mitte, reguläre Öffnungszeiten: Di–So 10–18 Uhr, bis 15.2.26,
„EastUnBloc“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst

Als sich der Ostblock auflöste, breitete sich das Internet aus, und als sich das Internet ausbreitete, löste sich der Ostblock auf. Von dieser Gleichzeitigkeit zeugt die Ausstellung „EastUnBloc“ des Kunstvereins Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), der sich zum dritten Mal Medienkunst in Osteuropa widmet. Von entsprechender Expertise ist die neue Schau: Sie zeigt Arbeiten von Gusztáv Hámos, Dalibor Martinis, Aleksandra Domanović (Abb.), Marina Gržinić & Aina Šmid, sowie experimentell-kollektive Beiträge. Sie erinnern an Verbindungen zwischen dem frisch vereinten Berlin und Kunstzentren wie Ljubljana und Sarajevo. Und sie erhellen Transformationsprozesse, in denen wir noch heute stecken. Neben allem Do-it-Yourself-Enthusiasmus gab es früh Kritik am Netz – an Männerdominanz, Machtkonzentration und Manipulierbarkeit. Trotz viel Technik in abgedunkelten Kabinetten ist die Schau ansprechend gestaltet: dank Tools zum Mitmachen, Sesseln und Texten auf der Wiki-basierten Online-Kunstbibliothek monoskop.org.
- NGBK Karl-Liebknecht-Str. 11/13, Mitte, 1. Stock (via Rolltreppe oder Aufzug), Di–So 12–18, Fr 12–20 Uhr, 24.+31.12. geschl., ngbk.de, bis 15.2.
Neriman Polat: „groundless“ in der Galerie Zilberman Berlin

Neriman Polats starke Installationen sind oft aus zarten Stoffen gefertigt. Die 1968 in Istanbul geborene Künstlerin, Teilnehmerin der 50. Venedig-Biennale 2003, hat lang mit Tüll beklemmende und anrührende Bilder für die Situation von Frauen, gefunden. Ihre dritte Einzelausstellung im Berliner Zweig der Galerie Zilberman heißt „groundless“, was hier „bodenlos“ bedeutet. Statt anmutigen Tülls hat Polat festere Textilien gewählt. Deren Blumendrucke hat sie dunkler. In verschiedenen Formen und Größen hängen die Bahnen in der Galerie, auch von einem eingebauten Balkongeländer. Es lässt sofort an Gefangenschaft denken, an unfreie Frauen in Ehen und Familien. Eine Atmosphäre von Gewalt und Verlust, Trauer und Heimlichkeit liegt in den Sälen, eine Stimmung, die von der Fotoarbeit „Kayıp“ (Abb.) und dem Video „On the Road“ unterstrichen wird. In letzterem wandert Neriman Polat durch eine sommerliche Berglandschaft – als Sensenmann verkleidet.
- Zilberman Berlin Goethestr. 82, 1. Stock, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, 23.12.–3.1. geschl., zilbermangallery.com, bis 7.2,
„13. Marianne-Werefkin-Preis 2025“ in der Kommunalen Galerie Berlin

© Mehtap Baydu
Der Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 vergibt den mit 5.000 Euro dotierten Marianne-Werefkin-Preis. Die Organisation, die im 19. Jahrhundert Frauen eine künstlerische Ausbildung ermöglichte, als ihnen ein Studium verschlossen war, will die Auszeichnung ausdrücklich als emanzipatorisches Mittel verstanden wissen. Nominiert waren 2025 großartige Kandidatinnen mit starken Werken: Mehtap Baydu, Nadine Fecht, Beate Gütschow, Käthe Kruse, Heike Kabisch und Ulrike Mohr. Gemeinsam zeigen sie Beispiele für ihre Werke in der Kommunalen Galerie Berlin am Fehrbelliner Platz. Hier haben die Arbeiten viel Raum – gleichberechtigt nebeneinander, sorgfältig arrangiert und ausgeleuchtet, Fechts große Kugelschreiber-Abstraktionen ebenso wie Beate Gütschows Serie mit stillen Foto-Text-Blättern zu Klimawandel und Protest. Gewonnen hat den Preis am 25. November Mehtap Baydu (Foto): für ihr genreübergreifendes Werk, das Spannungen zwischen Geschlechtern sowie zwischen Gebräuchen und Subjektverständnissen verschiedener Kulturkreise eindrücklich in Szene setzt. Herzlichen Glückwunsch!
- Kommunale Galerie Berlin Hohenzollerndamm 176, Wilmersdorf, Di–Fr 10–17, Mi 10–18, Sa+So 11–17 Uhr, kommunalegalerie-berlin.de, 23.12.–5.1. geschl., bis 15.2.
Annika Kahrs: „OFF SCORE“ im Hamburger Bahnhof

