Ich saß an einem nüchternen Schalter der amerikanischen Botschaft und erklärte einem Beamten, warum meine Ehe echt ist. Keine Metapher, kein Gefühl, sondern Belege. Fotos, Dokumente, Zeitachsen. Ob ich nicht noch Urlaubsbilder habe, auf denen wir beide zu sehen sind. Oder vielleicht weitere Kontoauszüge eines gemeinsamen Bankkontos. Mir wurde offen unterstellt, ich könne meinen Mann geheiratet haben, um mir den Weg in die USA zu erschleichen. Misstrauen war Pflicht. So funktioniert ein Rechtsstaat.
Schon Jahre zuvor, als mein Mann auf einer US-Militärbasis in Deutschland stationiert war, musste ich jedes Mal meinen Pass abgeben, bevor ich das Gelände betreten durfte. In meinem eigenen Land. Die Kontrolle war strikt, das Verfahren klar: Wer amerikanisches Territorium betreten will, unterwirft sich amerikanischem Recht. Keine Ausnahmen, keine Gefühle, keine Diskussion. Heute, Jahre später, gehen in amerikanischen Städten Menschen auf die Straße, um illegale Einwanderer vor Abschiebung zu schützen. Medien berichten über Angst, Traumata und Eskalationen, aber nicht über Rechtsbruch. Kaum jemand benennt noch das Offensichtliche: Diese Menschen halten sich illegal im Land auf. Nicht moralisch umstritten. Nicht politisch missverstanden. Sondern rechtswidrig.
Minneapolis als Symptom
Minneapolis ist derzeit das sichtbarste Symbol dieser Verschiebung. Seit Anfang Dezember läuft dort die „Operation Metro Surge“, ein massiver Einsatz von ICE- und Grenzschutzbeamten. Mehr als 2000 Bundesagenten sind in der Stadt aktiv. Die Trump-Administration spricht von der größten Einwanderungsoperation der US-Geschichte, wie ICE-Direktor Todd Lyons öffentlich erklärte.
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Am 7. Januar erschoss ein ICE-Beamter die 37-jährige Renee Good. Eine Woche später schoss ein weiterer Agent einen venezolanischen Staatsangehörigen während einer versuchten Festnahme an. Zuletzt erschoss ein Border-Patrol-Agent Alex Pretti, einen 37-jährigen Intensivpfleger – ein US-Bürger ohne Strafregister, der eine Waffe legal mit gültiger Genehmigung trug. All diese Vorfälle lösten Massenproteste aus. Gouverneur Tim Walz spricht von „Besatzung“, Präsident Trump droht mit dem Insurrection Act. Die Bilder sind aufgeladen, die Sprache eskaliert. Doch je lauter die Empörung, desto leiser wird der Begriff, um den sich alles drehen müsste: Illegalität.
Täter oder Opfer?
Die Berichterstattung folgt dabei einem bekannten Muster. NPR spricht von Angst in Immigrantenvierteln, PBS von Gemeinden unter Spannung, progressive Medien von einer föderalen Invasion. Thematisiert werden Tränengas, Gummigeschosse, überlastete Polizeikräfte und einzelne Fälle fehlerhafter Festnahmen von US-Bürgern – alles legitime Kritikpunkte an der Durchführung. Was jedoch fast vollständig fehlt, ist die nüchterne Ausgangsfrage: Warum sollte ein Staat Menschen nicht abschieben, die gegen sein Einwanderungsrecht verstoßen?
Stattdessen dominiert eine emotionale Erzählung, in der jede Durchsetzung automatisch zur Eskalation wird, jede Festnahme zur Gewalt, jede Abschiebung zum Menschenrechtsverstoß. Konservative Medien kontern mit Berichten über abgeschobene Schwerverbrecher. Auch das ist selektiv. Beide Seiten erzählen ihre Version, und beide vermeiden die zentrale Feststellung: Illegale Einwanderung ist ein Rechtsverstoß, unabhängig davon, wer ihn begeht.
