Hannover. Seit mehr als einem halben Jahr leitet Julia Fürst das kommunale Entsorgungsunternehmen Aha in Hannover. Sie hat in ihrer bisherigen Amtszeit bereits mehrere Pflöcke eingeschlagen: Fürst zeigt klare Kante gegen eine rechte Pseudo-Gewerkschaft, die in Aha-Betriebsstätten für sich werben will. Sie hat sieben Müllwerkern gekündigt, gegen die die Polizei ermittelt, weil sie in Verdacht stehen, zusätzliche Tonnen gegen Schmiergeld geleert zu haben. Doch die Vergangenheit hängt wie ein Damoklesschwert über Julia Fürst.

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Fürst hat bis Mitte vergangenen Jahres beim kommunalen Entsorger Gelsendienste in Gelsenkirchen gearbeitet. Sie gehörte dort zu den Führungskräften. Der Betrieb wird seit Frühjahr 2025 von einer Betrugsaffäre erschüttert. Als Erstes hat die WAZ darüber berichtet.

Mitarbeitende bei der Müllabfuhr in Gelsenkirchen haben durch Minijob-Verträge ihr Gehalt aufgebessert

Mehrere Mitarbeitende sollen Lohnzulagen am Tarifrecht vorbei kassiert haben – über viele Jahre. Sie sollen Arbeitsverträge auf Minijob-Basis mit der Stadtmarketinggesellschaft Gelsenkirchen geschlossen haben, ohne diese Nebentätigkeit der Stadt oder Gelsendienste angezeigt und ohne Leistungen fürs Stadtmarketing erbracht zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung für alle Beschuldigten.

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Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt nach eigenen Angaben gegen acht Beschuldigte, ohne Namen zu nennen. Mitte Dezember durchsuchte die Polizei in Gelsenkirchen Räume beim kommunalen Entsorger Gelsendienste und bei der Stadtmarketinggesellschaft, aber auch Privatwohnungen. Die Maßnahmen richteten sich „gegen mehrere ehemalige Mitarbeiter der Gelsendienste und hatten die Sicherstellung von Beweismaterial in Gestalt von Unterlagen und Datenträgern für das Ermittlungsverfahren zum Ziel“, sagt die Staatsanwaltschaft Essen.

Unter Verdacht: Mehrere Müllwerker bei Aha sollen zusätzliche Tonnen gegen Schmiergeld geleert haben. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt. (Symbolbild)Aha: Gegen Fürst wird ermittelt

Auf Nachfrage dieser Redaktion teilt Aha mit, dass auch Julia Fürst im Fokus der Ermittler steht. „Gegen Julia Fürst, Mitglied unserer Geschäftsführung, läuft nach unserem Kenntnisstand ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Essen, das die frühere Tätigkeit bei ihrem vormaligen Arbeitgeber Gelsendienste betrifft“, sagt eine Aha-Sprecherin. Die Sachverhalte, die Gegenstand des aktuellen Ermittlungsverfahrens sind, seien aber bereits umfassend in einem zivilrechtlichen Verfahren (Arbeitsrechtsverfahren) zwischen Fürst und ihrem ehemaligen Arbeitgeber juristisch geprüft worden, betont die Sprecherin. Damit spielt sie darauf an, dass das kommunale Unternehmen Gelsendienste Julia Fürst kurz vor ihrem Wechsel nach Hannover fristlos kündigte. Fürst wehrte sich mit einer Klage beim Arbeitsgericht Gelsenkirchen gegen diese Kündigung.

„Das Gericht hat in diesem Rechtsstreit zugunsten von Frau Fürst entschieden und die gegen sie erhobenen Vorwürfe abgewiesen“, betont die Aha-Sprecherin. Das Urteil sei rechtskräftig.

Zeigt Gesicht: Julia Fürst ist seit einem guten halben Jahr Chefin des kommunalen Entsorgers Aha.

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Fürst hat fristlose Kündigung des alten Arbeitgebers abgewehrt

Die fristlose Kündigung ist inzwischen vom Tisch. Fürsts Anwalt stellte bereits im vergangenen Jahr klar: Man dürfe davon ausgehen, dass seine Mandantin „ihren Pflichten aus dem Anstellungsvertrag mit der Stadtmarketing GmbH, ebenso wie ihren Pflichten gegenüber den Gelsendiensten ohne jede Einschränkung ordnungsgemäß nachgekommen ist“.

Die Aha-Chefin gilt nun nicht mehr als „fristlos gekündigt“. „Die Klägerin hat ihr Arbeitsverhältnis selbst gekündigt“, sagt die Direktorin des Arbeitsgerichts Gelsenkirchen, Renate Schreckling-Kreuz, auf Nachfrage dieser Redaktion. Fürsts Anwalt fügt hinzu: Gelsendienste habe sich zudem verpflichtet, seiner Mandantin „ein wohlwollendes, qualifiziertes Arbeitszeugnis mit einer mindestens ‚guten‘ Beurteilung der Führung und der Leistung zu erteilen“. Es dürfte auf der Hand liegen, fährt der Anwalt fort, „dass sich die Gelsendienste nicht zur Erteilung eines solchen guten Arbeitszeugnisses verpflichtet hätten, wenn die Vorwürfe gegen unsere Mandantin nicht vollständig ausgeräumt wären.“

Staatsanwaltschaft Essen ermittelt weiter

Sind die strafrechtlich relevanten Vorwürfe damit vom Tisch? Die Direktorin des Arbeitsgerichts Gelsenkirchen sagt, dass die Kündigungsschutzklage Fürsts durch ein Schlichtungsverfahren beendet worden sei. „Es gab also kein Urteil, sondern einen Vergleich.“ Dabei habe das Betrugsverfahren keine Rolle gespielt, sagt sie.

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Die Staatsanwaltschaft Essen erwartet, dass sich die Ermittlungen in der Betrugsaffäre beim Entsorger Gelsendienste noch lange hinziehen werden. Selbstverständlich gilt für Aha-Chefin Julia Fürst die Unschuldsvermutung. Fürsts Anwalt sagt: Seine Mandantin gehe davon aus, dass das Ermittlungsverfahren zeitnah eingestellt werde.

HAZ