© Annika Kahrs, 2025 / Produzentengalerie Hamburg. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jacopo La Forgia
Die neue Videokomposition von Annika Kahrs, „A Cashier’s Opera“ („Eine Kassiererinnen-Oper“), spielt in Berliner Kaufhäusern. Hier treten Mitarbeitende (Abb.), Instrumentalistinnen, ein Jugendchor und eine Opernsängerin auf. In Musik und Schauspiel zerlegen sie soziale Funktion und Nichtfunktion dieser Orte und machen sie so erst recht sicht- und hörbar. Mit viel Respekt und Einfühlungsvermögen setzt Kahrs gerade die jugendlichen Sänger:innen ins Bild. „A Cashier`s Opera“ ist Teil von Kahrs großer Werkschau im Hamburger Bahnhof. Kuratorin Ingrid Buschmann hat in mehreren Sälen 15 Jahre aus dem Schaffen der in Berlin lebenden Künstlerin optisch und akustisch sehr sorgfältig in Szene setzen lassen. Eine weitere Arbeit ist auf der LED-Wand am Kurfürstendamm, Ecke Joachimsthaler zu sehen. Im Februar folgen Performances.
- Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Mitte, Di, Mi + Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa/ So 11–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 3.5.26
Shepard Fairey: „Photo Synthesis“ im Fotografiska Berlin

Unfreiwillig hat eines seiner Plakate 2025 zum zweiten Mal Geschichte geschrieben: Shepard Faireys ikonisches Porträt von Barack Obama, das im US-amerikanischen Wahlkampf 2008 zum Einsatz kam. Im Frühjahr 2025 ist es Gegenstand einer „feindlichen Übernahme“ geworden, wie der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich in der Zeitschrift „Art“ schrieb. Im Stil dieses Plakats postete die Trump-Regierung vermeintliche Fahndungsbilder mit Porträts nicht-weiß aussehender Männer, die angeblich wegen Kinderpornografie oder Körperverletzung gesucht werden – Teil der digitalen Demagogie unter Trump, die Ullrich dann im November in der Akademie der Künste erläuterte. Fairey hingegen stand 2009 wegen seines Obama-Bildes in New York vor Gericht: Die Nachrichtenagentur AP warf ihm laut „Guardian“ vor, eines ihrer Fotos dafür verwendet zu haben. Das umkämpfte Plakat bildet nun den Auftakt der Ausstellung „Photo Synthesis“ im Fotografiska Berlin. Sie führt in Werk und Methode des New Yorker Künstlers ein, jedoch kaum in Wirkung und Rezeption.
- Fotografiska Berlin Oranienburger Str. 54, Mitte, Mo–So 11–23 Uhr, 15 /10 €, bis 12 J. frei, berlin.fotografiska.com, bis 8.3.
„Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ im Deutschen Historischen Museum

Von Fangquoten für mittelalterliche Fischer auf dem Bodensee (Abb.) zum ersten Umweltministerium in Bonn: So weit streckt sich die Zeitspanne, die die neue Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums vermisst. „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ zeichnet den Wandel von Naturbildern im deutschsprachigen Raum nach, mit Gemälden, Zeichnungen und brillant illustrierten Handschriften als Zeugnissen. So fertigte die Forscherin Maria Sibylla Merian Anfang des 18. Jahrhundert prächtige Zeichnungen von Insekten in der niederländischen Kolonie Surinam, wo ihr Sklav:innen bei der Expedition helfen mussten. Die Schau stellt Naturkonzepte in ihrer Zeit vor. Globen, Bücher, Porträts, präparierte Tiere, Landkarten und getrocknete Pflanzen bilden Wegmarken auf einer abwechslungsreichen Reise durch Wissenschaft, Politik, Kunst und Religion. Teils buchstäblich spielend lässt sich diese zurücklegen, auch dank eines großen Puzzles und Mitmach-Heften für Kinder.
- Deutsches Historisches Museum Hinter dem Gießhaus 3, Mitte, Mo–So 10–18 Uhr, geschl. 24.12., 7/ 3,50 €, bis 18 J. frei, Programm: dhm.de, bis 7.6.
„Raoul Hausmann. Vision. Provokation. Dada“ in der Berlinischen Galerie

Da dachte man, Raoul Hausmann zu kennen, aber weit gefehlt. Die Berlinische Galerie zeigt als letzte große Ausstellung im Jahr ihres 50. Jubiläums eine große Schau über den Berliner DADA-König. Neben den berühmten Collagen und Gemälden aus der Weimarer Republik stellt diese viele wenig bekannte Werkphasen vor. Hausmann deklinierte Stile eifrig durch – expressives Frühwerk, stille Fotografie, vorsichtige Neufindung im Exil, abstrakte Phase, und das meist gut gekleidet, denn Hausmann schneiderte auch. Die Ausstellung glänzt mit vielen Arbeiten aus dem Bestand des Museums sowie mit Leihgaben aus Frankreich, wo Hausmann nach seinem Exil blieb. Aber auch mit Dokumenten, Filmen und Fotos bereitet das Museum Werk, Leben und Kontext eines modernen Klassikers wieder einmal höchst kundig und publikumsfreundlich auf.
- Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 12/ 7 €, 1.Mi/ Monat alle 7 €, bis 18 J. + Geflüchtete frei, berlinischegalerie.de, bis 16.3.
„beyond tongues – Synästhetische Übertragung“ in der Galerie im Saalbau