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Dabei wird systematisch unterschlagen, dass es sich bei einem großen Teil der rund 14 Millionen in den USA lebenden Menschen nicht um Flüchtlinge im völkerrechtlichen Sinne handelt. Nach Daten des Pew Research Center lag die Anerkennungsrate für Asylanträge 2024 bei nur 35,8 Prozent. Die meisten sind aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen ohne gültigen Aufenthaltsstatus eingereist – eine Unterscheidung, die in der Debatte kaum noch getroffen wird.
Wenn Gesetze zur Empfehlung werden
Besonders aufschlussreich sind die Vergleiche, mit denen dieser Rechtsbruch relativiert wird. Illegale Einwanderung sei wie eine Geschwindigkeitsüberschreitung, heißt es oft in Onlineforen; jeder fahre schließlich mal zu schnell. Die Analogie ist irreführend. Verkehrsrecht ist gestuft, toleriert geringe Überschreitungen und sanktioniert schwere.
Doch auch hier gilt: Wird man angehalten, liegt unabhängig vom Ausmaß ein Rechtsverstoß vor – mit möglichen Konsequenzen. Illegale Einwanderung kennt keine Toleranzgrenze. Man ist legal im Land oder nicht. Es gibt kein „ein bisschen illegal“. Niemand würde argumentieren, dass dauerhaftes Fahren ohne Führerschein folgenlos bleiben sollte, nur weil viele gelegentlich zu schnell fahren. Doch genau das wird im Einwanderungsdiskurs verlangt: Der Rechtsbruch soll folgenlos bleiben, weil er massenhaft ist.
Zahlen, die niemand hören will
Dabei sind die Zahlen eindeutig. Den 14 Millionen Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus stehen etwa 1,2 Millionen legale Neueinwanderer pro Jahr gegenüber. Menschen, die jahrelang warten, geprüft, hinterfragt und oft abgelehnt werden. Wartezeiten von zehn, zwanzig oder mehr Jahren sind keine Seltenheit. Legalität ist kein Automatismus, sondern ein restriktiver Prozess. Wer ihn durchläuft, weiß: Der Rechtsstaat traut niemandem. Genau das ist seine Aufgabe.
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Und doch hat sich die öffentliche Moral verschoben. Während legale Einwanderer unter Generalverdacht stehen, wird der Rechtsbruch selbst politisch entschärft, sprachlich vernebelt und moralisch aufgeladen. Nicht die Illegalität gilt als Problem, sondern ihre Durchsetzung.
Angst als Argument
Angst vor ICE ist kein Argument gegen Abschiebung, sondern ihr logischer Begleiteffekt. Niemand stellt Steuerfahndung infrage, weil Steuerhinterzieher nervös werden. Nur im Einwanderungsdiskurs gilt, wer Angst hat, muss recht haben. Menschen, die sich jahrelang illegal in einem Land aufhielten, sollten davon ausgehen, jederzeit entdeckt zu werden. Die Verwunderung über heutige Angst setzt stillschweigend voraus, dass ein fortgesetzter Rechtsbruch folgenlos bleiben darf.
Doch es gibt eine Grenze: Unverhältnismäßige Gewalt ist kein Durchsetzungsproblem, sondern ein Rechtsbruch eigener Art. Fälle fehlerhafter Festnahmen, rassistischer Profilierung oder unverhältnismäßiger Gewalt müssen Konsequenzen haben. Doch Eskalation hebt kein Gesetz auf. Die Antwort auf überzogene Durchsetzung ist ihre rechtsstaatliche Einhegung, nicht ihre Abschaffung.
Amateurhaft wirkende Gewaltanwendung
Dabei sind die Probleme nicht nur individuell, sondern strukturell. ICE- und Border-Patrol-Agenten sind keine Polizisten. Ihre Ausbildung konzentriert sich auf Grenzschutz und administrative Festnahmen, nicht auf urbane Einsätze unter öffentlicher Beobachtung. Berichte deuten darauf hin, dass die Ausbildungsdauer für neue Deportation Officers von fünf Monaten auf rund sechs bis acht Wochen verkürzt wurde, um die geforderte massive Personalaufstockung zu bewältigen. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass Rekruten zur Ausbildung geschickt wurden, bevor der standardmäßige Überprüfungsprozess abgeschlossen war – ein Prozess, der normalerweise drei Monate dauert.
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Die Dringlichkeit schafft Probleme, die über mangelndes Training hinausgehen. Es fehlt an institutioneller Identität, an gemeinsamen Standards, an der Einheit, die eine funktionierende Behörde ausmacht. Hinzu kommt, dass einzelne Bundesstaaten wie Minnesota der lokalen Polizei jede Kooperation mit ICE verbieten. In Texas, wo diese Zusammenarbeit weitgehend funktioniert, bleiben vergleichbare Eskalationen aus. Die Bundesregierung setzt also Menschen mit begrenzter Schulung in Situationen ein, die polizeiliche Professionalität erfordern, während viele liberale Bundesstaaten sie gleichzeitig der Unterstützung durch erfahrene lokale Kräfte beraubt. Das Ergebnis sind eskalierende Reaktionen, fehlende Deeskalation, amateurhaft wirkende Gewaltanwendung.
Was legale Einwanderer denken
Meine Green-Card-Anhörung in Frankfurt war unangenehm, misstrauisch, entwürdigend. Aber sie war korrekt und folgte den Regeln. Das galt ebenso für die späteren Anhörungen zur Beantragung der amerikanischen Staatsbürgerschaft und für die sogenannte Beibehaltungserklärung, die lange nötig war, um trotz Einbürgerung die deutsche Staatsangehörigkeit nicht automatisch zu verlieren. Genau diese Regeln scheinen heute verhandelbar, sobald ihre Anwendung Protest auslöst. Das ist keine humanitäre Errungenschaft, sondern ein gefährlicher Präzedenzfall.
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Auffällig ist, dass viele Demonstranten selbst keinerlei Berührung mit Einwanderungsverfahren haben. Was sollen jene denken, die den Rechtsweg gegangen sind, wenn der Rechtsbruch plötzlich moralisch gleichwertig erscheint? Die Antwort ist simpel. Sie fühlen sich betrogen, nicht von illegalen Einwanderern, sondern von einem System, das Rechtsbefolgung bestraft und Rechtsbruch relativiert.
Die Frage, die keiner stellt
Minneapolis zeigt, was passiert, wenn beide Seiten die Voraussetzungen für rechtsstaatliche Durchsetzung sabotieren. Die einen wollen Illegalität nicht mehr benennen. Die anderen verhindern die Zusammenarbeit zwischen lokalen und föderalen Kräften. Das Ergebnis sind eskalierende Einsätze, mangelhaftes Training und fehlende Deeskalation. Wenn sich zwei Seiten bekämpfen, leidet die Rechtsstaatlichkeit, unabhängig davon, welche Partei im Einzelfall schuld ist.
Es geht längst nicht mehr nur um Einwanderung, sondern um die Frage, ob gemeinsame Regeln noch gelten – für alle. Ein Rechtsstaat darf Mitgefühl haben. Er kann Amnestien beschließen, Aufenthaltsrechte schaffen, Gesetze ändern. Aber er darf nicht so tun, als sei Illegalität eine Frage der Perspektive. Und er darf die strukturellen Voraussetzungen nicht zerstören, die eine rechtsstaatliche Durchsetzung überhaupt erst ermöglichen. Denn in dem Moment, in dem sowohl der Rechtsbruch als auch seine Durchsetzung zur Meinungssache werden, steht nicht Härte gegen Milde, sondern der Rechtsstaat selbst zur Disposition.
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