Und sofort ist man mittendrin: in einer südkoreanischen Innenstadt, im langjährigen Schaffen eines deutsch-koreanischen Künstlerpaares und letztlich auch in ihrem Leben. Man könnte sagen, Sarah Oh-Mock und Bongjun Oh stopfen die Galerieräume mit allem voll, was sie aus den letzten zehn Jahren reinbekommen haben. Ein einladender Mix aus Installationen, Objekten, Fotos und Videos. Zusammen wächst daraus ein neuronalesNetzwerk ihrer Zusammenarbeit, in dem Ortswechsel, Kulturbrüche, Lebensphasen in einer Art Parkour durchschritten werden. So laufen wir etwa dank VR-Brille gemeinsam mit den beiden durch eine Straße von Bongjun Ohs südkoreanischer Heimatinsel Jeju Island, deren überbordende Lebenswelt von Spielhallen, Essensständen und Läden auch in einer – im besten Sinne – visuell maximal überfordernden Buden-Installation den Raum erfüllt. Über allem steht die Frage, wie Verständigung gelingen kann, wenn Sprache nicht reicht. Kunst wird hier zur gemeinsamen Ebene.
- Galerie im Saalbau Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, tägl. 10–20 Uhr, bis 8.2.
„On Water. WasserWissen in Berlin“ im Humboldt Labor

Das Wasser macht nicht mehr, was es soll: In Brandenburg wird es knapp, an den Alpenrändern zu viel. Die Humboldt-Universität (HU) zeigt in ihren „Humboldt Labor“ genannten Sälen des Humboldt Forums sechs künstlerische Beiträge zum Thema Wasser, gleichberechtigt mit Forschungsprojekten von 50 Wissenschaftler:innen aus der Berlin University Alliance, einem Verbund von HU, Technischer und die Freier Universität sowie Charité. Der Weg durch die zwei Säle führt aus der Meerestiefe über Stadt- und Badewannenwasser bis zu H₂O hoch im All. Sounds, Objekte, Modelle und Videoprojektionen, Texte, Fotos, Laborgläser, Apparate, Vitrinen und Hörstationen versammeln eine Fülle von Versuchen und Erkenntnissen: Die Vielfalt der vertretenen Sparten macht die Schau höchst kurzweilig. Zu den bestechenden künstlerischen Arbeiten zählen Jakob Kukulas formschöne Boje, die Schadstoffe in der Spree melden kann (Abb.), und Mirja Buschs leuchtendes, ästhetisches Archiv für Pfützen, das nun Eingang in die Wissenschaft findet. Mehr über „On Water“ im Humboldt Labor lest ihr hier.
- Humboldt Labor Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30 Uhr, diese Ausstellung im Haus Eintritt frei, Veranstaltungen: humboldt-labor.de, bis auf Weiteres
35 Jahre Goldrausch: „Close Up“ in der Galerie im Körnerpark

1989 starteten die ersten Künstler:innen im damaligen West-Berlin noch in das erste Goldrausch-Jahr. Bis heute haben über 500 in Berlin lebende Künstler:innen an diesem einjährigen Postgraduiertenseminar teilgenommen, das sie auf die Anforderungen und Hürden einer selbstständigen künstlerischen Arbeit vorbereiten. Nicht wenige sind heute große Namen in der Kunst, etwa Monica Bonvicini, Pauline Curnier und Henrike Naumann. Von welcher der aktuellen 15 Teilnehmerinnen man noch in 35 Jahren spricht, wird sich zeigen. Sehenswert sind ihre Arbeiten schon jetzt unbedingt, wie Ausstellung „Up Close“ des Jubiläumsjahrgangs zeigt. Nah an der eigenen Geschichte, wie bei der Victoria Sarangova, die aus Kalmückien in Russland stammt, nah am anderen wie bei Mara Kirchbergs technischer, zugleich fürsorglicher Installation und nah an sich selbst wie Yedam Ann, die in Drehtüren aus Glas das eigene Dasein zwischen Berlin und Seoul betrachtet. Die Ernsthaftigkeit, mit der die Künstlerinnen ihre Themen verfolgen, und die kreative Souveränität ihres Ausdrucks wirken gleichermaßen überzeugend und horizonterweiternd.
- Galerie im Körnerpark Schierker Str. 8, Neukölln, tägl. 10–20 Uhr, geschl. am 25.+31.12., 1.1.26, bis 25.2.26
„Beverly Buchanan. Weathering” mit Ima-Abasi Okon im Haus am Waldsee

Im lichtdurchfluteten Haus am Waldsee scheint es, als sei noch immer Sommer – zumal die großzügigen Räume pastellgelb leuchten: Sie sind mit einer Lösung aus Bienenpollen gestrichen, mal zart, mal fast krustig. Stundenlang bemalte die britische Künstlerin Ima-Abasi Okon sämtliche Wände, schuf wahrhaftig einen Raum und Rahmen für das Werk der verstorbenen Beverly Buchanan, deren erste Überblicksausstellung in Deutschland hier gezeigt wird. Zehn Jahre nach Buchanans Tod gibt „Weathering” einen Einblick in das vielfältige Schaffen der afroamerikanischen Künstlerin, die 1940 in North Carolina geboren, eine eigene Art der Aufarbeitung schwarzer Geschichte und Lebensrealitäten schuf. Ihre Werke sind mal haptisch, wie die Nachbauten improvisierter Holzhütten, die exemplarisch für verdrängte schwarze Communitys in den US-Südstaaten stehen, mal abstrakt wie Skulpturen, die sie privat in öffentlichen Parks installierte. So türmte sie Steine an der Böschung eines Hafens auf – ein subtiles Mahnmal, so diente jenes Ufer einst als Ausgangspunkt für Sklavenschiffe. Was zunächst wie intellektuelle Konzeptkunst wirkt, wird in der Ausstellung etwas zugänglicher und macht Lust, die Künstlerin und ihre Schaffen kennenzulernen.
• Haus am Waldsee Argentinische Allee 3, Dahlem, Di–So 11–18 Uhr, 9/6 €, bis 1.2.26, Begleitprogramm
„Dialogues. Collection FOTOGRAFIS X Helmut Newton“ im Museum für Fotografie

Wenn zwei Fotografien sich unterhalten: Die Schauspielerin Sigourney Weaver und Julia Jackson, Künstlermuse und Mutter von Virginia Woolf, können sich nicht real begegnen – in einem Ausstellungsraum schon. Helmut Newtons expressives Porträt der Schauspielerin tritt in Dialog mit der introspektiven Sinnlichkeit Jacksons, fotografiert von der britischen Foto-Pionierin Julia Margaret Cameron. Diese Gegenüberstellungen von Werken Newtons und von Kolleg:innen aus der Collection FOTOGRAFIS aus dem Bank Austria, darunter Man Ray, August Sander und Judy Dater, Kunstforum Wien sind mal unterhaltsam, mal spannungsgeladen und führen lässig durch die Geschichte der Fotografie.
- Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Mitte, Di+Mi 11–19 Uhr, Do 11–20, Fr–So 11–19 Uhr, 12/6 €, bis 15.2.2026
„Cornelia Parker. Stolen Thunder (A Storm Gathering)“ im Kindl

Wie man einen gigantischen Raum mit wenigen Mittel spektakulär füllen kann, hat im letzten Jahr bereits Alfredo Jaar im Kesselhaus des Kindl gezeigt. Nur eine wenige Zentimeter große Skulptur und rotes Licht hat er dafür gebraucht. Cornelia Parker setzt dieses Jahr noch einen drauf: Von der Decke baumelt eine Glühbirne – die einzige Lichtquelle zwischen zahlreichen Lautsprechern. Aus denen donnert es im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Gewitter aus Feldaufnahmen verschiedener Jahrzehnten und Orte lässt Parker über unseren Köpfen hereinbrechen. Dafür bediente sich Parker aus verschiedensten Sound-Archiven. Zart, urban, ländlich, wuchtig – eine herrliche Arbeit, die man die vollen 20 Minuten lang auskosten sollte.
- Kindl Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12– 20, Do–So 12–18 Uhr, 10/7/4 €, bis 24.5.2026
„The Rise And Fall of Erik Schmidt“ im Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst
Eine wilde, eine bunte Ausstellung ist Erik Schmidts Retrospektive im Kindl-Zentrum: Von der Freude am Leben kündet sie und von dessen Abgründen. Gastkuratorin Yara Sonseca Mas hat Schmidts Werk dicht gehängt, aber weit aufgefächert: von frühen Zeichnungen in Künstlerbüchern zu den heutigen großen Zeichnungen von Menschen, die der Flaneur Schmidt auf Straßen sah, von älteren Gemälden nach Fotografien bis zu Schmidts Malerei auf Fotografien, die er vergrößert auf Leinwand drucken ließ. Die Stadtmotive aus schräger Vogelperspektive sind genauso dabei wie die vibrierenden Palmen, deren Nüsse bald auf die Betrachtenden zu fallen scheinen. Und zwischen all dem lauern in meist kleinem Format Selbstporträts in Form von Filmen. Ganz tief lassen sie blicken: in Erik Schmidts Auseinandersetzung mit dem Leben und sein Verständnis vom Künstlertum.
- Kindl–Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12–20, Do–So 12–18 Uhr, 10/ 7/ 4 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, kindl-berlin.de, bis 1.2.26
Charmaine Poh: Deutsche Bank „Artist of The Year“ 2025 im Palais Populaire

Mit Muße kommt man hier am weitesten: Charmaine Pohs zarte Arbeiten sind nichts für Eilige. Die in Berlin lebende Künstlerin, die 1990 in Singapur auf die Welt kam, wurde im Auftrag der Deutschen Bank von einer Jury zur Künstlerin des Jahres 2025 gewählt. In der dazugehörigen Ausstellung des Palais Populaire zeigt Poh Arbeiten, in denen sie zurück und nach vorn blickt. In kleineren Filmen thematisiert sie ihre bedrückenden Erfahrungen als Fernsehkinderstar. In ihrem Film dagegen, der 2024 auf der Venedig-Biennale lief, nähert sie sich den Träumen queerer Paare in Singapur von einer Familie (Abb.). In der neuen Videoarbeit „The Moon Is Wet“ kommen die Zeiten zusammen: Drei weibliche Figuren verkörpern Vergangenheit und Gegenwart. Ihre Geschichten erzählen von unterdrückten Sprachen und Raubbau an der Natur in Singapur – und somit von der Möglichkeit, es künftig vielleicht besser zu machen.
- PalaisPopulaire Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 11–18 Uhr, 5/ 3 €, palaispopulaire.db.com, bis 23.2.2026
200 Jahre Museumsinsel: „Grundstein der Antike“ im Alten Museum

Das hätte man sich vielleicht etwas größer vorgestellt: Zum 200-jährigen Jubiläum der Museumsinsel zeigt das älteste Haus am Platz, das Alte Museum, eine Rekonstruktion seiner allerersten Schau. Nur einen Saal umfasst dieser Nachbau, und die Büsten sehen fast so aus wie damals: bunt zusammengewürfelt und ziemlich schadhaft (Foto). Erläuterungen zum damaligen Sammeln und zum Gebäude selbst sorgen für Wissen, aber am schönsten sind die Stimmen von Zeug:innen, die die erste Ausstellung 1830 sahen. In Nachdrucken damaliger Zeitungen sowie einem Hörstück mit eingelesenen Berichten von Besucher und Besucherinnen, etwa aus Briefen, entfaltet sich das Bild einer ganzen Gesellschaft. Sehr lebendig und gar nicht wie 200 Jahre her.
- Altes Museum Am Lustgarten, Mitte, Di–Fr 10–17, Sa + So 10–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J + TLE frei, smb.museum, 10.7.2025–2.5.2026
Petrit Halilaj: An Opera Out of Time

der Gegenwart, 11.9.2025 – 31.5.2026 © Petrit Halilaj, 2025 / mennour, Paris, ChertLüdde,
Berlin und kurimanzutto, New York und Mexiko-Stadt. Foto: Staatliche Museen zu Berlin,
Nationalgalerie / Jacopo La Forgia
Der Berliner Künstler Petrit Halilaj führte eine Oper auf: In einer archäologischen Ausgrabungsstätte nahe seiner Heimatstadt Runik in Kosovo hatte im Sommer seine Oper „Syrigana“ Premiere, mit Musik von Lugh O`Neill und Nina Guo, gespielt vom Kosovo Philharmonic Orchester. Diese Oper in ein Museum zu übersetzen, hatte sich nun Halilaj gemeinsam mit Kuratorin Catherine Nichols vom Hamburger Bahnhof der Nationalgalerie vorgenommen. Es ist ein Experiment: Das Gesamtkunstwerk Oper findet sich hier gleichsam analytisch in seine Bestandteile zerlegt: in Bühnenbild, Kostüme, Requisiten und um weitere Arbeiten von Halilaj ergänzt. Und trotzdem funktioniert es über weite Strecken: Die Musik verbindet alles.
- Hamburger Bahnhof Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Mitte, Di, Mi + Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa + So 11–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J. frei, smb.museum, bis 31.5.2026
„Wohnkomplex“ im Kunsthaus Minsk, Potsdam

Selten oder so noch nie gesehene Kunst hängt im Kunsthaus Minsk Potsdam, in dessen neuer Ausstellung es um den Plattenbau der DDR geht – im Spiegel der Kunst von 1970 bis heute. Paradebeispiel dafür sind Uwe Pfeifers Gemälde aus den 1970er-Jahren. In Spielarten des Realismus changierend lassen sie ahnen, dass Halle-Neustadt seine transzendenten Momente hatte oder hat. Jüngere Arbeiten steuern Henrike Naumann und Wenke Seemann bei, die auch Gewalt von Neo-Nazis thematisieren. So wird deutlich: Zwischen der Stilisierung der Platte zum Beweis für eine sozialistische Effizienz und ihrer Umdeutung zu Wohnsilos deutscher Rechtsradikaler lagen nur 40 Jahre. Die Wirklichkeit ist vielfältiger: Unter anderem leben heute in den Großsiedlungen viele Menschen aus Osteuropa und Vietnam. Doch postmigrantische Stimmen zum Thema wie von Sung Tieu oder im begleitenden Filmprogramm von Burhan Qurbani sucht man hier vergeblich. Das schmerzt.
- Das Minsk Kunsthaus Max-Planck-Str. 17, Potsdam, Mi–Mo 10–19 Uhr, 10/ 8 €, bis 18 J., Schüler:innen und letzter So/ Monat frei, dasminsk.de, bis 8.2.2026
„Berliner Höfe“ im Ephraim-Palais
Der dritte Stock des Ephraim-Palais ist klein. Trotzdem hat das Team der Stiftung Stadtmuseum, zu der das Ephraim-Palais zählt, hier rund 100 Fotos und Grafiken zur Geschichte der „Berliner Höfe“ untergebracht: von den Meisterfotos Max Osborns, der zwischen 1911 und 1914 die letzten vorindustriellen Häuser und Winkel der Stadt festhielt, bis zu Aufnahmen heutiger Fotoamateur:innen, die einem Aufruf des Stadtmuseums gefolgt sind. Aufmerksamkeit lenkt die Schau auf die Rolle, die Hinterhöfe für Wohnen und Kultur von Zuwander:innen gespielt haben. Hier und da finden sich künstlerische Höhepunkte wie Sigurd Kuschnerus’ „Berlin-Panorama“, ein Leporello mit Häusern am Moritzplatz von schräg oben gesehen, und Manfred Butzmanns Zeichnungen aus einer Zeit, in der noch hoher Schnee Berliner Höfe zudeckte. Interessierte können Hof-Fotografien noch bis 18. September einschicken.
- Ephraim-Palais Poststr. 16, Mitte, 7 €, bis 18 J., Geflüchtete, TLE u.a. frei, Di–So 10–18 Uhr, stadtmuseum.de, bis 18.1.2026
Das neue Petri Berlin

Die Staatlichen Museen zu Berlin haben sich ein neues Haus gebaut: das Petri für Archäologie, eine Einrichtung des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Die Idee ist so simpel wie überzeugend: Über der Ausgrabungsstätte an der Gertraudenstraße wurde ein vierstöckiges Gebäude errichtet. Schön lässt es sich nicht nennen, aber Besucher:innen können hier direkt in die freigelegten Fundamente des mittelalterlichen Cölln hinabsteigen (Foto). Wie Archäolog:innen mit Funden wie Geschirr oder gar dem Stoßzahn eines Mammuts umgehen, erschließt sich in den oberen Stockwerken: in gläserner Restaurationswerkstatt und in Schaudepots, die sich im Aufbau befinden. Menschliche Überreste dagegen finden im Untergeschoss eine pietätvolle Ruhestätte, ergänzt um Totenbücher. Am aufschlussreichsten wird ein Besuch, wenn man sich einer der sympathisch-anschaulichen Führungen anschließt.
- Petri Berlin Gertraudenstr. 8, Mitte, Di–Fr 9–17 Uhr, Sa/ So 10–16 Uhr, 6/ 3 €, bis 18. J. + TLE frei, smb.museum, bis auf Weiteres
Monira al Qadiri: „Hero“ in der Berlinischen Galerie

Auch wer vor einem Besuch der Ausstellung gelesen hat, was von Monira al Qadiris im langen Eingangssaal der Berlinischen Galerie zeigt, kann von der Wucht ihrer Schau getroffen werden. Schuld daran ist einmal das Rot. Es erstreckt sich über den Boden, findet sich in Leuchtkästen mit Schiffsbildern, auf einer Skulptur an der Wand, einem Schiffsbug ähnlich, und in dem riesigen Wandbild von einem Öltanker. Und tatsächlich handelt die Ausstellung „Hero“ von einer roten Farbe für Schiffe, deren chemische Zusammensetzung im Meereswasser Muscheln ihrer Fortpflanzungsfähigkeit beraubt. Doch Ursache für die Wucht sind auch die Maßstäbe, mit denen die Berliner Künstlerin spielt. Dem großen Wandbild gegenüber hängen kleine Modelle von Tankern, wie sie zu Anschauungszwecken an Deck zu finden sind. Al Qadiri hat ihnen neue Namen gegeben, die sie einem Gedicht von Rimbaud entnahm. Für Wucht sorgt schließlich das Video im letzten Raum, das Besuchende auf einen ölversuchten Boden der Tatsachen bringt.
- Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. + Geflüchtete frei, berlinischegalerie.de, bis 17.8.2026
„WIR – 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum“ des Forum Kunst im Bundestages

Nach mehrmaliger Bauverzögerung hat im Erweiterungsbau des Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Ende Mai das Forum Kunst im Bundestag eröffnen können. „WIR – 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum“ heißt die erste Ausstellung mit Kommentaren von 19 bekannten Künstler:innen zu einzelnen Artikeln des Grundgesetzes ihrer Wahl. Zudem zeigt das Forum alle acht Wochen wechselnde Einzelausstellungen. Die Gruppenausstellung mit den Arbeiten aller 19 Teilnehmenden dagegen leidet unter Platzmangel. Nur zwei Beiträge können sich hier behaupten. Einmal Tuli Mekondjos Foto-Textil-Arbeit zur Menschenwürde in den Beziehungen zwischen Namibia und Deutschland: Ihre erzählerische Arbeit ist fünf Meter lang (Abb.). Und dann Hans Haackes Kommentar zum Eigentum. Denn der lässt sich in Gestalt eines Plakates mit nachhause nehmen.
- Forum Kunst im Bundestag Luisenstr. 30 via Freitreppe, Mitte, Di–Fr 11–18 Uhr (Sicherheitskontrolle), www.bundestag.de, Gruppenausstellung bis 21.6.2026
Robin Rhode: „Der Botanische Garten“ gegenüber von Das Minsk, Potsdam

Von den Terrassen des Kunsthaus Minsk am Potsdamer Hauptbahnhof konnte der Blick früher die Havel entlang bis tief nach Brandenburg schweifen. Vorbei: Hier steht seit 2017 das Sportbad Blu. Seitdem konnte von dessen Terrasse der Blick der Havel folgen: Eiszeitlich urig sah das aus. Auch das ist vorbei: Am Flussufer stehen jetzt Wohnblöcke. Nun hat der südafrikanische Street-Art Künstler Robin Rhode auf Einladung des Minsk die Längswand des Schwimmbades gestaltet: mit einem großen, blauen Fassadenbild. Kleine Figuren und große Blüten erinnern dezent an die Formsprache von Kunst am Bau im Sozialismus, wie sie an der Westseite des Bades angebracht ist. Rhodes Bild sieht prima aus. „Der Botanische Garten“ heißt es. Doch bei genauerer Betrachtung wäre eine echter Garten, eine künstlerische Fassadenbegrünung zum Beispiel, noch besser gewesen. Denn die wenigen jungen Bäumchen hier machen den vielen Asphalt und Stein auf dem Platz zwischen Minsk und Blu noch längst nicht wett.
- Das Minsk Max-Planck-Str. 17, 14473 Potsdam, 0-24 Uhr, dasminsk.de, bis auf Weiteres
Susan Philipsz in der „Unendlichen Ausstellung“ des Hamburger Bahnhofs

In dem Buch „Planetares Denken“ der Politikwissenschaftler Frederic Hanusch, Claus Leggewie und Erik Meyer kommt auch Susan Philipsz kurz vor: als Beispiel für Künstler:innen, die in die Tiefenzeit des Planeten Erde eintauchen. Eine kleine Ahnung davon erhalten Passant:innen am Tor zum Garten des Hamburger Bahnhofs. Aus Bäumen rechts und links der Gartentür wehen die Klänge, die ein Musiker mit langem Atem Muscheln entlockte. Die Gehäuse der Weichtiere stammen, sagt Philpsz, von Atlantik und Pazifik. Nun mogelt sich ihr Klang nun unter den Verkehrslärm der Invalidenstraße, er beruhigt und öffnet den Horizont. Bis zum nächsten Meer ist es nach heutigen Maßstäben ja nicht weit. Und ein Blick nach oben (Foto) zeigt: Bei den Bäumen handelt es sich um Pappeln und Ulmen, letztere übrigens eine Baumart, die von Käfer und Pilzen befallen in Deutschland auf dem Rückzug ist.
- Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Moabit, Di, Mi, Fr 10–10, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J, TLE + diese Arbeit frei, smb.museum, bis auf Weiteres
Neda Saeedi: „Monument of Oblivion. River of Lethe” in der Klosterruine Berlin

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs von Bomben getroffen, warnt die Ruine des Franziskanerkonvents in der Klosterstraße (Foto) vor Zerstörungen, die Kriege anrichten. Der Nachrichtenlage zufolge offenbar mit wenig Erfolg. Neda Saeedi nimmt diesen Umstand zum Anlass für ihre große Klangskulptur in der Ruine ohne Dach. Taubengraue Schütteimer formen aneinandergekettet ein großes, teils aufrechtstehendes Unendlichkeitszeichen. Aus ihnen erklingt ein Rumpeln, Rollen, Rutschen Schütten, Zischen, als rase der Schutt der Vergangenheit die Eimer hinunter. Unendlich, immer wieder, nichts dazu gelernt. Die in Teheran geborene Berliner Künstlerin bietet hier eine zutiefst geschichtspessimistische Perspektive. Doch der rhythmisch gestaltete Klang mischt sich mit dem Sound des Lebens, Verkehrsgeräuschen, Krähenkrächzen und dem Rauschen der Kastanienblätter nebenan: Das kann es doch nicht gewesen sein. Und womöglich hat Saeedi solchen Widerspruch beabsichtigt.
Atelier le balto: „Licht und Schatten“ vor der Berlinischen Galerie

Wer im Glashaus sitzt, sollte bei steigenden Temperaturen für Schatten sorgen. Die Berlinische Galerie, seit 2004 in einem ehemaligen Glaslager beheimatet, hat eine gläserne Fassade, ausgerechnet auf der sonnigen Südseite. Zu seinem 50-jährigen Bestehen gönnt sich das Museum dort eine Begrünung durch die Landschaftsarchitekt:innen vom Atelier le balto, die unter anderem für ihre Kübelbäume am Kulturforum bekannt sind. Für den Vorplatz der Berlinischen Galerie haben sie unter bereits vorhandenen Bäumen hölzerne Schattenpodeste gebaut. Und vor der Glasfassade dagegen reihen sich nun in großen Töpfen Rankpflanzen wie Waldrebe und Rosen. Kletterstangen, Tripods ähnlich zusammengebunden, sollen ihnen Halt bieten, Kräuter wie Thymian die Erde vor dem Austrocknen bewahren. Noch sind die Triebe noch nicht so hoch wie auf der Skizze (Abb.), sondern jung und kurz. Aber es lässt sich bereits ahnen, dass das eines Tages toll aussehen und daran appellieren könnte, generell mehr Stadtgrün zu ermöglichen.
- Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. + Geflüchtete frei, www.berlinischegalerie.de, Atelier le balto: bis auf Weiteres
„Punk in der Kirche“ bei der Stiftung Stadtmuseum im Humboldt Forum
„Was soll ich mit einer Weltanschauung, wenn ich mir die Welt nicht anschauen darf“: Bittere Sprüche konnten Punks gut, auch in der DDR, deren Bürger:innen keine Reisefreiheit genossen. Die Unzufriedenheit mit Staat und Regierung förderte ungewöhnliche Allianzen. Vor allem in Ost-Berlin und Leipzig gaben Kirchengemeinden Oppositionsgruppen ein Dach, darunter auch Punk-Bands, die in Gotteshäusern auftraten. Davon erzählt „Punk in der Kirche“, eine neue Wechselschau der Stiftung Stadtmuseum, mit historischen Fotos, Grafiken, Zitaten sowie Objekten wie Kassetten und Kleidung. „Punk in der Kirche“ ist Teil der interaktiven Dauerausstellung „Berlin Global“, die das Stadtmuseum im Humboldt Forum zeigt. Zu den Wechselschauen, die von Gastkurato:rinnen gestaltet werden, gehört seit Juni auch weitere Fläche zur Präsenz polnischer Freiheitskämpfe in Berlin und zur Solidarnosc-Bewegung.
- Stiftung Stadtmuseum im Humboldt Forum Schloßplatz, Mitte, Mi-Mo 10-30-18.30, regulär: 7/0 €, stadtmuseum.de, bis 2026
Neue Nationalgalerie: „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft“
In der Neuen Nationalgalerie zeigt sich der nächste Teil der Sammlung neu sortiert: Die Ausstellung
„Zerreißprobe“ präsentiert Kunst nach 1945. Ost und West finden hier zusammen – genauso wie Kunst
und Politik. Unter den 170 Arbeiten der Ausstellung gibt es jede Menge bekannte Werke. Neben Werken der üblichen Verdächtigen von Marina Abramović bis Andy Warhol aus der ehemaligen Nationalgalerie-West an der Potsdamer Straße hängen jetzt Arbeiten bekannter Ostgrößen wie Wolfgang Mattheuer Harald Metzkes oder Werner Tübke, die die auf der Museumsinsel gelegene Nationalgalerie-Ost sammelte.
Verantwortlich für die Schau sind der für die Sammlung zuständige stellvertretende Direktor Joachim Jäger, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Maike Steinkamp sowie die Kunsthistorikerin Marta Smolińska von der Universität der Künste in Poznań. „Zerreißprobe“ ist laut Joachim Jäger der Versuch einer Darstellung, die den Entwicklungen von Meinungen und Werten in der Gesellschaft folge. Die Gesellschaft entscheidet über die Kriterien der Kunst. Das war schon immer so, nur obsiegen nun offenbar Gesinnung, Moral und Geschlecht über Ästhetik.
Die Geschichte schreiben immer die Sieger. „Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut“, formulierte 1940 Walter Benjamin. Denn die im Dunkeln, die Ausgeschlossenen und Vergessenen, sieht man ja nicht – und sie sind auch in der Neuen Nationalgalerie nicht zu sehen, beispielsweise Werke der Art brut, Werke der oft autodidaktischen Kunst gesellschaftlicher Außenseiter, die, wie Jäger sagt, nicht in der Sammlung vertreten sind.
- Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di/ Mi, Fr–So 10–18, Do 10–20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., bis 25.4.2027
Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin
100 Arbeiten leiht der berühmte Maler Gerhard Richter der Neuen Nationalgalerie auf lange Zeit, und sie alle passen in das Grafikkabinett im Untergeschoss des Museums. Denn unter den Abstraktionen befinden sich viele kleine übermalte Fotos – Spitzenstücke, eine Wucht. Im Zentrum jedoch hängt der „Birkenau“-Zyklus, mit dem Richter die Grenzen der Kunst im Angesicht von Verbrechen der Nationalsozialist:innen thematisiert. Als Vorlage dienten Fotografien, die Häftlinge unter Lebensgefahr in Auschwitz-Birkenau aufgenommen und aus dem Konzentrationslager geschmuggelt hatten.
- Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di–Mi, Fr–So 10–18, Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., Do ab 16 Uhr frei, Tickets hier, bis September 2026
Ts’ uu – Zeder. Von Bäumen und Menschen

Was länger währt, wird womöglich besser: Die Ausstellung „Ts̓ uu – Zeder“ des Ethnologischen Museums konnte pandemiebedingt nicht mit den Sälen eröffnen, die im Herbst das Humboldt Forum komplettiert haben. Doch nun ist die Schau über Regenwälder an der Westküste Kanadas fertig, eine Koproduktion mit dem hochmodernen Haida Gwaii Museum auf gleichnamigem Archipel vor der Küste British Columbias. Sie zeigt, wie erhellend und publikumsfreundlich transkontinentale und transdisziplinäre Zusammenarbeit sein kann. Nur einen Saal mit 130 Exponaten umfasst die Schau, die genauso Ruhe wie Abwechslung bietet, dank einer Sitzecke und des Einsatzes verschiedener Medien. Selbstverständlich gibt es klassische Objekte wie Wappenpfähle. Daneben aber hängen Reportagefotos und bedruckte T-Shirts. Sie bezeugen Proteste Indigener gegen die Abholzung der Regenwälder durch euro-kanadische Firmen.
- Humboldt Forum Schlossplatz 1, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30, Eintritt frei, bis 23.2.2026
Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin
Im Überblick: Kunstjahr 2026 in Berlin – die wichtigsten Ausstellungen des Jahres. Eines der spannendsten Wochenenden der Stadt ist jedes Jahr das Gallery Week Berlin – die Highlights inklusive Sellerie Weekend. Überblick verloren? Sobald die Infos da sind, steht hier das Wichtigste zur Berlin Art Week. Geht immer: Wir zeigen euch wichtige Ausstellungshäuser, Galerien und Museen für Kunst in Berlin. Eintauchen in andere Welten: Tipps für immersive Ausstellungen in Berlin.
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